Sklaven-Drama entfacht nationale Identitätsdebatte

رجل أسمر البشرة بلحية مجعدة والسيف في يده في مبارزة مع رجال آخرين.
Asad (Mohamed Ramadan) führt im Film einen Sklavenaufstand an. (Foto: Asad Instagram)

Ein Historienfilm wird in Ägypten zum Politikum: Kritiker werfen dem Film „Asad“ vor, historische Tatsachen zu verfälschen und „afrozentristische“ Narrative zu bedienen. Dahinter steht ein größerer Kulturstreit.

Von Rehab Eliawa

Aus einem afrikanischen Land, das ungenannt bleibt, wird ein Schwarzer Junge verschleppt. Einem glücklichen Leben wird er entrissen und als Sklave nach Ägypten gebracht. Weil er nach Aussage seiner Verkäufer „aufsässig“ ist, wird er Asad (Löwe) genannt – ein Name, dem er Jahre später gerecht wird, als er zu einem Anführer aufsteigt, der andere Sklaven zum Freiheitskampf inspiriert. 

So lässt sich der Film „Asad“ zusammenfassen, der im Ägypten des 19. Jahrhunderts spielt, als Sklaverei in dem Land am Nil noch weit verbreitet war. Schon vor seinem Kinostart hatte der Film – geschrieben von den Geschwistern Khaled, Sherine und Mohamed Diab und von Letzterem auch inszeniert – heftige Kontroversen in Ägypten losgetreten.  

Dass „Asad“ Empfindlichkeiten auslöst, überrascht kaum. Es beginnt bereits beim zentralen Thema des Films: der Freiheit. Im derzeit verschlossenen politischen Klima und vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen in der Region empfinden manche jede Auseinandersetzung mit Freiheit als unpassend – selbst wenn sie über historischen Stoff erfolgt. 

„Meine Frau fragte mich: Will der Film etwa, dass wir eine Revolution starten?“, polemisierte beispielsweise der Journalist Maher Farghali in einem Video, das er postete, nachdem er den Film gesehen hatte.

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Kontroverse über Afrozentrismus

Doch eine andere Kontroverse überlagert die Diskussion über Freiheit: der Vorwurf, der Film unterstütze den sogenannten Afrozentrismus, eine internationale Bewegung, die im 20. Jahrhundert als Reaktion auf Rassismus gegenüber Schwarzen entstand. 

Zu den schärfsten ägyptischen Kritikern dieser Stoßrichtung gehört Magdi Shaker, leitender Archäologe im Kulturministerium in Kairo. In einer TV-Sendung erklärte er, die visuelle Gestaltung des Films und einige Symbole öffneten Tür und Tor für Interpretationen, dass der Film afrozentristische Ideen verbreite. Dies geschehe auf Kosten der historischen Identität der arabischen Region. 

Der Ansatz des Afrozentrismus besteht darin, Geschichte und Kultur neu zu betrachten, indem der afrikanische Mensch ins Zentrum der Analyse gerückt wird. Er soll nicht länger lediglich als Sklave oder Beherrschter betrachtet werden, sondern als Schöpfer von Zivilisationen. 

Und hier kommt Ägypten ins Spiel: Die Vordenker der Bewegung, allen voran der US-Amerikaner Molefi Asante, vertreten die Auffassung, die altägyptische Zivilisation der Pharaonen sei auf den Schultern Schwarzer Afrikaner errichtet worden

Im heutigen Ägypten hat diese Sicht auf das antike Ägypten in den vergangenen Jahren immer wieder zu Debatten über die arabische kulturelle Identität des Landes geführt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wer das Erbe des antiken Ägypten für sich beanspruchen kann. 

Im Fall von „Asad“, in dem der südägyptische Schauspieler Mohamed Ramadan die Hauptrolle spielt, genügte bereits die Abbildung eines Schwarzen Sklaven auf dem Filmplakat, um Befürchtungen zu wecken, der Film verbreite afrozentristische Ideen.  

Die Sorge dürfte auch durch frühere Produktionen genährt worden sein, vor allem durch den Netflix-Dokumentarfilm „Queen Cleopatra“ (2023), der Debatten auslöste, weil Kleopatra als Schwarz dargestellt wurde. 

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Der ägyptische Comedian Bassem Youssef und der US-Schriftsteller Ernest Owens diskutieren in der Sendung „Piers Morgan Uncensored“ über den Film „Cleopatra“ und afrozentrische Themen auf Netflix. "They Are Stealing My Culture!" Bassem Youssef On Netflix's 'Cleopatra' Casting

Kemet-Bewegung mobilisiert gegen den Film

„Asad“ spielt allerdings im 19. Jahrhundert, also viele Jahrhunderte nach der pharaonischen Epoche, auf die sich die afrozentrischen Behauptungen beziehen. Möglicherweise gingen die Filmemacher:innen deshalb nicht davon aus, mit dem Afrozentrismus-Vorwurf konfrontiert zu werden. 

Autor und Regisseur Mohamed Diab wies den Vorwurf auf Facebook denn auch vehement zurück: „Afrozentrismus bedeutet zu behaupten, die heutigen Ägypter seien Eindringlinge und die ägyptische Zivilisation sei afrikanischen Ursprungs und von Afrikanern aufgebaut worden.“ Dies sei „leeres Gerede“. 

„Jeder, der ‚Asad‘ gesehen hat, weiß, dass bereits in der ersten Szene Sklaven von englischen Piraten in Afrika entführt und anschließend erst in Ägypten verkauft werden. Die Sklaven im Film sind also nicht ägyptischer Herkunft – das widerlegt diesen haltlosen Vorwurf.“ Die Macher des Films, betonte er zur Sicherheit, seien ägyptische Patrioten.  

Zusätzlichen Auftrieb erhielt die Kontroverse durch die seit einigen Jahren erstarkende Kemet-Bewegung. „Kemet“ ist der altägyptische Name Ägyptens. Die nationalistische Gruppe betrachtet Ägypten im Licht seiner altägyptischen Vergangenheit und vertritt die Auffassung, das Land sei einer arabischen Eroberung zum Opfer gefallen. Nur durch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln könne es wieder zu sich selbst finden.

Der Kemet-Bewegung schlossen sich aber auch Anhänger:innen der Regierung an, die in ihrer Kritik am Film „Asad“ eine stark nationalistische Haltung einnahmen. So fragte der Administrator einer kemetistischen Facebook-Gruppe etwa, warum im Film nicht eine “nationale Idee “ verfolgt werde statt einer, die zwangsläufig Kontroversen auslöse. 

Vorwürfe der Geschichtsfälschung

Doch mit der Afrozentrismus-Debatte enden die Kontroversen um „Asad“ noch nicht. Dem Film wird auch vorgeworfen, historische Fakten zu verfälschen. So soll er den gegen die Abbasiden-Herrschaft gerichteten Zandsch-Sklavenaufstand in Mesopotamien im 9. Jahrhundert ins Ägypten des 19. Jahrhunderts verlegt haben, obwohl sich ein vergleichbarer Aufstand dort nie ereignet habe. 

In einem Interview reagierte Regisseur Diab auch auf diese Kritik: Der Film sei lediglich „von wahren Ereignissen inspiriert“, betonte er. Dies gebe den Autor:innen die Freiheit, Wahrheit und Fiktion im Dienst der Handlung miteinander zu verbinden. 

Die Filmkritikerin Alia Talaat verteidigte gegenüber Qantara grundsätzlich das Recht, Geschichte für ein künstlerisches Werk zu nutzen, solange nicht behauptet werde, ein streng historisches Werk vorzulegen.  

Gleichzeitig kritisierte sie jedoch, dass in „Asad“ explizit das Jahr 1840 erwähnt und mit Kairo auch ein konkreter Ort genannt wird. Dadurch hätten sich die Filmemacher:innen unnötig angreifbar gemacht. Eine präzise Jahresangabe hätte sich vermeiden lassen. 

Die eigentliche Handlung des Films setzt jedoch erst später ein, als Asad bereits erwachsen ist. Die Kamera zeigt ihn, wie er vor dem Wagen seiner Herren den Weg freimacht. Für einen Sklaven ist Asad relativ privilegiert; er beaufsichtigt neu angekommene Sklaven, die in Käfigen eingesperrt sind, verteilt Nahrung und Wasser und empfindet Mitleid mit einem kleinen Jungen, der nichts essen will. Er öffnet er dessen Käfig und versucht, ihn zu füttern.

Auch diese Darstellung der Sklaverei in Ägypten stößt auf Kritik: Der unabhängige Archivar Issam Fawzi, der über eine umfangreiche Sammlung alter Zeitungen, Zeitschriften und Dokumente verfügt, weist zurück, was er als „Verfälschung der Geschichte“ zugunsten einer Handlung bezeichnet, die aus anderen Werken übernommen worden sei.  

„In Ägypten wurden Sklaven nicht in dieser Weise erniedrigt“, so Fawzi gegenüber Qantara. Die meisten seien zudem nicht Schwarz gewesen. „Die Mehrheit wurde vor allem für militärische Zwecke eingeführt. Aus ihren Reihen gingen die Mamluken hervor, die Ägypten jahrelang regierten. Niemals kam es zu einem Aufstand oder Streik Schwarzer Sklaven.“ 

Fawzi sieht einen Unterschied zwischen der legitimen Nutzung von Geschichte und der Erfindung historischer Ereignisse, die nie stattgefunden haben. Als positives Beispiel nennt er das Werk des Schriftstellers Naguib Mahfouz: „Er hielt sich in seinen Romanen an die historischen Ereignisse. Fiktiv sind lediglich die Figuren, die allerdings ebenfalls von der Wirklichkeit inspiriert sind.“ 

Aus Sicht der Filmkritikerin Alia Talaat handelt es sich bei Asad „bestenfalls um einen Film mittleren Niveaus“. „Er verdient den ganzen Wirbel nicht und leidet trotz seiner hollywoodartigen Bildsprache unter zahlreichen Schwächen im Drehbuch und in der schauspielerischen Leistung.“

© Qantara.de