Feiert Damaskus bald nüchtern?

Ein Mann im gestreiften Pullover, mit weißem Schnauzbart und Haar, steht in einer Bar.
Abu Essam, Besitzer der Kneipe „Abu George“ in Damaskus, April 2026. (Foto: Qantara/Sham al-Sabsabi)

Mitte Juni tritt in Damaskus ein Ausschankverbot für Alkohol in Kraft. Barbesitzer blicken der Zukunft mit Sorge entgegen, die Bevölkerung ist gespalten. Die einen halten das Verbot für notwendig, andere sehen einen Einschnitt in persönliche Freiheiten.

Von Sham al-Sabsabi

Drei Monate betrug die Frist der Provinzverwaltung von Damaskus, im Juni nun soll der Ausschank von Alkohol in der syrischen Hauptstadt verboten werden. Den Bars und Nachtclubs der Stadt ermöglicht dies einen letzten Abschied. Noch strömen die Nachtschwärmer:innen in ihre Lieblingslokale – im Bewusstsein, dass das Ende dieser Ära kurz bevorsteht. 

Die Damaszener Verwaltung hatte Mitte März 2026 eine Verordnung erlassen, die den Verkauf von Alkohol auf lizensierte Geschäfte in einigen christlich geprägten Vierteln wie Bab Tuma, Bab Scharqi und al-Qassaa beschränkt. Der Ausschank soll ganz verboten werden.

Selbst in den düstersten Jahren des Krieges hatte sich die Hauptstadt ein Nachtleben bewahrt, das den Einwohner:innen das Gefühl gab, aufatmen zu können. Die Bars sind weit mehr als bloße Verkaufsstellen für Alkohol oder Orte flüchtiger Unterhaltung. Sie funktionieren als Zufluchtsorte, um sich von der Last des Alltags und dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie politischen Druck zumindest für kurze Zeit zu befreien.

Alkoholverbot: Einschränkung der Freiheit oder Schutz der öffentlichen Moral?

An einem Aprilabend sitzt der 27-jährige George Farah im Kreis seiner Freunde in der Bar „Floyd“ in al-Qassaa und wiegt sich zu den Klängen der Oud. Den Beschluss will der Programmierer aus Damaskus nicht direkt kommentieren, er sagt aber gegenüber Qantara, dass er sich „voller Wehmut von diesen Orten verabschiedet“, da er befürchtet, dass sich „die fröhlichen Nächte hier nicht wiederholen werden“. Er fragt: „Warum wird Alkohol verboten? Und wen schädigt er überhaupt? Ist Alkohol in Damaskus wirklich das Problem?“

Innenraum einer Bar mit Leuchtreklame über den Köpfen der Gäste, dort steht "Floyd"
Die Kneipe „Floyd“ im Stadtteil al-Qassaa in der Hauptstadt Damaskus, im April 2026. (Foto: Qantara/Sham al-Sabsabi)

Der 46-jährige Muwaffaq Sanadiki aus Bab Scharqi macht seine Ablehnung der Verordnung deutlich: „Es ist traurig und inakzeptabel. Der Beschluss ist eine eklatante Verletzung der persönlichen Freiheit und eine ungerechtfertigte Einschränkung. Und das nur, um sich das Wohlwollen einer bestimmten Gruppe zu sichern.“ 

Er fordert: „Die Verwaltung muss diesen Beschluss und alle ähnlichen Entscheidungen zurücknehmen. Sie sind ein offener Affront gegen die Kultur und Geschichte von Damaskus. Ein solcher Kampf ist für sie von vornherein verloren, es ist unklug, ihn überhaupt zu führen.“

Rula Rizkallah, Angestellte in einer Medienproduktionsfirma in Damaskus, bekräftigt die Worte ihres Freundes Muwaffaq und verweist zudem auf die potenziell negativen Auswirkungen des Beschlusses auf den Tourismus und den Dienstleistungssektor. Sie bezeichnet den Beschluss gar als „Verbrechen“ an dem Image der Hauptstadt und  ihrem Ansehen bei den Bewohner:innen und bei ausländischen Besucher:innen. 

Doch nicht alle Damaszener:innen sehen in dem Beschluss eine illegitime Einschränkung des öffentlichen Lebens. Der 32-jährige Buchhalter Kinan al-Harsch ist der Ansicht, dass die vielen Bars nicht zur Identität der Stadt passen. Historisch gesehen habe diese „nie auf einer Kultur der Bars und des Nachtlebens basiert“. Diese Phänomene seien stets auf kleine soziale Schichten beschränkt gewesen. 

Al-Harsh betont, die Behörden hätten das Recht, die Stadt gemäß den Wünschen der sozialen und kulturellen Mehrheit zu verwalten. Das Problem liegt für ihn jedoch nicht im Konsum von Alkohol, sondern vielmehr in der Form des Nachtlebens und dem damit verbundenen Lärm und inakzeptablen Begleiterscheinungen in den Stadtvierteln. 

Ein schwarz-weiß Foto mehrerer Männer ist an eine beschriebene Wand gepinnt.
Die Wände von „Abu George“, einer der ältesten und bekanntesten Kneipen von Damaskus. (Foto: Qantara/Sham al-Sabsabi)

Der Beschluss hat unter Syrer:innen eine breite Debatte ausgelöst. Neben der befürchteten Einschränkung der Freiheitsrechte geht es auch darum, dass der Alkoholverkauf künftig auf christliche Viertel beschränkt werden soll. Anwohner:innen fürchten, dass sich die Spaltung der Gesellschaft anhand religiöser Zugehörigkeit zuspitzen könnte. Auch die erhöhte Gefahr durch religiös-fundamentalistische Gewalt wurde diskutiert.

Einige Tage später hielten Anwohner:innen im Viertel Bab Tuma eine Kundgebung ab. In Reaktion darauf entschuldigte sich die Provinzverwaltung in einer Erklärung vom 21. März bei den Einwohner:innen von Bab Tuma, al-Qassaa und Bab Scharqi für das, was sie als „Missverständnis“ bezeichnete. Die Behörde stellte klar, dass „der Beschluss rein organisatorisch ist und darauf abzielt, die Sicherheit und die öffentliche Moral zu wahren, die Gewerbelizenzen zu regulieren und das Chaos einzudämmen, ohne die persönlichen Freiheiten der Bürger zu verletzen“.

Abwarten und weiter feiern

Unter Bar- und Kneipenbesitzer:innen herrscht Skepsis. Die meisten warten ab, obwohl die wirtschaftlichen Schäden des Beschlusses bald Realität werden könnten. Es wirkt nicht so, als hätten sie bereits mit den Vorbereitungen für eine Schließung begonnen. Sumer al-Hazim, Besitzer einer Bar im Viertel Bab Scharqi, bestätigt, dass sich bislang weder am Alkoholkonsum noch dem Andrang der Gäste etwas geändert habe.

„Wir als Besitzer von Bars und anderen Lokalitäten, die in Damaskus Alkohol ausschenken, haben keinerlei direkte Aufklärung oder Anweisungen von den zuständigen Behörden erhalten“, fügt al-Hazim gegenüber Qantara hinzu. Sie hätten die Entwicklungen rund um den Beschluss – so wie die übrige Bevölkerung – lediglich über die sozialen Medien verfolgt.

Ein Clubmanager, der anonym bleiben möchte, bezeichnet die angekündigte Regelung als äußerst ungerecht. Sie bedrohe seine Existenzgrundlage sowie das Einkommen von mindestens acht Angestellten in seinem Club. Die wirtschaftlichen Folgen des Beschlusses könnten schwerwiegend sein, befürchtet er. 

Das Nachtleben in Damaskus sei sehr lebendig, vielschichtig und eng miteinander verflochten; sein abruptes Verschwinden könnte zu einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit führen und die Nachfrage nach zahlreichen Dienstleistungen – darunter Transportwesen, Fast-Food-Angeboten und Hotellerie – einbrechen lassen.

Einige Gastronom:innen setzen darauf, dass die Verwaltung ihre Entscheidung noch zurücknimmt oder zumindest abmildert. Barbesitzer al-Hazim betont, man warte ab, in der Hoffnung, dass die Geschäfte so weiterlaufen können wie bisher.

Ein DJ am Pult, im Hintergrund Gäste.
Der DJ in der Bar „Tika“ in Damaskus, im April 2026. (Foto: Qantara/Sham al-Sabsabi)

Gefahr des „Schattendaseins“

Die neue Alkoholverordnung steht im Kontext weiterer umfassender Veränderungen, die sich im öffentlichen Raum in vielen syrischen Städten im vergangenen Jahr etabliert haben. Der konservative Diskurs ist spürbar stärker geworden, zum Beispiel ist der Begriff der „öffentlichen Moral“ zunehmend präsent. Sie wird zur Begründung herangezogen, um in die Details des alltäglichen Lebens einzugreifen. Von Vorschriften betroffen sind etwa Kleidung, Musik oder das Zusammenkommen der Geschlechter. Andere Beschlüsse schränken Aktivitäten auf öffentlichen Plätzen ein. 

In Folge der Schließung von Bars und Clubs könnten öffentliche Räume für spontane und freie Interaktion verschwinden. Das Nachtleben wird sich möglicherweise in die eigenen vier Wände oder an geheime Orte verlagern. Die heute offene, durch vielfältige Aktivitäten geprägte Szene müsste sich ins Verborgene zurückziehen. 

Die 31-jährige Musikerin Lina Obeid beschreibt die Bedeutung des Nachtlebens am Tresen des „Abu George“, einer der ältesten Kneipen in Damaskus: „Ich gehe nicht nur in die Bar, um Alkohol zu trinken. Die Abende dort machen mir immer wieder klar, dass ein Leben außerhalb des eigenen Zuhauses, der Arbeit und der trist gewordenen Straßen möglich ist. Diese Orte geben mir das Gefühl, dass Damaskus noch lebt.“ 

Sie fügt hinzu: „Es fühlt sich an, als würde den Leuten in Damaskus der Boden Stück für Stück unter den Füßen weggezogen. Als würde alles, was das Leben hier weniger unerbittlich gemacht hat, nun still und leise weggestrichen.“ 

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übersetzt von Abdulrahman Afif.

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