„Alle Kriterien für einen Völkermord sind erfüllt“

Eine Gruppe von Menschen greift nach einer Kiste mit Hilfsgütern, die von einem Lastwagen heruntergereicht wird.
Zehntausende flohen aus Darfur, nachdem die RSF im Oktober al-Faschir eingenommen hatte. Helfer verteilen Hilfsgüter in al-Dabbah im Nordsudan, 16. November 2025. (Foto: Picture Alliance / AP | M. Ali))

Der Genozidforscher Scott Straus beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Ursachen von Massengewalt. Seiner Meinung nach zeigt die internationale Untätigkeit angesichts der Verbrechen im Sudan, dass die Politik der Genozidprävention in einer Krise steckt.

Interview von Max Graef Lakin

Qantara: Wird im Sudan ein Völkermord verübt? 

Scott Straus: Die aktuelle Untersuchung der UN stellt fest, dass es in Darfur „Anzeichen für einen Völkermord“ gibt, und ich denke, das ist berechtigt.  

Alle Kriterien für einen Völkermord sind hier erfüllt. Wir sehen die gezielte Verfolgung mehrerer nicht-arabischer ethnischer Gruppen. Die verübte Gewalt entspricht der Definition der Völkermordkonvention – Tötungen, erhebliche körperliche und seelische Schäden sowie das Herbeiführen von Lebensbedingungen, die ein Überleben unmöglich machen.

A man in a grey suit smiling at the camera.
Politikwissenschaftler

Scott Straus ist Professor für Politikwissenschaft an der University of California in Berkeley. Er ist auf die Erforschung von Völkermord spezialisiert und hat zahlreiche Werke zu diesem Thema verfasst, darunter „Making and Unmaking Nations: War, Leadership, and Genocide in Modern Africa“ (Cornell, 2015), das mit dem Grawemeyer Award for Improving World Order ausgezeichnet wurde.

Aus al-Faschir in Darfur liegen zahlreiche Beweise vor. Als die Rapid Support Forces (RSF) die Stadt im Oktober 2025 überrannten, verübten sie Massenmorde auf den Straßen, in Krankenhäusern und in Gebieten, aus denen Menschen zu fliehen versuchten. Die Überlebenden berichten, dass häufig von einer „Säuberung“ der Stadt von Nicht-Araber:innen die Rede war. In Social Media-Beiträgen prahlten RSF-Kämpfer mit der Tötung zahlreicher Zivilist:innen. 

Dazu gibt es einen Kontext: Vor 20 Jahren verübten die Dschandschawid, eine Vorgängermiliz der RSF, in derselben Region einen – wie ich es nennen würde – Völkermord an nicht-arabischen Gruppen. Es sind zwar nicht genau dieselben Akteure, aber dieselbe institutionelle Struktur. Wir können also annehmen, dass es anhaltende Bemühungen gibt, die betroffenen nicht-arabischen Gruppen zu eliminieren beziehungsweise zu vertreiben. 

Wie genau entwickelten sich die Dschandschawid zur heutigen RSF? 

Die Dschandschawid-Miliz wurde Anfang der 2000er Jahre zur Unterdrückung von Aufständen der nicht-arabischen Gruppen Darfurs ins Leben gerufen. Die Regierung bewaffnete und unterstützte damals arabische Gruppen in der Region. Als der Krieg in Darfur abebbte, blieb die Miliz bestehen. Der damalige sudanesische Präsident Omar al-Baschir holte Teile der Dschandschawid nach Khartum. Er wollte die Kämpfer als loyale Gruppe etablieren, die ihn vor einem möglichen Putsch schützen sollte. 

Während des Jemen-Krieges, als Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) den Sudan um Unterstützung baten, schickte al-Baschir 2015 die Dschandschawid (heute RSF) in den Jemen. Dort sammelten die Kämpfer Erfahrung und knüpften Verbindungen zu Akteuren aus den VAE und Russland. Ihr Anführer Hemedti baute in dieser Zeit rund um Goldminen und Schmuggelrouten ein wirtschaftliches Netzwerk auf, häufte ein beträchtliches Vermögen an und wurde im Sudan zu einer einflussreichen politischen Figur.  

So kam es, dass nach dem gemeinsamen Putsch der sudanesischen Streitkräfte (SAF) und der RSF im Jahr 2021 plötzlich ein Mann aus Darfur, Hemedti, an der Spitze des Staates stand. Das war im Sudan zuvor undenkbar. Die RSF hatte sich von einer provinziellen, auf Darfur fokussierten Gruppe zu einem Akteur mit nationalem und sogar internationalem Profil entwickelt.

In Ihrem Buch „Making and Unmaking Nations“ (2015) haben Sie die ideologischen Motive hinter den Gräueltaten der Dschandschawid in Darfur analysiert. Was treibt die Gewalt der RSF heute an? Haben sich die Motive verändert? 

Die Ideologie der arabischen Überlegenheit spielt eindeutig eine Rolle. Die Sprache, die die RSF gegenüber nicht-arabischen Gruppen verwendet, wie etwa „Schwarze“ und „Sklaven“, zeigt, dass sie diese als Bürger:innen zweiter Klasse betrachtet. Solch eine arabische Suprematie beziehungsweise der arabische Nationalismus prägen den Sudan seit seiner Unabhängigkeit, wenn nicht noch länger. Anfang der 2000er Jahre und auch heute liegt diese Ideologie der Gewalt zugrunde.

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In Darfur bestehen darüber hinaus materielle Interessen, die sich mit der ideologischen Grundlage überschneiden. Dabei geht es um die Sicherung des Zugangs zu Land und Wasser, die Menschen in der Region konkurrieren um Ressourcen. 

Die Faktoren, die 2003 zum Völkermord führten, sind heute wieder vorhanden. Wir befinden uns in einem Krieg. Wir haben eine nationalistische Ideologie, die eine auf Identität basierende Hierarchie der Staatsbürgerschaft schafft. Zudem wird die Gewalt kaum eingedämmt, da sie international wenig Beachtung findet. 

Dieser Krieg wird üblicherweise primär als Machtkampf zwischen zwei militärischen Anführern dargestellt. Stimmen Sie dem zu? Gibt es darüber hinaus Faktoren, die den Krieg anfachen?

Es handelt sich ganz klar um einen Machtkampf. Zwei Oberbefehlshaber bedeutender militärischer Fraktionen ringen um die Kontrolle über Staat und Territorium. Das ist ein Faktor, aber es spielen noch einige andere Dynamiken eine Rolle. 

Zum einen die Dynamik zwischen dem Zentrum des Landes und der Peripherie. Seit der Unabhängigkeit regiert eine arabische Elite den Sudan von Khartum aus, beziehungsweise den fruchtbaren Gebieten entlang des Nils. Die sudanesischen Streitkräfte (SAF) sind eine Institution dieser Elite. Die RSF hingegen sind Emporkömmlinge.

Sie sind zwar Araber, stammen aber aus Darfur und waren daher von dieser arabischen Machtstruktur traditionell ausgeschlossen. So erklärt sich die politische Unterstützung für Hemedti in anderen Teilen des Sudans. Es gibt viele Menschen, die das Machtmonopol in den Händen einer arabischen Clique sehen und nun auf eine Chance hoffen, diese historische Machtstruktur aufzubrechen. 

Ein weiterer Aspekt ist die Dynamik zwischen Islamismus und Säkularismus. Al-Burhan, der Anführer der Sudanesischen Streitkräfte (SAF), stützt sich zunehmend auf islamistische Netzwerke, um seine Unterstützung auszubauen. Die SAF verfügt deshalb über eine Machtbasis in den traditionellen islamistischen Zentren des Landes. Die RSF hingegen positioniert sich als nicht-islamistisch und säkular.

Hinzu kommt die internationale Dimension. Die RSF wird von den VAE unterstützt. Die VAE stehen regionalen islamistischen Bewegungen skeptisch gegenüber, weshalb der säkulare Charakter der RSF für sie attraktiv ist. Sie wollen ihre Präsenz in Afrika ausbauen und haben mit der RSF einen Partner gefunden, der in der Region Einfluss hat. Hemedti hat eine mächtige Schattenwirtschaft aufgebaut, was die Unterstützung für RSF befeuert. Gerade die VAE pflegen bedeutende Handelsbeziehungen mit der RSF. 

Auf der anderen Seite des Konflikts unterstützen Ägypten und Saudi-Arabien die SAF. Durch die Rivalität der internationalen Akteure wird der Konflikt komplexer, aber auch die Suche nach einer Lösung. 

Sie forschen seit Jahrzehnten über den Sudan. Ist der Krieg heute ein „vergessener“ Konflikt? 

Für mich, der vor 20 Jahren über den Darfur-Krieg geschrieben hat, ist es wirklich bemerkenswert, wie wenig internationale Aufmerksamkeit es heute im Vergleich zu damals gibt.  

Heute gibt es praktisch keine Berichterstattung, keine Aufmerksamkeit. Vor 20 Jahren gab es erhebliche internationale Einwände, studentische Proteste und eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung. Der Kontrast ist wirklich frappierend. Er verdeutlicht, wie es weltweit um die Völkermordprävention steht. 

Wie erklären Sie diesen Wandel? 

Einerseits wird die uns bekannte Weltordnung in vielerlei Hinsicht umgewälzt und neu geschrieben. Die Verhinderung von Völkermord scheint weniger dringlich als Fragen der globalen Sicherheit, Wirtschaft und Ordnung. 

Ich denke, Gaza ist auch Teil der Geschichte. In weiten Teilen der Welt herrscht die Überzeugung, dass Israel in Gaza einen Völkermord begangen hat und dass niemand etwas dagegen unternommen hat. Tatsächlich unterstützten einflussreiche Staaten Israel und bezichtigten Kritiker:innen Israels des Antisemitismus. Infolgedessen wurde die moralische Autorität des Begriffs Völkermord geschwächt und seine Legitimität schwindet. Es ist schwierig, junge Menschen zu mobilisieren, indem man sagt: „Hey, wir müssen einen Völkermord stoppen!“, denn viele von ihnen haben genau das selbst gefordert. Statt gehört zu werden, wurden sie dämonisiert und als Antisemit:innen beschimpft. 

Der dritte Punkt ist, dass Völkermordprävention schon immer schwierig war. Vor 20 Jahren herrschte vielleicht mehr naiver Optimismus als heute. Im historischen Zyklus der Völkermordprävention gab es zu Zeiten des Darfur-Krieges einen Aufschwung, nachdem die 1990er Jahre mit Srebrenica und Ruanda einen Tiefpunkt markiert hatten. Es herrschte die Überzeugung, dass es besser werden müsse. 

2011 genehmigte der UN-Sicherheitsrat die Intervention in Libyen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Danach wuchs die Sorge, dass humanitäre Interventionen Chaos stiften könnten. Dies untergrub einige der Argumente für eine aktive Völkermordprävention. 

Welcher Ausweg aus der Situation im Sudan wäre denkbar? 

Die Bewegung, die zum Sturz von al-Baschir führte, war wirklich wichtig. Sie hat einen Moment der Hoffnung auf Veränderung geschaffen, der nun allerdings in eine der schwersten Krisen in der sudanesischen Geschichte geführt hat. Und dennoch glaube ich: Es gibt noch Hoffnung.  

Der erste Schritt ist ein Waffenstillstand. Oberstes Ziel sollte es sein, der Zivilbevölkerung zu helfen und künftige Massaker zu verhindern. Im Idealfall würde dann die Rückkehr zu einer zivilen Regierungsform erfolgen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten die wichtigsten Akteure wie die VAE und andere Golfstaaten Wege aus der Krise suchen, anstatt die eine oder andere Seite zu unterstützen. 

Die UN ist derzeit im Grunde handlungsunfähig. Dennoch glaube ich, dass innerhalb der UN die operativen Mechanismen prinzipiell vorhanden sind, um auf die Situation im Sudan aufmerksam zu machen und Zivilist:innen zu schützen. Diese Institutionen könnten wiederbelebt werden. 

Leider halte ich diese notwendigen Schritte im Moment für höchst unwahrscheinlich. Alle anderen großen Krisen weltweit werden höhere Priorität haben. Die Chancen, dass der Sudan in den Mittelpunkt rückt, stehen leider schlecht.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.

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