Maria in den Straßen von Tunis
Im flackernden Kerzenschein, begleitet von leisem Gebetsgemurmel, steht die Statue von Maria mit dem Jesuskind im Arm im Kirchengewölbe. Nach der Messe werden zwölf Männer sie auf die Schultern heben und durch die schwüle Sommernacht von La Goulette tragen.
Die katholische Gemeinde dieses Vororts der tunesischen Hauptstadt hat im August wieder Mariä Himmelfahrt gefeiert. Auf ausdrücklichen Wunsch der Kirchengemeinde waren auch dieses Jahr wieder Menschen unterschiedlicher Religionen dabei.
„Dieses Fest bringt uns alle zusammen, uns Katholiken sowie unsere jüdischen und muslimischen Freunde und Brüder“, sagt Pfarrer Narcisse Djerambete gegenüber Qantara. Er kommt ursprünglich aus dem Tschad und leitet seit 13 Jahren die Gemeinde in La Goulette.
Verschiedenste Traditionen prägen die Feierlichkeiten: In hellblauen Röcken, die mit der Jungfrau Maria bedruckt sind, tanzen Frauen der Gemeinde mit Gabenkörben in der Hand durch den Mittelgang der Kirche zum Altar.
„Es ist ein gutes Zeichen, dass ich heute etwas von meiner Kultur öffentlich zeigen kann“, sagt Nadia aus Burkina Faso, eine der Tänzerinnen. Aus Sicherheitsgründen will sie ihren Nachnamen nicht nennen. Es ist für sie eine Ausnahme, dass sie ihren Glauben und ihre Kultur in Tunesien öffentlich zeigt.
Seit Tunesien 2023 ein Migrationsabkommen mit der EU abschlossen hat, gehen die tunesischen Behörden gegen Migranten ohne Papiere vor, selbst mit menschenrechtswidrigen Abschiebungen in Wüstengebiete. Auch die Zivilbevölkerung organisierte Lynchjagden und Online-Hetzkampagnen gegen Eingewanderte.
Die Marienprozession, eine aus den 1880ern stammende Tradition, gilt dagegen als Sinnbild für das friedliche Zusammenleben, das es in Tunesien immer noch gibt. Erst seit 2017 findet die Prozession wieder statt, nachdem die Madonna jahrzehntelang in der Kirche bleiben musste.
Anfänge in Europa
Schon immer prägten Menschen die Prozession, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Tunesien migriert waren. Ihren Anfang nahm sie jedoch nicht in anderen afrikanischen Ländern, sondern in Europa, in der sizilianischen Hafenstadt Trapani.
Von dort brachten Fischer ein Abbild der berühmten Marienstatue „Madonna von Trapani“ nach La Goulette. Sie schenkten es der dortigen Kirchengemeinde St. Augustine et St. Fidèle, die vorwiegend aus Migranten aus Sizilien und Malta bestand. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sie sich in Tunesien angesiedelt.
„In Sizilien starben die Leute zu dieser Zeit reihenweise an Hunger“, erklärt der Linguist und Autor Alfonso Campisi, dessen Vorfahren einst ebenfalls nach Tunesien emigrierten. Auch Enteignungen durch die Mafia hätten eine Rolle gespielt.
In Tunesien trafen die Neuankömmlinge auf eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften für den Bau von Infrastruktur durch die französische Protektoratsmacht. Arbeiter:innen konnten hier das Drei- bis Vierfache eines sizilianischen Gehalts verdienen.
Für Campisi zeigte sich das friedliche Zusammenleben der Religionen in La Goulette bis in die 1960er Jahre nicht nur in der Prozession. In Interviews mit einstigen Einwohnern hat er das Alltagsleben rekonstruiert:
„Die Christen luden ihre muslimischen Nachbarn zu Weihnachten ein, die Muslime tischten für alle zum Fastenbrechen auf und man half den jüdischen Nachbarn am Schabbat, Kerzen anzuzünden“, beschreibt Campisi die Szenerie rund um die am Sandstrand gelegenen Fischerhäuser mit ihren blauen Türen und lebhaften Innenhöfen.
Dass das in La Goulette möglich war, hat für Campisi mit der sozialen Schicht zu tun: Die Sizilianer von La Goulette hatten wenig mit den reicheren Italienern in Tunesien zu tun, die gut mit der französischen Protektoratsmacht vernetzt waren und somit mit dem Kolonialregime in Verbindung gebracht wurden. Die Sizilianer lebten in denselben Vierteln wie die Tunesier, gingen ähnlichen Arbeiten nach.
Verbot nach der Unabhängigkeit
Doch auch die sizilianischen Bewohner von La Goulette waren vom Politikwechsel nach der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 betroffen. Tunesier sollten auf dem Arbeitsmarkt Vorrang haben und so verloren etwa sizilianische Taxifahrer ihre Lizenz.
1964 geriet auch der Landbesitz von Nicht-Tunesiern ins Visier. Diese mussten die Hälfte ihres Besitzes an eine tunesische Person abtreten oder selbst die tunesische Nationalität annehmen. Dazu waren die meisten nicht bereit, hätte es doch bedeutet, ihre europäische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Auch war die sizilianische Gemeinschaft von der nationalistischen Stimmung im unabhängigen Tunesien verunsichert, weshalb ein Großteil der Sizilianer in den 1950er und 60er Jahren das Land verließ.
Doch ob sie nach Mailand, Marseille oder New York gingen, viele Familien würden sich noch heute mit ihrer ehemaligen tunesischen Heimat verbunden fühlen, sagt Campisi. Unter anderem über Facebook-Gruppen halte die Community Kontakt, organisiere etwa gemeinsame Reisen nach Tunesien.
Auch für die katholische Kirche war 1964 ein entscheidendes Jahr. Der Vatikan schloss ein Abkommen mit Tunesiens Präsident Habib Bourguiba, wodurch zahlreiche Kirchen geschlossen wurden. Die Kirche in La Goulette blieb zwar geöffnet, doch die Madonna von Trapani durfte nicht mehr zum Strand getragen werden, erklärt der Journalist und Autor Hatem Bourial.
Dass Präsident Bourguiba die Rolle der katholischen Kirche im unabhängigen Tunesien kritisch sah, hängt mit dem französischen Kirchenorden Les Pères Blancs zusammen, der mit der Protektoratsmacht zusammengearbeitet hatte. Schulen und Waisenhäuser des Ordens und sein islamkritischer Diskurs waren dafür gedacht, ganz Nordafrika zum Christentum zu bekehren – für Nationalist:innen wie Bourguiba ein Angriff auf die tunesische Identität.
Freiräume nach der tunesischen Revolution 2011
Über ein halbes Jahrhundert später erblickte die Madonnenstatue 2017 wieder den Sternenhimmel über La Goulette. Die tunesische Revolution von 2011 hatte neue Freiräume geschaffen, die auch eine Widerbelebung der Prozession möglich machten.
Doch neben dem politischen Kontext hatte sich noch etwas verändert: Während sich die Gemeinde früher hauptsächlich aus Menschen europäischer Abstammung zusammensetzte, kommt die Mehrheit heute aus afrikanischen Ländern. Ihre Traditionen prägen auch die Feierlichkeiten. So ist der Tanz zum Altar, mit dem die Tänzerinnen die Eucharistie einleiten, eine Tradition aus der Elfenbeinküste.
Am Ende des Gottesdienstes wird die Marienstatue auf einem Holzgestell hinausgetragen, wo weitere Menschen auf die Prozession warten. In diesem Jahr sind es weniger als zuvor, denn die Polizei hat den Platz abgesperrt und kontrolliert den Einlass. Einige fragt sie nach einer Einladung und schickt sie wieder weg, andere dürfen durch. Einige Journalisten werden daran gehindert zu fotografieren. Dabei hat die Gemeinde ausdrücklich alle Menschen zu den Feierlichkeiten eingeladen.
Während der Umzug der Marienstatue mit Jesuskind langsam eine Runde auf dem Platz dreht, singt der Chor einen Rosenkranz und wechselt dabei zwischen Arabisch, Französisch, Suaheli und Italienisch. Zwischendurch sagen Mitglieder der Gemeinde mehrsprachige Fürbitten für Toleranz und friedliches Zusammenleben auf – eine Anspielung auf die Situation der Migranten?
Hélène B. aus Frankreich denkt bei den Fürbitten an Israel und Palästina: „Die Botschaft der Brüderlichkeit zwischen den Völkern, den Religionen und den Kulturen berührt mich sehr, besonders angesichts des Völkermords in Palästina.“ Sie ist zum zweiten Mal für die Prozession angereist, nachdem ihre tunesische Großmutter jüdischen Glaubens ihr von den Sommern in La Goulette vorgeschwärmt hatte.
Als der Rosenkranz fertig gebetet ist, kehrt der Umzug zurück in die Kirche. Einige stehen Schlange für ein Selfie mit der Madonna aus Trapani, während die letzten Klänge des Chors in den hohen Kirchenwänden widerhallen.
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