„Raï hat mich schon immer fasziniert“
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Qantara: Im Track „HASNI 1993“, singst du „I feel like Cheb Hasni in 1993“. Wie hat sich Hasni, der König des sentimentalen Raï, 1993 gefühlt?
Losez: Das war nur ein zufälliger Satz, den ich in meine Notizen geschrieben hatte. Er kam mir in den Sinn, als ich mir seine Tournee von 1993 nochmal anschaute. Das Jahr war für ihn in vielerlei Hinsicht wegweisend. Als algerischer Künstler tourte er in einem bis dahin beispiellosen Ausmaß um die Welt und seine Konzerte waren überall ausverkauft. 1994 wurde er dann ermordet.
Ich habe mich gefragt, was noch aus ihm geworden wäre. Er war auf dem Gipfel des Erfolgs, ohne zu ahnen, was das folgende Jahr bringen würde.
Der Song ist Teil des Mixtapes „Sabahu Al Kheir Men“ des Produzenten und Musikers Zouj. Darin interpretiert er das algerische Genre Raï mit den Mitteln experimenteller Gegenwartsmusik neu. Was bedeutet Raï für dich?
Raï ist in Algerien allgegenwärtig. Wenn ich im Sommer am Strand campen war, lief dort ausschließlich Raï. Auch auf Hochzeiten ist die Musik fast immer zu hören. Sie war ganz selbstverständlich Teil meines Lebens, ohne dass ich mich näher mit ihr beschäftigt hätte.
Mit welchen Künstlern bist du aufgewachsen?
Da wäre Cheb Khaled, der in Algerien und später auch weltweit sehr erfolgreich war. Aber zuhause war Cheikha Rimitti auch eine große Nummer. Meine Mutter hat Cheb Akil geliebt – möge er in Frieden ruhen. Seine Musik lief ständig auf CDs im Auto meiner Mutter.
Deine Musik verbindet Punk, Trap und experimentelle Klänge. Inwiefern hat Raï deinen Ansatz beeinflusst?
Was mich schon früh angesprochen hat, war der Gesang und das Zusammenspiel mit den Synthesizern, die manchmal auf die Stimme reagieren. Da singt jemand „Ah“ und ein Synthesizer antwortet mit „Oh“. Es ist fast so, als würden sich Stimme und Synthesizer unterhalten – wobei der Synthesizer selbst zu einer Art Stimme wird. Das hat mich schon immer fasziniert, lange bevor ich etwas von Musiktheorie oder den technischen Dingen dahinter verstand.
Der Raï inspiriert mich sehr, denn bestimmte Dinge haben für mich ihren Ursprung in ihm.
Was zum Beispiel?
Zum Beispiel die Art und Weise, wie Auto-Tune eingesetzt wird. Der erste Song, der weithin dafür bekannt wurde, Auto-Tune besonders prominent einzusetzen, war „Believe“ von Cher. Doch etwa ein Jahr zuvor hatte Cheba Djenet bereits einen Track namens „Matajabdouliche“ („Sprich mich nicht darauf an“) veröffentlicht und ihn sogar live im Fernsehen mit Auto-Tune performt. Das Video ist absolut ikonisch. Soweit wir aus den verfügbaren Archivaufnahmen wissen, war das das erste Mal, dass Auto-Tune auf diese Weise eingesetzt wurde.
Raï-Musik ist dafür bekannt, dass sie gesellschaftliche Themen, Tabus und alltägliche Probleme thematisiert. Glaubst du, deine Musik macht das auch?
Für mich sind die Themen, über die ich rappe, nicht unbedingt typisch für den Raï. Wir alle machen ganz ähnliche Erfahrungen und erzählen davon auf unterschiedliche Weise. Ich glaube, dass Rap, Punk und Raï in dieser Hinsicht verwandt sind – auch in Bezug darauf, was sie für die Menschen bedeuten, die sie machen und hören.
Ich würde sagen, dass meine Musik sehr ... auf Französisch sagen wir imagée ..., also sehr visuell, sehr deskriptiv ist. Sie kann auch politisch sein. Ich spreche viel über Algerien und das Exil, das wir auf Arabisch Ghurba nennen. Das ist definitiv ein Thema, das man auch in vielen Raï-Songs findet.
In einem Song auf deiner ersten EP „ID“ singst du: „Algier für mich ist wie Medellín für Pablo Escobar oder La Castellane für Zinedine Zidane.“ Welche Rolle spielen deine algerischen Wurzeln in deiner Musik?
Damals war ich noch jünger. Ich bin in Algier geboren und später ins Ausland gezogen. Dort wussten die Menschen kaum etwas über Algerien. Ich hatte das Gefühl, meine algerische Identität und alles, was damit zu tun hatte, immer wieder hervorheben zu müssen. An der Uni nannten mich die Leute den Franzosen, weil ich Französisch sprach und französische Freunde hatte.
Heute fühle ich mich meinem Land und meinen Amazigh-Wurzeln nach wie vor sehr verbunden. Sie inspirieren mich in vielerlei Hinsicht. Aber ich habe gelernt, diese Verbundenheit auszudrücken, ohne sie zum alleinigen Bestandteil meiner Identität zu machen. Ich bin Algerier, habe einen algerischen Pass. Ich trage Algerien in meinen Genen, meiner Kultur, in der Art, wie ich spreche, in meiner Inspiration. Manchmal muss man das gar nicht bewusst zeigen, es kommt von ganz allein zum Ausdruck.
Inwiefern?
Heute hätte ich niemals einen algerischen Personalausweis als CD-Cover für „ID“ verwendet. Aber damals war es für mich wichtig zu zeigen: „Hey, ich bin dieser algerische Junge, der Musik macht.“
Nehmen wir einen Song wie „Hasni 1993“. Wenn man nicht weiß, wer Cheb Hasni ist, und man die Synth-Zeilen am Anfang und am Ende des Songs nicht wiedererkennt, weiß man nicht unbedingt, dass es sich um algerische Musik handelt. Aber jeder, der Hasni kennt, würde es sofort erkennen.
Selbst wenn man den Text nicht hört, erkennt man am Sound, dass es sich um einen Raï-Synthesizer handelt, gespielt auf einem A1000 (Sampler/Keyboard von Yamaha, d. Red.), der besonders mit der Raï-Musik in Verbindung gebracht wird. Ich repräsentiere Algerien also, ohne es explizit sagen zu müssen.
Musik ist ein guter Weg, die eigene Identität mit anderen zu teilen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, darauf reduziert zu werden. Wie geht es dir damit, wenn Leute deine Musik zum Beispiel als „New Raï“ bezeichnen?
Die Menschen müssen andere in Schubladen stecken und alles kategorisieren, und das ist auch in Ordnung. Ich verstehe das, weil ich es selbst auch tue, selbst wenn ich versuche, es zu vermeiden. Ich habe das Gefühl, dass unser Gehirn so funktioniert. Wenn wir etwas hören, denken wir: Woran erinnert uns das? Ehrlich gesagt macht es mir nichts mehr aus, kategorisiert zu werden, und es ist mir mittlerweile ziemlich egal, ob ich auf meine Identität reduziert werde.
Ich bin mit meiner Kunst im Reinen und mag, was ich mache. Ich finde, meine Musik spiegelt mich wider. Ich mache einfach die Musik, die ich machen möchte. Dabei denke ich nicht über Identität, New Raï oder solche Dinge nach. Ich möchte mir selbst treu bleiben.
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