„Der Goldabbau hat sich im Krieg rasant ausgebreitet“

A satellite image of a gold mine in Sudan.
Satellitenbild einer Goldmine in West-Darfur, aus Ahmed Isamaldins Werk „Punctured“ (2024). (Foto: mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

Der Sudan-Krieg hat eine der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit ausgelöst. Ahmed Ismaldin erforscht den Zusammenhang zwischen der Gewalt in seiner Heimat und dem Export von Edelmetallen – auch nach Europa.

Interview von Hannah El-Hitami

Qantara: Ihre Arbeit ist eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft, politischem Aktivismus und Forschung. Wie passt das zusammen? 

Ahmed Ismaldin: Meine Mutter ist Ärztin und mein Vater Maler. So habe ich mich schon immer sowohl für Wissenschaft als auch für Kunst interessiert. Ich habe in Khartum Physik und in Berlin Visuelle Kommunikation studiert.

Im Sudan war Kunst immer politisch. Und angesichts der systematischen Menschenrechtsverletzungen in der gesamten Region verspüre ich seit einigen Jahren das Bedürfnis, nicht nur Werke zu schaffen, die in Galerien gezeigt werden, sondern auch Stellung zu beziehen und Beweismaterial zu sammeln.  

Daher habe ich mich mit investigativer und Open-Source-Recherche beschäftigt. Als Teil der Organisation „Centre for Environmental and Social Studies“ (CESS) untersuche ich ökologische Themen wie Extraktivismus. 

Was bedeutet „Extraktivismus“? 

Extraktivismus bezeichnet den systematischen, weitreichenden Abbau natürlicher Ressourcen wie Gold, Kupfer oder Kobalt, mit oft dauerhaften ökologischen Schäden. Er kann auch mit Gewalt und der Vertreibung indigener und lokaler Gemeinschaften einhergehen, um deren Land, Ressourcen und Arbeitskraft auszubeuten.

A man smiling

Ahmed Isamaldin ist ein Künstler, Grafikdesigner und Forscher aus Khartum, Sudan. Er hat Physik in Khartum und Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin studiert und verbindet er in seiner Arbeit Forschung, Design und künstlerische Interventionen. Er lebt in Berlin.

Welche Rolle spielt Extraktivismus im Sudan? 

Gold ist Sudans wichtigster Rohstoff und in internationale Lieferketten eingebunden. Es wird nicht nur als Luxusgut gehandelt, sondern auch in großem Umfang in Elektrofahrzeugen, Computern, Halbleitern und Leiterplatten verwendet. Da der Trend in Richtung Elektromobilität geht und künstliche Intelligenz zugleich den Bau immer leistungsfähigerer Computer und Rechenzentren vorantreibt, besteht derzeit eine hohe Nachfrage nach Gold.  

Bei der Betrachtung von Satellitenbildern aus dem Sudan habe ich festgestellt, dass sich der Goldabbau während des Krieges rasant ausgebreitet hat. Ich habe einen direkten Zusammenhang zwischen Gold und dem Ausmaß der Gewalt in verschiedenen Gebieten erkannt. 

Inwiefern? 

Das Bestreben, bestimmte Gebiete zu erobern und zu kontrollieren, hängt mit den dortigen Goldvorkommen zusammen. So haben sich beispielsweise in den Regionen Ost-Darfur und West-Kordofan die Kämpfe verschärft und viele Menschen sind ums Leben gekommen, weil dort Gold abgebaut wird. Um den Konflikt im Sudan zu beenden, muss man zunächst die Lieferkette unterbrechen, von der die bewaffneten Gruppen profitieren.

Wer genau profitiert und wie? 

Gold ist einer der wichtigsten Rohstoffe, mit denen die Kriegswirtschaft des Sudan finanziert wird – sowohl in den von den sudanesischen Streitkräften (SAF) als auch in den von den Rapid Support Forces (RSF) kontrollierten Gebieten.  

Beide Streitkräfte profitieren davon, dass sie Abbaugebiete kontrollieren, den Abbau dort betreiben oder schützen und mit Unternehmen und Händlern zusammenarbeiten. Aber auch kleinere bewaffnete Gruppen haben sich Gebiete mit Goldabbau gesichert, um Einnahmen zu generieren. 

Gibt es nicht internationale Sanktionen, die den Import von Gold aus dem Sudan verbieten? 

Es gibt Schlupflöcher. Sudanesisches Gold gelangt über offizielle Exporte, aber auch über umfangreiche Schmugglernetzwerke auf die internationalen Märkte, oft über Nachbarländer wie Ägypten, Tschad und Südsudan, bevor es große Handelszentren, insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), erreicht. Dubai ist seit langem ein wichtiger Abnehmer für sudanesisches Gold.  

Die Lieferketten lassen sich nicht lückenlos nachvollziehen, sodass illegal gehandeltes Gold auch auf den internationalen Markt gelangt. Einige Unternehmen in Europa kaufen dieses Gold, als wäre es legal. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

2024 haben wir anhand von Unternehmensberichten die Schmelzwerke überprüft, die Volkswagen in Deutschland mit Gold beliefern. Jedes Schmelzwerk hat eine Identifikationsnummer, und die Nummer, die Volkswagen als seinen Lieferanten angab, gehört zum staatlichen Schmelzwerk des Sudan.  

Das Werk hat jedoch nach einem Bombenangriff im Mai 2023 seinen Betrieb eingestellt. Im Anschluss wurde es von der RSF übernommen. Als wir Volkswagen dazu befragten, erklärte das Unternehmen, das Gold sei über einen Zulieferer in den VAE geliefert worden. 

Wäre es nicht im Interesse globaler Kunden, Gold aus einem friedlichen Land zu importieren? Ist Goldabbau zu Kriegszeiten etwa lukrativer? 

Wenn die Strukturen eines souveränen Staates zerschlagen werden, senkt das den Preis der Rohstoffe. Der Abbau wird billiger und einfacher, weil es weniger staatliche Kontrolle gibt. Als Käufer braucht man lediglich den Kontakt zu einer bewaffneten Gruppe, die eine bestimmte Mine kontrolliert und einem das Gold liefert. 

Funktionierende staatliche Institutionen können Investoren hingegen Steine in den Weg legen. Es ist viel einfacher, militante Gruppen mit Waffen zu versorgen und ihnen dabei zu helfen, bestimmte Gebiete zu kontrollieren, ohne die Kontrolle über den Staat als Ganzes zu übernehmen. Seit dem Arabischen Frühling ist dies ein sehr lukrativer Markt für die VAE. 

A collage of images from Ahmed Isamaldin's "Punctured"
Ausschnitte aus Ahmed Isamaldins Werk „Punctured“ (2024). (Foto: mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

Sie haben in Ihrer investigativen Arbeit Satellitenbilder von Goldminen verwendet. Wie haben Sie dieses Material in Ihrer Kunst genutzt? 

Der Goldabbau ist eine Verletzung des Landes und der Menschen. Für mich haben Satellitenbilder von Goldminen die Ästhetik von Wunden in der Landschaft, schön und gewaltvoll zugleich. Ich arbeite mit diesen Bildern, um interaktive, kinetische Skulpturen zu schaffen. 

Was wollen Sie Ihrem Publikum vermitteln? 

Ich möchte das weit verbreitete Missverständnis über Kriege hinterfragen – die Vorstellung, dass sie irgendwo weit weg stattfinden und nichts mit uns zu tun haben. Wenn man den Weg der Rohstoffe nachverfolgt, versteht man, dass jeder Krieg mit dem verbunden ist, was wir konsumieren. 

Ihre Arbeit konzentriert sich nicht nur auf diejenigen, die vom Krieg profitieren, sondern auch auf die Zivilgesellschaft, die sich ihm widersetzt. Was ist davon im Sudan nach drei Jahren Krieg noch übrig? 

Wie in den meisten Ländern des Globalen Südens basiert der Widerstand der sudanesischen Zivilgesellschaft auf Dezentralisierung. Während des Aufstands von 2019 gründeten sich Widerstandskomitees in den Nachbarschaften. Sie schufen eine dezentrale Bewegung, die durch Kommunikationsknotenpunkte und kollektive Entscheidungsfindung vernetzt war.  

Aus dieser Bewegung entstanden später die „Emergency Response Rooms“, eines der wichtigsten Basisnetzwerke, die während des Kriegs Leben retten. Sie versorgen die Menschen über Gemeinschaftsküchen mit dem Nötigsten, helfen bei der Instandsetzung und dem Betrieb von Krankenhäusern und richten kleine Feldkliniken ein. Ihre Arbeit basiert auf gegenseitiger Hilfe und kollektivem Überleben, sie ist eine Form politischer Organisation. 

In Ihrer künstlerischen Arbeit verwenden Sie das Bild des Pilzes, um eine widerstandsfähige Zivilgesellschaft darzustellen. Warum? 

Der Pilz ist mein Protagonist, der Held von allem. Was auch immer er zu bewegen versucht, welcher Macht er auch gegenübersteht – letztendlich setzt sich der Pilz durch. Er ist standhaft, friedlich und stabil.  

Um auf die dezentrale politische Arbeit zurückzukommen: Pilze sind durch ein riesiges unterirdisches Netzwerk verbunden, das nicht zerstört werden kann, indem man einen der Köpfe abschneidet. Die anderen Teile können weiterhin gedeihen.

 

Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals. Übertragung durch die Interviewerin mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.  

 

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