Bint Jbeil – Portrait einer zerstörten Stadt

Im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift "Bint Jebeil Muicipality", dahinter Trümmer und ein Pick-Up Truck
Nahezu ausgelöscht: das Städtchen Bint Jbeil nahe der Grenze zu Israel. (Foto: Picture Alliance / Xinhua News Agency | A. Hashisho)

Während die israelische Armee ganze Ortschaften im Libanon zerstört, gerät die reiche Geschichte der Schiiten-Region im Süden des Landes aus dem Blick. Bint Jbeil steht exemplarisch für die wechselvolle Vergangenheit des Grenzgebiets.

Von Joseph Croitoru

Im Süden des Libanon zerstört die israelische Armee systematisch ganze Ortschaften. Meist erfährt man nicht mehr als ihre Namen, unbekannt bleibt ihre Geschichte und damit die des traditionsreichen, schiitisch geprägten Lebensraums im Südlibanon. Eines seiner Zentren war das bereits weitgehend ausgelöschte Städtchen Bint Jbeil.

Die Verheerungen in Bint Jbeil zielen offenbar darauf ab, den Ort für lange Zeit unbewohnbar zu machen. Auf Satellitenbildern ist zu erkennen, dass die gesamte Ortsmitte, einschließlich des nach dem Libanonkrieg 2006 restaurierten Altstadtkerns, gesprengt, abgerissen und planiert wurde. 

Der israelische Likud-Abgeordnete Amit Halevi hatte gefordert, „Bint Jbeil wie Dresden auszuradieren“. Auch sein Parteifreund, Israels Verteidigungsminister Israel Katz, kündigte eine flächendeckende Zerstörung südlibanesischer Grenzorte an.

Von den Zerstörungen betroffen sind auch mehrere Moscheen in Bint Jbeil, einschließlich der „Großen Moschee“, deren Anfänge ins Mittelalter zurückreichen und die als der historisch bedeutendste muslimische Sakralbau der Region galt. Sie wurde im 17. Jahrhundert unter den Osmanen ausgebaut und nach 2006 teilweise restauriert. Ihre zuletzt mehr als 3.000 Bücher umfassende Bibliothek ist wohl für immer verloren. 

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Bint Jbeil ist ein besonders anschauliches Beispiel für die wechselhafte Geschichte des Südlibanon. Der mehrheitlich von Schiiten bewohnte und nur vier Kilometer von der heutigen Grenze zu Israel entfernte Ort war über Jahrhunderte ein wichtiger Knotenpunkt zwischen Libanon und Palästina. 

Das Städtchen war für seinen „Donnerstagsmarkt“ berühmt, der wegen seines Reichtums auch „Halbe Welt-Markt“ genannt wurde. Neben Handels- waren auch Heiratsbeziehungen zwischen Südlibanesen und Palästinensern üblich. 

Dem Historiker Mustafa Bazzi aus Bint Jbeil zufolge hatten sich allein in der britischen Mandatszeit fast 2.000 der Ortsbewohner in Palästina niedergelassen. Etliche kämpften Seite an Seite mit den Palästinensern schon während ihres Aufstands gegen die Mandatsherrschaft (1936-1939) und auch ein Jahrzehnt später im ersten arabisch-israelischen Krieg. Der erste damals gefallene Libanese stammte aus Bint Jbeil.  

Schwarz-weiß Foto: Ein Soldat behandelt einen verletzten alten Mann, der an eine Mauer gelehnt sitzt.
Ein israelischer Soldat behandelt einen verletzten Dorfbewohner in Bint Jbeil, 1978. (Foto: Picture Alliance / Associated Press | Anonymous)

Anfang der 1970er Jahre machten palästinensische Milizen den Südlibanon zu ihrer Operationsbasis, Bint Jbeil wurde ihr Hauptstützpunkt in der Grenzregion. Für ihre Guerilla-Aktionen gegen Israel konnten sie auch junge linksorientierte Schiiten gewinnen. Bint Jbeil wurde wiederholt Ziel israelischer Vergeltungsschläge. Im Oktober 1976 kostete ein Artillerieangriff auf den Donnerstagsmarkt vierzehn seiner Besucher das Leben. 

Während des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) unterstützte Israel zunächst christliche Milizen in der Gegend von Bint Jbeil als Gegengewicht zur dort operierenden palästinensischen Fatah und der mit ihr verbündeten muslimischen Miliz „Arabische Libanesische Armee“. 

Die Israelis bauten die mehrheitlich christliche „Freie Armee Libanons“ (FLA) unter dem Kommando von Major Saad Haddad auf. Nach dem einwöchigen israelischen Einmarsch in den Südlibanon im März 1978 (Litani-Operation) übernahm Haddad die Kontrolle über einen breiten Streifen entlang der Grenze. Bint Jbeil wurde zu einer der Hauptbasen des von der FLA zum „Freien Staat Libanon“ erklärten Grenzgebiets.

Die Hisbollah fasste Fuß

Nach dem erneuten israelischen Einmarsch in den Libanon 1982 ging aus der FLA die von Israel ausgestattete „Südlibanesische Armee“ (SLA) hervor. Um ihrer als Fremdherrschaft empfundenen Kontrolle zu entgehen, verließ ein wesentlicher Teil der schiitischen Bevölkerung Bint Jbeil. Wer blieb und nach der Revolution im Iran 1979 zum Khomeini-Anhänger wurde, war Repressionen ausgesetzt. 

Spätestens nachdem im April 1984 der libanesisch-christliche General Antoine Lahad in Bint Jbeil mit einer großen Militärparade zum SLA-Chef ernannt worden war, wurde das Städtchen zum Symbol für die repressive Besatzung des Sicherheitsstreifens.

Gegen die Besatzer kämpften jetzt mehrere libanesische Milizen. Sie wurden zunächst von der schiitischen Amal-Bewegung angeführt, die unter ihrem Gründer Musa as-Sadr (1928-1978) bereits in den 1970er Jahren maßgeblich zum politischen Erwachen der Schiiten im Libanon beigetragen hatte. 

Im bewaffneten Widerstand übernahm jedoch ab 1985 die drei Jahre zuvor gegründete und vom Iran massiv unterstützte schiitische Hisbollah die Führung. Mit steigender Professionalität überfiel sie SLA-Stellungen und griff auch Nordisrael mit Raketen an. Es galt im Libanon als ihr Verdienst, dass sich Israel und die SLA im Sommer 2000 fast fluchtartig aus der südlibanesischen Grenzregion zurückzogen. 

Ihren selbsterklärten Sieg über die Besatzer feierte die Hisbollah bewusst in Bint Jbeil. Am 26. Mai 2000 hielt im dortigen Fußballstadion ihr damaliger Generalsekretär Hassan Nasrallah seine berühmte Rede, in der er Israel mit einem Spinnennetz verglich – eine Metapher für einen leicht zu überwindenden Feind. 

In den folgenden Jahren war es die Hisbollah, die den Ort als Hauptstützpunkt in der Grenzregion nutzte. In Israel sprach man von der „Hauptstadt des Terrors“, eine Antwort auf den Titel „Hauptstadt des Widerstands und der Befreiung“, mit dem Nasrallah Bint Jbeil geehrt hatte. 

Allerdings war der Ort damals noch lange nicht fest in den Händen der schiitischen Khomeinisten; das Städtchen war traditionell eher mit der pluralistischen schiitischen Sammelbewegung Amal verbunden. Doch dank vom Iran großzügig finanzierter Aufbauprojekte konnte die Hisbollah immer mehr Bewohner für sich gewinnen. 

Bint Jbeils Wiederaufbau nach 2006

Bint Jbeil und seine Umgebung dienten der aufrüstenden Schiitenmiliz als Operationsgebiet einer ihrer regionalen Divisionen. Als sich ihre Angriffe auf Nordisrael häuften, marschierte die israelische Armee 2006 erneut im Südlibanon ein. Bint Jbeils Infrastruktur, Wohnviertel und zivile Einrichtungen – etwa der Donnerstagsmarkt und das Fußballstadion – wurden gezielt bombardiert. 

In Israel wurde der Ruf laut, Bint Jbeil „auszulöschen“. Die massiven Bombardements wurden als berechtigte Vergeltung für den Tod von acht israelischen Soldaten gesehen, deren Einheit unter schweren Beschuss geraten war. Auch weil einer von ihnen sich auf eine Handgranate geworfen hatte, um Kameraden zu retten, ist den Israelis diese Schlacht bis heute als besonders traumatisch – aber auch als heroisch – in Erinnerung geblieben.

Nach dem Libanonkrieg 2006 gingen die Bewohner energisch daran, Bint Jbeil wiederaufzubauen. Das Städtchen erlebte einen Entwicklungsschub, zu dem nicht nur die Hisbollah und ihre vom Iran finanzierten Wohlfahrtsorganisationen, sondern auch die libanesische Regierung, Katar und im Bildungsbereich auch französische, britische und italienische Entwicklungsprojekte beitrugen. 

Der Einfluss der Hisbollah wuchs aber auch deshalb kontinuierlich, weil sie es verstand, sich mit dem mächtigen lokalen Familienclan Bazzi zu verbünden. Dessen Mitglieder führten seit 2001 im Ort eine Hisbollah-nahe Liste an und stellten seit 2004 die Bürgermeister. Sie waren jedoch wiederholt, wie zuletzt 2025, auf eine Zusammenarbeit mit Lokalpolitikern der Amal-Bewegung in der gemeinsamen „Liste der Entwicklung und Loyalität“ angewiesen.

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Die Verschränkung mit der Kommunalverwaltung half der Hisbollah, im Ort weiter Fuß zu fassen. Mit der Gemeindeverwaltung organisierte sie jährlich am nationalen „Tag der Befreiung“ (von der israelischen Besatzung im Jahr 2000) eine Massenveranstaltung, die vor allem ihrer Selbstinszenierung als Anführerin des bewaffneten Widerstands gegen Israel diente. Plakate ihrer Märtyrerhelden etablierten sich im Stadtbild. 

Als 2014 das berühmte Fußballstadion mit Hilfe der Sportstiftung der Hisbollah renoviert wurde, übernahm Nasrallah die Schirmherrschaft. Bei der Einweihungsfeier ließ er sich von den Kadern der Hisbollah-Partei „Block der Treue zum Widerstand“ vertreten, die seit 2005 an der libanesischen Regierung beteiligt ist.

Ziel israelischer Gegenangriffe nach 7. Oktober

Mit dem Wiederaufbau von Bint Jbeil ging es zügig voran. Straßen, das Stromnetz und die Wasserversorgung wurden ausgebaut, Bürgersteige gepflastert, Gärten und Spielplätze eingerichtet und die den Donnerstagsmarkt flankierenden Spitzbogen-Arkaden erneuert. Einige der 13 Bildungseinrichtungen und Schulen – darunter zwei christliche –, die im Krieg 2006 beschädigt worden waren, wurden renoviert. 

Die bis dahin im örtlichen Gymnasium untergebrachte Ortsbücherei verlegte man in einen restaurierten historischen Bau, wo sie zu einem aktiven Kulturzentrum ausgebaut wurde und zuletzt zehntausend Bände umfasste. Dem jährlich gefeierten Kultur-, Folklore- und Tourismusfestival von Bint Jbeil statteten Minister aus Beirut regelmäßig einen Besuch ab. 

Die Ortsbevölkerung wuchs und zählte zuletzt mehr als 6.000 Einwohner. Registriert waren jedoch rund 43.000, von denen mehr als die Hälfte seit Jahren im Exil in der Stadt Dearborn im US-Bundesstaat Michigan lebt. 

Die Weiterentwicklung des Städtchens kam zum Stillstand, als die Hisbollah nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 Israel mit Raketen und Drohnen angriff – ganz massiv auch, zumindest der israelischen Armee zufolge, von Bint Jbeil aus. Der Ort gehörte deshalb zu den ersten Zielen der israelischen Gegenangriffe und wurde bei den flächendeckenden Luftschlägen im September 2024 besonders stark getroffen

Während der jüngsten israelischen Bodenoperation in der Grenzregion wurden im April 2026 die Einwohner aufgefordert, Bint Jbeil zu verlassen. Mehrere hundert Hisbollah-Milizionäre aber blieben. Laut israelischer Darstellung, die sich nicht überprüfen lässt, operierten sie aus einem weitverzweigten Tunnelsystem heraus, stellten Sprengfallen auf und lieferten sich unter schweren Verlusten eine erbitterte Schlacht mit den einmarschierten Soldaten. 

Wie anderswo in der Grenzregion sind die israelischen Truppen nun dazu übergegangen, Bint Jbeil systematisch zu zerstören. Dabei ist als erstes das Fußballstadion gesprengt worden, das vorher bereits aus der Luft bombardiert worden war. Das Militär zeigte ein entsprechendes Video. In Israel feiert man die Aktion als besonderen Triumph über die Hisbollah.

Inwieweit neben dem eingangs erwähnten Altstadtkern und mehreren historischen Moscheen auch die beiden Krankenhäuser von Bint Jbeil im angrenzenden Dorf Ainatha der israelischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen sind, ist unklar. 

Das staatliche Krankenhaus war bereits Ende März durch israelische Bomben beschädigt worden. Nach Angaben der israelischen Armee war von dort aus auf Soldaten geschossen worden. Eine israelische Präsentation eines dortigen Waffenfundes wies die Leitung des Krankenhauses auf seiner Facebook-Seite indes als Propaganda zurück. Die gezeigten Räumlichkeiten würden nicht zu dem Krankenhaus gehören.

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Das war Mitte April. Zwar sehen beide Krankenhäuser auf jüngsten Satellitenaufnahmen zumindest aus der Vogelperspektive weitgehend intakt aus. Aber die Zerstörungen gehen weiter und erstrecken sich mittlerweile auch auf Bildungseinrichtungen. 

Teilweise gesprengt wurden die Saad-Schule, die auch einen Zweig der Libanesischen Universität beherbergte, und die traditionsreiche Berufsschule Bint Jbeils. Auch wurde zumindest eine Arkaden-Flanke des Donnerstagsmarkts zerstört, die andere ist sichtlich betroffen. Das historische Rathaus steht noch, ist aber offenbar beschädigt. 

Mit Entsetzen verfolgen die vertriebenen Bewohner von Bint Jbeil im Internet anhand von Satellitenbildern die voranschreitenden Zerstörungen ihres Heimatortes. Dennoch geben sie sich entschlossen, eines Tages zurückzukehren. 

Die Historikerin und Migrationsforscherin Hana Jaber, die selbst aus Bint Jbeil stammt und die Lokman-Slim-Stiftung leitet, wirft den Israelis einen „Urbizid“ vor – die gezielte Vernichtung des Lebensraums. Sie begreife nicht, warum die Israelis einen solchen Rachefeldzug begehen. Wie schon im Gaza-Krieg ist die von ihr eingeforderte Empathie in Israel allerdings auch im Falle des Südlibanon selten.

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