Blick hinter die Kulissen des Krieges

Fotografen geht es mitunter wie Übersetzern von literarischen Werken: Mann kennt ihre Arbeiten, aber nicht ihre Namen. Dabei prangen die Bilder von Massoud Hossaini mittlerweile auf den ersten Seiten internationaler Tageszeitungen in Hongkong, New York oder Deutschland.
Der 28-jährige aus Kabul arbeitet in der afghanischen Hauptstadt als Fotograf für die französische Nachrichten-Agentur AFP.
Was normal klingt, war alles andere als ein einfacher Weg. Unter den Taliban war Fotografie verboten und eine Hochschul-Fachausbildung für Fotografie gab und gibt es in Afghanistan nach wie vor nicht. Die Situation änderte sich erst mit dem Einzug der Hilfsorganisationen nach dem Fall der Taliban.
Auferstanden aus Kabuls Ruinen
Bei der Medien-Initiative 'Aina' absolvierte Massoud Hossaini eine zweijährige Ausbildung zum Fotojournalisten. Vieles lag 2003 noch in Trümmern, erinnert sich sein Lehrer: "Wir haben damals alte 35 mm-Kameras zusammengesucht, sogar lose Einzelteile wo immer sie uns in die Hände fielen. So konnten wir immerhin defekte Kameras reparieren. Einige der jüngsten Kursteilnehmer waren noch nicht einmal volljährig."
Erste Schritte mit der Kamera hat Massoud Hossaini im iranischen Exil gemacht, wo die Familie fast 20 Jahre lang blieb – aufgrund von Krieg und Bürgerkrieg in der Heimat.
"Ich bin damals stundenlang durch Trümmerfelder gelaufen. Ich fand Kinder, die darin spielten und habe versucht, alles was ich sah, mit eigenen Farben auszumalen", erinnert er sich an die Monate unmittelbar nach der Rückkehr. "Kabul hat mit seinem ganz eigenen Licht und dem Staub in der Dämmerung, trotz aller Zerstörung, eine Ästhetik und Schönheit", findet er.
An die Orte von Selbstmordanschlägen zu fahren, gehört seit geraumer Zeit zum täglichen Brot für den schmächtigen 28-jährigen. "Immer wieder werde ich Zeuge wie Menschen sterben. Immer wieder gilt es, das Aufgewühltsein und die Trauer zu unterdrücken."
Im Gegensatz zu den meisten seiner internationalen Fotografen-Kollegen ist er nicht versichert, wenn ihm etwas zustößt.
Im Spannungsfeld verschiedener Perspektiven
Trotzdem liebt er seinen Beruf und betrachtet sich als privilegiert: "Es macht den Reiz meiner Arbeit aus, dass ich innerhalb eines Tages einerseits das Leben einfacher Menschen abbilden kann und andererseits das offizielle politische Geschehen festhalte."
Sein größter Wunsch ist es, ein Studium im Ausland zu absolvieren. Die Lage in seiner Heimat beurteilt er mit gemischten Gefühlen: "Ziel muss es sein, dass afghanische Armee und Polizei auf absehbare Zeit selbst für die Sicherheit im Land sorgen und von der internationalen Gemeinschaft darin nach Kräften unterstützt werden".
Unlängst waren Hossainis Bilder Teil der Ausstellung 'Unfinished Business' in Berlin. Es sind Motive, die vor allem das Leben fern der Schlagzeilen zeigen. "Viele Bilder von Afghanistan werden in den westlichen Medien nie gezeigt. Das normale Leben und der Alltag gehören dazu."
Moderne Kamera-Ausrüstung
Als Fotograf für eine internationale Nachrichten-Agentur arbeitet Massoud Hossaini im Spannungsfeld zwischen westlichen und östlichen Blickwinkel. Neuerdings ist es für ihn auch möglich, als "embedded journalist" aus Militärcamps der US-Armee fotografieren. Das war für afghanische Journalisten lange nicht möglich.
Beim Goethe-Institut Kabul, wo er über mehrere Jahre an Fortbildungen teilgenommen hat, unterrichtet er mittlerweile gelegentlich in Workshops afghanische Nachwuchsfotografen. Auch für das Nachrichten-Magazin "Der Spiegel" hat er bereits fotografiert.
Seit einigen Wochen ist er besonders froh, denn sein Arbeitgeber hat ihn mit einer neuen Kamera-Ausrüstung ausgestattet. Endlich besitzt er exakt dieselbe Ausrüstung wie seine ausländischen Kollegen, die nach Kabul einfliegen.
Martin Gerner
© Qantara.de 2008