Auf den Spuren historischer Evidenz

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In jüngster Zeit haben Bücher über den Propheten Mohammed Konjunktur, unter anderem das des Islamwissenschaftlers Tilman Nagel und des islamischen Philosophen Nasr Hamid Abu Zaid.

By Katajun Amirpur

​​Tilman Nagel, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Göttingen, erklärt, dass der Islam "im hellem Licht der dokumentierten Geschichte entstand."

Nagel, dessen Mohammed-Biographie mit dem Titel "Mohammed. Leben und Legende" vor kurzem erschienen ist, stützt sich auf zahlreiche Quellen. Indem er neben der sonst oft als alleinige Quelle verwendeten Biographie des Ibn Ishaq noch zahlreiche weitere hinzuzieht, gelingt es ihm, ein Bild vom historischen Mohammed zu erstellen und das Leben des Propheten von der Legende, die sich um ihn rankt, zu trennen. Nagel arbeitet belastbare Tatsachen heraus.

Für Nagel steht zweifelsfrei fest, dass es Mohammed gegeben hat. Dies belegt er auch mit dem Koran. Laut Nagel entwickelt sich der Koran so authentisch aus seiner Zeit und den in dieser Zeit üblichen Formen und Inhalten heraus, dass es sich bei ihm auf keinen Fall um einen über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Textkorpus handeln kann. Und aus der Authentizität des Korans schließt Nagel auf die Historizität des Propheten Mohammed, der ihm im Übrigen dadurch nicht sympathischer wird.

Für eine humanistische Deutung des Islam

Während für einen Koranforscher wie Tilman Nagel der Frage, was genau sich ereignet hat angesichts der Tatsache, dass heute Terror und Mord mit dem Koran begründet werden, eine umso größere Dringlichkeit zukommt, beantworten Denker wie beispielsweise der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid sie mit der Forderung nach einer humanistischen Hermeneutik.

Er vertritt somit einen vollkommen anderen Ansatz und fordert dazu auf, den Koran neu zu denken und seinen Propheten in den Kontext seiner Zeit zu stellen.

Abu Zaid, der als einer der größten zeitgenössischen arabischen Philosophen gilt, hat zusammen mit der Journalistin Hilal Sezgin das dritte Buch vorgelegt, das in diesen Wochen erschienen ist und den Namen Mohammed im Titel führt.

Abu Zaid schreibt, es stehe jedem kundigen Historiker frei, Mohammeds Entscheidungen im Einzelnen zu diskutieren. Aber: "Wenn man aber das moderne Empfinden als Maßstab heranzieht, insbesondere das christliche Bild davon, was einen Propheten ausmacht, tut man ihm unrecht.

Wenn man ihn dafür kritisiert, dass er weltliche Leidenschaften hatte, dass er auch materielle Interessen verfolgte und für die Existenz seiner Gemeinschaft kämpfte, verkennt man den historischen Kontext dieses spezifischen Propheten."

Der historische Kontext

Stattdessen müsse man ihn wie jede andere religiöse Figur auch vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund betrachten, vor den Notwendigkeiten ihrer Zeit; und sie sei nach den Normen jener Zeit zu beurteilen, nicht nach den heutigen.

Abu Zaid hält es daher für unangebracht, eine aus der christlichen Theologie abgeleitete Vorstellung dessen, wie sich ein Prophet verhalten sollte, auf Mohammed anzuwenden. Gerade dies ist ihm wichtig zu betonen, denn die Person Mohammeds sei im christlichen Abendland immer wieder Gegenstand eines sehr kritischen, oft sogar gehässigen Diskurses geworden. Stets sei er am christlichen Maßstab gemessen worden.

Und genau dies ist das Verdienst des Buches von Abu Zaid und Hilal Sezgin: Dass es uns den Propheten Mohammed in der Rolle nahe bringt, die er für die Muslime gespielt hat und spielt. Dabei wird nichts beschönigt – dazu ist auch Abu Zaid zu sehr Historiker –, aber der nicht-neutrale Standpunkt Abu Zaids vermittelt einen Einblick, den eine westliche Analyse nicht zu geben vermag.

Katajun Amirpur

© Qantara.de 2008

Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende, München: Oldenbourg 2008, 1052 S.

Hilal Sezgin, Nasr Hamid Abu Zaid: Mohammed und die Zeichen Gottes. Der Koran und die Zukunft des Islam, Freiburg i.B.: Herder 2008, 222 S.