Sucht der Golf jetzt den Schulterschluss?

Eine Säule aus schwarzem Rauch steigt aus einer Stadt auf.
Empfindlich getroffen: Auch in Sharjah City in den Emiraten schlagen Geschosse ein, hier am 1. März (Foto: Picture Alliance / AP | A. Qadri)

Die arabischen Golfstaaten leiden unter den iranischen Angriffen und sehen ihr Geschäftsmodell bedroht. Dabei sind sie nicht wehrlos, sondern könnten sich als handlungsfähige Gestaltungskräfte profilieren. Dafür braucht es Koordination und Einigkeit.

تقرير: سابستيان سونز

Die arabischen Golfstaaten sehen sich seit dem Beginn des israelisch-amerikanischen Krieges gegen Iran heftigen Attacken der Islamischen Republik gegenüber. In der ersten Woche des Krieges wurden mehr als 2.500 Raketen und Drohnen auf US-Basen in den Golfmonarchien sowie auf zivile Ziele abgeschossen. 

Zwar wurden in den ersten Tagen mehr als 90 Prozent der Angriffe abgewehrt, doch sorgen die Angriffe auf kritische Infrastruktur wie Ölraffinerien in Bahrain und Saudi-Arabien, auf Gasterminals in Katar, auf Flughäfen wie in Dubai und Meerwasserentsalzungsanlagen wie in Bahrain für Schock und Frustration am Golf.

Saudi-Arabien ist mit 34 Prozent der größte Erdölproduzent der Welt, noch immer stammen über die Hälfte der Staatseinnahmen aus dem Ölgeschäft. Katar erwirtschaftet 70 Prozent seiner Einnahmen aus Flüssiggasverkäufen. Allein in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) stammen 90 Prozent der Trinkwasserversorgung aus Entsalzungsanlagen, Wasser ist ein hochsensibles Gut. 

Zuletzt wurden auch Datenzentren von Amazon Web Services (AWS) in den VAE und Bahrain getroffen, was die ambitionierten Pläne der Golfstaaten torpediert, sich als wichtige Zentren in Sachen Rechenleistung, Datenzentren und Künstliche Intelligenz (KI) zu etablieren. 

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Mit den Angriffen werden also neuralgische Punkte des golfarabischen Geschäftsmodells unter Feuer genommen, das auf dem Dreiklang von Innovation, Investition und Internationalisierung beruht. Die Kombination aus Infrastrukturschäden, Vertrauensverlust und Notfallausgaben für das Militär könnte somit zu einer ernsthaften fiskalischen Belastung führen. 

Es ist zu erwarten, dass die Golfstaaten auf diese Gefahr auf dreierlei Art reagieren werden: 

1. Investitionen im eigenen Land

Eine Eskalation des Konflikts und weitere Schäden an wichtiger Infrastruktur könnten zu starken Ölpreisanstiegen führen. Zugleich könnten jedoch die Abnehmer wegbrechen, womit die Golfstaaten nicht unbedingt von einem solchen Anstieg profitieren würden. 

Die golfarabischen Regierungen wären dann gezwungen, auf Rücklagen zurückzugreifen, um höhere Verteidigungsausgaben zu decken und Einnahmeausfälle im Tourismus und anderen Branchen auszugleichen. Die Einbußen allein im Tourismus werden auf mehr als 40 Milliarden US-Dollar geschätzt. 

Die meisten Golfstaaten haben in den letzten Jahren auf den Einsatz von staatlichen Mitteln gesetzt, um ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Solche Gelder müssten dann gegebenenfalls genutzt werden, um zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen oder den Aufbau einer lokalen Militärindustrie zu forcieren. Damit würden Gelder beispielsweise in den finanzstarken Staatsfonds fehlen, die ihre Investitionen und Einlagen im Ausland – wie den USA – überprüfen und Kapital abziehen könnten, da es im Inland benötigt würde. 

2. Golfarabischer Schulterschluss

Die Golfstaaten benötigen regionale Stabilität, um ihren eigenen Ruf als verlässliche Architekten prosperierender Volkswirtschaften zu bewahren. Ihre Legitimation ziehen sie auch aus dem Narrativ, sich weltweit unersetzlich und damit unangreifbar zu machen. 

Diese Erzählung verbindet die Herrscher in Riad, Abu Dhabi und Doha – trotz ihrer existierenden Differenzen und Rivalitäten. Zwar könnte ein Land wie Saudi-Arabien kurzfristig durchaus vom Krieg und den steigenden Ölpreisen profitieren. Dennoch gefährden die Angriffe die langfristigen Pläne aller Golfstaaten.

Denn vor dem Hintergrund einer anhaltenden Eskalation können kurzfristige Kriegsdividenden für Einzelstaaten nicht die Risiken für das große Ganze kompensieren. Neben dem Ruf als stabile und attraktive Standorte könnte für die Golfstaaten auch die gesellschaftliche Zufriedenheit auf dem Spiel stehen. Insbesondere Saudi-Arabien, Oman und Kuwait leiden unter sozioökonomischen Herausforderungen wie einer relativ hohen Jugendarbeitslosigkeit. 

Umso mehr benötigen diese Staaten eine prosperierende Wirtschaft inklusive Unternehmertum, Auslandsinvestitionen und Tourismus, um Arbeitsplätze oder bezahlbaren Wohnraum für die junge Generation zu schaffen. Vor diesem Hintergrund könnte der Wille zur regionalen Kooperation und Koordination steigen – vor allem beim Aufbau einer militärischen Kommandostruktur und Verteidigungsindustrie, die in Zukunft unabhängiger von ausländischen Partnern wie den USA agieren könnte.

3. Dialog und Druck auf den Iran

Bisher haben sich die Golfstaaten nicht militärisch am Krieg gegen den Iran beteiligt und iranische Ziele angegriffen. Zwar könnte dies noch eintreten, ein solcher Kurs steckt allerdings voller Risiken: Erstens wollen Staaten wie Saudi-Arabien vermeiden, Seite an Seite mit Israel zu kämpfen, das als aggressiver Hegemon und regionaler Unsicherheitsfaktor gilt. 

Zweitens wissen die Golfstaaten, dass nur Deeskalation und Dialog ihren Zielen langfristig nützen. So könnten sie gegenüber dem Iran eine Doppelstrategie anwenden, die auf Dialog und Druck setzt.

Staaten wie Saudi-Arabien und die VAE könnten ihren rhetorischen und politischen Druck auf Teheran aufrechterhalten und möglicherweise die diplomatischen Beziehungen abbrechen. Riad hat bereits den iranischen Botschafter einbestellt, während Abu Dhabi seinen Vertreter aus Teheran abgezogen hat. Andererseits könnten traditionelle Vermittler wie Oman und Katar die Gesprächskanäle zum Iran offenhalten, um die Lage zu entspannen.

Neben diesen drei Strategien kommt es aber vor allem darauf an, ob und in welchem Umfang die Golfstaaten an einem Strang ziehen (wollen). In der Vergangenheit folgte hehren Worten der Einheit meistens wenig Konkretes – wie nicht zuletzt der offen ausgetragene Konflikt zwischen Abu Dhabi und Riad oder die sogenannte Golfkrise zwischen 2017 und 2021 zeigten. 

Wie schon in früheren Krisen besteht für die Golfstaaten nun die Gelegenheit, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen. Immerhin basiert die Legitimation der Herrscher am Golf auf dem Vertrauen ihrer Bevölkerungen. Durch die Konzentration auf eine äußere Bedrohung – nämlich den Iran – würden Rivalitäten wie zwischen den VAE und Saudi-Arabien zwar nicht verschwinden, könnten jedoch in den Hintergrund rücken.

Nach einer Phase des Dialogs zwischen den Golfstaaten und dem Iran nimmt die Angst vor dem Aggressor wieder zu. Für viele am Golf gilt die forcierte Annäherung an den Iran mittlerweile als reine Zeitverschwendung. Daher setzen die Regierungen auf einen Kurs des nationalistischen Patriotismus und präsentieren sich als starke Anführer und Verteidiger der nationalen Sicherheit.

Allein jedoch wird ihnen die Kraft fehlen, den sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Deswegen braucht es öffentliche Einigkeit, sicherheitspolitische Kooperation, starke Allianzen mit ausländischen Partnern und Zeichen des Vertrauens in die eigenen Gesellschaften und die Welt. Es würde den Golfstaaten daher strategisch nützen, sich nicht als unbeteiligte Opfer eines aufgezwungenen Krieges zu stilisieren, sondern als selbstbewusst gestaltende Kräfte aufzutreten.

 

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