Die Sprache nimmt ihm keiner
An manchen Abenden in Kabul öffne ich meinen Laptop und schreibe einen ersten Satz auf Deutsch. Durch das geöffnete Fenster dringen das Hupen der Autos, die Stimmen der Straßenhändler und der Ruf des Muezzins.
In der Stadt spricht man Dari, Deutsch höre ich in meinem Alltag nirgends. Und doch begleitet mich diese Sprache jeden Tag. Zwar nicht auf den Straßen Kabuls, dafür aber an meinem Schreibtisch. Hier entstehen meine Essays. Hier versuche ich, Erfahrungen in Worte zu fassen, die zwischen Österreich und Afghanistan entstanden sind.
Wenn mich jemand fragt, warum ich weiterhin auf Deutsch schreibe, erzähle ich die Geschichte einer Sprache, die mir zunächst fremd war und im Laufe der Zeit zu einem Ort wurde, an dem ich mich verstanden fühlte. Deutsch ist bis heute die Sprache geblieben, in der ich meine Gedanken am klarsten ausdrücken kann.
Wenn ich zu schreiben beginne, verändert sich etwas. Nicht im Außen, sondern in mir. In solchen Momenten scheint die Entfernung zwischen Kabul und Österreich kleiner zu werden. Erinnerungen kehren zurück, leise und beinahe vorsichtig. Auch wenn es naheliegend wäre, denke ich nicht zuerst an mein Asylverfahren, an die negativen Entscheidungen der Behörden und Gerichte oder an meine Abschiebung.
Ich denke an Menschen, an Begegnungen und an Oberalm, jenes kleine österreichische Dorf, in dem ich begriffen habe, dass Sprache weit mehr sein kann als Grammatik und Wortschatz.
Aus dem Deutsch lernen entstand neues Vertrauen
Als ich 2015 Afghanistan verließ und nach Österreich kam, war mir das Deutsche fremd.
Auf meinem täglichen Weg von der Flüchtlingsunterkunft zum Deutschkurs lag eine kleine Bäckerei. Bevor ich die Tür öffnete, wiederholte ich immer wieder denselben Satz: „Grüß Gott. Ein Brot, bitte.“
Ich hatte Angst, Fehler zu machen. Als die Verkäuferin freundlich lächelte und ganz selbstverständlich antwortete, war das für sie vermutlich nur eine alltägliche Begegnung. Für mich war es ein Wendepunkt. Zum ersten Mal fühlte ich mich nicht in erster Linie als Flüchtling. Ich war einfach ein Mensch, der Brot kaufte.
Damals verstand ich etwas, das mich bis heute begleitet: Eine Sprache lernt man nicht allein im Unterricht. Man lernt sie dort, wo Menschen einander mit Geduld und Offenheit begegnen.
Wenig später machte ich dieselbe Erfahrung auf dem Tennisplatz in Oberalm. Im Rahmen eines Integrationsprojekts arbeitete ich am Vormittag freiwillig für die Gemeinde. Ich bereitete die Tennisplätze vor, zog den Sand glatt und richtete die Linien. Nachmittags besuchte ich den Unterricht für meinen Hauptschulabschluss und parallel dazu Deutschkurse. Abends erledigte ich Hausaufgaben, oft hörte ich bis spät in die Nacht deutsche Lernpodcasts.
Fast täglich kam ein Mann namens Eugen zum Tennisspielen. Anfangs wechselten wir nur wenige Worte. Mit der Zeit wurden daraus Gespräche. Er erzählte vom Leben im Dorf, vom Alltag in Österreich und manchmal auch von der Politik. Ich hörte aufmerksam zu, stellte Fragen und suchte nach den richtigen Worten. Wenn ich zögerte, blieb er geduldig.
Solche Begegnungen waren für mich ebenso wichtig wie jeder Sprachkurs. Deutsch bekam Gesichter und Stimmen. Deutsch wurde zur Sprache meiner Freundschaften, meiner Bücher und schließlich meines Schreibens.
Nach meinem Hauptschulabschluss wurde ich am Abendgymnasium Salzburg aufgenommen. Mit jeder bestandenen Prüfung wuchs nicht nur mein Wortschatz, sondern auch das Vertrauen in eine Zukunft in Österreich.
Was nach der Abschiebung blieb
Während ich versuchte, mir in Österreich ein neues Leben aufzubauen, veränderte sich das politische Klima. Über Migration wurde immer häufiger in Zahlen, Verfahren und Statistiken gesprochen. Hinter diesen Begriffen stehen jedoch Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und einer eigenen Geschichte.
Auch ich wurde Teil einer Statistik.
2019 musste ich Österreich verlassen und nach Afghanistan zurückkehren.
An diesem Tag nahm ich nicht nur Abschied von einem Land, sondern auch von einem Alltag, den ich mir über Jahre aufgebaut hatte. Ich ließ Freundschaften zurück, vertraute Wege und den Wunsch, mein Leben dort fortsetzen zu können.
Viele Menschen gehen davon aus, dass mit einer Abschiebung auch die Verbindung zu einem Land endet. Meine Erfahrung ist eine andere. Man kann einen Menschen zwar zwingen, ein Land zu verlassen. Erinnerungen bleiben an der Grenze jedoch nicht zurück.
Das Kabul, in das ich zurückkehrte, war nicht mehr die Stadt, die ich verlassen hatte. Und auch ich war nicht mehr derselbe Mensch: Ich hatte gelernt, mir durch Bildung und Sprache eine Zukunft vorzustellen und meine eigene Stimme ernster zu nehmen.
In Kabul schrieb ich zunächst einzelne deutsche Sätze, damit sie mir nicht verloren gingen. Aus den Notizen entstanden nach und nach Essays. Mit jedem Text wurde mir klarer, dass ich nicht schrieb, um an der Vergangenheit festzuhalten. Ich schrieb, weil Deutsch zu der Sprache geworden war, in der ich meine Erfahrungen am ehrlichsten ausdrücken konnte.
Eine Heimat aus Worten
Heute schreibe ich aus Kabul über den Alltag in Afghanistan, über Begegnungen und über Menschen, deren Stimmen außerhalb des Landes oft kaum gehört werden.
Seit der Machtübernahme der Taliban hat sich das Leben vieler Menschen in Afghanistan tiefgreifend verändert. Mädchen und Frauen wurden von weiterführenden Schulen und Universitäten ausgeschlossen. Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten sowie Künstlerinnen und Künstler mussten ihre Arbeit aufgeben oder das Land verlassen. Wer geblieben ist, erlebt einen Alltag, der von Unsicherheit geprägt ist.
Ich schreibe darüber nicht als Beobachter aus der Ferne, sondern berichte aus meinem eigenen Leben. Schreiben bedeutet für mich nicht, auf alle Fragen Antworten zu haben. Es bedeutet, genau hinzusehen und den Geschichten Raum zu geben, die sonst leicht übersehen werden.
Power consolidated, society reshaped
In the five years since regaining power, the Taliban have cemented their rule in Afghanistan, bringing armed conflict in the country to a relative lull. Their ambitions go beyond maintaining control: they are seeking to transform the country from the bottom up.
Die deutsche Sprache ermöglicht es mir, mit Leserinnen und Lesern im deutschsprachigen Raum im Gespräch zu bleiben. Obwohl viele tausend Kilometer zwischen uns liegen, entsteht durch das Schreiben eine Nähe, die geografische Entfernungen überwindet.
Manchmal sitzt mein Sohn Mohammad Sadiq neben mir, während ich schreibe. Er ist noch klein, aber ich beginne bereits, ihm erste deutsche Wörter beizubringen. Auch meine Frau Aischa kennt inzwischen einfache Wörter – etwa für Küchengeräte, Speisen und andere Dinge, die uns täglich umgeben. So ist Deutsch in unserer Familie ein kleiner Teil des Alltags geworden.
Denn Österreich ist für mich trotz allem kein abgeschlossenes Kapitel. Gerne würde ich mit meiner Frau und meinem Sohn dorthin zurückkehren. Ob das rechtlich möglich sein wird, kann ich heute nicht sagen. Mein großer Wunsch ist es, Germanistik zu studieren. Ich möchte meine Leidenschaft für Literatur weiterentwickeln, Essays, Märchen und Geschichten schreiben und mich durch Sprache auf eine Weise ausdrücken, die Menschen erreicht. Bei Literaturwettbewerben habe ich bereits erste Erfolge erlebt. Das hat mir Mut gemacht, diesen Weg ernsthaft weiterzugehen.
Vielleicht wird mein Sohn mich eines Tages fragen, warum mir diese Sprache so wichtig ist. Dann werde ich ihm erzählen, dass Sprache mehr sein kann als ein Mittel der Verständigung. Sie kann Erinnerungen bewahren, Menschen miteinander verbinden und einem das Gefühl geben, trotz aller Brüche nicht alles verloren zu haben.
Deshalb schreibe ich weiter.
Aus Kabul.
Auf Deutsch.
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