Sie brachte ihren Folterer vor Gericht
Rusafa Strafgericht in Bagdad, 14. Mai 2026. Der Richter verkündet das Urteil: „Ajaj Hardan Ahmad al-Tikriti wird zum Tod durch den Strang verurteilt.“ Die versammelten Überlebenden und ihre Familien applaudieren laut. Unter ihnen ist Fazila Mohammad. Sie trägt schwarz, sagt aber, ihr Herz sei voller Freude.
Sie war es, die al-Tikritis Gesicht nach über drei Jahrzehnten wiedererkannt hat. Sie erstattete die erste Anzeige und überzeugte andere Zeug:innen davon, gegen al-Tikriti auszusagen. Ohne sie wäre der Mann, den die Kurd:innen „das Monster von Nugra Salman“ nennen, vielleicht nie vor Gericht gestellt worden.
Im Februar 1988 befahl Saddam Husseins Baath-Regierung mit der Operation Anfal einen massiven Angriff auf die kurdische Bevölkerung im Nordirak. Kurdische Behörden schätzen, dass bis September desselben Jahres 182.000 Menschen getötet wurden oder verschwanden. Ein Human Rights Watch-Bericht von 1993 schätzt die Zahl auf zwischen 50.000 und 100.000. Sowohl die Post-Baath-Regierung im Irak als auch viele Menschenrechtsorganisationen stufen die Operation heute als Genozid ein. Damals geschah die Operation im Stillen, denn die westlichen Regierungen waren vom letzten Kapitel des Kalten Krieges und den Folgen des Iran-Irak-Krieges eingenommen und ignorierten das Geschehen.
Mit der Operation Anfal sollten die ländlichen Regionen im Norden des Iraks „gesäubert“ werden, in denen die kurdischen Partisanen, die Peschmerga, am aktivsten waren. Die Region Garmijan, in der Fazila aufwuchs, war das Zentrum des kurdischen Widerstands und damit Ziel der Operation Anfal.
Fazila war 15 Jahre alt, als Soldaten sie gemeinsam mit ihrer Familie und den Einwohner:innen benachbarter Dörfer festnahmen. Man transportierte sie nach Nugra Salman, einem burgartigen Gefängnis in der Wüste von Samawah im Süden des Iraks. Der Ort steht bis heute wie kein anderer für die Operation Anfal.
Hier wurden unter al-Tikritis Kommando die schlimmsten Verbrechen begangen, er war als Offizier verantwortlich für das Gefängnis. Al-Tikitis eigenen Geständnissen zufolge waren Hungernlassen, sexuelle Belästigung, Massenexekutionen und tödliche Folter systematisch angewandte Methoden.
Als Teenagerin entführt
„Wir verbrachten acht Monate und sieben Tage im Nugra Salman Gefängnis und mussten dort Unterdrückung, Folter und Hunger ertragen“, erinnert sich Fazila. „Wir waren monatelang in abgeschotteten Hallen untergebracht, sie haben uns zeitweise mit 350 bis 500 Leuten in einem einzigen Raum eingeschlossen. In der ersten Zeit haben wir nichts mitbekommen, was außerhalb der Mauern vor sich ging. In den letzten drei Monaten durften wir dann manchmal in den Hof.“
Sie erinnert sich an jede einzelne Misshandlung, als wäre sie gestern passiert. Doch der Tod ihrer drei Geschwister hat die tiefste Wunde hinterlassen, nichts kann sie heilen.
„Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern verloren. Meine kleinste Schwester war erst sechs Monate alt. Eines Tages kam Ajaj (al-Tikriti) wie so oft in die Gefängnishalle und fing an, Leute mit seinem Schlagstock zu verprügeln. Ihr Alter oder Geschlecht war ihm egal. Als er uns erreicht hatte, holte er mit dem Schlagstock gegen meine Schwester aus, die von meiner Mutter gerade gestillt wurde. Mit einem einzigen Schlag tötete er das Baby. Meine Schwester hatte die Brust meiner Mutter noch im Mund, als sie starb.“
Die Tortur war für die Familie mit dem Tod ihrer Lieben nicht zu Ende. Sie wurden danach systematisch psychologisch gequält und Leichen absichtlich geschändet. Fazila schildert das Schicksal ihres Bruders präzise und nüchtern, als hätten die Jahre das Bild kein bisschen verwischt.
„Bald darauf starb mein sechs Jahre alter Bruder Qadir an den Qualen, dem Hunger und der Krankheit. Die Wachen nahmen seine Leiche mit und sagten uns, sie würden ihn bestatten. Einige Tage später brachte ich mit anderen Gefangenen den Müll raus und sah, wie wilde Hunde gleich vor den Gefängnismauern an einigen Leichen fraßen. Selbst aus der Entfernung erkannte ich die Kleidung meines Bruders sofort. Die Hunde fraßen ihn.“
Diese Geschichte ist bei weitem kein Einzelfall. Wie Fazila und andere Zeug:innen berichteten, starben in Nugra Salman an manchen Tagen 20 bis 30 Kinder, meist an Unterernährung und Krankheit. „Als wir endlich in den Hof durften und entdeckt hatten, was mit unseren toten Familienangehörigen passiert war, mussten wir Ajaj und andere Offiziere anbetteln, wir mussten zu ihren Füßen schluchzen, nur um die Erlaubnis zu bekommen, unsere Toten mit etwas Würde zu bestatten.“
Ein anonymer Informant
Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 geschahen zwei wichtige Dinge: Tausende Dokumente kamen ans Licht und machten das Ausmaß der Verbrechen des Regimes sichtbar, Täter wurden identifiziert. Und zweitens forderte das irakische Volk Gerechtigkeit.
Al-Tikritis Name war schon in den ersten Tagen nach dem Regimesturz in aller Munde. Doch er profitierte vom Chaos und der fehlenden Staatsmacht und tauchte genau wie hunderte andere kriminelle Baath-Funktionäre unter. Bis er im Mai 2025 schließlich ausfindig gemacht werden konnte.
Seit der Befreiung des Iraks organisieren die Familien der Opfer regelmäßig Reisen nach Nugra Salman, um ihren Toten zu gedenken. Während einem dieser Besuche saß Fazila mit Tränen in den Augen am Grab ihrer Geschwister, als sich ihr ein Mann näherte und sie ansprach.
„Ich war so in meinen Erinnerungen verloren, dass ich ihn nicht wahrnahm, bis er mich ansprach“, sagt sie. „Er fragte mich, wessen Gräber dies seien, und ich erzählte ihm die Geschichten. Er wollte wissen, ob ich Ajaj wohl erkennen würde, wenn ich ihn sähe.“
„Ja, ich werde sein Gesicht nie vergessen“, antwortete sie. „Bist du dir sicher, dass du ihn erkennen würdest? Wenn ich dir ein paar Fotos zeige, kannst du ihn von anderen Männern unterscheiden?“
„Ich gebe dir mein Wort, dass ich das kann.“
Über den mysteriösen Mann kursieren unterschiedliche Gerüchte. Manche glauben, er arbeite für den irakischen Geheimdienst. Andere behaupten, er sei einfach ein Anwohner, der stammes- oder persönliche Abneigungen gegen al-Tikriti hege. Quellen, die Einblick in den Fall haben, wollen die Frage nicht kommentieren und verweisen auf den sensiblen Kontext beziehungsweise die Notwendigkeit, das Leben des Mannes zu schützen.
Ganz unabhängig von der Identität dieses Mannes war es immer Fazilas Traum gewesen, das Monster von Nugra Salman zu finden und ihn unter allen Umständen vor Gericht zu bringen. Sie erklärte sich bereit, mit dem Mann zusammenzuarbeiten.
„Er legte mir einige Fotos vor und ich zeigte auf Ajaj. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Er bat mich darum, mit niemandem darüber zu sprechen. Denn würde der Verbrecher misstrauisch, könnte er fliehen. Wochen später reiste ich in die Stadt dieses Mannes und er zeigte mir Aja aus einiger Entfernung. Ich hatte keine Zweifel mehr, ich erkannte ihn an seinen Augen.“
Al-Tikriti wurde in der Salahaddin-Provinz identifiziert. Der genaue Ort wird aus Sicherheitsgründen nicht preisgegeben. Fazila erstattete die erste Anzeige und reichte Klage ein. Sie überzeugte andere Zeug:innen, vor Gericht auszusagen, und stellte als laute Stimme in der Presse sicher, dass die Öffentlichkeit über den Fall informiert blieb.
Unvollständige Aufarbeitung
Al-Tikriti soll in den kommenden Wochen hingerichtet werden. Doch der Fall ist für alle, die der Sache nahe stehen, noch nicht zu Ende.
Ein Anwalt, der kurdische Überlebende vertritt, sagte gegenüber Qantara, der Prozess könnte den Weg für weitere Festnahmen und Prozesse gegen Täter des Baath-Regimes ebnen. „Die Namen von mindestens acht weiteren hochrangigen Offizieren sind dem Gericht bekannt.“ Von den meisten wird angenommen, dass sie noch am Leben sind und sich im Irak verstecken.
Akram Salih, Vorsitzender des Vereins zur Interessensvertretung in der Anfal-Frage, drückte Dankbarkeit für die Entscheidung des Gerichts aus, aber auch Enttäuschung darüber, dass der Prozess nicht detaillierter war. „Der Angeklagte hätte mehr Informationen preisgeben können oder weitere Verbrechen gestehen können. Die Leute unterschätzen, wie wichtig es ist, die Verbrechen zu dokumentieren.“
Auch wenn die Festnahme und das Urteil gegen das Monster von Nugra Salman etwas Trost spenden, halten die Überlebenden und ihre Familien noch immer an einem letzten Traum fest, wie Salih ausführt:
„Von mindestens 100.000 Toten sind seit 2003 nur von 3.000 Verstorbenen sterbliche Überreste in der irakischen Wüste entdeckt und nach Kurdistan repatriiert worden. Ihre Familien wünschen sich, dass die Massengräber gefunden und ihre Angehörigen in ihre Heimat überführt werden.“
Dieser Artikel ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.
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