Versklavte Muslime sind Teil der US-Geschichte

Portraits of two enslaved people: Ayuba Suleiman Diallo and Abdul Rahman Ibrahima ibn Sori. (Picture: National Portrait Gallery and Library of Congress via Wikimedia)
Nach Amerika verschleppt: der religiös hochgebildete Diallo und der westafrikanische Prinz Ibn Sori. (Bild: National Portrait Gallery und Library of Congress via Wikimedia)

Die Geschichte des Islams in den USA reicht bis in die Gründungszeit des Landes zurück: zu den Millionen versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner, von denen Schätzungen zufolge bis zu ein Drittel muslimisch waren. Drei Porträts.

Von Nareman Amin, Leila Tarakji

Muslim:innen haben in den USA oft mit negativen Vorurteilen und Misstrauen zu kämpfen. Vor allem seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 werden sie häufig als Fremde dargestellt. Tatsächlich sind Muslim:innen jedoch schon seit der Gründung der Vereinigten Staaten präsent — ein eher unbekanntes Kapitel der amerikanischen Geschichte. 

Forscher:innen gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent der Afrikaner:innen, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert versklavt und auf den amerikanischen Kontinent gebracht wurden, muslimisch waren. 

In ihrem 1998 erschienenen Buch „Servants of Allah“ (Die Diener Allahs) beschreibt die Historikerin Sylviane A. Diouf die Geschichte der hunderttausenden versklavten Muslim:innen. Ihr zufolge waren unter ihnen „Geistliche, Gelehrte, Studierende, Mitglieder von Herrscherfamilien und Händler:innen“. 

Mit dem Aufkommen des Islam in Westafrika stieg auch die Alphabetisierungsquote in der Region. Muslim:innen lernten Arabisch, die Sprache des Korans, in Schrift und Wort. Manche der versklavten Menschen konnten das, was sie erlebten, selbst dokumentieren und zwar auf einer Sprache, die ihre Sklavenhalter:innen nicht verstanden. 

Darüber hinaus konnten afrikanische Muslim:innen in ihrer grauenvollen Lage auf ihren Glauben als Quelle von „Hoffnung, seelischem Trost und innerer Flucht“ zurückgreifen, so Diouf.

Als Islamwissenschaftler:innen haben wir die Schriften vieler dieser versklavten afrikanischen Muslim:innen untersucht. Ihre Berichte geben uns Einblick in ihr Leben sowie in die kulturellen Traditionen, die sie mit über den Atlantik brachten. Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben spielte teilweise eine wichtige Rolle auf ihrem Weg zur Freiheit.

Omar ibn Saids Autobiografie

Einer der berühmtesten versklavten Muslim:innen in der amerikanischen Geschichte war Omar ibn Said. Geboren 1770 im heutigen Senegal in Westafrika, studierte Ibn Said 25 Jahre lang Arabisch, den Koran, Islamische Theologie und Islamisches Recht. Im Jahr 1807 wurde er im Alter von 37 Jahren gefangen genommen, versklavt und auf einem Sklavenmarkt in Charleston, South Carolina, verkauft.

Ibn Saids 1831 auf Arabisch verfasste Autobiographie ist bis heute erhalten. Er schreibt darin, dass er von einem Mann versklavt worden sei, der „Gott nicht fürchtet“ und brutal sei. Ibn Said floh, wurde jedoch festgenommen und eingesperrt. Im Gefängnis schrieb er auf Arabisch an die Wände seiner Zelle.

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Fernsehbeitrag zu Omar ibn Said des türkischen Nachrichtensenders TRT World. Youtube/TRT World

Er erregte die Aufmerksamkeit von John Owen, der später Gouverneur von North Carolina werden sollte. Owen kaufte Ibn Said und schenkte ihn seinem Bruder. Dank seiner Lese- und Schreibkenntnisse kam Ibn Said zwar aus dem Gefängnis frei, aber nicht aus der Sklaverei.

Seine 15-seitige Autobiografie beginnt Ibn Said mit einem Ausschnitt aus dem Koran, mit der Sure „Al-Mulk“. Der erste Vers lautet: „Segensreich ist Derjenige, in Dessen Hand die Herrschaft ist, und Er hat zu allem die Macht“. Damit habe Ibn Said die Legitimität der Sklaverei an sich infrage gestellt, so der Historiker Ala Alryyes: Gott allein ist Eigentümer und Schöpfer aller Dinge.

Ibn Said starb 1864 nach fast 60 Jahren als Sklave, fast hundert Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA. Ein Jahr nach seinem Tod wurde die Sklaverei abgeschafft.

Flucht in die Freiheit

Ayuba Suleiman Diallo, oder Job Ben Solomon, wurde 1701 in eine wohlhabende westafrikanische Familie hineingeboren. Sein Vater war ein bekannter muslimischer Gelehrter, mit dessen Hilfe Diallo schon als Jugendlicher den gesamten Koran auswendig lernte. Diallo war 30 Jahre alt, als er gefangen genommen und über den Atlantik verschifft wurde. 

Seine Biografie „Erinnerungen an das Leben von Job Ben Solomon“, 1734 verfasst vom britischen Richter und Minister Thomas Bluett, ist die erste Biografie einer afroamerikanischen Persönlichkeit. In seinem Buch bewundert Bluett Diallos tiefe Religiosität, insbesondere dessen Fähigkeit, den Koran auswendig zu rezitieren: „Sein Gedächtnis war außergewöhnlich; mit 15 Jahren konnte er den gesamten Koran auswendig aufsagen.“

Bluett zufolge betete Diallo auch in der Sklaverei fünfmal täglich. Er habe dafür seinen Arbeitsplatz verlassen und sich zum Beten in den Wald zurückgezogen. Weiße Kinder seien ihm oft gefolgt, um ihn zu verspotten oder ihm Dreck ins Gesicht zu werfen.

Ein Jahr nach seiner Versklavung war eine dieser Begegnungen Auslöser für Diallos Flucht. Wie Ibn Said wurde auch er festgenommen und inhaftiert. 

Im Gefängnis traf er auf Bluett, der sich alsbald für ihn interessierte. Bluett machte eine Person ausfindig, die Diallos Muttersprache Wolof sprach, eine im Senegal und anderen westafrikanischen Ländern verbreitete Sprache. 

Bewegt von Diallos Lebensweg, schrieb Bluett dessen Geschichte auf und verhalf ihm schließlich zur Freiheit. Nach der Veröffentlichung seiner Biografie, mit der Bluett den englischen Adel erreichen wollte, erlangte Diallo die Freiheit und verbrachte den Rest seines Lebens im Senegal, wo er 1773 starb.

Ein versklavter Prinz

Aus den Geschichten früher Muslim:innen in Amerika sticht die von Abdul Rahman Ibrahima ibn Sori besonders hervor. Als westafrikanischer Prinz wurde Ibn Sori 1788 im Alter von 26 Jahren versklavt, zwölf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA. Die nächsten 40 Jahre verbrachte er in Sklaverei.

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Videotalk zum versklavten Prinzen Ibn Sori aus dem Jahr 2022. (Youtube/Library of Congress)

Als Feldarbeiter hatte Ibn Sori keine Möglichkeit, einen Koran zu lesen. Also begann er, arabische Buchstaben in den Sand zu zeichnen — eine Verbindung zu seiner Heimat, seinem Glauben und seiner Kultur. 

Ibn Soris königliche Abstammung und seine Fähigkeit, auf Arabisch zu lesen und zu schreiben, faszinierten den Zeitungsverleger und Redakteur Andrew Marschalk. Er erklärte sich bereit, Ibn Sori zu helfen, einen Brief in dessen afrikanische Heimat zu schicken. In diesem schrieb Ibn Sori 1826 aus dem Gedächtnis Koranverse nieder. 

Marschalk schickte den Brief an den US-Senator Thomas Buch Reed. In seinem Anschreiben bezeichnete er Ibn Sori jedoch fälschlicherweise als Mitglied der marokkanischen Königsfamilie — dabei stammte dieser aus dem Fouta Djallon, einer Region im heutigen Guinea. 

Mehrere Politiker wurden auf den Brief aufmerksam, bis er schließlich in die Hände des marokkanischen Sultans Abd al-Rahman ibn Hisham gelangte. Dieser setzte sich bei Präsident John Quincy Adams für Ibn Soris Freilassung ein. 

Der Lehrer Thomas H. Gallaudet, Gründer der ersten amerikanischen Schule für gehörlose Menschen, veröffentlichte Ibn Soris Geschichte in dem Pamphlet „Eine Stellungnahme bezüglich des maurischen Prinzen Abduhl Rahhahman“. Mit dem Verkauf der Broschüre wurde Geld für ihn und seine Familie gesammelt, damit sie freikommen und in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Die Gelder ermöglichten tatsächlich die Freilassung Ibn Soris und seiner Frau Isabella; nach Afrika kehrten sie jedoch nie zurück. Kurz nach seiner Befreiung starb Ibn Sori an Cholera. Mindestens sieben seiner Kinder blieben in Mississippi versklavt.

Muslimische Sklavinnen: warum so wenig bekannt ist

Von Frauen sind wesentlich weniger Geschichten dokumentiert. Dennoch versucht Diouf in ihrem Buch zu rekonstruieren, wie ihre Lebensläufe ausgesehen haben könnten. Einige Hinweise liefern historische Dokumente, etwa Meldungen über flüchtige Personen mit muslimisch klingenden Namen wie Fatu, Jenaba oder Safiyata. 

Diouf fand heraus, dass Frauen eine entscheidende Rolle dabei spielten, die muslimische Identität ihrer Communities zu bewahren, selbst wenn ihre Geschichten nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhielten wie die von manchen versklavten männlichen Gelehrten. 

Die Frauen behielten, wenn möglich, ihre muslimisch klingenden Namen. Sie praktizierten Wohltätigkeit, gaben das Wenige, das sie besaßen, an Bedürftige und versuchten trotz aller Widrigkeiten, ihren islamischen Glauben und religiöse Praktiken an ihre Kinder weiterzugeben. 

Heute stammen muslimische Amerikaner:innen aus allen Ecken der Welt. Afroamerikaner:innen stellen mit 30 Prozent den größten Anteil amerikanischer Muslim:innen, manche von ihnen können ihren Stammbaum bis zu den versklavten afrikanischen Muslim:innen zurückverfolgen. Ein Blick in die frühe Geschichte Amerikas verdeutlicht die langjährige Präsenz von Muslim:innen in den USA, von denen viele am Aufbau des Landes mitgewirkt haben — und dies bis heute tun.

 

Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Originals von Jana Treffler. Das Original ist eine Zweitveröffentlichung von The Conversation mit Creative-Commons-Lizenz.

 

© The Conversation/CC