Kulturaustausch im Schnittpunkt Kairo

Der DAAD hat jüngst einen mehrsprachigen Sammelband herausgegeben, der mit den Mythen von Orient und Okzident aufräumen und das gegenseitige kulturelle Verständnis fördern will. Von Harald Loch

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat jüngst einen mehrsprachigen Sammelband der verschiedensten literarischen Genres herausgegeben, der mit den Mythen von Orient und Okzident aufräumen und das gegenseitige kulturelle Verständnis fördern will. Von Harald Loch

Buchcover 'West-östlicher Seiltanz'
Hoffnung auf ein tieferes Verständnis der jeweils anderen Kultur - so die Intention der deutschen und ägyptischen Autorinnen und Autoren des "West-östlichen Seiltanzes"

​​"Der Ibn El-Balad kann ein Muslim, ein Christ oder ein Jude sein. Seine Frömmigkeit ist gemäßigt. Er hält an seiner Religion fest, indem er ihre Werte achtet. Er folgt dem Sprichwort: Wenn du geradlinig bist, machst du deine Feinde ratlos." Beim Ibn El-Balad ist die Rede vom Sohn Ägyptens, dem Bewohner Kairos, der größten Metropole des Orients mit über 13 Millionen Einwohnern.

Eine Hommage an Kairo

Hier unterhält der DAAD eine wichtige Außenstelle, die von 1999 bis 2005 von Alexander Haridi geleitet wurde. Zu seinem Abschied hat er mit "West-östlicher Seiltanz – deutsch-arabischer Kulturaustausch im Schnittpunkt Kairo" eine Hommage an diese Stadt herausgegeben, an der sich namhafte ägyptische und deutsche Autoren beteiligt haben.

Der reich illustrierte, mehrsprachige Band auf Deutsch, Englisch und Arabisch versammelt Reflexionen und Perspektiven die weit über ein Städtespiel Kairo - Berlin hinausgehen.

Sie betreffen die Mythen vom Orient und vom Abendland, behandeln Literatur und ihre Übersetzung, zeigen Bilder von "verbotenen Räumen", sprechen vom "Fremden" und von Reformen, und sie betonen die Bedeutung von Kultur und Wissenschaft für das gegenseitige Verstehen.

Seiltanz auch als Drahtseilakt

Das Eingangszitat des "West-östlichen Seiltanz" ist einem bisher nicht veröffentlichten Text des bekannten ägyptischen Autors Gamal al-Ghitani entnommen. Der dieses Zitat beherrschende Optimismus darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass zu seiner Realisierung auch eine wirkliche Auseinandersetzung gehört.

Der "West-östliche Seiltanz" ist bei allen spielerischen Elementen wahrlich keine Zirkusnummer: Eine offene Kontroverse über Fundamentalismus und Terrorismus tragen in diesem Band der Literaturwissenschaftler Eckehard Szurka (TU Braunschweig) und der Germanist und Islamwissenschaftler Sayed Ahmad Fathalia Abouzid (Al-Azhar-Univerität, Kairo) aus.

Sie schenken sich argumentativ nichts - außer der Bereitschaft zu einem schonungslosen Diskurs, als Voraussetzung für den notwendigen interkulturellen Dialog.

Europäische Zerrbilder vom Orient

Um das authentische Vermitteln von literarischen Texten geht es Claudia Ott, der gefeierten Übersetzerin von "Tausendundeine Nacht". Ihr Werkstattbericht über die "archäologische Übersetzungsarbeit" belegt, wie sehr ein vorgeprägtes europäisches Orientbild in früheren Übertragungen den Text verbiegen konnte und wie diese romantisierenden "Nachdichtungen" das verzerrte Orientbild weiter definiert haben.

Etwa 50 Beiträge von deutschen und ägyptischen Autorinnen und Autoren, reißen die Probleme nicht nur an. In ihrer Summe vermitteln sie auch die Hoffnung auf ein tieferes Verständnis auf beiden Seiten.

Sie beglaubigen zudem den eingeschlagenen Pfad für dieses Verständnis, den Offenheit und Neugier auf den Anderen säumen. Das ganze Buch belegt durch die vielfältigen Zusammenhänge der einzelnen Autorinnen und Autoren den Wert der Arbeit der DAAD-Außenstelle in Kairo.

Harald Loch

© Qantara.de 2005

"West-östlicher Seiltanz. Deutsch-arabischer Kulturaustausch im Schnittpunkt Kairo", Hrsg.: Alexander Haridi, Redaktion: Johanna Lutz, Marie Brey, Rania Gaafar, 298 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 3.00.016509.6

www
Mehr auf der Webseite des "West-östlichen Seiltanzes"