Eine besondere Ramadan-Tradition

A group of children sit in a circle on a red carpet reading from large books.
Auch für Kinder: Mukabela in Hotonj, einem Vorort von Sarajevo. (Foto: Davud Muminović)

Für bosnische Gläubige gehört sie fest zum Ramadan: die „Mukabela“, das tägliche gemeinsame Rezitieren des Korans. Die Tradition geht auf den islamischen Propheten zurück, wurde unter den Osmanen populär und hat Diktatur und Krieg überstanden.

Von Davud Muminović

„Tilka... ar-rusul faddalna... badahum... ala bad.“ Mit zitternder Stimme rezitiert der neunjährige Hamza den Koran. Er ist unsicher, vielleicht überwältigt von Lampenfieber. Kein Wunder: Im Publikum in der örtlichen Moschee von Hotonj, einem Vorort von Sarajevo, sitzen neben Altersgenossen auch ältere Gemeindemitglieder, auch seine Eltern und Nachbarn sind gekommen. Alle lauschen aufmerksam seiner Rezitation.

Es ist der dritte Tag des Ramadan. In der Hotonj-Moschee wird, wie in fast jeder Moschee in Bosnien und Herzegowina und in bosnischen Gemeinden weltweit, der dritte juz (Teil) des Korans rezitiert. Die Praxis ist als Mukabela bekannt, eine gemeinschaftliche Rezitation des Korans, bei der sich Imame, Hafize (diejenigen, die den Koran auswendig gelernt haben) und Schüler täglich versammeln, um einen juz laut zu rezitieren.

„Komm schon, Hamza, nicht stocken. Verbinde die Wörter flüssig miteinander. Langsam, wie wir es geübt haben“, ermutigt ihn der Imam Salih Ćato. Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen rezitiert Hamza den Vers aus der Sure Al-Baqarah bis zum Ende, bevor er die Rezitation an seinen Freund Ibrahim weitergibt. Nach Ibrahim wird sie an alle anderen Schüler der mekteb (religiösen Schule) weitergegeben.

Bis zum Ende des Ramadan werden sie alle 30 Teile des Korans rezitiert haben, eine Leistung, die als hatma bekannt ist. Ob in der Morgendämmerung, am Mittag oder am Nachmittag – die Rezitationssitzungen werden von den Gläubigen aufmerksam verfolgt.

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„Wir haben die ‚offizielle‘ Mukabela, bei der erfahrene Rezitatoren vorangehen, aber vor zehn Jahren habe ich diese Mukabela für Kinder ins Leben gerufen“, sagt Imam Ćato. „Kinder, die die arabische Schrift lernen, rezitieren jeden Tag einen Teil. Wir laden ihre Eltern ein, zuzuhören, um zu sehen, was die Kinder in der mekteb erreicht haben, und um durch das Hören des Wortes Gottes spirituelle Belohnungen (sevap) zu verdienen.“

Nichts, sagt Ćato, bereite ihm mehr Freude, als zu sehen, wie seine ehemaligen Schüler als erfolgreiche Erwachsene und Universitätsstudenten zurückkehren, um der Mukabela zuzuhören und ihre jungen Nachfolger zu unterstützen.

Nach islamischer Überlieferung hat die Mukabela ihren Ursprung in der Praxis des Propheten Mohammed (Friede sei mit ihm), der jeden Ramadan vor dem Erzengel Gabriel den Koran rezitierte.

„Aus dieser prophetischen Praxis entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte ein Brauch der gemeinschaftlichen Koranrezitation, der verschiedene Formen annahm. Was die bosnische Mukabela auszeichnet, ist die Anwesenheit der Gläubigen, die mit tiefer Hingabe an den Sitzungen teilnehmen und die Rezitation Wort für Wort in ihren eigenen Koranausgaben verfolgen“, erklärt Elvir Duranović vom Institut für Islamische Tradition der Bosniaken in Sarajevo.

A man stands in front of a mosque.
Elvir Duranović vom Institut für islamische Tradition der Bosniaken vor der historischen Gazi-Husrev-Bey-Moschee in Sarajevo. (Foto: Davud Muminović)

Das Wort Mukabela leitet sich vom arabischen muqabala ab, was im modernen Arabisch üblicherweise „Interview“ bedeutet. Laut Duranović hatte der Begriff in der Vergangenheit aber auch Bedeutungen wie „Vergleich“, „Begegnung“ oder „Übereinstimmung“, so Duranović. Über die bloße Wiederholung des Textes hinaus steht die Mukabela für eine spirituelle Orientierung am Koran und eine Reflexion über die eigene Beziehung zum Glauben.

Der genaue Ursprung dieser spezifischen Form der Mukabela ist schwer zu bestimmen ist, doch war sie während der osmanischen Ära weit verbreitet. Im Gegensatz zu anderen islamischen Zentren wie Kairo oder Istanbul wurde die Mukabela in Bosnien zu einem massiven Phänomen an der Basis.

„Der Grund dafür war praktischer Natur“, erklärt Duranović. „In der osmanischen Ära waren Koranexemplare selten und teuer. Nur wohlhabende Familien oder Moscheen besaßen welche. Normale Menschen konnten ihn auch nicht selbst lesen, daher wurde die Mukabela eingeführt, damit das einfache Volk das göttliche Wort zumindest hören konnte.“

Kommunismus und Krieg

Die Mukabela überlebte Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft in Jugoslawien, als religiöse Aktivitäten mit Argwohn betrachtet wurden. „In den 1950er Jahren ordneten die Behörden an, dass alle religiösen Aktivitäten streng auf die Moscheen beschränkt bleiben mussten“, sagt Duranović. „Paradoxerweise stärkte dies die Rolle der Mukabela als zentrales soziales und religiöses Ereignis im Ramadan. Es wurde zum Herzschlag der Gemeinschaft.“

Ein Großteil des Verdienstes für die Bewahrung dieser Tradition gebührt Gazi Husrev Bey, dem osmanischen Sanjak-Bey (Gouverneur) von Bosnien, der in Sarajevo eine Moschee, eine Bibliothek und eine Madrasa gründete, die die Grundlage für die religiöse Bildung im Land bildeten.

„Die Bey-Moschee ist die Quelle; ihre Schule und ihre Riten bestehen seit fast 500 Jahren ohne Unterbrechung. Jeder, der Imam, Richter oder Religionslehrer werden wollte, kam nach Sarajevo, um dort seine Ausbildung zu absolvieren. Wie Samen trugen sie die Traditionen zurück in ihre Städte und Dörfer in ganz Bosnien“, erklärt Duranović.

Heute hat sich die Mukabela weiterentwickelt. Es gibt spezielle Veranstaltungen für Frauen und Jugendliche sowie Übertragungen im Fernsehen und auf Youtube. Die sogenannte Hafiz-Mukabela in der Bey-Moschee in Sarajevo bleibt jedoch der Goldstandard.

 

A man with a microphone recites the Quran in a mosque. Opposite him a group of men read along.
Hafiz Mensur Malkić während der Mukabela in der Bey-Moschee in Sarajevo. (Foto: Abid Mujkić)

„Zehn Hafize sitzen vor der Gebetsnische und rezitieren jeweils zwei Seiten auswendig. Zusammen schaffen sie täglich einen juz“, erklärt Hafiz Mensur Malkić, leitender Imam der Bey-Moschee. In diesem Jahr leiten zwanzig Hafize zwei Sitzungen: eine im Morgengrauen (sehur) und eine am späten Nachmittag (asr), die symbolisch den Fastentag einrahmen.

Hafiz Malkić rezitiert seit über dreißig Jahren den Koran. Begonnen hat er als junger Mann im belagerten Sarajevo während es Bosnienkriegs (1992-1995).

„Ich erinnere mich an die bittere Winterkälte und die Stille, die nur durch das Geräusch von Granaten unterbrochen wurde, aber auch an die Wärme, die unter den Leuten entstand, als wir gemeinsam dem Koran lauschten. In diesen Momenten war er unser Trost, unsere Kraft und unsere Hoffnung“, erinnert sich Malkić. „Ich war damals erst 24, der jüngste Rezitator der Hafiz-Mukabela. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits den größten Teil des Korans auswendig gelernt hatte, war das Verantwortungsgefühl überwältigend.“

Mehr als dreißig Jahre liegen zwischen Malkićs Rezitation unter Belagerung und dem diesjährigen friedlichen Ramadan in Sarajevo-Hotonj. Doch das Wesentliche bleibt bestehen. Ob der junge Hamza in einer kleinen Nachbarschaftsmoschee oder ein erfahrener Hafiz im Herzen der Stadt ist: Die Schönheit der Rezitation, der spirituelle Gewinn für die Zuhörenden und das große Verantwortungsgefühl sind gleich.

 

Dieser Text ist eine redaktionell bearbeitete automatische Übersetzung des englischen Originals. 

 

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