Teheran sehen und sterben…

Es ist eine dauerhafte Binsenweisheit, dass ein differenzierteres Bild des Iran jenseits von Schwarz-Weiß-Klischees not tut. Der in Berlin lebende Künstler und Kurator Tirdad Zolghadr stellt seine Person nun ins Zentrum eines Teheran-Romans, der mit allen Konventionen bricht. Vielleicht mit zu vielen, meint Amin Farzanefar.

Bild Tirdad Zolghadr; Foto: privat
Kurator, Schriftsteller, Filmemacher, Weltenbummler: Zolghadr wuchs in Teheran, Zürich sowie in Nord- und Westafrika auf.

​​Ein jugendlicher Kultursnob, Tirdad Zolghadr genannt, trifft in Teheran ein, um einen Kultort der Shah-Zeit, die legendäre Cocktailbar "Promessa", wieder zu beleben und als Galerie umzuweihen. Die Neueröffnung ist als exquisites Happening geplant, und so surft der Auslandsiraner durch die unterschiedlichsten Szenen der Metropole, trifft Dissidenten, Kunststudenten, Geheimagenten, jettet nach Zürich und Beirut, und verkehrt mit Leitfiguren der internationalen Kunst-Schickeria und -Intelligenzija.

Im Hintergrund beobachtet und protegiert wird Zolghadr von einigen gönnerhaften bis dubiosen Big Playern, die schon mehr als einen Regimewechsel überlebt haben. Onkel Tan etwa, Stella und Großtante Zsazsa, die in ihrer Vorortvilla bereits Anarchisten, Revolutionsgardisten und Dekonstruktivisten gleichermaßen Unterschlupf gewährt hat.

Bald verlässt "Softcore" die ausgetretenen Pfade der üblichen Teheranlektüre, die schnell zu einer Zuschreibung, Wertung oder Stellungnahme findet. Die gängigen Stereotypen von finsterer Mullahkratie oder hedonistischer Partygesellschaft umschiffend, versucht der Romanheld um jeden Preis, klischeefrei, originell und amoralisch zu bleiben.

Im Ästhetischen indes verschwimmt die Trennschärfe zwischen Kollaboration und Widerstand, nahtlos scheinen die Systeme ineinander überzugehen, ein kulturbeflissener ehemaliger Henker sucht vertraulich die Nähe zum Galeristen: "Ja, es sind Fehler gemacht worden." Als Zolghadr für das "Promessa" ein originelles Video sucht, drückt er einigen Revolutionsgardisten eine DV-Kamera in die Hand, damit diese ihren konservativen Alltag aufzeichnen.

Postmoderner Strudel

Eine Handlung ist es nicht, die diesen genusssüchtigen aber vergnügungsunfähigen Erzähler da immer weitertreibt, von Quickie zu Koksline, noch weniger eine Haltung: am ehesten – ein Zwang. Und um nix zu verpassen, hat er – unvermeidlich für den Flaneur von Welt – ein Moleskin-Notizbuch dabei, und permanent zitiert, notiert, kommentiert er. "Verkopft" ist das alles überhaupt nicht, amüsant zu lesen, aber geradezu fetischistisch fixiert auf die Kunstszene, ihren Jargon, ihre Diskurse. Fachfremden Lesern, denen, die "mehr über den Iran erfahren wollen", haut der Autor gelangweilt das Tor vor der Nase zu.

​​Wo bei "Softcore" der Erzähler aufhört und der Autor anfängt, ist nicht auszumachen. Umso weniger als der dreidimensionale, echte Zolghadr als Kurator, Künstler, Redakteur und bekennender Snob ein ähnliches Profil aufweist wie sein literarisches Alter Ego: persisch-schweizerischer Background, Kinderjahre in Afrika – das deckt sich, ebenso wie allerlei Anekdoten und Bekannte, die man traumhaft verzerrt in der literarischen Bearbeitung wieder erkennt.

Doch irgendwie wird dieses im Keim faszinierende Vexierspiel maßlos: Der narzisstische Erzähler verirrt sich in den eigenen Spiegelfechtereien, reflektiert, dies erkennend, auch über seine Pose als Autor, stolpert, und reißt sich und den Leser mit in den Orkus.

Im Osten nichts Neues?

"Softcore" erzählt nichts Neues über Teheran, aber eine Menge über globalisierte Eliten, über Kartellkuratoren und eine internationale Kulturkamarilla, die, völlig losgelöst von der Erde in eifersüchtigem Wettstreit miteinander liegend, neuesten Trends und Theorien nachspürt. Zolghadrs Passage durch diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten erinnert an jene postmoderne Literatur, die keine klaren Identitäten, keine charakterlichen Entwicklungen mehr zulässt. Der Künstlichkeit ihrer Fiktionen und Figuren bewusst, treibt sie ihr Spiel mit Schein und Sein in den Exzess.

Das passt bei aller Bodenlosigkeit mehrfach ins persische Ambiente: Hintertüren, doppelte Wahrheiten und Bedeutungen sind ja in jedem Totalitarismus angelegt, und auch ein Spezifikum der schiitischen Mystik. Und ein System, in dem religiöse Stiftungen die größten Nutznießer des von ihnen verdammten Kapitalismus sind, ist ein üppiger Nährboden für Zolghadrs Doppelbödigkeiten. Wer sich dort für zu findig hält, kann durchaus verloren gehen. Und genau dies geschieht dem Erzähler.

Rettung durch Untergang

Während der Jung-Kurator sich mit einer Proustschen Detailfreude und Akribie der abschätzigen Schilderung von Mobiliar, Interieur, Kaviarhäppchen, Zehenschmuck und Bartmoden widmet, ist er längst schon in den giftgrünen Schlingen einer Intrige gefangen. Die eben seine Gönner eingefädelt haben. Schließlich findet der unreife Erzähler von "Softcore" ein gewaltsames Ende (das er selber noch in seinen Notizbüchern kommentieren muss).

Mit einem merkwürdigen Masochismus scheint der doppelte Zolghadr der Auflösung seines penetranten Egos entgegenzustreben – die dann als Unio Mystica und Märtyrertod gedeutet, doch wieder ein eitles Unterfangen wäre. Egal – Autor, Erzähler, Leser sind längst schon erstickt in den allzu üppigen Falten eines reich ornamentierten Teppichs, genannt "Softcore". Die ewige Pubertät ist zu Ende, Pop ist tot, und endlich ist wieder Platz für eine richtige Erzählung.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2008

Qantara.de

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