Mehr als eine Meerenge

Iran, Qeshm, 22.04.2019. Menschen im Hafen von Laft am Persischen Golf bei Ebbe.
Die Insel Qeshm ist in Friedenszeiten ein beliebter Urlaubort für Iraner:innen. (Foto: Picture Alliance / Hans Lucas | E. Broncard)

Die Straße von Hormus steht im Zentrum geopolitischer Spannungen. Ein Blick auf den Kulturraum am Persischen Golf zeigt ein anderes Bild: An Irans Südküste verschmelzen afrikanische, indische und arabische Einflüsse, fernab eines homogenen Gottesstaates. 

Von Amin Farzanefar

Saeid Shanbezadeh ist einer der international bekanntesten Musiker aus der Golfregion. Schon früh gewann der aus der Provinz Busher im Südwest-Iran stammende Virtuose den ersten Preis des Fajr Music Festival in Teheran, internationale Erfolge schlossen sich an, mittlerweile lebt er in Frankreich.

Shanbehzadeh – mit Tanz, Perkussion und Gesang vertraut – ist ein Meister der Doppelflöte Ney Jofti, die verbunden mit dem Balg der Sackpfeife Ney Anban den persischen Dudelsack bildet. Die rhythmischen, von Solo-Einsätzen und Improvisationen geprägten Konzerte klingen so gar nicht wie die persische klassische Musik mit ihren melancholisch anmutenden Harmonieschemata.

Remote video URL

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Dass manches bei Shanbehzadeh eher an karibisches Flair erinnert und vieles auch anschlussfähig ist für Jazz-Musiker, rührt von der besonderen Lage und Historie seiner Heimat her: Seit der Antike verknüpften Handelsrouten den Süd-Iran mit der gegenüberliegenden arabischen Halbinsel, mit Ostafrika, mit Indien. Ende des 16. Jahrhunderts, unter portugiesischer Herrschaft, zählte die Stadt Hormus zu den reichsten Handelsstädten der Welt.

Verschiedenste kulturelle Einflüsse gelangten in die Region. So nehmen manche einheimische Musikinterpret:innen sogar in Anspruch, Jazz, Rap, Hiphop und auch Reggae seien hier „erfunden“ worden.

Schwarze Iraner:innen

Zum Handel gehörten nicht nur Waren wie Gewürze und Spezereien, sondern auch Menschen. Viele der am Persischen Golf lebenden Iranerinnen und Iraner sind Nachkommen verschleppter und versklavter Menschen aus Afrika. 

Im Iran definiere sich seit gut zehn Jahren eine junge Generation von Schwarzen Iraner:innen neu, sagt Sara Zavaree, eine in Köln lebende Afrikanistin: „Sie suchen und finden neue Begriffe und markieren mit neuem Selbstbewusstsein Schwarzsein für sich selbst.“ 

Die weltweite Dynamik der Identitätspolitik und das neue Schwarze Selbstbewusstsein haben auch die iranische Diaspora erfasst und 2019 in Los Angeles zur Bildung der global aktiven Online-Plattform „Collective for Black Iranians“ geführt. 

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Auch Saeid Shanbehzadeh hat Vorfahren aus Afrika, in seinem Fall aus Sansibar. Als „Kulturbotschafter“ erzählte er davon, wie im heutigen Iran das Wissen über solche Familiengeschichten nicht offiziell weitergegeben werde:  

„Es ist ein System, das schon meinen Ururgroßeltern vermittelt wurde: Vergesst eure Herkunft, eure Identitäten, dann seid ihr in der iranischen Gesellschaft willkommen. So fing ich an, zu recherchieren, warum ich bin, wie ich bin, warum ich spiele, wie ich spiele, warum ich tanze, wie ich tanze.“

Binnentourismus im Süd-Iran

Insgesamt hat sich im Iran die Wahrnehmung der am Golf gelegenen Provinzen geändert. Früher wurden sie als rückständig und allenfalls interessant für ethnografische Studien angesehen. Später, bis zum aktuellen Krieg, bot der iranische Süden den Iraner:innen, die für Auslandsreisen häufig ein Visum benötigen, Möglichkeiten des Binnentourismus. 

Die Insel Kish ist eine Freihandelszone und bietet – neben ihrem kulturellen und historischen Reichtum – Anreize für Shopping und Aktivurlaub: Quad-Biking, Para-Sailing und Tauchen. Qeshm wiederum, die größte Insel im Persischen Golf, eröffnet mit großen Mangrovenwäldern, funkelnden Stränden und surrealen Landschaftsformationen Erlebnisräume für alternatives Wandern und spirituelle Suche.

Eine iranische Touristin liegt am 29. April 2019 am Roten Ufer der Insel Hormus in der Straße von Hormus im Persischen Golf.
Auch das Wasser um die Insel Hormus ist rot. Iranische Urlauberinnen im Jahr 2019. (Picture Alliance / NurPhoto | M. Nikoubazl)

Neuen Zuspruch findet auch die lange Zeit nur schwer zugängliche kleine Insel Hormus – namensgebend für die aktuell so virulente Meerenge. Das türkisfarbene leuchtende Meer mischt sich hier mit verschiedensten Rot- und Ockertönen, insbesondere nach Regenfällen ein spektakuläres Schauspiel. 

Ursache ist der blutrote Ferroxid-Staub (Gelak), der als Heilerde, Gewürz aber auch als Pigment dient. Seit 2007 fand hier das von dem Eco-Artist Ahmad Nadalian kuratierte Environmental Art Festival statt, bei dem riesige Mandalas mit mythologischen Motiven in den Strand gelegt wurden. 

Der Süden im Kino

Auch das iranische Kino zeigt sich von Schauwerten, historischem Reichtum und der Atmosphäre der Golfprovinzen inspiriert. Aus der Region stammende Filmschaffende wie Amir Naderi und Nasser Taghvai haben sich schon früh der Kultur und den Menschen ihrer Heimat zugewandt.

Der Film „Davandeh” beziehungsweise „The Runner“ (1984), in dem Naderi seine Kindheit im Schatten der Öl-Fördertürme und Raffinerien der nahe dem Golf gelegenen Stadt Abadan nachzeichnet, ist ein bildgewaltiger Klassiker des iranischen Kinos. 

Remote video URL

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Der aus Bandar Abbas stammende Hassan Bani-Hashemi drehte auch einige Kurzfilme mit dem kultisch verehrten Liedermacher Ebrahim Monsefi (1945-1997), bisweilen als „Bob Dylan des iranischen Südens“ tituliert. Monsefi mischte Einflüsse westlicher Folk-Balladen und Hippiekultur mit den Lang-Rhythmen des Indischen Ozeans. Heute wird dieser frühe Singer-Songwriter als unabhängiger Freigeist wiederentdeckt.

Remote video URL

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Die Wiederentdeckung des Südens hat auch zu Filmen wie Mani Haghighis „A Dragon arrives!“ (2016) geführt: In dem psychedelisch gefärbten Mystery-Roadmovie verliert ein aus Teheran angereister Kommissar in einem rätselhaften Mordfall schnell jede Orientierung. Und nimmt auch an Tranceritualen teil, die ihn auf verborgene Wahrheiten hinweisen. 

Interesse für Geister statt islamische Doktrin

Tatsächlich erfasst das neue popkulturelle Interesse im Iran auch den verbreiteten Geisterglauben der südlichen Provinzen, dessen Wurzeln bis in den Sudan und nach Äthiopien reichen. Da Handel und Wandel zwischen den Meeren von den Winden abhingen, kommt diesen in der Mythologie der Region eine zentrale Rolle zu. 

Unter Namen wie Zar oder Dingomaro sind die Geister personifizierte Mächte, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Wenn sie von einem Menschen Besitz ergreifen, ist ein oft tagelanges kollektives Trance-Ritual nötig. Dessen Ziel ist nicht die Austreibung, also der Exorzismus, sondern zunächst die Benennung und dann die Aussöhnung, die Integration des Windes beziehungsweise Geistes in die Person seiner Trägerin oder seines Trägers. 

Im Iran wurde diese komplexe und über mehrere Kontinente verbreitete Zar-Kultur lange marginalisiert: Schon unter dem Schah war sie teilweise verboten; nach der Revolution von 1979 galt sie als unislamisch, so dass die Praktizierenden ihre Rituale, bei denen auch Blut getrunken wurde, heimlich in alten Zisternen abhalten mussten.

Remote video URL

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Sara Zavaree, die sich als Afrikanistin in ihrem Dissertationsprojekt intensiv mit den Geisterritualen der Region auseinandersetzt, sieht auch hier eine Veränderung: „Man beobachtet ein neues spiritualisiertes Interesse von urbanen, gut ausgebildeten jungen Menschen. Gerade unter Leuten, die keine Lust mehr haben auf die islamische Doktrin, die der Regierung überdrüssig sind, bietet Zar einen Möglichkeitsraum, sich spirituell neu inspirieren zu lassen und auszuprobieren.“ 

Auch der Musiker Saied Shanbehzadeh pflegt und erkundet mit seinem Ensemble die Zar-Traditionen. So erfährt Irans diverse und faszinierende Golfregion mit einem neuen Selbstbewusstsein auch mehr Sichtbarkeit.  

Die Neubelegung der Region als Ort alternativer Gegenkultur mag zwar eine gewisse Romantisierung mit sich bringen. Dies ist aber allemal vielfältiger, spannender und zukunftsweisender als die aktuellen Perspektiven der Kriegsparteien rund um die Meerenge von Hormus. 

© Qantara.de