Zu heiß zum Lernen

Schüler in ihren olivgrünen Schuluniformen schreiben während des Unterrichts in ihre Hefte.
Schüler in Sanaa zu Beginn des Schuljahres Ende Juni 2025. (Foto: Picture Alliance / Xinhua Agency | Mohammed Mohammed)

In den Huthi-kontrollierten Gebieten im Jemen richtet sich das Schuljahr nach dem islamischen Kalender. Der Unterricht begann dieses Jahr im Hochsommer. Gesundheitliche Risiken und eine erhöhte Schulabbrecherquote sind die Folge.

Von Nayef al-Hassani

Der zwölfjährige Sultan Awlah hat einen beschwerlichen Weg zur Schule. Bei widrigen Wetterbedingungen, von sengender Sonne bis hin zu heftigen Regenfällen, muss er von seinem Dorf Deir al-Sheikh im Gouvernement Hodeidah im West-Jemen mehr als acht Kilometer laufen.

In der Schule angekommen, sind die Bedingungen kaum besser. Sultan, der die sechste Klasse der Abdullah-Ibn-al-Mubarak-Schule besucht, sitzt in einem überfüllten Klassenzimmer ohne Belüftung oder Klimaanlage. 

„Ich zwinge mich zum Unterricht zu gehen, aus Angst, das Schuljahr zu verpassen“, sagt er, „aber die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit im Klassenzimmer sind extrem anstrengend. Und wenn es regnet, ist die Situation wegen des maroden Gebäudes noch schwieriger.“ 

In den von den Huthis kontrollierten Gebieten hat das Schuljahr in diesem Jahr am 20. Juni begonnen, also genau zu Beginn des Sommers. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten dagegen begann der Unterricht erst am 31. August zu Herbstbeginn.

Einführung des Hidschri-Kalenders

Das Bildungsministerium unter Kontrolle der Huthi-Miliz (die sich selbst als Ansar Allah bezeichnet, Verteidiger Gottes, Anm. d. Red.) entschied 2022, für offizielle Institutionen den islamischen Kalender anstelle des zuvor verwendeten gregorianischen Kalenders einzuführen. 

Schulen in allen von der Miliz kontrollierten Gebieten einschließlich der Hauptstadt Sanaa und Gebiete im Westen und Norden des Jemens sind von der Entscheidung betroffen. Die Behörden rechtfertigten den Schritt als Teil ihrer Bemühungen, „die muslimische Identität in staatlichen Institutionen zu verankern“.

Das islamische Jahr ist etwa zehn Tage kürzer als das gregorianische. Dementsprechend verschiebt sich der Unterrichtsbeginn jedes Jahr. Beispielsweise fiel der Beginn des Schuljahres im ersten Jahr der Einführung des islamischen Kalenders auf Ende Juli 2022, seitdem ist es um etwa 40 Tage nach vorne gerückt und begann dieses Jahr am 20. Juni.

Pädagog:innen und Aktivist:innen werfen dem Bildungsministerium in sozialen Medien vor, die negativen Auswirkungen dieser Politik weiter zu ignorieren. Dabei habe es wiederholt Aufforderungen gegeben, die Entscheidung zu überdenken.

Seit 2014 herrscht im Jemen ein Krieg zwischen der Huthi-Miliz und der international anerkannten Regierung. Entstanden ist eine administrative und politische Spaltung, die sich durch die Übernahme der Hauptstadt Sanaa und mehrerer Gebiete im Norden und Westen des Landes durch die Huthis immer weiter verschärfte. Die international anerkannte Regierung kontrolliert zwar weiter den Süden und Osten, doch seit diesem Monat erobern die Huthis auch im Süden entlang der Meerenge Bab al-Mandab weitere Gebiete.

Ein Beamter des Bildungsministeriums in Sanaa, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, erklärte gegenüber Qantara, Widerspruch gegen die Nutzung des Hidschri-Kalenders im Schulwesen sei nicht möglich: „Die Behörden sehen in jeder Beschwerde eine Feindseligkeit, einen Putschversuch oder Rebellion. Wir befolgen jede Entscheidung, selbst wenn sie sich negativ auf die Bürger:innen auswirkt.“

Ammar Ali, ein 58-jähriger Lehrer an einer Schule im Gouvernement Hajjah im Westen Jemens, beschreibt das Leid an den Schulen: „Die extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit beeinträchtigen die Konzentration der Schüler:innen, was sich direkt auf ihre Leistungen auswirkt. Es gibt auch keinerlei psychologische oder soziale Unterstützung.“

Ein Schulbeginn im Herbst sei für die Schüler:innen besser, sagt Ali, auch weil der Sommer mit hohen Temperaturen und starken Regenfällen zusätzliche Kosten für die Familien bedeute. Die langen Fußwege auf ungeteerten Straßen führten zu Mehrausgaben für Kleidung und Schuhwerk.

Das Schulsystem stehe bereits aufgrund des andauernden Krieges vor großen Herausforderungen wie etwa der maroden Infrastruktur. Die Qualität des Unterrichts leidet außerdem unter den seit Jahren unregelmäßigen und oft ausbleibenden Gehältern für Lehrkräfte. 

Gesundheitliche Auswirkungen

Jemen zählt zu den Ländern weltweit, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind und mit gravierenden Klimaphänomenen wie Überschwemmungen, Dürre und steigenden Temperaturen zu kämpfen haben. Laut einem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) von 2025 entstehen so Schäden an Schulen. Zugleich reiße die Vertreibung von Menschen innerhalb des Landes teilweise Kinder aus ihren Klassenverbänden.

Rund 18,3 Millionen Menschen im Jemen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Laut dem Humanitären Reaktionsplan der UN für 2026 verschärft sich die Situation durch das Zusammenwirken von Klimawandel, anhaltenden Konflikten, wirtschaftlichem Niedergang und dem Verlust von Lebensgrundlagen.

Tamim al-Nahari, Kinderarzt am Thawra-Krankenhaus im Gouvernement Ibb im Zentraljemen, warnt, dass überfüllte Klassenzimmer, hohe Luftfeuchtigkeit und Wetterschwankungen die Häufigkeit von Atemwegsinfektionen und Hautkrankheiten erhöhen. Durch Überschwemmungen und Regenfälle entstehe in Kombination mit oft inadäquaten Abwassersystemen ein erhöhtes Risiko von Darminfektionen. 

Am stärksten seien Kleinkinder und Menschen mit chronischen Erkrankungen gefährdet, so al-Nahari gegenüber Qantara. Für ein sicheres Umfeld in den Schulen müssten der Gesundheits- und der Bildungssektor stärker kooperieren.  

Jungen und Mädchen stehen vor ihrer Schule in einer Schlange an, in der prallen Sonne.
Schüler:innen stehen bei der Morgenversammlung in der Hitze Schlange, Provinz Hajjah, Jemen, 23. Oktober 2022. (Foto: Picture Alliance / AA | Mohammed al-Wafi)

„Wir nehmen die größten Entbehrungen in Kauf, um sicherzustellen, dass unsere Tochter weiter zur Schule gehen kann", sagt Iman Saleh, Mutter einer Viertklässlerin im Gouvernement al-Dhale. Sie beschreibt den Schulweg ihrer Tochter als unbefestigte Wege in unwegsamem Gelände, die sich bei Regen in rutschige, schlammige Pfade verwandeln. „Meine Tochter kommt von diesem beschwerlichen Fußmarsch durchnässt und mit Schlamm bedeckt zurück. Jedes Jahr wird sie früher oder später krank.“

Salehs Familie ist, wie viele Familien in ländlichen Gebieten, für ihren Lebensunterhalt auf Landwirtschaft und Viehzucht angewiesen. Angesichts von Engpässen in den Schulen ist sie gezwungen, Schulmaterialien und Lehrbücher sowie zusätzliche Kleidung für ihre Kinder bereitzustellen. Auch die Behandlung von Krankheiten, die sie sich durch den Schulweg zuziehen, kostet sie hart erarbeitetes Geld.

Immer mehr Kinder brechen die Schule ab

Doch damit nicht genug. Anhaltende Dürre und veränderte Niederschlagsmuster haben zu sinkenden Ernteerträgen geführt und den wirtschaftlichen Druck auf die ärmsten Familien erhöht. Da der Schulbeginn aktuell mit der Hochsaison in Landwirtschaft und Viehzucht zusammenfällt, sind viele Familien gezwungen, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und auf den Feldern arbeiten zu lassen. Entsprechend sinkt die Alphabetisierungsrate.

Kinderarbeit ist im Jemen eine große Herausforderung: 12,5 Prozent der 5- bis 14-Jährigen arbeiten. In ländlichen Gebieten lag dieser Anteil laut einer Studie des jemenitischen Zentralamts für Statistik in Zusammenarbeit mit UNICEF 2025 bei 15,4 Prozent. Statistiken schätzen, dass 3,2 Millionen Kinder im Schulalter keine Schule besuchen.

Der jemenitische Anwalt Ayad al-Khalidi erklärte gegenüber Qantara, es gebe keinen gesetzlichen Rahmen, der Bildungseinrichtungen zu Schutzmaßnahmen für Schüler:innen verpflichtet. Familien hätten zudem keine institutionalisierte Möglichkeit, sich dafür einzusetzen, dass der Schulbeginn erst nach den Hitzewellen und Überschwemmungen terminiert wird. Stattdessen müssten sie Strafmaßnahmen gegen ihre Kinder befürchten, wenn diese nicht zur Schule kommen. Al-Khalidi fordert eine Anpassung des Schulkalenders in Anbetracht des Klimawandels. Dies sei eine dringende humanitäre und rechtliche Notwendigkeit zum Schutz dieser und zukünftiger Generationen.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Version des arabischen Originals. Aus dem Englischen übertragen von Clara Taxis, mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.

 

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