Freiheit auf den Wellen: Neue Perspektiven für marokkanische Kinder
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In der verschlafenen Hafenstadt Tarfaya – eine Tagesfahrt von den Städten im Norden Marokkos entfernt und am Rande der größten Wüste der Welt gelegen – hat eine Gruppe von Surfern ein Strandcafé eingerichtet, in dem sich junge Leute treffen, lernen und Spaß haben können. -
Mehr als hundert einheimische Kinder – Jungen und Mädchen – haben an den kostenlosen Surfkursen in der hölzernen Hütte teilgenommen. Die Kinder schauen zu, wie die Surflehrer die Bewegungen demonstrieren, bevor sie sich später ins Meer stürzen, um es selbst zu versuchen. -
Die Surfer bringen den Kindern auch Englisch und Spanisch bei, in der Hoffnung, ihnen einen Horizont zu eröffnen, jenseits der spärlichen lokalen Jobangebote oder der Verlockung, sich den Migranten anzuschließen, die auf illegalen und gefährlichen Bootsfahrten zu den 100 km entfernten Kanarischen Inseln nach Europa wollen. -
Tausende Migranten sind im Meer ertrunken. Die Surfer mussten Eltern deshalb erst überzeugen, die Angst vor den Wellen des Ozeans hatten. Die Familien ließen auch keine Mädchen in den Club, bis sie die junge Schwester eines der Surfer sahen, die an der Seite der Jungen mitmachte. Da erkannten sie, dass das Surfen sicher war, auch für die Mädchen. "Jetzt haben wir eine große Anzahl von Mädchen, die surfen, Mädchen, die die Zukunft dieses Clubs sind", sagt Salim Maatoug. -
"Wir haben hier eine Abmachung. Jeder, der Tarfaya verlässt, muss zurückkommen und etwas für die Stadt tun", sagte Salim Maatoug, ein drahtiger 26-Jähriger, der als Reiseleiter in Marrakesch arbeitete. In ihrem Café "Nuevas Olas" (Neue Wellen) treffen sich die Surfer und machen Musik. Sie haben sich Geld von der Bank geliehen, um die Surfbretter und Neoprenanzüge für ihren Club und die Ausstattung des Cafés zu kaufen. -
Maatoug zeigt ein Foto von sich als Junge, wie er stolz vor der „Armas Essalama“ steht, einer Fähre, die gekauft wurde, um Tarfaya mit den Kanarischen Inseln zu verbinden, als Teil eines Plans, um Touristen in die Stadt zu bringen. -
Doch vier Monate nach ihrer Ankunft schlug die „Armas Essalama“ auf Felsen vor der Stadt auf und wurde nie ersetzt. Das rostige Wrack liegt immer noch vor der Küste und bildet einen Teil von Tarfayas Meereslandschaft vor der Kulisse des Sonnenuntergangs. -
Zwischen Wüste und Meer gelegen, ist Tarfaya kaum mehr als eine Station auf der Straße, die wie ein schmales Asphaltband Hunderte von Meilen entlang der nordwestafrikanischen Küste verläuft. Ihr markantestes Gebäude, ein ins Meer ragendes Fort, wurde im 19. Jahrhundert als britischer Handelsposten errichtet und dann unter spanischer Kolonialherrschaft in eine Garnison umgewandelt. -
Marokko vertrieb die Spanier im kurzen sog. Ifni-Krieg von 1958 aus Tarfaya und marschierte etwa zwei Jahrzehnte später in das Gebiet ein, als Spanien die nahe gelegene Westsahara aufgab, in dem eine von Algerien unterstützte Unabhängigkeitsbewegung einen souveränen Staat anstrebt. -
Früher nutzten die Surfer eine andere verfallene spanische Festung als ihr Clubhaus und trafen sich dort zum Reden, Essen und Singen, bevor der Stadtrat ihnen das Café am Strand überließ. -
Tarfaya mit seinem kleinen Hafen bietet nur wenige Arbeitsmöglichkeiten für seine 9.000 Einwohner. Einer aus der Gruppe der Surfer, Hossin Ofan, ist Fischer, während sein Zwillingsbruder Lahcen an der örtlichen Tankstelle arbeitet. In der Wüste jenseits der Stadt befindet sich ein 500 Millionen Dollar teurer Windpark, einer der größten Afrikas, während in einer Senke in der Nähe ein US-Unternehmen Salz abbaut. -
Letztes Jahr erkannten die Vereinigten Staaten die marokkanischen Ansprüche auf die Westsahara an – obwohl die meisten Länder der Welt immer noch eine von den Vereinten Nationen unterstützte Lösung anstreben. Das hat die Gerüchte über neue Investitionen in einer Region, in der das meiste Geld aus dem Phosphatabbau oder der Fischerei stammt, verstärkt.
https://qantara.de//node/14547
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