Mit Humanismus und Humor
Der Automechaniker Vahid meint, seinen Folterer Eqbal wiederzuerkennen, der wegen einer Autopanne in der Werkstatt aufkreuzt. Zu vertraut sind dem ehemaligen Häftling die Stimme und der hinkende Gang des Mannes.
Kurzerhand entführt Vahid ihn in seinem Van. Zunächst erwägt er, ihn in einem Ödland nahe Teheran lebendig zu begraben. Dann ist er sich aber nicht ganz sicher und sucht seine Mitgefangenen von einst auf, um zu beratschlagen, wie mit ihrem Peiniger umzugehen sei.
Soweit die packende Ausgangssituation von Jafar Panahis Film „Ein einfacher Unfall“ (It Was Just an Accident/یک تصادف ساده), für den der iranische Regisseur im Mai die Goldene Palme von Cannes erhielt und der nun in den Kinos anläuft. Im Verlauf des Films gestaltet sich Vahids Suche nach weiteren Leidensgenossen als lebendige Bestandsaufnahme der Teheraner Gesellschaft.
Mit dem betäubten Eqbal, hinten im Van verstauten, geht es quer durch verschiedene Milieus: von der Autowerkstatt über eine Buchhandlung direkt zu einem Hochzeits-Shooting, wo Shiva, eine Leidensgenossin, als Fotografin arbeitet. Die temperamentvolle Braut Goli – auch eine Mitinsassin – kommt samt Bräutigam gleich mit.
Bei der Premiere des Films in Cannes zeigten sich alle bewegt, denn dass Panahi gemeinsam mit den Schauspielern einen seiner Filme im Kino sehen konnte, war seit 2010 nicht mehr vorgekommen. Mehrmals war der heute 65-Jährige von westlichen Festivals eingeladen worden, vergeblich. Auf der Berlinale 2011 symbolisierte ein leerer Stuhl das Ausreiseverbot aus dem Iran.
Seither hat sich Panahi trotz Berufsverbots, Hausarrests und drohender Haftstrafe nicht von der Arbeit abhalten lassen. Sechs Filme entstanden, allesamt preisdekoriert. Dicht an der Person und am Schicksal des aus der nordiranischen Grenzprovinz Aserbaidschan stammenden Filmemachers gehalten, verweisen Panahis Werke immer auch auf die allgemeine Lage von Kulturschaffenden im Iran und ihren Kampf um Gedankenfreiheit.
„This is not a Film“ (2011) war schon im Titel eine ironische Unterwanderung des Drehverbots. Darin überlegt ein deprimierter Panahi in der Isolation des Hausarrests, wie er mit minimalen Mitteln einen Film drehen kann. Auch in „Closed Curtain“ (2013) verschanzt sich der Protagonist, diesmal ein dissidentischer Schriftsteller, hinter den zugezogenen Vorhängen einer Villa.
Für „Taxi Teheran“ wurde Panahi 2015 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet. Darin spielte er sich selbst als munteren Taxifahrer, der sich mit Fahrgästen über Privates wie Politisches unterhält. Es braucht manchmal wenig mehr als eine im Auto montierte Kamera, um einen Querschnitt durch eine ganze Gesellschaft zu geben. Es folgten noch das Road Movie „Three Faces“ (2018) und „No Bears“ (2022).
Soziale Blasen im Auto
All diese „kleinen“ Filme verbindet ein großes Thema: Sie benennen die zerstörerischen Auswirkungen einer Diktatur, ohne dabei einen zugewandten, oft ironischen Blick auf die Menschen und ihre Lebensumstände aufzugeben.
Diesen Humanismus teilt Panahi mit seinem Mentor Abbas Kiarostami, der ebenfalls erkundete, wie durch den Dreh aus einem Autofenster gleitende Übergänge von Milieus und Schauplätzen geschaffen werden können, und wie zugleich im Wageninneren eine der Überwachung entzogene soziale Blase entsteht.
Im politischen Engagement überschreitet Panahi seinen enigmatischen Lehrmeister allerdings. 2022 wurde Panahi – erneut – inhaftiert, nach einer sechsmonatigen Haftstrafe aber wieder freigelassen, weil das 2010 verhängte Urteil nicht mehr rechtskräftig war. Prompt begann er, wieder ohne Genehmigung, an seinem wohl kritischsten Werk zu arbeiten: „Ein einfacher Unfall“.
Auch dieser Film ist so gedreht, dass die Crew jederzeit hätte einpacken können: eine einfache szenische Anordnung, die sich auch als Theaterstück umsetzen ließe. Jeder der Leidensgenossen, die der Automechaniker Vahid um Rat fragt, hat eine eigene Meinung, wie mit dem Beschuldigten, der hartnäckig alles abstreitet, umzugehen sei.
Die einen wollen kurzen Prozess machen, andere ein Geständnis herausprügeln. Wenn man ihn laufen ließe, müsse man seine Rache fürchten, aber wenn man ihn umbrächte, wäre man nicht besser als seinesgleichen. Dabei wird Eqbal, der vermeintliche Folterer, ebenfalls als Mensch, als treusorgender Familienvater gezeichnet.
Starke Frauenfiguren im iranischen Kino
Auch im vielfach prämierten Film „Die Saat des heiligen Feigenbaumes“ von Mohammad Rasoulof, der 2010 zusammen mit Panahi verurteilt wurde, ging es um solch eine Täterfigur. In beiden Filmen brechen die Repräsentanten eines brutalen Patriarchats unter dem Druck von Frauen zusammen, die zurückschlagen.
Die Geschichte einer Oscar-Nominierung
Der in Iran gedrehte Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ geht bei den Oscars für Deutschland ins Rennen. Er spiegelt politische und inter-generationale Konflikte der iranischen Gesellschaft, blendet aber die kurdischen Ursprünge der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung aus.
Dass Frauen bei Panahi häufig ohne Kopftuch zu sehen sind, ist seit den „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten Normalität im Teheraner Stadtbild und birgt kein Skandalpotenzial mehr. Goli, die Braut in „Ein einfacher Unfall“, tritt im Laufe des Films auch mal zu und generell lautstark in Erscheinung. Shiva, die Fotografin, geht handgreiflich mit dem Entführten ins Gericht – und gibt dem Film die entscheidende Wendung. Das iranische Kino hatte schon immer starke Frauenfiguren.
Bedenklicher ist, dass Panahi im Film die Folterpraxis im Iran benennt, ihre Folgen zeigt und dennoch eine gesellschaftliche Utopie formuliert: Das Volk nimmt nicht Rache, sondern rauft sich zu einem demokratischen Prozess zusammen, um über den Umgang mit ihrem mutmaßlichen Peiniger zu beratschlagen. Zentral für den Humanisten Panahi ist die Frage, ob die Überlebenden um ihrer gemeinsamen Zukunft willen auf Vergeltung verzichten können.
Mit solchen Gewissensfragen und Erwägungen erinnert „Ein einfacher Unfall“ an Klassiker eines moralisch bewussten US-Kinos wie etwa den Gerichtsfilm „Die zwölf Geschworenen“ oder auch an eine ganze Handvoll Western. Panahi lässt in diesem ernsten Umfeld dennoch Raum für alltägliche Banalitäten, Situationskomik.
Da sind etwa die zahlreichen deftigen Flüche, die Dialoge voll derbem Wortwitz. Oder die zwei Ordnungshüter, denen der Wagen verdächtig vorkommt, die aber gegen Zahlung einer zufriedenstellenden Gebühr von der Kontrolle des Wageninneren absehen, nachdem sich die Truppe, die gerade kurz davor war, eine Prügelei anzufangen, als lustige Hochzeitsgesellschaft ausgibt – Braut und Fotografin hat man ja dabei.
Dass Panahi den Zuschauer immer wieder lachen lässt, ist vielleicht die größte Waffe seines widerständigen Kinos. Während einer internationalen Promo-Tour für den Auslands-Oscar, den der Film im kommenden März gewinnen könnte, wurde er wegen „Propaganda gegen das System“ zu einem Jahr Haft und zwei Jahren Ausreisesperre verurteilt, wie Anfang Dezember bekannt wurde. Der Iran gönnt seinen Filmemachern den Erfolg nicht.
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