Liebe ohne Zustimmung
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Gleich auf der ersten Seite hält Ahmad Milad Karimi eine Gemeinsamkeit fest, die wichtigste: Sowohl seine eigene Religion, der Islam, als auch das Christentum sind nicht aus dem Nichts entstanden. Sie sind in eine bestimmte Tradition eingebettet, selbst wenn sie mit ihr brechen.
Judentum, Christentum und Islam „leben voneinander, auch dort, wo sie sich unterscheiden“, schreibt Karimi. Das Interesse für den Anderen mache den eigenen Glauben „verantwortlicher“: Erst wer die Geschichte kennt, aus der die eigene religiöse Tradition stammt, kann den eigenen Glauben in ganzer Tiefe begreifen.
In Karimis Fall ist es aber mehr als nur Interesse, es ist eine „Liebeserklärung“. Auf knapp 100 Seiten legt der Autor in „Die Schönheit des Christentums“ in teils poetischer, teils essayistisch pointierter Sprache dar, wo das Christentum ihn als Muslim besonders berührt, irritiert, zum Innehalten einlädt und zur Selbstbefragung zwingt.
Doch Liebe, so schreibt Karimi, heißt nicht Zustimmung: „Liebe heißt beim Anderen zu verweilen, ohne ihn sich anzueignen.“ Eine Klarstellung, vielleicht auch eine Rechtfertigung. Karimi ist Professor für Islamische Philosophie an der Uni Münster und gilt als prominente Stimme im theologischen Ringen um einen wertepluralen Islam. Unter konservativen Musliminnen und Muslimen ist die Münsteraner Fakultät auch als Zentrum eines allzu liberalen „deutschen Staatsislams“ verpönt.
In gewisser Weise ist Karimis Buch ein Sequel. Schon Anfang dieses Jahres hat er einen Band mit ähnlichem Titel vorgelegt: „Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung“. Darin besinnt sich Karimi, gerade angesichts der Konflikte der Gegenwart, auf das Verbindende zwischen den beiden Religionen.
Jetzt also das Christentum.
Für mich, den Autor dieser Rezension, ist das Buch auch angesichts meiner eigenen Geschichte interessant: Ich bin vom Christentum zum Islam konvertiert, um meine ehemalige Partnerin, eine iranische Staatsbürgerin, heiraten zu können. Es war eine Konversion auf Papier, erzwungen durch die Gesetze ihres Landes, ich habe den Islam nicht aus Überzeugung angenommen. Und doch könnte ich dieser Religion, gerade aus meiner Warte der Skepsis, viele Liebeserklärungen widmen.
Genauso beschreibt es Karimi: „Ich kann nicht glauben, was sie glauben. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre es bedeutungslos. Ich kann nicht zustimmen, aber ich kann mich berühren lassen. Vielleicht ist genau das der Ort, an dem eine Liebeserklärung beginnt.“
Differenz als Voraussetzung der Liebe
Wer in diesem Buch den Versuch erwartet, Differenzen zu überbrücken, wird rasch enttäuscht. Im Zentrum stehen die Unterschiede: die Menschwerdung Gottes, die Erniedrigung am Kreuz, die Dreifaltigkeit. Positionen, die unter Muslimen oft entweder als Irrweg abgetan oder wohlwollend beiseite gewischt werden: Glauben wir am Ende nicht alle an denselben Gott?
Karimi wagt einen anderen Weg, er nennt ihn eine „Form der inneren Gastfreundschaft“: Weder leugnet er das Fremde noch wehrt er es ab. Er stellt sich der Differenz, gerade weil sie seinen eigenen Glauben herausfordert.
Ich kenne beispielsweise die Irritation, die der Gedanke der Dreifaltigkeit bei Muslimen hervorrufen kann. Bei meiner Konversion sagte der zuständige Mullah: „Endlich ein Christ, der begriffen hat, was für ein Schwachsinn diese Idee mit den drei Göttern ist.“ Die Trinität wird im Islam nicht als inneres Verhältnis Gottes, sondern oft als eine Form des Polytheismus begriffen und verurteilt.
Karimi liegt dieser Vorwurf fern. Dennoch negiert er nicht die Irritation. Schonungslos beschreibt er die Zumutung, die der Gedanke der Fleischwerdung Gottes darstellt: „Für meinen Glauben ist das fremd. Gott ist einzig, unvergleichlich. Er bleibt jenseits aller Vermenschlichung, aller Verkörperung, aller Bilder, die ihn in die Ordnung des Endlichen eintragen wollten.“
Ähnliches gilt für die Geschichte der Kreuzigung Jesu. Für Muslime liegt darin eine unerhörte Erniedrigung des Menschen, den sie als Propheten verehren. Im Koran steht klar: „Sie haben ihn nicht getötet und nicht gekreuzigt“. Auch Karimi fragt sich: „Wie kann dies Gott sein? Wie kann göttliche Wahrheit so tief in die Erniedrigung hinabreichen?“
Und doch mischt sich in die Abwehr ein Staunen. Karimi kann das Bild des gekreuzigten Gottes nicht einfach als Irrtum beiseite wischen: „Dazu ist zu groß, was in diesem Bild selbst zur Sprache kommt: die äußerste Preisgabe, die Würde des Verwundeten, die Zumutung eines Glaubens, der das Leid nicht an den Rand drängt.“
Die Schönheit des Christentums ist ein Humanismus
Das ist der Punkt, an dem Karimi immer wieder zum Gemeinsamen zurückkehrt, und das ist der große Verdienst dieses Buches. Es negiert die Grenzen nicht, erkennt aber gerade in der Differenz das Verbindende. Denn auch, wo sich Islam und Christentum unterscheiden, behandeln sie dieselben Fragen: Wie weit reicht Gottes Nähe?
„Wir sind dem Menschen näher als seine Halsschlagader“, heißt es im Koran. Beide Religionen ringen um Gottes Nähe. Doch während Gott im Islam groß, erhaben, unverfügbar bleibt, ist das Christentum radikal: Gott wird nicht nur Mensch, sondern geht in diesem Menschsein bis an den äußersten Schmerz.
Hier beginnt der muslimische Autor mit sich zu hadern: Liegt vielleicht gerade darin die Kraft dieses unerhörten Bildes? Die Fähigkeit, Gott nicht nur in der Höhe zu suchen, sondern „auch dort, wo der Mensch am Boden liegt“?
Die Schönheit, die Karimi als Muslim im Christentum erkennt, deutet immer wieder auf den Humanismus, der dem Christentum eingeschrieben ist. Ob in der Fleischwerdung Gottes, im Kind in der Krippe, am Kreuz: Das Menschsein steht im Mittelpunkt, mit all seinen Höhen und Tiefen.
Es ist wohl kein Zufall, dass das Bild des leidenden Gottes gerade unter säkularen, humanistischen Denkern den größten Anklang findet. Jesu Klage am Kreuz – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – bildet das zentrale Symbol in Albert Camus‘ Erzählung „Der Fall“. Und der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis beschreibt gerade die Absage an den Kreuzestod – also die muslimische Version der Geschichte – als Jesu große letzte Versuchung.
Als Muslim kann Karimi die theologischen Implikationen dieser Erzählung nicht teilen. Er teilt aber ihre humanistischen Werte. Die frappierende Schönheit seines Buches liegt darin, dass es, von einem gläubigen Muslim geschrieben, das Potenzial hat, einem Christen die Schönheit des eigenen Glaubens zu offenbaren.
Die Schönheit des Christentums – Eine muslimische Liebeserklärung
Ahmad Milad Karimi
August 2026
112 Seiten
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