(K)ein saudisches Sommermärchen
Es waren Momente der absoluten Ekstase, Euphorie und Energie. Jeder, der sich in Saudi-Arabien für Fußball begeistert – und das sind die meisten –, wird sich noch in vielen Jahren daran erinnern, wo er das Spiel verfolgte. Das Spiel gegen den späteren Weltmeister Argentinien mit dem überlebensgroßen Lionel Messi, das ein ganzes Land in einen Jubeltaumel versetzte.
Damals, am 22. November 2022 im Lusail-Stadion während der WM in Katar. Damals, als die Nationalhelden Salem al-Dawsari – der saudische Messi – und Saleh al-Shehri einen Rückstand in einen sensationellen 2:1-Sieg drehten. Damals glaubte Saudi-Arabien, in der Elite des globalen Fußballs angekommen zu sein. Als dann zwei Jahre später noch die Fußball-WM 2034 an Saudi-Arabien vergeben wurde, kannte das Selbstbewusstsein keine Grenzen mehr.
Auch haben internationale Superstars wie Cristiano Ronaldo, Karim Benzema oder N’golo Kanté dank millionenschwerer Investitionen zu saudischen Vereinen gewechselt. Sie katapultierten die saudische Liga in die internationale Öffentlichkeit, während die Übernahme des englischen Traditionsvereins Newcastle United durch den saudischen Investitionsfonds (PIF) eine neue Epoche der saudischen Sportinvestitionen einleitete.
Insgesamt wurden bis Ende 2024 knapp 350 Partnerschaften im Sport geschlossen. So prangt das Logo der 2023 gegründeten saudischen Fluglinie Riyadh Air auf den ikonischen Trikots von Atletico de Madrid, und die saudische Ölfirma Aramco fungiert ebenso wie der PIF als Premiumpartner der FIFA.
Die Investitionen betrugen zwischen 2021 und 2023 sechs Milliarden USD. Das meiste davon floss in den Fußball, gefolgt von Motorsport, Golf, Martial Arts, Boxen und Gaming.
Saudi-Arabiens Strategie: mehr Rendite, weniger Glamour
Doch der Boom ist eingebrochen: Hatte sich der PIF durch seine Investitionen in unterschiedliche Branchen weltweit einen Namen gemacht, durchläuft er nun eine Phase der Neuausrichtung. Statt des Gießkannenprinzips der Vergangenheit soll laut dem aktuellen Strategieplan verstärkt auf maßgeschneiderte Investitionen im Inland gesetzt werden.
Mehr Rendite, weniger Glamour – das ist das neue Credo der saudischen Investitionsstrategie. Für den Sport bedeutet der Kurs, dass sich der PIF unter anderem aus LIV Golf zurückzieht. Die hochdotierte Golftour gründete der PIF 2022, um die engen Beziehungen zum leidenschaftlichen Golffan Donald Trump zu stärken und sich als weiterer Big Player im Golfgeschäft neben der PGA-Tour zu etablieren.
Insgesamt werden 2026 Prämien in Höhe von 470 Millionen USD ausgezahlt, in der Hoffnung, die besten männlichen Golfspieler anzulocken. Doch die Rendite blieb bislang aus, die Verluste werden insgesamt auf 1,1 Milliarden USD geschätzt.
Auch andere Sportarten leiden unter dem Sparzwang des Königreichs. So wurden die asiatischen Winterspiele 2029 nach Kasachstan verlegt und die E-Sport-Weltmeisterschaften abgesagt. In der heimischen Fußballliga sind spektakuläre Transfers seltener geworden.
Zuletzt beschwerte sich sogar Ronaldo, dass sein Club al-Nasser im Gegensatz zum großen Rivalen al-Hilal kaum namhafte Zugänge zu verzeichnen hatte und Zahlungen an Mitarbeitende des Vereins nicht geleistet worden seien. Die Konsequenz: Der größte Star der saudischen Liga und passionierte Botschafter des saudischen Fußballs streikte für zwei Spiele.
Um frisches Geld zu generieren, wird die Privatisierung saudischer Fußballclubs vorangetrieben. Der US-Amerikaner Ben Harburg erwarb mit seiner Firma Harburg Group den saudischen Provinzclub Al-Kholood, und der saudische Geschäftsmann al-Waleed bin Talal übernahm die Anteile des PIF an al-Hilal für etwa 373 Millionen USD. Auch mithilfe dieser Privatisierungen sollen sich die Einnahmen der Liga bis 2030 auf 480 Millionen USD pro Jahr vervierfachen.
Sport verbindet die Mächtigen der Welt
Dahinter steckt der Versuch, die ambitionierten Ziele mit der Realität in Einklang zu bringen. Bereits vor Beginn des Golfkriegs, unter dem auch Saudi-Arabien aufgrund iranischer Raketenangriffe leidet, musste das Königreich Großprojekte stoppen oder Pläne reduzieren. Die Kosten für die Smart City “The Line” explodierten, und nun steht die saudische Regierung vor der delikaten Situation, bestehende Verträge mit Partnerfirmen kündigen zu müssen, was insgesamt 16 Mrd. USD verschlingen soll.
Zwar sorgt der Krieg für steigende Einnahmen aus der Ölproduktion, da das Königreich im Gegensatz zu Katar oder Kuwait in der Lage ist, die Blockade der Straße von Hormus zu umgehen und Öl durch das Rote Meer zu exportieren. Andere Geschäftsbereiche wie der Tourismus, die Unterhaltungsbranche und eben auch der Sport leiden indes unter den Folgen des Krieges. So musste etwa das Formel-1-Rennen in Saudi-Arabien wegen der Eskalation am Golf abgesagt werden.
Die saudische Regierung muss daher in ihrer Sportförderung einen Spagat vollziehen: Einerseits dient der Sport als strategisches Instrument, um internationale Netzwerke aufzubauen, Marktzugänge zu erreichen und politischen Einfluss auszubauen. Andererseits müssen die geringeren Ressourcen klug eingesetzt werden, um glaubwürdig zu bleiben.
Und so setzt das Königreich verstärkt auf wenige ausgewählte Projekte. Dazu zählt die Partnerschaft mit der FIFA, die in den letzten Jahren immer enger geworden ist. Der umstrittene Präsident Gianni Infantino und der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman (MbS) verbindet eine Bromance, die in der WM-Vergabe an Saudi-Arabien gipfelte. Diese ist neben der Riad Expo 2030 das wichtigste Prestigeprojekt der saudischen Internationalisierungsstrategie.
Infantino schätzt das saudische Geld, MbS die Strahlkraft des globalen Fußballs als Mittel des Nation Branding. Gleichzeitig dient die Partnerschaft auch dazu, die Beziehungen der saudischen Führung zu Trump aufrecht zu erhalten – immerhin verbindet Infantino eine enge Männerfreundschaft mit dem Präsidenten, wie die Verleihung des sogenannten FIFA-Friedenspreises durch Infantino an Trump bewies. Es ist sicher kein Zufall, dass sowohl Infantino als auch MbS Mitglieder im umstrittenen, von Trump einberufenen Board of Peace sind.
Did the Saudis want this war?
Saudi Arabia's calculations in the Iran war may be different from what many assume. Rockets and drones are flying towards Doha, Dubai and even Riyadh—yet the kingdom could still see opportunities in the conflict.
Unterdessen wächst innerhalb Saudi-Arabiens mittlerweile die Skepsis gegenüber den Milliardeninvestitionen in den Sport. Zwar sind saudische Fußballclubs wie al-Ahli dank des deutschen Trainers Matthias Jaissle und ausländischer Stars im asiatischen Fußball überaus erfolgreich. Allerdings leidet darunter der eigene Nachwuchs.
Mehr als 35 Prozent der Profis in der Saudi Pro League kommen aus dem Ausland. Die Spielzeit junger saudischer Spieler nimmt ab, was sich auch in einer Phase der Erfolgslosigkeit beim Nationalteam niederschlägt. Nur mit viel Glück qualifizierten sich die ‚Grünen Falken‘ über den Umweg der Playoffs für die aktuelle WM – mit einem 3:2-Sieg gegen den Fußballzwerg Indonesien und einem torlosen Spiel gegen den Irak.
Bei vielen saudischen Fußballfans herrschte im Vorfeld der WM Skepsis – zumal es in der Vorrunde unter anderem gegen den Mitfavoriten Spanien geht. Derzeit glauben nur die wenigsten an einen neuen Feiertag wie damals im Dezember 2022 gegen Argentinien.
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