Auf der Suche nach Menschlichkeit

Schwarz-weiß Portrait eines Mannes mit längeren schwarzen Jaaren und Vollbart.
Günday ist in der Türkei längst zum Kultautor avanciert. (Foto: Selen Özer Günday)

Ein von Gewalt gezeichneter Protagonist wird zum Unterhändler des Friedens. Persönlich bleibt er Misanthrop – bis ihn die Erleuchtung trifft. Der Roman „Zamir“ vom türkischen Autor Hakan Günday rechnet großspurig mit der Menschheit ab und bietet am Ende Trost.

By Ceyda Nurtsch

Wer einen Roman von Hakan Günday in die Hand nimmt, weiß nie, was ihn erwartet. Nur so viel: Es wird unbequem. „Zamir“ heißt der gerade auf Deutsch erschienene Roman Gündays. Der gleichnamige Protagonist durchlebt Dezembertage am Ende eines fiktiven Jahrtausends in einer dystopischen Zukunft.

In Europa sind Rechtsextreme an der Macht. England hat einen „Nutzenindex“ für Minderheiten eingeführt. Die über eine Quote im Land geduldeten Migrant:innen verrichten die niedrigsten Dienste. In Deutschland regiert seit 14 Jahren eine rechtsextreme Partei, der Bundestag hat ein „Abschiedsgesetz“ verabschiedet. Deutschen Staatsbürger:innen mit türkischen Wurzeln wird die Staatsangehörigkeit entzogen, sie sind in Camps eingepfercht und sollen abgeschoben werden.

In dieser Welt ist Zamir für die World Peace Foundation als Unterhändler für den Frieden unterwegs. Seine Aufgabe: die Konflikte, die in allen Ecken der Welt brodeln, einzuhegen. Mit allen Mitteln. Dafür erpresst er Politiker, belügt Diktatoren und besticht Terroristen. Federico aus Palermo, Grace aus London, Yossi aus Bethlehem: Wenn bei seinen Kolleg:innen, die in derselben Mission unterwegs sind, die Hütte brennt, laufen bei Zamir die Telefone heiß.

Buchcover: Zamir von Hakan Günday auf Deutsch
Buchcover der deutschen Ausgabe von „Zamir“, erschienen im btb-Verlag im September 2026.

Wie Zamir von seinen Eltern genannt wurde, weiß niemand. Wie er zu Beginn seines Lebens aussah, auch nicht: Am sechsten Tag seines Lebens durchlöcherten Stahlkugeln den Körper des Neugeborenen an der türkisch-syrischen Grenze. Der Säugling überlebte und erhielt den Namen Zamir.

Eine Hilfsorganisation zog ihn groß und benutzte ihn jahrelang, auch auf unlauteren Wegen, um Spendengelder einzutreiben. Seitdem streckt er der Welt sein durch schreckliche Verletzungen entstelltes Gesicht entgegen. Mal als Anklage, mal als Provokation, immer als Spiegel: Das wart ihr!

Seine Arbeit als Unterhändler führt Zamir in die unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Egal, wo er sich aufhält, sieht er um sich herum nur übersättigte, unglückliche, bigotte Menschen, die manipuliert werden, wenn sie nicht gerade selbst andere instrumentalisieren. Hakan Günday zeichnet einen Antihelden, der noch eben die Welt retten muss. Gebrochen, abgestumpft. Ein Misanthrop, der die Hölle selbst gesehen hat und sich jeden Tag fragt, ob er ihr je entkommen ist. 

„Heute soll kein Blut vergossen werden“

Hakan Günday entfaltet die Geschichte um seinen Protagonisten aus zwei Perspektiven. Die eine führt uns aus Zamirs Sicht durch die letzten Wintertage im Dezember, bevor das neue Jahrtausend anbricht. Während er seine Praktikanten, die palästinensischen Brüder Sabra und Schatila (!), in die Methoden militärischer Geheimdienste einführt und sie in Sachen Sprengsätze und Bestechung schult, muss er sich etwas Kreatives einfallen lassen, um den sadistischen Diktator von Togo davon abzuhalten, einen Völkermord zu begehen. 

In Deutschland plant eine Organisation der Deutsch-Türk:innen einen Anschlag, um sich ihrer vorgesehenen Abschiebung zu widersetzen. Den muss er verhindern, denn seine Aufgabe lautet: Blutvergießen verhindern, oder zumindest aufschieben. Parallel bekommt Zamir den Auftrag, eine Pergamentrolle mit dem ältesten bekannten Friedensvertrag der Welt, dem Ägyptisch-Hethitischen Friedensvertrag, aus einem Tresor zu holen und nach Holland zu bringen. 

Auf einer zweiten Ebene, in Zamirs Haupthandlung eingewoben, lässt Günday einen allwissenden Erzähler in Rückblenden und Berichten Wegbegleiter:innen von Zamir zu Wort kommen: Asbjörn, einen norwegische Arzt, der Zamir das Leben rettete und der an den Kriegsgräuel, die er sah, zugrunde ging. Den Dichter Yusuf Ali, der Zamir seinen Namen gab. Jacinta, die das Flüchtlingscamp El-Aman an der türkisch-syrischen Grenze leitete, das Zamir aufnahm. Jenna, die die PR-Kampagne der Hilfsorganisation um Zamir koordinierte. 

Dazu werden Nebencharaktere eingeführt, neue Handlungsarme entwickeln sich, Bezüge zwischen Politik und Literatur aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte wachsen. So entfaltet sich nach und nach ein Beziehungsgeflecht, das Zamirs Geschichte aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und in einen größeren Zusammenhang stellt.

Gündays Roman ist eine Abrechnung

Günday überzeichnet. Seine Charaktere bewegen sich in einer grobschlächtig skizzierten Welt. Die Bezüge quer durch die Menschheitsgeschichte muten ab und an etwas didaktisch an. Doch seine lakonische, unpathetische, mit schwarzem Humor durchtränkte Sprache ist eine der Stärken dieses Romans und trifft ins Mark. 

Einige der Szenen lassen sich nur schwer ertragen. Die Sprache, die die Übersetzerin Sabine Adatepe dafür findet – bereits für frühere Übersetzungen von Werken Gündays mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet –, geht unter die Haut: „Für ein Baby ohne Gesicht war es wohl das Beste, zum Gesicht einer Spendenkampagne zu werden.“

Der Roman ist eine Abrechnung: mit Hilfsorganisationen, die Kriegsopfer wie Zamir im Konkurrenzkampf mit anderen Organisationen instrumentalisieren, Gelder veruntreuen und Ehrenamtler:innen ausbeuten. Mit der Kolonialgeschichte Europas. Mit der Selbstgefälligkeit des Westens und moralischer Heuchelei. Eine Abrechnung mit der Welt, in der es Orte gibt, an denen Frauen – wie Zamirs Mutter Zerre – keinen Wert haben. Aus denen Menschen flüchten müssen und dabei sterben, während sich Promis mit NGOs ablichten lassen, um hofiert zu werden. 

Kurz: mit der Welt, wie die Menschheit sie geschaffen hat. Der Roman scheint förmlich herauszuschreien: „Seht ihr nicht, dass das Struktur hat? Die Erschaffung von Feindbildern durch die Medien; der Hass in den USA gegen Mexikaner: innen und der in der Türkei gegen Menschen aus Syrien und Afghanistan; das Schicksal der Aborigines in Australien, der Indigenen in den USA?“

Ist „Zamir“ Fantasy oder Voraussicht?

„Zamir“, im Original 2021 erschienen, ist Gündays neunter Roman und der vierte, der nun auf Deutsch vorliegt. Seine Werke polarisieren, bei seinen Fans haben sie schon längst Kultstatus. Nicht zuletzt, weil Günday Genre-Grenzen sprengt, ordnet die Literaturkritik seine Werke der Underground-Literatur zu. Auch in „Zamir“ fließen Erzählung, Gesellschaftskritik, Parabel, ins Fantastische reichende Übertreibung ineinander, ohne jedoch – und das ist eine weitere Stärke des Romans – seine politische Anklage ad absurdum zu führen. Im Gegenteil. 

Die Realität mit heute schon eingeführten Passkontrollen an deutschen Grenzen und lautstarken „Remigrationsplänen“ lässt eine von Günday beschriebene militante migrantische Selbstorganisation wenig absurd erscheinen.

In der Nacht zum neuen Jahrtausend laufen die Erzählstränge und Exkurse schließlich zusammen. Zamir hat sich trotz aller Missstände, die ihn tagtäglich umgeben, ans Leben geklammert. In dieser Nacht meint er mit einem Mal, eine Art göttliche Eingebung und damit eine neue Religion gefunden zu haben. Die will er nun verkünden: Der Mensch erkennt Gott in sich und in den anderen.  

In ähnlich lauter, großspuriger Manier, wie sie in seinen Charakteren und seinem Ritt durch die Menschheitsgeschichte durchscheint, lässt Günday seinen Protagonisten zu einer Art Messias werden. Und zum Ende des Buches wird so manchem Leser klar, dass diese Geschichte Zamirs, die er in den Händen hält, nichts Geringeres ist als Gündays zu Papier gebrachtes Offenbarungsbuch.

 

Zamir
Hakan Günday, übersetzt von Sabine Adatepe
btb-Verlag
September 2026
368 Seiten

 

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