Eine streitbare Anwältin für Nigerias Frauen

Zu den diesjährigen Trägern des Sacharow-Preises für Meinungsfreiheit zählt die nigerianische Anwältin Hauwa Ibrahim, die mehrere Frauen in Prozessen vor islamischen Gerichten in Nigeria vertrat.

الكاتبة ، الكاتب: Thomas Mösch
Hauwa Ibrahim, Foto: American University
Kämpft unermüdlich und allen Einschüchterungen zum Trotz gegen religiösen Extremismus in Nigeria: Hauwa Ibrahim, Foto: American University

​​Wenn Hauwa Ibrahim zurückblickt auf ihre ersten Einsätze vor islamischen Strafgerichten im Norden Nigerias, dann scheint sie sich selbst ein bisschen zu wundern über ihren Mut, die Männerwelt in ihrer Heimat so offen herauszufordern.

Denn was sie tat, war eigentlich unerhört: Sie forderte von den islamischen Rechtsgelehrten, auch die Rechte der angeklagten Frauen gründlich abzuwägen. Und sie nahm das Recht in Anspruch, als muslimische Frau vor einem Scharia-Gericht als Anwältin aufzutreten.

Gerichtsbarkeit als reine Männerdomäne

In ihrem ersten Verfahren 1999 bestanden die Richter darauf, dass nur Männer vor Gericht sprechen dürften, obwohl Hauwa Ibrahim unter den Anwälten die größte Erfahrung besaß.

"Ich musste lernen, dass wir von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgingen", erklärt sie, "und dass eine Frau nicht so bald in einer solchen Position vor dem Scharia-Gericht auftreten und Argumente vortragen kann. Ich musste meinen jüngeren männlichen Kollegen Zettel zustecken, damit sie das Wort im Sinne von uns Frauen ergriffen."

Es sei eine große Herausforderung, diese Haltung aufzuweichen, sagt die 38-jährige Mutter von zwei Kindern. Inzwischen werde immerhin darüber diskutiert, ob nicht auch Frauen das Recht haben sollten, genauso vor Gericht zu sprechen wie Männer.

Freisprüche für Safiya Hussaini und Amina Lawal

Seit insgesamt zwölf nord-nigerianische Bundesstaaten 1999 begannen, das islamische Recht auch in Strafprozessen anzuwenden, hat Hauwa Ibrahim Dutzende Angeklagte verteidigt. Ihre bekanntesten Klientinnen waren die wegen angeblichen Ehebruchs zum Tode verurteilten Frauen Safiya Hussaini und Amina Lawal. In beiden Fällen gelang es Hauwa Ibrahim und ihrem Team, in höheren Instanzen Freisprüche zu erwirken.

Großes Geld kann die Anwältin damit nicht verdienen. Denn die Angeklagten sind in der Regel mittellos, Unterstützung gibt es nur von einigen nigerianischen und internationalen Nichtregierungsorganisationen.

Ihren Einsatz begründet Hauwa Ibrahim mit ihrer eigenen Geschichte: Sie wuchs in armen Verhältnissen in einem kleinen, nord-nigerianischen Dorf auf. Nur durch Zufall habe sie Zugang zu höherer Bildung erhalten, sagt sie.

Nachdem sie als selbständige Anwältin im Bundesstaat Bauchi keine Klienten fand, kam sie den Hilferufen einer nigerianischen Frauenorganisation gern nach.

"Ich sah das als Gelegenheit, der Gesellschaft etwas von dem zurückzugeben, was ich von ihr erhalten hatte", sagt Ibrahim. "Die Gesellschaft hatte mir eine Ausbildung ermöglicht. Ich dachte anfangs nicht, dass ich etwas Besonderes tat. Ich wollte nur mein Können als Anwältin zum Wohle der Menschheit einsetzen."

Für ein verbindliches und einheitliches Rechtssystem

Ihr zentraler Antrieb sei der Wille, das Recht durchzusetzen, das für ganz Nigeria gelte. Hauwa Ibrahim ist überzeugt davon, dass Nigeria einen Weg finden muss, das islamische Recht mit seiner Verfassung in Einklang zu bringen.

Das Scharia-Strafrecht sei überhastet eingeführt worden, sagt sie. Niemand habe sich darüber Gedanken gemacht, wie es in einer modernen Gesellschaft funktionieren könne. Deshalb interessiert Hauwa Ibrahim jetzt vor allem die Frage, in welchem Verhältnis Staat und Islam zueinander stehen:

Politik, Kultur und Religion sollten nicht miteinander vermischt werden, meint Ibrahim. Nigeria müsse sich weltweit nach Vorbildern umschauen, wie zum Beispiel in Indonesien und anderen Ländern. Das könnte den Nigerianern Ideen und Chancen für die Zukunft eröffnen.

Noch bis Mai nächsten Jahres hat Hauwa Ibrahim nun Zeit, sich im Rahmen eines Stipendiums in den USA mit solchen Grundsatzfragen zu beschäftigen. Dann will sie wieder zurück nach Nigeria und weiter für den Rechtsstaat engagieren und gegen den religiösen Extremismus.

Thomas Mösch

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005