„Die Theologie öffnet sich und geht in die Gesellschaft hinein“

Zwei Männer in Anzug sitzen an einem Konferenztisch, im Hintergrund an der Wand der Schriftzug "Münster"
Kündigen die Gründung der neuen Fakultät an: Prof. Dr. Johannes Wessels, Rektor der Universität Münster (l) und Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie und Gründungsdekan (r) im April 2026. (Foto: Picture Alliance / epd-bild | D. Heese)

Die Uni Münster hat die europaweit erste Islamisch-Theologische Fakultät gegründet. Dekan Khorchide spricht über die Verantwortung der Theologie, den Rechtsruck in Europa und seinen Anspruch, in die islamische Welt hineinzuwirken.

Interview by Ulrike Hummel

Qantara: Herr Khorchide, an der Universität Münster entsteht die erste Islamisch-Theologische Fakultät einer staatlichen Hochschule in ganz Europa. Sie geht aus dem bisherigen Zentrum für Islamische Theologie hervor. Was wird sich ändern?

Mouhanad Khorchide: Durch die Fakultätsgründung sind wir jetzt auf Augenhöhe mit der Evangelisch-Theologischen und der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wir haben jetzt eine eigene Promotionsordnung, Habilitationsordnung, eigene Gremien und einen eigenen Fachbereichsrat. Nun können wir über uns selbst entscheiden.

Ein Mann im schwarzen Anzug und blauem Hemd, schwarzen Haaren. Bildausschnitt Portrait vor weißem Hintergrund.

Mouhanad Khorchide wurde 1971 im Libanon geboren und ist in Saudi-Arabien aufgewachsen. Er studierte Islamische Theologie in Beirut und Soziologie in Wien, wo er 2008 promovierte. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster; ab 2012 leitete er das dortige Zentrum für Islamische Theologie und seit Juli 2026 die neu gegründete Islamisch-Theologische Fakultät

Welche Möglichkeiten eröffnen sich für Studierende?

Zu den bestehenden Studiengängen bekommen wir einen neuen Master hinzu: Islam in der Sozialen Arbeit. Er richtet sich an Studierende, die im sozialen Bereich mit einer muslimischen Klientel in Kontakt kommen. Die Studierenden müssen aber nicht muslimisch sein. Dieser Studiengang ist sehr praxisorientiert. Ich denke da an die Altersfürsorge, an Altersheime, Krankenhäuser, Gefängnisse und die Jugendarbeit. Viele Menschen, die aus der Sozialarbeit kommen, haben kein Hintergrundwissen, was bei einer muslimischen Klientel zu beachten ist. Da haben wir eine Lücke entdeckt.

Wie will sich die Islamisch-Theologische Fakultät profilieren?

Wir werden ein eigenes Department haben, das wir „Public Theology“ nennen – also Öffentlichkeitstheologie. Dort sollen gesellschaftsrelevante Themen angegangen werden wie Umweltethik, Gendergerechtigkeit, kritische Männlichkeitsforschung, Islam und Demokratie, Radikalisierung oder Deradikalisierung. Das ist sehr innovativ: Die Theologie reagiert nicht nur auf die Gesellschaft, sondern öffnet sich und geht in sie hinein.

Welche Chancen bietet die neue Fakultät für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?

Im Bereich der Forschung werden wir mehr Möglichkeiten haben, gerade für größere Verbundprojekte oder Sonderforschungsbereiche. Daher planen wir auch, zu gesellschaftsrelevanten Themen zu arbeiten, das heißt, Phänomene zu erforschen, die für die Gesellschaft, für die Politik, für die globale Welt von Bedeutung sind. Wir denken an Themen wie Frieden, Krieg, Gewalt, Demokratie oder das Zusammenleben. Auch globale Themen wie Umweltschutz oder Klimawandel gehören dazu.

In Deutschland drängen Rechtsextreme in die Regierungen auf Landesebene, aber auch auf Bundesebene. Die AfD hat Remigrationspläne, ihre Co-Vorsitzende hält den Islam für „nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“. Was kann islamische Öffentlichkeitstheologie da leisten?

Es gibt empirische Studien, die zeigen, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung den Islam mit Dingen wie Terror, Gewalt oder Frauenbenachteiligung assoziiert. Ich sehe es als Auftrag an unsere Fakultät, einen weltoffenen Islam der Barmherzigkeit, einen Islam der Liebe sichtbarer zu machen.

Ich sehe es auch als Auftrag, dieses negative Islambild der Deutschen ernst zu nehmen – ohne verurteilend oder emotional zu werden. Man kann es nicht einfach abtun, sondern muss genau zuhören, welche Argumente es gibt. Welche Bilder vom Islam sind es, die die Menschen im rechten Lager in ihren Köpfen haben? Statt sie zu verurteilen, sollte man sagen 'Ich nehme deine Angst ernst', und dann kann man schauen: Ist diese Religion wirklich so negativ? Oder sind es die Menschen, die Terroristen, die im Namen des Islams handeln, die uns allen – auch mir als Muslim – Angst machen?

Welche Bedeutung hat die neue Fakultät gesamtgesellschaftlich in Deutschland?

Es war bereits ein wichtiges Zeichen, dass wir islamischen Religionsunterricht an Schulen eingeführt haben (zu Beginn der 2000er Jahre, d. Red.). Heute diskutieren wir nicht mehr ob, sondern wie wir ihn gestalten. Auch lädt im Ramadan der Bundespräsident zum Fastenbrechen ein und wir haben in Deutschland mittlerweile acht Zentren islamischer Theologie.

Dass wir jetzt auch eine Fakultät haben, dass Deutschland als erster europäischer Staat dies anerkennt, ist ein weiteres Zeichen der Anerkennung der Muslime in Deutschland, in ganz Europa. Der Islam wird immer mehr zu einem selbstverständlichen Teil unserer europäischen Realität.

Wie passt das zusammen? Der Islam wird zu einem selbstverständlichen Teil Europas, gleichzeitig haben in vielen Ländern islamfeindliche Parteien Erfolg. 

Wie in Deutschland gibt es vergleichbare positive Entwicklungen auch in Österreich, der Schweiz oder Belgien. Gleichzeitig aber ist die Angst vor dem Islam gestiegen. Bei manchen Muslimen führt das dazu, dass sie sich zurückziehen. 

Trotz dieser gegenläufigen Entwicklungen meine ich, dass der Islam immer mehr zu Europa gehört. Ich sehe, dass unser Arbeitsmarkt, das Gesundheitssystem oder auch die Pflege auf die vielen Migranten angewiesen sind. Und diese Migranten und Muslime sind auch auf das Leben in einer freien, pluralen und demokratischen Gesellschaft angewiesen.

In Münster sind wir bemüht, einen weltoffenen Islam zu etablieren, der mit demokratischen Werten und mit den Menschenrechten harmoniert und hoffentlich auch als Leuchtturm in die islamische Welt ausstrahlt.

Könnte der Gedanke, dass das vom deutschen Staat geförderte Islamverständnis in die islamische Welt ausstrahlt, dort als „Arroganz des Westens“ verstanden werden?

Diese Bedenken kann ich nachvollziehen. Es ist aber so, dass bei der Eröffnung unseres Zentrums 2012 ein Vertrauter des Großimams der Azhar-Universität in Kairo bei uns war. In seinem Eröffnungswort sagte er, in der islamischen Welt erwarte man von uns viel, weil wir im westlichen, europäischen Kontext mehr Freiheiten hätten. Man erwarte, dass wir den Islam neu reflektieren, und erhoffe sich Innovation. Das eröffnet für uns einen Raum. Es geht weniger darum, dass wir den Islam besser verstehen. Wir stehen vielmehr vor anderen Herausforderungen als muslimische Mehrheitsgesellschaften.

2016 war der Großscheich der Azhar-Universität auch persönlich bei Ihnen zu Besuch und plädierte für ein Islamverständnis mit Fokus auf Barmherzigkeit. Wie sieht man heute Ihre Theologie in Kairo?

Es gibt an der Azhar eine generelle Offenheit gegenüber dem, was wir tun – aber natürlich nicht in allem. Es gibt Positionen, da würde die Azhar nicht mitmachen. Beim Thema Imaminnen etwa gibt es Vorbehalte, das ginge gar nicht. Mit Blick auf Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt es Differenzen zwischen unseren Positionen und der Azhar.

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