Mehr als Dekoration

Ein Mann präsentiert kleine Ramadan-Laternen in seiner Werkstatt.
Mohammed Fawzi hat sich auf die Herstellung traditioneller Blechlaternen spezialisiert. (Foto: Qantara | Mahmoud El Tabakh)

Für den Laternenmacher Mohamed Fawzi ist die im Ramadan allgegenwärtige ägyptische Laterne zentral für die kulturelle Identität des Landes. Doch billige Importe bedrohen nun sein Handwerk.

Von Mahmoud El Tabakh

In einer kleinen Werkstatt im Sayyidah-Zainab-Viertel im Herzen Kairos sitzt Mohamed Fawzi mit seinem Assistenten. Auf dem Tisch vor ihnen liegen Stücke farbigen Glases und glänzende Metallbleche. 

Mit einfachen Werkzeugen formt Mhamed fingerfertig Teile einer neuen Laterne: Er schneidet vorsichtig ein Stück Glas zu und lötet es dann in einen Metallrahmen ein. Er lächelt und sagt: „Hier ist alles Handarbeit.“ 

Zwei Männer sitzen an einem kleinen Tisch auf dem Boden, um sie herum liegen Materialien zum Laternenbau.
Mohammed Fawzi und sein Kollege in der Laternenwerkstatt im Stadtteil Sayyida Zeinab. (Foto: Qantara/Mahmoud El Tabakh)

Mohamed, 44, arbeitet seit über dreißig Jahren in dieser Werkstatt. Die Fawzi-Familie hat das Handwerk des Laternenmachens Tradition, fast einhundert Jahre lang gaben sie es von Generation zu Generation weiter.

Für Mohamed sind die Laternen (auf Arabisch fanous) mehr als Dekoration. Sie sind Teil seiner kulturellen Identität und eng mit gemeinsamen Erinnerungen seiner Familie und an Handwerkskollegen verbunden.

Laternen gehören traditionell zum Ramadan, jedes Jahr erleuchten sie die Straßen von Kairo. Ihr warmes Licht lässt Erinnerungen an Stunden im Kreise der Familie und an spirituelle Momente aufleben. Seit einigen Jahren bekommen die Handwerker jedoch zunehmend Konkurrenz durch Plastiklampen und Spielzeug, die in den Läden und auf den Märkten ganze Regale füllen. 

Das traditionelle Handwerk muss nun um sein Überleben kämpfen und versucht, eine Kunstform zu erhalten, die in Ägypten seit Jahrhunderten besteht. Die ägyptische Laterne hat ihre Wurzeln in der Zeit der Fatimiden. Der Legende nach schmückte sie die Stadt zum ersten Mal bei der Feier anlässlich der Ankunft des vierten Fatimiden-Kalifs, al-Muʿizz li-Din Allah, im Jahr 362 des islamischen Kalenders (972 n. Chr.).

Laut Mostafa Gad, Spezialist für immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO und ehemaliger Dekan des Higher Institute of Folk Arts in Kairo, wurde die Laterne erst nach und nach zu einem festen Symbol für den heiligen Monat.

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Jede Familie hat ein eigenes Design

In der Werkstatt der Fawzis durchläuft jede Laterne mehrere aufwendige Arbeitsschritte. Der Prozess beginnt mit dem Zuschneiden der Glasstücke und dem Formen des Metallblechs, anschließend werden die Teile zusammengesetzt. Die Laterne wird dann zum Sprühlackieren und Beschichten in eine andere Werkstatt geschickt, bevor sie zu Mohamed zurückkehrt, der ihr mit kleinen LED-Lämpchen den letzten Schliff verleiht.

Die Familie hat sich auf die Herstellung einer kleinen Laterne spezialisiert, Barquoqa genannt – Arabisch für Pflaume. Mohamed sagt, sie werden ausschließlich in seiner Werkstatt hergestellt und sein Vater sei derjenige gewesen, der das heutige Design entwickelt hat.

Die Barqouqa ist typischerweise nicht mehr als 15 Zentimeter hoch und nicht breiter als zehn Zentimeter. Sie zeichnet sich durch ihre Kupfer- und Silbertöne aus, die durch weißes, rotes und blaues Glas hervorgehoben werden. Die Preise variieren und reichen bis zu 200 ägyptische Pfund (etwa 3,60 Euro). Auf Bestellung fertigt Mohamed auch größere Modelle, seine größte Laterne war knapp zwei Meter hoch.

Laternen, die von der Decke eines Ladens hängen.
Heute konkurrieren die lokalen Laternenmacher mit Importen aus China. (Foto: Qantara | Mahmoud El Tabakh)

Neben der Familienwerkstatt befinden sich drei weitere, die auf traditionelle ägyptische Blechlaternen spezialisiert sind. Jede ist für einen bestimmten Stil bekannt, das historische Viertel ist für seine Vielfalt an Laternen berühmt. Zu den bekanntesten Designs gehören „Shaqq al-Batiikha“, „Bolad“, „Farouk“ und „Al-Burj“, die sich jeweils in Form, Größe und Preisklasse unterscheiden.

Der Fastenmonat Ramadan ist Hochsaison. Mohamed beginnt zwei Monate vorher mit der Produktion, um die Bestellungen der Händler rechtzeitig liefern zu können. Trotz der wachsenden Konkurrenz bleiben die Laternen ein fester Bestandteil der Tradition: Väter kaufen sie für ihre Kinder, sie schmücken Wohnungen und Straßen als Elemente der Festtagsdekoration.

Ein saisonales Handwerk unter Druck

In den letzten Jahren haben wirtschaftliche Stagnation, Marktschwankungen, veränderte Konsumgewohnheiten und steigende Rohstoffkosten, insbesondere für Blech und Glas, die Produktionskosten in die Höhe getrieben. Dies hat sich auf die Preise und den Absatz von Laternen in Ägypten ausgewirkt.

Die größten Auswirkungen waren während der COVID-19-Pandemie zu spüren. Im Laufe des Jahres 2020 blieben die Laternen in den Lagern der Händler unverkauft, da die Nachfrage zurückging und sich die Prioritäten der Haushalte verschoben. Einige Laternenhersteller waren gezwungen, ihre Werkstätten zu schließen und das Handwerk ganz aufzugeben.

Mohamed weist auf eine weitere Herausforderung hin, mit der sein saisonales Handwerk konfrontiert ist: den Import von billigen, massenproduzierten chinesischen Laternen und Spielsachen auf den ägyptischen Markt. 

Ein Mann steht in einer Werkstatt und hält Ramadan-Laternen in die Kamera.
Die ägyptische Blechlaterne hat ihre traditionellen Farben und ihre traditionelle Form beibehalten. (Foto: Qantara | Mahmoud El Tabakh)

Das ägyptische Ministerium für Handel und Industrie hatte 2015 die Einfuhr von Ramadan-Laternen mit dem Beschluss Nr. 232 verboten, um die lokale Industrie und die traditionellen ägyptischen Laternen zu schützen. Berichten zufolge wird diese Vorschrift umgangen. Laut Mohamed gelangen große Mengen an Laternen aus Metall, Kunststoff oder Stoff ins Land. Sie stammen überwiegend aus China und werden als „Kinderspielzeug“ deklariert.

Seiner Beobachtung nach sind sie auf den saisonalen Marktständen von Sayyidah Zainab und in Städten in ganz Ägypten weit verbreitet. Er ist besorgt: Niedrigere Preise, auffällige Designs und moderne Technologie verschaffen importierten Laternen einen Wettbewerbsvorteil und ziehen Kunden von traditionellen Blechlaternen ab. 

„Wir sind ein Land, das Laternen herstellt. Aber die chinesischen Modelle kommen in Mengen auf den hiesigen Markt, die unsere eigene Produktion übersteigen. Als Handwerker fühle ich mich in meiner Existenz bedroht, womöglich werde ich aufhören müssen“, sagt er.

Mohamed hat seine „Barqouqa“-Laterne in Reaktion auf die Konkurrenz angepasst, auch um mit der Zeit zu gehen: Er hat LED-Beleuchtung eingebaut, neue Farben für das Glas verwendet und den Rahmen verstärkt, um die Haltbarkeit zu verbessern – in dem Bestreben, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen.

Nachdem er seine neuesten Laternen fertiggestellt hat, nimmt er mehrere davon in die Hand und lacht. „Unsere Laternen sind schöner und besser als die chinesischen. Wir werden sie weiterhin bewahren, damit sie nicht verschwinden.“

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Aus dem Englischen von Clara Taxis.

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