Mann oder Frau, frei oder unfrei?
Die Handlung von „The Passerby“ (Originaltitel: العابرة; der Transgender-Mann) von Ibrahim Abdel Meguid entspinnt sich zwischen zwei Sälen: Beginnend in einem Vorlesungssaal, endet der Roman im Saal eines Gerichts. Die Protagonistin Lamia befindet sich permanent auf der Anklagebank, nicht nur vor der Familie, vor Freund:innen, der Nachbarschaft, Kommiliton:innen und der Polizei. Die gesamte Gesellschaft schwingt sich ihr gegenüber zum Richter auf.
Mutig greift der ägyptische Schriftsteller Ibrahim Abdel Meguid in seinem ursprünglich 2020 erschienenen und vor Kurzem ins Englische übersetzten Roman das Schicksal von Transgender-Personen auf – ein Thema, das sich mittlerweile vom gesellschaftlichen Tabu zum Stoff für Sensations-Schlagzeilen entwickelt hat, ohne dass es in Ägypten bislang eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte darüber gegeben hätte.
Bevor Abdel Meguid nach Kairo zog, um dort seine erfolgreiche literarische Laufbahn einzuschlagen, schloss er 1973 sein Studium am Institut für Philosophie der Universität Alexandria ab. Die Philosophie ist für viele seiner literarischen Figuren ein Zugang zu existenziellen Fragen. Daher überrascht es kaum, dass auch die Handlung von „The Passerby“ an einer philosophischen Fakultät beginnt, allerdings an der Kairo-Universität.
"Arab culture's flexibility distinguishes it from others"
Concepts of gender are shifting across the Arab world. Tunisian writer and academic Amel Grami reflects on emerging approaches to gender analysis in the region and examines how colonial legacies have shaped existing perceptions.
Seinen Roman gliedert Abdel Meguid in zwei Teile: Die Protagonistin des ersten Teils ist Lamia, eine Philosophiestudentin mit rauer Stimme, schönem Gesicht und einer eher männlichen Statur. Ihre Vorliebe für Frauen führt in der konservativen ägyptischen Gesellschaft, die Homosexualität per se ablehnt, zu einer Flut von Verurteilungen.
Der zweite Teil handelt von Lamia nach ihrer Geschlechtsumwandlung und ihrer Verwandlung zu Hamza. Dieser sieht sich derselben Gesellschaft gegenüber wie Lamia, doch sein Blickwinkel ist ein anderer: Er kämpft mit der veralteten Bürokratie, gesellschaftlichen Traditionen, polizeilichem Misstrauen und vorgefertigten Anschuldigungen. Schließlich wird er festgenommen und zusammen mit Frauen inhaftiert, obwohl er nach eigener Überzeugung ein Mann ist.
Hamza wird zudem von inneren Konflikten in Bezug auf seine Sexualität gequält. Zwischen der Identität von Lamia als Lesbe und der des heterosexuellen Hamza ist er hin- und hergerissen. In keiner Rolle fühlt er sich wohl und fragt sich, ob er immer noch die Lesbe Lamia ist, im Körper eines Mannes. Hinzu kommt, dass er erotische Träume sowohl von Männern als auch von Frauen hat.
Bei der Themenwahl hat es Abdel Meguid noch nie an Mut gefehlt. Sein 1979 veröffentlichter erster Roman „Im Sommer 67“ (في الصيف السابع والستين) dokumentierte die Folgen der ägyptischen Niederlage im Krieg von 1967 gegen Israel. Seitdem setzt er sich immer wieder mit gesellschaftlich wie politisch heiklen Themen auseinander, darunter auch mit den Umbrüchen in Ägypten und der arabischen Welt seit 2011.
Auch in „The Passerby“ bespricht Abdel Meguid neben dem Aspekt der Identitätssuche einer Transgender-Person noch einen politischen: Von Symbolik und Anspielungen geprägt, erzählt der Autor vom ägyptischen Sicherheitsstaat, der das Land heute – nach einer Phase vorübergehender Freiheit nach der Revolution vom 25. Januar 2011 – regiert.
Die beiden Erzählstränge treffen sich in einer Frage, die die Protagonistin Lamia vor ihrer Transition zur männlichen Identität aufwirft: „Ist unser Land transgeschlechtlich, und wir wissen es nur nicht? Ach, viele Leute sagen, es sei ein depressives Land, während andere sagen, Ägypten sei voller Freude!“
Der Sicherheitsapparat
Die narrative Struktur des Romans nutzt das Thema der Gendertransition als Spiegel für eine Gesellschaft im Würgegriff des Sicherheitsapparats. Die Hauptfigur wird Zeugin, wie andere junge Menschen aufgrund dubioser politischer Vorwürfe festgenommen werden. Auch sie selbst wird in beiden Lebensphasen – sowohl als Lamia als auch als Hamza – verhaftet.
Hier überschneiden sich die persönliche und die politische Ebene; die Offenlegung der geschlechtlichen wie auch der politischen Identität erscheint im Licht desselben Prozesses von Überwachung und Rechenschaftspflicht.
Dabei zeigt der Roman die Verletzung von persönlichen Freiheiten auf den Straßen Kairos deutlich: Sicherheitskräfte durchsuchen Mobiltelefone und Social-Media-Profile von Passant:innen. Selbst in der Universität werden die jungen Menschen überwacht – sogar der Dekan der Fakultät und der Kellner im Café sind Spitzel der Polizei.
Während Verwirrung Lamias Transition prägt, bringt der Text auch die Leserschaft und Nachdenken: Welche Transition meint der Autor eigentlich? Geht es um den Wechsel von einem Geschlecht zum anderen? Oder um die Transition eines ganzen Landes zwischen zwei Zuständen – von der Freiheit hin zum Würgegriff des Sicherheitsapparats?
Neben der harten Realität bietet der Roman aber auch Raum für befreiende (Tag)träume: Lamia träumt von einer Insel, auf der Männer ohne männliche Geschlechtsteile und Frauen ohne Vagina leben, wo Liebe und Sexualität durch Küsse praktiziert werden, wo niemand Kinder bekommt und alle ewig leben.
Gendertransition kostet ein Vermögen
Durch zahlreiche Details lernen die Leser:innen viel über die Herausforderungen, vor denen Transgender-Personen stehen – etwa die Kosten der geschlechtsangleichenden Operation, der sich Lamia beziehungsweise Hamza unterzieht. Diese werden auf eine halbe Million ägyptische Pfund (ca. 10.000 US-Dollar) geschätzt. Eine Gendertransition ist in Ägypten also keineswegs für jeden zugänglich.
Auch zeigt der Autor an seinen Romanfiguren viele gesellschaftliche Widersprüche auf, etwa in Lamias Familie: Die religiös fanatische Mutter schaut mit Vergnügen alte Filme, in denen es um Geschlechtsumwandlung geht, weigert sich jedoch, den Körper ihrer eigenen Tochter überhaupt auch nur anzusehen. Lamias Leidensdruck ist für sie moralischer Verfall und eine Auflehnung gegen den Willen Gottes. Der Vater dagegen, ein angesehener Kaufmann, pflegt eine sexuelle Beziehung zur Tochter der Dienstbotin.
Andere Widersprüche offenbaren tiefgreifende gesellschaftliche Fehlentwicklungen. So zeigen Hamzas kriminelle Mitgefangene Empathie, während den Sicherheitskräften jedes Mitgefühl – oder zumindest jegliches Verständnis – fehlt. Stattdessen schwingen sie sich zu Richtern auf und fällen vorgefertigte Urteile: Störungen der Geschlechtsidentität betrachten sie als Perversion, Abweichungen oder ihnen unverständliche Meinungen als ersten Schritt zur Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und als Bedrohung für die Sicherheit und Stabilität des Landes.
Der Roman endet, ohne dass die Leser:innen das endgültige Gerichtsurteil im Fall Hamza erfahren. Wegen Äußerungen auf Facebook wird ihm wegen Terrorismus und Mitgliedschaft in einer verbotenen Vereinigung der Prozess gemacht – allerdings unter dem Namen Lamia, weil der Staat ihn als Trans-Mann noch immer nicht anerkennt.
„The Passerby“
Ibrahim Abdel Meguid
Übersetzt von Somaya Abdelwahab
Sulfur Editions
2026, urspr. 2020 auf Arabisch im bei al-Mutawassit
Dieser Text ist eine bearbeitete und gekürzte Version des arabischen Originals. Übertragung von Clara Taxis und Jannis Hagmann mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.
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