Wie weiter im Irak nach Abzug der US-Truppen?

Mitglieder der irakischen Volksmobilisierungskräfte tragen ein Porträt von Ayatollah Ali Khamenei, während sie in Bagdad am 1. Oktober 2026 über eine US-Flagge fahren. (Foto: picture alliance / AP Photo/Hadi Mizban | Hadi Mizban)
Mitglieder der mit dem Iran verbündeten irakischen Volksmobilisierungskräfte feiern am 1. Oktober 2026 in Bagdad den Abzug der verbleibenden US-Truppen aus dem Irak. (Foto: Picture Alliance / AP | H. Mizban)

Mit dem Abzug der US-geführten Koalitionstruppen geht ein entscheidendes Kapitel der irakischen Geschichte zu Ende. Doch während sich der aktuelle Krieg auf den Irak ausweitet und Zweifel an der staatlichen Autorität wachsen, ist er eher symbolischer Natur.

Von Lahib Higel, Michael Wahid Hanna

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Dieser Artikel wurde ursprünglich am 29. September von der International Crisis Group veröffentlicht und ist hier aktualisiert zu lesen. Den Originalartikel finden Sie hier.

Am 30. September hat die von den USA geführte Koalition zur Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates (IS) ihren Militäreinsatz im Irak beendet. Zwar hatten einige Beobachter:innen bis zuletzt damit gerechnet, dass sich der Abzug der Truppen und der Abtransport des Materials über den geplanten Termin hinaus verzögern könnten, am Ende waren zum Stichtag alle Truppen abgezogen.

Das größte verbleibende Truppenkontingent stellte die Vereinigten Staaten, die während des gesamten Einsatzes die meisten Soldat:innen im Land stationiert hatten. Mehrere andere Koalitionspartner hatten ihre kleineren Kontingente bereits zuvor abgezogen, darunter Polen, das seinen Truppenabzug im März abgeschlossen hat, sowie Deutschland, dessen Soldat:innen im August abgereist sind.

Damit endet ein Kapitel, das 2014 begann. Damals eroberte der IS weite Teile des Landes, woraufhin die Regierung in Bagdad die von den USA geführten Streitkräfte in den Irak einlud. Die USA waren 2003 in das Land einmarschiert und hatten es besetzt, ihre Truppen 2011 jedoch abgezogen. Mehrere irakische bewaffnete Gruppen, die sich ursprünglich zur Bekämpfung des IS gegründet hatten, sahen die Koalition später zunehmend als Bedrohung. Diese dem Iran nahestehenden Gruppen führten lange Zeit die Präsenz der Koalition als Rechtfertigung dafür an, Waffen und Kommandostrukturen außerhalb des irakischen Staates zu halten. 

Angesichts des bevorstehenden Abzugs erklärte der irakische Ministerpräsident Ali al-Zaidi, dass diese Gruppen nun ihre Waffen niederlegen müssten. Die Koalition verlässt das Land allerdings mitten in einem regionalen Krieg, der durch US-israelische Angriffe auf den Iran ausgelöst wurde. Teheran und einige seiner Verbündeten im Irak haben in diesem Konflikt Ziele in den arabischen Golfstaaten, in Jordanien und in der irakisch-kurdischen Region angegriffen.

Die entscheidende Frage lautet daher, ob Bagdad das Ende des ausländischen Militäreinsatzes nutzen kann und will, um bewaffnete Gruppen stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen. Deren Motive für den bewaffneten Kampf reichen – unabhängig von ihren jeweiligen Rechtfertigungen – weit über die Ablehnung der Koalitionspräsenz hinaus.

Das Ende einer Mission

Die US-geführte „Globale Koalition zur Bekämpfung des Islamischen Staates im Irak und in Syrien“ – vom US-Militär als „Operation Inherent Resolve“ bezeichnet – beendet ihren Einsatz nach zwölf Jahren. Als der IS 2014 auf dem Vormarsch war, profitierte er von der Instabilität, die nach den Aufständen von 2011 große Teile der arabischen Welt erfasst hatte. Hinzu kam, dass die Gruppe durch den überstürzten Rückzug irakischer und syrischer Streitkräfte deren konventionelle Waffen erbeutete. Diese hatten angesichts der IS-Offensive Städte wie Mossul und Raqqa innerhalb kurzer Zeit aufgegeben.

Der IS nutzte die zunehmenden konfessionellen Spannungen im Irak und das Gefühl politischer Ausgrenzung unter der sunnitisch-arabischen Bevölkerung aus, um weite Teile des sunnitisch-arabisch geprägten Kernlandes unter seine Kontrolle zu bringen.

Im Juni 2014 rief der IS im Irak und in Syrien ein Kalifat aus. Auf dem Höhepunkt seiner Macht, im Mai 2015, kontrollierte er bis zu einem Drittel des irakischen Staatsgebiets. Nur drei Jahre nach dem Ende der US-Besatzung des Irak beschloss der damalige US-Präsident Barack Obama 2014, erneut Truppen in das Land zu entsenden. Sie sollten eine weitere Ausbreitung des IS verhindern und die territorialen Gewinne der Gruppe in beiden Ländern rückgängig machen.

In den folgenden Jahren unterstützten die USA und Dutzende Koalitionspartner Militäroperationen gegen den IS im Irak und in Syrien. Zugleich halfen sie beim Wiederaufbau und bei der Ausbildung der irakischen Armee, die nach Beginn der IS-Offensive innerhalb weniger Tage zusammengebrochen war.

Die irakische Regierung erklärte bereits im Dezember 2017 den Sieg über den IS. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie Mossul und andere wichtige Städte zurückerobert und die Grenze zu Syrien gesichert. Dennoch blieb die Koalition im Land. Auch nachdem im März 2019 die letzte IS-Hochburg in Baghouz in Syrien gefallen war, hielten sie an ihrem Einsatz fest.

Dass die Koalition, der neben den USA auch größere Kontingente aus Frankreich, Großbritannien und der Türkei angehörten, weiterhin im Irak blieb, hatte mehrere Gründe. Erstens unterstützte sie noch Jahre nach der Rückeroberung von Baghouz die irakischen Streitkräfte dabei, verbliebene IS-Zellen zu bekämpfen. 

In zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung umstrittenen Gebieten waren sowohl die irakische Armee als auch die Streitkräfte der kurdischen Region, die Peschmerga, weiterhin gelegentlichen Überfällen und Überraschungsangriffen  ausgesetzt. Ihr unwegsames Gelände bot IS-Kämpfern zahlreiche Verstecke. Noch im August 2024 wurden US-Soldat:innen verletzt, als sie gemeinsam mit irakischen Streitkräften eine IS-Zelle in der Provinz Anbar angriffen.

Zweitens nutzte die Koalition den Irak als Ausgangspunkt für Operationen gegen den IS und andere Gruppen im benachbarten Syrien. Dort tobte jahrelang der Bürgerkrieg. Die USA arbeiteten bis April mit den von Kurd:innen angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) zusammen.

Die Gefahr durch den IS ist inzwischen deutlich zurückgegangen. Zwar verüben verbliebene Mitglieder der Gruppe gelegentlich noch Anschläge, doch hat der IS seinen ideologischen Einfluss weitgehend eingebüßt. Sowohl im Irak als auch in Syrien bestehen weiterhin Missstände und Ressentiments, die die Gruppe einst zur Mobilisierung ihrer Anhänger:innen nutzte. Nur wenige Menschen wollen jedoch in die Zeit des sogenannten Kalifats zurückkehren, die jahrelange Konflikte auslöste und unter anderem zahlreiche Gemeinschaften zerstörte, die der IS zu schützen vorgab. Zudem haben sich die Sicherheitslücken, die die Gruppe 2014 ausnutzte, in beiden Ländern verringert.

Syriens neue Machthaber haben noch keine vollständige Kontrolle über sämtliche Provinzen und Grenzen des Landes erlangt. Die Eingliederung der zuvor autonomen SDF im Nordosten in die Kommandostruktur der Zentralregierung trägt jedoch dazu bei, durch den IS gefährdete Gebiete weiterhin abzusichern. Im Irak sind die staatlichen Streitkräfte inzwischen besser darauf vorbereitet, mögliche Bedrohungen durch die Gruppe im Inland oder von außen abzuwehren.

Die Koalition und die irakische Regierung sind sich einig, dass die irakischen Streitkräfte den IS künftig eigenständig bekämpfen können. Der Abzug kommt beiden Seiten auch politisch gelegen. Bagdad betrachtete die Präsenz der Koalition trotz der Zusammenarbeit seit Jahren als Belastung. Das lag nicht zuletzt daran, dass iranfreundliche bewaffnete Gruppen sie als Beleg dafür anführten, dass die US-Besatzung faktisch andauere.

Diese Gruppen warfen den USA außerdem vor, ihre militärische Präsenz im Irak zu nutzen, um den Iran und die sogenannte „Achse des Widerstands“ – das Netzwerk seiner regionalen Verbündeten – zu überwachen. Der Vorwurf diente den irakischen Gruppierungen wiederum als Rechtfertigung dafür, ihre Waffen und Kommandostrukturen unabhängig von den staatlichen Sicherheitskräften beizubehalten.

In den USA sprachen die innenpolitischen Kräfteverhältnisse für einen Abzug, wenngleich die Lage dort weniger eindeutig war. Trump war nie der konsequente Interventionsgegner, als den er sich mitunter darstellte. Dennoch hatte er sich seit Langem gegen den Irakkrieg ausgesprochen, der bereits 2016 ein zentrales Thema seiner Wahlkampagne gewesen war. Während seiner ersten Amtszeit hatte er einen Abzug aus Syrien erwogen. Trotz seiner zunehmenden Bereitschaft zu militärischen Interventionen in seiner zweiten Amtszeit wettert Trump weiterhin gegen endlose US-Kriege, insbesondere im Nahen Osten.

Der Abzug aus dem Irak entspricht somit sowohl der langjährigen Rhetorik des US-Präsidenten als auch den Ansichten erheblicher Teile seiner politischen Basis. Washington hatte stets betont, dass die Koalition auf Wunsch der irakischen Regierung im Land geblieben sei. Bagdads offensichtlich bestehender Wunsch nach einem Truppenabzug hatte diese Argumentation jedoch zunehmend erschwert. Ein US-Beamter erklärte gegenüber der International Crisis Group zudem, der Abzug biete angesichts des Krieges mit dem Iran einen weiteren Vorteil: Teheran stünden dadurch weniger leicht erreichbare US-Ziele zur Verfügung.

Theoretisch markiert der Abzug einen Meilenstein in den Beziehungen zwischen dem Irak und den USA und auf dem langen Weg des Landes zurück zur Normalität. Seit der US-Invasion von 2003 war der Irak von Chaos und Gewalt geprägt. Mehrere irakische Regierungen hatten sich darum bemüht, bilaterale Sicherheitsabkommen zu irakischen Bedingungen und mit selbstgewählten Partnerländern zu schließen. Nun kann Bagdad solche Vereinbarungen nicht nur mit den USA, sondern auch mit früheren Koalitionspartnern wie Großbritannien und Frankreich aushandeln.

Doch so notwendig Bagdad den Abzug aus politischen Gründen auch schien: Als Anlass zum Feiern eignet er sich kaum. Schließlich fällt er mit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran zusammen, der den Irak zu einem seiner Schauplätze gemacht hat. Stattdessen wird der Zeitpunkt des Abzugs die Aufmerksamkeit noch stärker auf die regionalen Effekte dieses Konflikts lenken.

Anders als beim US-Truppenabzug von 2011 müssen sich die Iraker:innen nicht auf einen möglichen neuen Krieg vorbereiten – ein solcher wirkt sich bereits auf ihr Land aus. Die Sorgen vieler Menschen richten sich daher derzeit weniger auf die Gefahr eines wiedererstarkenden IS als auf iranfreundliche bewaffnete Gruppen im eigenen Land. Aus Solidarität mit ihren Verbündeten in der „Achse des Widerstands“ könnten diese Gruppen trotz des US-Abzugs aktiv werden und sich damit der Neutralitätspolitik der irakischen Regierung im Krieg zwischen den USA und dem Iran widersetzen und militärische Vergeltungsmaßnahmen ausländischer Akteure provozieren.

Einige der Probleme, die der Abzug für die Beziehungen zwischen dem Irak und den USA mit sich bringen könnte, waren kaum absehbar, als der Zeitplan für den Truppenabbau festgelegt wurde. Schon damals war die Lage angespannt: Nach dem Ausbruch des Gaza-Krieges hatte die Unterstützung der USA für Israels brutale militärische Reaktion auf die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 den Rückhalt in der irakischen Bevölkerung für enge bilaterale Beziehungen geschwächt.

Im September 2024 vereinbarten Bagdad und Washington unter dem damaligen irakischen Ministerpräsidenten Mohammed Shia al-Sudani und dem US-Präsidenten Joe Biden ein schrittweises Ende des Koalitionseinsatzes. Demnach sollte sich die Koalition bis September 2025 von ihren Stützpunkten im föderalen Irak zurückziehen. Der vollständige Abzug aus der kurdischen Region sollte bis zum darauffolgenden 30. September erfolgen.

Vor dem Hintergrund des Krieges zwischen den USA und dem Iran wird der Abzug nun möglicherweise weniger als Zeichen für die Erholung des Irak vom IS wahrgenommen. Vielmehr dürfte er zum Prüfstein dafür werden, ob die Regierung die geschwächte staatliche Souveränität wiederherstellen und die innere Sicherheit inmitten einer regionalen Krise gewährleisten kann.

Kontrolle über bewaffnete Gruppen

Zaidi erklärte, dass das Ende des Koalitionseinsatzes den Beginn der Entwaffnung jener Gruppen markieren müsse, die unabhängig vom Staat operieren. Die Frist für den Abschluss dieses Prozesses legte er auf Juni 2027 fest. Seine politische Argumentation ist klar: Sobald die Koalitionstruppen abgezogen sind, können die bewaffneten Gruppierungen deren Präsenz nicht länger als Rechtfertigung für ihre eigenständigen militärischen Strukturen anführen.

Nachdem er am 30. September das Ende des Einsatzes verkündet hat, hofft Zaidi, dass einige Gruppierungen diesen Schritt begrüßen werden, weil damit eine ihrer langjährigen Forderungen erfüllt wird. Im Gegenzug sollen sie sich verpflichten, die militärischen Aktionen einzustellen.

Doch nicht alle bewaffneten Gruppen dürften dazu bereit sein. Sie unterscheiden sich erheblich voneinander, und der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran hat die Lage zusätzlich verschärft. Die Volksmobilisierungskräfte, auf Arabisch Haschd al-Schaabi, entstanden als Zusammenschluss schiitischer Milizen, die gegen den IS kämpften. Später wurden sie formal in den irakischen Sicherheitsapparat eingegliedert, wobei viele ihre unabhängigen Befehlsketten beibehielten.

Die Volksmobilisierungskräfte sind keine einheitliche Organisation. Vielmehr unterscheiden sich ihre Teilgruppen erheblich in ihren Beziehungen zum Iran. Auch haben längst nicht alle von ihnen Angriffe außerhalb des Irak verübt.

Einige Gruppierungen, etwa Asaib Ahl al-Haq, scheinen bereit zu sein, über ihre künftigen Beziehungen zum Staat zu verhandeln. Andere – darunter mit dem selbsternannten „Islamischen Widerstand“ im Irak verbundene Gruppen wie Kataib Hisbollah und Harakat al-Nudschaba – sind ideologisch und operativ eng in das regionale Netzwerk des Iran eingebunden. Ihre Gegnerschaft zu den USA geht weit über die Präsenz der Koalitionstruppen im Irak hinaus. Zugleich dienen sie dem Iran als wichtiges Instrument, um seinen Einfluss in der Region auszuweiten.

Die letztgenannten Gruppierungen haben sich am Krieg im Nahen Osten beteiligt. Sie griffen Energieinfrastruktur und Ziele mit Verbindungen zu den USA in Nachbarländern an, darunter Jordanien, Kuwait und Saudi-Arabien. Ihre Aktionen haben die Beziehungen Bagdads zu den Golfstaaten belastet und, wie bereits erwähnt, den Irak Vergeltungsangriffen sowohl der USA als auch Saudi-Arabiens ausgesetzt.

Zaidi hat daher eigene gewichtige Gründe, diese Gruppen einzudämmen. Solange bewaffnete Akteure unabhängig vom Willen der Regierung über Krieg und Frieden entscheiden, kann Bagdad seinen Nachbarstaaten keine glaubwürdigen Sicherheitsgarantien geben, kaum ausländische Investitionen anziehen und keine neutrale Außenpolitik verfolgen.

Die laufenden Verhandlungen mit einzelnen Gruppen bieten einen möglichen Weg, ihre Kämpfer und militärischen Fähigkeiten schrittweise unter staatliche Kontrolle zu bringen. Allerdings werden diese Gespräche mit ziemlicher Sicherheit deutlich länger dauern, als es Zaidi mit seiner Frist vorsieht.

Sollten die Verhandlungen ins Stocken geraten, könnte Zaidi unter Druck aus den USA geraten, militärisch gegen diese Gruppen vorzugehen. Frühere Ministerpräsidenten hatten eine direkte Konfrontation vermieden, da sie einen inner-schiitischen Konflikt und Spannungen mit dem Iran befürchteten.

In einem Interview Mitte September erklärte Zaidi, Gruppierungen, die weiterhin als eigenständige Milizen agierten, würden künftig als gesetzlose Organisationen gelten. Welche konkreten Maßnahmen seine Regierung gegen jene ergreifen würde, die sich seinen Anweisungen widersetzen, ließ er bislang offen.

Solange Teheran im Krieg mit den USA auf enge irakische Verbündete angewiesen ist, haben diese Gruppen gute Gründe, ihre militärische Eigenständigkeit zu bewahren. Sie könnten versuchen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, ohne ihre Waffen abzugeben. Selbst nach dem Abzug der Koalition dürften sie auf andere ausländische Militärpräsenzen verweisen, etwa auf die türkischen Truppenstützpunkte im Nordirak, um ihre Haltung zu rechtfertigen.

Einige Beobachter:innen argumentieren zudem, jeder Entwaffnungsplan müsse zugleich den Status der Peschmerga in der Kurdenregion berücksichtigen. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz: Die Peschmerga unterliegen besonderen gesetzlichen Regelungen im Rahmen der irakischen Verfassung, die den föderalen Regionen die Verantwortung für die Organisation ihrer inneren Sicherheit und ihres Grenzschutzes übertragen.

Die Regierung sollte deshalb klar zwischen Streitkräften, die unter anerkannter staatlicher oder regionaler Autorität stehen, und Gruppierungen, die ohne entsprechende Legitimation Angriffe durchführen, unterscheiden.

Die Verwundbarkeit der kurdischen Region

Der Abzug der Koalition hat für die kurdische Region besondere Bedeutung. Dort hatten die Koalitionstruppen die Peschmerga unterstützt. Zudem blieben US-Soldat:innen in der Region stationiert, nachdem sie im September 2025 ihre übrigen Stützpunkte im Irak verlassen hatten.

In Erbil stößt der bevorstehende Abzug auf wenig Begeisterung. Der Ministerpräsident der kurdischen Regionalregierung, Masrour Barzani, bezeichnete den Rückzug zum jetzigen Zeitpunkt als „beschämend“. Dahinter steht zweifellos seine Sorge, wie die Bedrohung durch den Iran und iranfreundliche Gruppen künftig eingedämmt werden soll. Seit Beginn des Krieges im Februar haben diese die Region systematisch angegriffen.

Einige der Angriffe scheinen sich gegen die Präsenz der US-Streitkräfte gerichtet zu haben. Sie entsprechen damit den Attacken auf andere Nachbarländer, die US-Militärstützpunkte beherbergen. Die nahezu täglichen Angriffe trafen jedoch auch häufig iranisch-kurdische Oppositionsgruppen, die im Irak ansässig sind. Ein kurdischer Offizieller bezeichnete die Angriffe gegenüber der International Crisis Group als Warnung an seine Region, diese Gruppen aus dem aktuellen Konflikt herauszuhalten.

Der Abzug der Koalition wird die Sicherheitsrisiken für die Region zweifellos verschärfen. Die in Erbil stationierten Koalitionskräfte boten einen gewissen Schutz vor Luftangriffen. Mit ihrem Abzug gehen diese Ressourcen verloren, wodurch die Region noch anfälliger für Raketen- und Drohnenangriffe wird.

Der kurdische Offizielle erklärte gegenüber der International Crisis Group, bei den Sorgen über den Abzug gehe es „nicht nur um Sicherheit, sondern auch um die Botschaft, die der Vorgang an unsere Gegner sendet“. Dahinter steht die Befürchtung, der Iran und andere Akteure könnten den Rückzug der USA als Zeichen dafür deuten, dass Washington künftig kein wesentliches Interesse mehr an der Zukunft der Region habe.

Dennoch dürfte die amerikanische Unterstützung nicht vollständig versiegen, auch wenn sie künftig auf einer anderen Grundlage erfolgen wird. Bislang beruhte die US-Unterstützung für die Peschmerga auf einer Absichtserklärung zwischen dem US-Verteidigungsministerium und dem Ministerium für Peschmerga-Angelegenheiten der kurdischen Regionalregierung. Das Abkommen wurde erstmals 2016 unterzeichnet und zuletzt 2022 erneuert.

Obwohl die USA das Abkommen nicht verlängern wollen, werden die kurdischen Behörden Washington und andere Koalitionspartner weiterhin um Unterstützung bitten. Dazu zählen Luftangriffe, der Austausch von Geheimdienstinformationen, Ausbildung und Ausrüstung – Maßnahmen, die keine Stationierung von US-Truppen im Irak voraussetzen. Darüber hinaus wird Erbil umfassendere Zusicherungen verlangen, dass die Region angesichts der militärischen Bedrohung durch den Iran und dessen Verbündete auf Unterstützung zählen kann.

Hilfreich könnte dabei sein, dass die Regionalregierung im September den Abschluss der Neuorganisation der Peschmerga bekannt gegeben hat. Die Neuorganisation war von den USA gefordert und in der inzwischen auslaufenden Absichtserklärung vereinbart worden.

Die künftige Zusammenarbeit wird allerdings weitere Anstrengungen erfordern. Bagdad, Erbil und ihre ausländischen Partner müssen klären, unter welchen Bedingungen sie künftig zusammenarbeiten wollen. Die Beziehungen zwischen Bagdad und Erbil waren traditionell von Spannungen geprägt, in Zukunft werden sie enger kooperieren müssen. Zumindest vorerst zeigen sich kurdische Regierungsvertreter jedoch beeindruckt von Zaidi. Sie halten ihn für aufrichtig, wenn er erklärt, das Problem der Milizen angehen zu wollen.

Der Blick nach vorn

Als Trump für seine zweite Amtszeit ins Weiße Haus zurückkehrte, hofften viele seiner Anhänger:innen, seine Regierung werde militärische Abenteuer vermeiden und versuchen, die USA aus strategischen Sackgassen zu befreien. Einige seiner Personalentscheidungen, insbesondere im Pentagon, schienen diese Erwartungen zu bestätigen. Auch die außenpolitischen Positionen seines Vizepräsidenten JD Vance deuteten in diese Richtung.

Zwar waren jene Regierungsvertreter:innen, die eine zurückhaltendere Außenpolitik befürworteten oder die USA durch den Abbau anderer Auslandseinsätze stärker auf den Wettbewerb mit China konzentrieren wollten, innerhalb der neuen Regierung nicht tonangebend. Dennoch bekleideten sie wichtige Positionen. Beide Gruppen sprachen sich dafür aus, die US-Militärpräsenz im Nahen Osten neu zu bewerten, insbesondere die langjährigen Einsätze im Irak und in Syrien.

Unabhängig davon, wie groß der Einfluss dieser Gruppen war: Die wichtigsten außenpolitischen Entscheidungen in Trumps jüngstem Amtsjahr waren nicht von ihren Vorstellungen geprägt. Stattdessen stand die US-Politik für aggressiven Unilateralismus und den Einsatz militärischer Gewalt als Instrument staatlicher Machtpolitik.

Eine Ausnahme bildet allerdings die Entwicklung der US-Politik gegenüber dem Irak und Syrien. Regierungsvertreter:innen erklärten gegenüber der International Crisis Group, dass wichtige US-Beamt:innen, insbesondere im Pentagon, nach dem unerwarteten Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad eine Neubewertung der amerikanischen Truppenpräsenz in der Region vorangetrieben hätten. In mehreren internen Auseinandersetzungen über die künftige Politik hätten sie sich durchgesetzt.

Zusätzlichen Auftrieb erhielten diese Bemühungen, als deutlich wurde, wie verwundbar die US-Truppen in der Region infolge des Konflikts mit dem Iran geworden waren. Auch Zaidi wird in Washington positiv beurteilt. Er besuchte die US-Hauptstadt im Juli und wurde von Trump herzlich empfangen. Besonders zufrieden zeigen sich US-Vertreter mit seinen Zusagen zur Entwaffnung der Milizen. Selbst diejenigen, die skeptisch sind, ob diese Bemühungen erfolgreich sein werden, schätzen den sachlichen Ton und das Selbstvertrauen des irakischen Ministerpräsidenten.

Wie sich die Beziehungen zwischen den USA und dem Irak künftig entwickeln, wird maßgeblich vom ungewissen Verlauf des Krieges zwischen den USA und dem Iran abhängen. Ein langwieriger Konflikt dürfte dazu führen, dass der Iran seine Verbündeten im Irak stärker einspannt und das Land als Ausgangsbasis für größere Angriffe auf Interessen der USA und ihrer regionalen Partner nutzt.

Das würde die bilateralen Beziehungen zwangsläufig belasten und könnte Vergeltungsmaßnahmen der USA auslösen. Washington verfügt nach wie vor über beträchtlichen Einfluss auf den Irak. Dazu trägt auch bei, dass die USA einen erheblichen Teil der irakischen Öleinnahmen kontrollieren, die bei der Federal Reserve Bank of New York hinterlegt sind.

Die Trump-Regierung hat diesen Hebel bereits zweimal eingesetzt, um Bagdad zu entschlosseneren Maßnahmen gegen den iranischen Einfluss im Irak zu bewegen.

Vorerst hat Zaidis Amtsantritt die Spannungen gemildert. Zugleich liefert ihm der US-Abzug ein Argument, um bewaffnete Gruppen stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen. Das könnte ausreichen, um mit einigen Gruppierungen Fortschritte zu erzielen. Dennoch gibt es Zweifel daran, wie weit Zaidi tatsächlich kommen wird.

Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass Bagdad die Milizen zur vollständigen Aufgabe ihrer Waffen zwingen oder ihre über Jahre regionaler Konflikte gewachsenen Verbindungen zum Iran einfach kappen könnte.

Der symbolische Stellenwert des 30. Septembers ist erheblich. Letztlich wird die Stabilität des Irak jedoch vor allem davon abhängen, ob die USA dem Land genügend Zeit und politischen Spielraum lassen, um bewaffnete Gruppen der Kontrolle seiner Zentralregierung zu unterstellen. Ebenso entscheidend wird sein, ob Bagdad und Washington in der Zwischenzeit zusammenarbeiten, um den Irak vor den schlimmsten Folgen der Konfrontation zwischen den USA und dem Iran zu schützen.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Version des englischen Originals. Übertragung mithilfe von KI-gestützten Übersetzungstools durch Leon Holly.

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