Der Hitzesommer zwingt zum Umdenken

Ein Mann hält sich einen Wasserschlauch über den Kopf, hinter ihm eine weite Landschaft.
Fast 50 Grad hatte es dieses Jahr in Tunesien: Abkühlen in Ghzala, Juli 2026. (Photo: Picture Alliance / SIPA | M. Hammi)

Tunesiens bislang heißester Sommer hat die Energiekrise im Land verschärft. Wiederholte Netzausfälle und die Abhängigkeit von Importen haben deutlich gemacht: Das Land braucht eine neue Energiepolitik, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen.

Kommentar von Dorsaf Selmi

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Der Sommer 2026 war für Tunesien ein Einschnitt. Rekordtemperaturen und tropische  Nächte ließen die Bevölkerung ächzen, Unternehmen waren mit einer beispiellosen Stromnachfrage konfrontiert. Energie, einst eine Frage der Produktion und der Netzkapazität, ist zu einem Alltagsthema geworden und zu einer Frage der nationalen Resilienz. 

Lange Zeit lief die Energiedebatte in Tunesien auf eine wirtschaftliche Abwägung hinaus: Wie lässt sich der stetig steigende Strombedarf decken und gleichzeitig die Kosten für Energieimporte begrenzen? Nun kommt eine schwierigere Frage hinzu: Wie kann Tunesien auf die klimatischen Herausforderungen reagieren? 

In Kairouan zeigte das Thermometer am 18. Juli 49,8 Grad Celsius an. Für viele Familien bedeutete dies schlaflose Nächte, ihre Wohnungen verwandelten sich in wahre Glutöfen. Klimaanlagen waren die einzige Möglichkeit, den Alltag erträglich zu gestalten. Auch in anderen Regionen Tunesiens erlebten Menschen solche Tage.  

Die Folgen reichten schnell über das Häusliche hinaus. Hinter jedem neuen Spitzenwert im Stromverbrauch und jedem Netzausfall verbergen sich bedrohte Existenzen: Ladenbesitzer:innen, die Kühlketten nicht aufrechterhalten können und sich um ihre Warenbestände sorgen, Unternehmen, die mit Betriebsstörungen konfrontiert sind, Produktionsstätten, die ihre Kapazitäten reduzieren müssen.  

In diesem Sommer erreichte der Spitzenstrombedarf 6.000 Megawatt, laut dem tunesischen Energieversorger STEG ein Rekordwert. Die Zunahme tropischer Nächte, in denen die Temperaturen bis in die frühen Morgenstunden hoch bleiben, und der weit verbreitete Einsatz von Klimaanlagen belasteten das Stromnetz stark.  

Diese Entwicklung markiert einen Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang beschränkten sich die Verbrauchsspitzen auf wenige Stunden pro Tag. Nun können sie mehrere Tage oder sogar mehrere Wochen andauern.  

Jede neue Hitzewelle birgt die Gefahr, das System weiter zu belasten, wenn der Bedarf weiterhin im gleichen Tempo steigt. Das eigentliche Problem besteht daher nicht nur darin, mehr Strom zu erzeugen, sondern den Verbrauch effektiver zu steuern und die Belastung des Netzes in kritischen Phasen zu verringern. 

Geopolitische Spannungen verschärfen die Anfälligkeit

Die Klimaproblematik wird noch dadurch verschärft, dass Tunesien von Energieimporten aus dem Ausland abhängig ist. Ende Juli 2026 lag die Energieautarkiequote Tunesiens bei 34 Prozent, ein Rückgang von zuvor 37 Prozent. Der Indikator misst, zu welchem Anteil der primäre Energiebedarf des Landes seit Anfang 2026 durch eigene Ressourcen gedeckt wurde.  

Enthalten in dieser Zahl sind Lizenzgebühren, die Tunesien für den Transit von algerischem Gas nach Italien erhebt. Dieses Gas wird nicht im Inland gefördert, würde man es aus der Statistik herausrechnen, läge der Anteil bei nur 27 Prozent. Das bedeutet, dass inländische Quellen in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 weniger als ein Drittel des Bedarfs gedeckt haben. 

Unterdessen baut Tunesien seine Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien schrittweise aus. Nach Angaben des Ministeriums für Industrie, Bergbau und Energie belief sich die installierte Gesamtleistung aus erneuerbaren Energien bis Ende Juli 2026 auf 1.163 Megawatt.   

In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 entfielen rund neun Prozent der nationalen Stromerzeugung auf erneuerbare Energiequellen, während Erdgas einen Anteil von rund 90,8 Prozent ausmachte. Erdgas bleibt somit das Herzstück des tunesischen Stromsystems.  

In der Dunkelheit sieht man eine batteriebetriebene Lampe in einem Kiosk. Zwei Männer stehen darunter.
Netzausfall in Tunis im August 2026. (Photo: picture alliance / SIPA | Y. Mahjoub)

Die heimischen Kohlenwasserstoffvorkommen wie Erdgas und -öl gehen jedoch zurück und die Abhängigkeit des Landes von Importen nimmt zu, während der Energiebedarf weiter steigt. Die neuesten Zahlen zeigen, dass die Primärenergievorräte Tunesiens bis Ende Juli 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um sechs Prozent gesunken sind, während der Bedarf gleichzeitig um drei Prozent gestiegen ist.  

Die Spannungen im Nahen Osten haben erneut deutlich gemacht, wie anfällig energieimportierende Länder gegenüber Schwankungen auf den Weltmärkten sind. Im Juli 2026 lag der Preis für Brent-Rohöl bei 83,4 US-Dollar pro Barrel und damit um 12,4 US-Dollar höher als ein Jahr zuvor, was auf die Sorgen um die Sicherheit des Öltransports durch die Straße von Hormus zurückzuführen war.  

Tunesien hat nur begrenzten Einfluss auf diese internationalen Entwicklungen. Allerdings kann das Land seine Anfälligkeit schrittweise verringern, indem es heimische erneuerbare Energiequellen erschließt, die Energieeffizienz verbessert und die Widerstandsfähigkeit seines Stromnetzes stärkt. Jedes zusätzliche Megawatt, das aus heimischen erneuerbaren Energiequellen gewonnen wird, kann dazu beitragen, Tunesiens Anfälligkeit gegenüber externen Energiekrisen zu verringern. 

Energie neu denken

Die Energiewende sollte nicht nur als ökologische Notwendigkeit gelten, sondern auch als Frage der Energiesicherheit, der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit und der geopolitischen Stabilität. Sie muss zudem zu einem gesellschaftlich getragenen Projekt werden. 

Einen Teil des eigenen Stroms aus Solarenergie zu gewinnen, die Wärmedämmung von Gebäuden zu verbessern, in Energiespeicher zu investieren oder passive Kühlungslösungen zu integrieren, sind nicht mehr nur ökologische Entscheidungen. Solche Maßnahmen können auch dazu beitragen, Haushalte, Unternehmen und lebenswichtige Dienstleistungen besser vor extremen Wetterereignissen und steigenden Energiekosten zu schützen. 

Ein Haushalt, der einen Teil seines Stroms selbst erzeugt, trägt dazu bei, das Stromnetz zu entlasten. Eine mit Solarmodulen ausgestattete Schule kann während einer Hitzewelle den Betrieb wichtiger Leistungen aufrechterhalten.  

Ein Krankenhaus mit einer teilweisen unabhängigen Stromversorgung stärkt seine Fähigkeit, Notfälle zu bewältigen. Ein Unternehmen verringert seine Anfälligkeit gegenüber Schwankungen bei den Energiekosten und stärkt gleichzeitig die betriebliche Widerstandsfähigkeit.  

Und noch etwas ist durch die Krise im Sommer 2026 deutlich geworden: Nicht alle Tunesier:innen sind gleichermaßen von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Haushalte, die in gut isolierten Wohnungen leben oder über alternative Energiequellen verfügen, kommen mit großer Hitze leichter zurecht als diejenigen, die in schlecht angepassten Wohnungen leben, in denen die Temperaturen bis spät in die Nacht hoch bleiben. 

Da Hitzewellen immer häufiger auftreten, droht Energiearmut zu einer der größten sozialen Herausforderungen des Landes und zu einem Faktor sozialer Ungleichheit zu werden. Die Energiewende muss einen gerechteren Zugang zu zuverlässiger, bezahlbarer und nachhaltiger Energie gewährleisten. 

Die Herausforderung besteht nicht einfach darin, mehr erneuerbare Energie zu erzeugen. Vielmehr muss sichergestellt werden, dass die Vorteile der Energiewende Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen im ganzen Land erreichen.  

Die Krise als Chance nutzen

Große Reformen entstehen oft in Zeiten der Krise. Der Sommer 2026 könnte für Tunesien einen Wendepunkt markieren. Die Herausforderung besteht nun darin, aus einer reaktiven in eine proaktive Politik zu wechseln.  

Dazu gehört es, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, das Stromnetz zu modernisieren, in Speicherkapazitäten zu investieren, die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern und die Anpassung an den Klimawandel vollständig in die öffentliche Politik zu integrieren. 

Seit dem Sommer hat sich die politische Debatte weiterentwickelt. Ende Juli hielt die tunesische Volksversammlung eine Plenarsitzung zum Thema Wasser- und Stromausfälle ab, in deren Verlauf Abgeordnete die Krisenbewältigung der Regierung kritisierten. Die Behörden verweisen auf einen Fahrplan für den Zeitraum 2026–2030, der auf erneuerbaren Energien und Energieeffizienz basiert. Darin sind 35 Prozent erneuerbarer Energien im Strommix bis 2030 vorgesehen sowie 50 Prozent bis 2035. 

Mit einem am 21. Juli verabschiedeten, von der Weltbank unterstützten Programm im Umfang von 430 Millionen Dollar soll die Kapazität erneuerbarer Energien bis 2028 auf 2,8 Gigawatt gesteigert werden, während die STEG im Juli Batteriespeicher für privat betriebene Solaranlagen genehmigte. 

Der Sommer 2026 könnte als der Sommer der Rekordtemperaturen in Erinnerung bleiben. Vor allem aber könnte er zu dem Moment werden, in dem Tunesien erkannt hat, dass Klima, Energie und wirtschaftliche Sicherheit keine voneinander getrennten Themen mehr sind. Sie sind Teil derselben Herausforderung. 

 

Dieser Text ist eine KI-gestützte Übersetzung des englischen Originals durch Birgit Lamm. Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung (Büro Tunis) und ist Teil der Reihe „Spotlights – Perspektiven aus Nordafrika und dem Nahen Osten“. 

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