Wollten die Saudis diesen Krieg?

Mohammed bin Salman und Donald Trump unterhalten sich, Bin Salman gestikuliert.
Mohammed bin Salman, hier mit Trump im Weißen Haus im November (Foto: picture alliance / AP | E. Vucci)

Saudi-Arabiens Kalkül könnte ein anderes sein, als viele denken. Zwar fliegen Raketen und Drohnen auf Doha, Dubai und auch auf Riad. Doch einiges spricht dafür, dass sich das Königreich vom Irankrieg auch Vorteile erhofft.

Von Stephan Roll

Die meisten AnalystInnen scheinen sich einig: Für die Golfmonarchien ist der US-israelische Angriffskrieg gegen den Iran ein Alptraum. In den vergangenen Jahren haben sie viel investiert, um ihre Staaten als Hort von Stabilität und Sicherheit zu präsentieren – sie haben internationale Luftverkehrsdrehkreuze ausgebaut, den Tourismus gefördert und versucht, sich als globale Wirtschaftsstandorte zu etablieren. Nun stehen sie selbst im Feuer: Raketen und Drohnen fliegen auf Doha, Dubai und Riad, der Flugverkehr musste zeitweise eingestellt werden. 

Gerade Saudi-Arabien hat im Rahmen seiner Vision 2030 in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, seine Wirtschaft vom Erdöl unabhängiger zu machen und sich als globales Wirtschafts- und Investitionszentrum zwischen Europa, Asien und Afrika zu positionieren: weniger Religion, mehr Geschäfte; weniger geopolitische Spannungen, mehr Mega-Projekte. Auch die Wiederannäherung an den Iran – 2023 unter chinesischer Vermittlung – fügte sich perfekt in dieses Narrativ. 

Umso größer ist die Sprengkraft eines Berichts der Washington Post, wonach Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) hinter den Kulissen auf US-Militärschläge gegen den Iran gedrängt haben soll. Auch sein Bruder, Verteidigungsminister Khalid bin Salman, äußerte sich demnach in Gesprächen mit US-Vertretern entsprechend. Riad weist diese Darstellung zurück.  

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Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, wie plausibel es ist, dass Donald Trump bewusst gegen einen seiner wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner handelt. Die saudische Führung und die Familie des US-Präsidenten sowie sein direktes Umfeld sind durch Geschäftsbeziehungen seit Jahren eng miteinander verflochten.  

Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, die verbreitete Annahme zu hinterfragen, der Krieg gegen den Iran könne für Saudi-Arabien nur Nachteile bringen. Tatsächlich lassen sich mindestens drei Gründe nennen, warum ein solcher Konflikt aus Riads Sicht durchaus sinnvoll erscheinen könnte. 

Die Huthis im Jemen

Erstens richtet sich der Blick in Riad stärker als in anderen Golfmonarchien auf den südlichen Nachbarn Jemen. Seit dem Jahreswechsel hat das Königreich sein Engagement dort deutlich ausgeweitet. Nachdem Saudi-Arabien die Vereinigten Arabischen Emirate im Südjemen militärisch zurückgedrängt und deren Truppen zum Abzug gezwungen hat, versucht Riad nun, die Kontrolle über die Anti-Huthi-Kräfte stärker selbst zu übernehmen.  

Die Huthis bleiben jedoch der wichtigste Gegner für Riads Ambitionen im Jemen. Zwar sind sie kein direkter Proxy Teherans, stehen jedoch in enger politischer und militärischer Verbindung zum iranischen Regime. Eine Schwächung Irans könnte daher in Riad als Möglichkeit erscheinen, die militärischen Fähigkeiten und Nachschublinien der Huthis empfindlich zu treffen – und damit sowohl die Sicherheitslage an der Südgrenze zu verbessern als auch Saudi-Arabiens Position im Jemen zu festigen. 

Die Rivalen am Golf

Zweitens könnte es durchaus im Interesse Saudi-Arabiens liegen, die gegenwärtige geopolitische Konstellation zu nutzen, um den iranischen Rivalen nachhaltig zu schwächen. Selbst wenn regionale Stabilität für die Umsetzung der Vision 2030 für Riad hohe Priorität hat, ist das Modernisierungsprojekt langfristig angelegt. Wenn die Führung in Riad den Iran als dauerhafte strategische Bedrohung wahrnimmt, könnten kurzfristige Kosten als hinnehmbar erscheinen, insbesondere da die militärische Hauptlast eines solchen Vorgehens derzeit bei den USA und Israel liegt.  

Hinzu kommt ein intensiver Standortwettbewerb unter den arabischen Golfstaaten: Saudi-Arabien und die anderen Monarchien konkurrieren miteinander als regionale Finanzzentren und Luftfahrtdrehkreuze sowie in den Bereichen Logistik, Tourismus und bei der Ansiedlung globaler Unternehmenszentralen. Ein regionaler Krieg beschädigt zwar das Sicherheitsimage der gesamten Region, trifft jedoch nicht alle Modelle gleichermaßen. Besonders die Vereinigten Arabischen Emirate – allen voran Dubai –, deren Geschäftsmodell stark auf globalen Transit- und Hubfunktionen beruht, reagieren empfindlich auf solche Schocks.  

Zynisch formuliert: Wenn die Region ins Wanken gerät, geraten manche Geschäftsmodelle stärker unter Druck als andere. Dass sich die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten seit Jahresbeginn deutlich verschlechtert haben, dürfte die Bereitschaft Riads zusätzlich verringern, auf die Interessen des kleineren Nachbarn besondere Rücksicht zu nehmen. 

Die Ölpreise 

Drittens könnte Saudi-Arabien darauf setzen, dass der Krieg die Ölpreise nachhaltig steigen lässt. Kurzfristig stellt sich zwar ein gravierendes Problem: Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Großteil der saudischen Ölexporte transportiert wird, ist infolge des Konflikts faktisch für die zivile Schifffahrt gesperrt. Tanker meiden die Route, der Verkehr ist weitgehend zum Erliegen gekommen.  

Das Königreich verfügt jedoch mit der Ost-West-Pipeline („Petroline“) über eine alternative Route: Sie transportiert Öl von den Feldern am Persischen Golf zum Roten Meer, wo es über den Hafen Yanbu exportiert werden kann. Berichten zufolge versucht Saudi Aramco bereits, größere Mengen über diese Leitung umzuleiten. Allerdings stößt dies an praktische Grenzen, da die Exportkapazität des Terminals bislang deutlich unter der Pipelineleistung lag.  

Das saudische Kalkül könnte indes sein, dass die Marktverwerfungen eines US-iranischen Konflikts nur vorübergehend sind, während die geopolitischen Spannungen die Ölpreise länger auf einem erhöhten Niveau halten. Schätzungen zufolge benötigt Riad einen Ölpreis von über 90 US-Dollar pro Barrel, um den Staatshaushalt auszugleichen – in den vergangenen Monaten lag der Preis zumeist unter 70 Dollar und damit deutlich unter dieser Zielmarke.  

Zudem hat Washington mit Blick auf die Weltwirtschaft ein starkes Interesse daran, die Straße von Hormus möglichst rasch wieder für den internationalen Schiffsverkehr zu öffnen. Mittelfristig könnten höhere Ölpreise dem Königreich also erhebliche Mehreinnahmen bescheren – zumal der mögliche Ausfall iranischer Exporte das globale Angebot zusätzlich verknappen würde. 

Ob das saudische Königshaus tatsächlich hinter den Kulissen für einen Militärschlag gegen Teheran lobbyiert hat oder nicht, wird sich – wenn überhaupt – erst im historischen Rückblick klären lassen. In jedem Fall aber spricht vieles dafür, die offiziellen Verlautbarungen aus Riad mit Vorsicht zu lesen. In einer Region, in der Sicherheit, wirtschaftliche Interessen und geopolitische Rivalitäten eng miteinander verwoben sind, könnten die strategischen Kalkulationen der saudischen Führung komplexer sein, als es die öffentliche Rhetorik vermuten lässt. Was für viele BeobachtInnen wie ein reines Risiko erscheint, könnte in Riad durchaus auch als Chance gesehen werden. 

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