Aus der Ferne erzählt

Die Hauptdarstellerin steht in einem öffentlichen Minibus, um sie herum andere Passagiere.
„Aisha Can't Fly Away“ läuft jetzt auch in deutschen Kinos. (Foto: Rapid Eye Movies)

Der Krieg tobt weiter, und für viele Sudanes:innen sind Entwurzelung und Exil längst Lebensrealität. Das zeigt sich auch in „Aisha Can't Fly Away” und „Cotton Queen”. Eine Rezension zweier sehr unterschiedlicher Portraits sudanesischer Frauen.

Von Schayan Riaz

Das Kairoer Viertel Ain Shams ist im genreübergreifenden Spielfilmdebüt des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa, „Aisha Can’t Fly Away“, mehr als nur das Setting. Es wird zu einem Protagonisten. Mostafa selbst lebte bis zu seinem 13. Lebensjahr dort und kennt die Härte und Armut des Viertels aus nächster Nähe. 

„Ain Shams ist ein sehr komplizierter Ort“, erklärt er im Gespräch mit Qantara. „Im Laufe der Jahre ist dort eine große Community afrikanischer Migrant:innen entstanden, die mit lokalen ägyptischen Gangs in Konflikte gerät. Diese Spannung hat weniger mit Rassismus zu tun, sondern eher mit Machfragen: Wer kontrolliert Ain Shams?“

Auf Grundlage dieser Erfahrungen positioniert Mostafa seine Protagonistin Aisha (Buliana Simon Drop) zwischen den rivalisierenden Kräften. Die Sudanesin ist vor dem Krieg geflohen, nun lebt und arbeitet sie in Kairo. Im Film wird ihre Nationalität nicht explizit genannt und auch die Gewalterfahrungen im Krieg werden nicht in Bildern gezeigt.

Ihre Herkunft ist trotzdem eindeutig, denn Sudan ist in Aishas Leben ständig präsent. Durch Telefonate in die Heimat, in denen von Eroberungen der Rapid Support Forces die Rede ist, oder durch ein deutliches Gefühl des Verlusts. Zwar lebt Aisha in Ägypten als Altenpflegerin, innerlich verharrt sie jedoch woanders.

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Ihr neues Umfeld bietet ihr kaum rechtlichen Schutz. Wie viele Migrant:innen wird sie gezwungen, illegal zu arbeiten. Die Folge ist nicht nur die Ausbeutung durch den Arbeitgeber, sondern auch Druck durch lokale Gangs, die von ihrem Zugang zu privaten Wohnhäusern profitieren wollen. Hinzu kommt der Mann, den sie betreut und der in ihr eher eine Sklavin als eine Pflegerin sieht.

Mostafas Film profitiert von den Kenntnissen der Lebensrealität vor Ort. Während des Castings hat er ausführlich mit migrantischen Frauen gesprochen und stieß dabei auf eine Arbeitswelt im Schatten der Illegalität. Der Film zeigt diese, verzichtet jedoch auf Sensationslust. Gleichzeitig scheut Mostafa nicht davor zurück, die Brutalität dieser Netzwerke aufzuzeigen.

Ein Vogel, der nicht fliegen kann

Was als sozialrealistischen Porträt beginnt, wird langsam aber sicher unheimlich: Der Film entwickelt sich zum Thriller mit Elementen von magischem Realismus und Body Horror. Dieser fluide Wandel des Genres zeigt sich ausdrucksvoll im wiederkehrenden Element eines Vogelstraußes. 

Aishas Begegnungen mit dem flugunfähigen Vogel, der in etwa so groß ist wie sie, wirken tief und symbolisch. Wie Mostafa erklärt, steht der Vogel für Aishas gesellschaftliche Situation. Als sudanesische Frau in Ägypten gehört sie zwar zur Gemeinschaft migrantischer Arbeiter:innen, aus dieser wird sie jedoch immer wieder ausgegrenzt.

Schon lange beschäftigt Mostafa das Fehlen nicht-ägyptischer Hauptfiguren im ägyptischen Kino. „Ich habe mich immer gefragt, warum es in ägyptischen Filmen nur um Ägypter:innen geht“, sagt er. „In Frankreich oder Deutschland sieht man ständig Filme über Migrant:innen. Warum nicht hier?“ 

Die Lücke versuchte er bereits durch mehrere Kurzfilme zu füllen. „I Promise You Paradise“ (2023) oder „Ward’s Henna party“ (2020) widmeten sich migrantischen Communities in Ägypten. Mit seinem Langspieldebüt konnte er sein Interesse erstmals in eine komplexere, genreübergreifende Form überführen. 

Der emotionale Kern des Films geht auf eine flüchtige Begegnung aus dem echten Leben zurück. Mostafa erinnert sich an eine Busfahrt in Kairo, bei der neben ihm eine junge Frau tief schlief, dann plötzlich schreiend und weinend aufwachte. „Ich begann über ihre Albträume nachzudenken. Über ihre Träume, ihr Leben in Kairo.” Dieser Moment prägte die innere Welt der Protagonistin Aisha und verlieh dem Film seine zurückhaltende, nachdenkliche Tonlage, in der Gewalt eher unter der Oberfläche brodelt statt zu dominieren.

Indem Mostafa die Erfahrung einer sudanesischen Frau ins Zentrum stellt, besteht er auf ihrer Subjektivität, anstatt sie auf ein Symbol zu reduzieren. „Aisha Can’t Fly Away“ schafft Raum für sudanesische Geschichten jenseits des sudanesischen Kinos: nicht nur als ferne Krise, sondern als intime Realität mitten in einer Metropole.

Fünf Mädchen schauen gemeinsam auf ein Handy und reagieren mit unterschiedlichen Emotionen.
„Cotton Queen“ unter der Regie von Suzannah Mirghani kommt im April 2026 in die deutschen Kinos. (Foto: jip film & verleih)

Erinnerungen an die Baumwollfelder des Sudans

Während Mustafas Film das zeitgenössische sudanesische Leben aus der Perspektive von Exil und Entwurzelung beleuchtet, verankert Suzannah Mirghani ihr Spielfilmdebüt in Erinnerung und Mythos. Mirghani zog als Jugendliche aus dem Sudan nach Qatar, ihr Film speist sich aus ihren Kindheitserinnerungen an die Baumwollfelder des Sudans. 

„Cotton Queen“ ist der erste sudanesische Langspielfilm, der von einer Frau geschrieben und inszeniert wurde. Er erzählt eine Geschichte über Familie, Trauma, Geschlechterrollen und das Erbe des britischen Kolonialismus. 

Fernab des engen und düsteren Ain-Shams-Viertels spielt „Cotton Queen“ überwiegend im Tageslicht, mit üppigen Landschaften in satten Farben. Im Mittelpunkt steht die Teenagerin Nafisa (Mihad Murtada). Sie arbeitet bei der Baumwollernte in ihrem sudanesischen Dorf und wächst dort mit den legendären Geschichten ihrer Großmutter al-Sit über den Widerstand gegen die Briten auf. Diese Erzählungen prägen Nafisas Verständnis von Herkunft, Identität und den Erwartungen an sie als junge Frau. 

Als Geschäftsmann Nadir im Dorf auftaucht und den Fortschritt durch gentechnisch veränderte Baumwolle verspricht, wird Nafisa zum Spielball zwischen al-Sits Autorität und Nadirs Zukunftsvision. Ihr Körper und ihre Zukunft werden zur Währung im Handel zwischen den beiden, und so beginnt Nafisa, sich gegen die Traditionen aufzulehnen und ihre Selbstbestimmung einzufordern. 

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„Cotton Queen“ untersucht über drei Generationen sudanesischer Frauen hinweg, wie geschlechtsspezifische Erwartungen durch Rituale, Erzählungen und selbst durch Schweigen weitergegeben werden. Der Film basiert auf Mirghanis preisgekröntem Kurzfilm „Al-Sit“ (2020) und vertieft die darin behandelten Themen. Die Spuren des britischen Kolonialismus werden ebenso herausgearbeitet wie zeitgenössische Formen des Neokolonialismus, durch die traditionelle Strukturen des Dorflebens bedroht sind. 

Weibliche Selbstermächtigung wird hier im Spannungsfeld zwischen den Generationen verhandelt. Für die Großmutter bestimmen abergläubische Traditionen, was ein Mädchen darf und was nicht. Besonders deutlich wird dieser Konflikt in einem wiederkehrenden Motiv: junge Mädchen, die auf ihre Freiheit pochen, jederzeit im Nil schwimmen zu können.

Die Produktionsgeschichte des Films verleiht ihm eine zusätzliche Bedeutungsebene. Aufgrund des anhaltenden Krieges im Sudan war Mirghani gezwungen, die Dreharbeiten nach Ägypten zu verlegen. Schon zuvor hatte sie das Projekt aus der Erinnerung heraus entwickelt, mit der Ungewissheit, ob der heutige Sudan noch mit dem ihrer Kindheit übereinstimmen würde. Am Ende zeigt der Film einen Sudan, der doppelt von der aktuellen Realität getrennt ist: durch die Retrospektive der Autorin gefiltert und außerhalb des Sudans gedreht. 

Gemeinsam betrachtet ziehen „Aisha Can’t Fly Away“ und „Cotton Queen“  zwei unterschiedliche Register der sudanesischen Erzählungen: eine über Exil, die andere über Erinnerung. Ob in Ägypten angesiedelt oder dorthin verlagert, verweisen beide Filme auf ein größeres Phänomen. Sudanesische Geschichten werden zunehmend von außerhalb erzählt. 

Wer diese beiden Filme sieht, setzt sich nicht nur mit Sudans Geschichte und Gegenwart auseinander, sondern erkennt auch die fragilen Bedingungen, unter denen sudanesisches Kino und migrantische Perspektiven überhaupt entstehen und sichtbar werden können. 

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übersetzung durch den Autor.

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