Die Frauen und Kinder von al-Roj

A woman and a child walk towards a cluster of tents. A Batman shaped kite is visible in the sky.
Rund 2.300 Menschen leben im Internierungslager al-Roj in Syrien, Foto vom 17. Juli 2026. (Foto: Picture Alliance / Sipa USA | JNA PRESS)

Im Nordost-Syrien sitzen weiterhin ausländische Frauen und Kinder fest, die Verbindungen zum IS haben sollen. In den Heimatländern drohen ihnen Prozesse – doch ob sie überhaupt zurückkehren können, ist ungewiss.

Von Hannah Wallace

Als plötzlich Schüsse zu hören waren, rannte Dalal panisch ins Zelt, um nach ihrem neunjährigen Sohn und ihrer achtjährigen Tochter zu sehen. „Es wurde so viel geschrien und gebrüllt“, erzählt sie. Kugeln hätten den Kühlschrank eines Nachbarn getroffen und nur knapp ein Kind verfehlt.

Die Schüsse fielen, als die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) Anfang August im Internierungslager al-Roj im Nordosten Syriens mit gepanzerten Fahrzeugen gegen protestierende Frauen vorgingen. Die von Kurden angeführte Truppe kontrollierte das Lager bis August 2026.

Seit Ende Juli hatten Bewohnerinnen von al-Roj öffentlich gegen mutmaßliche Übergriffe demonstriert und mehr Bewegungsfreiheit und bessere Lebensbedingungen gefordert. Sie beklagten jahrelange rechtswidrige Inhaftierungen, die zunehmende Not im Lager und das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Wie schlecht die Lage in dem Lager ist, dokumentiert ein Bericht der schwedischen Hilfsorganisation Repatriate the Children, der auf Aussagen von mehr als 40 Frauen aus al-Roj beruht. Qantara konnte zudem direkt mit einigen Frauen sprechen, die in dem Lager leben.

Schüsse gehören für die Menschen in al-Roj zum Alltag. Ein besonderer Schock für Dalal war es jedoch, die SDF so nah an dem Ort schießen zu hören, wo ihre Kinder schliefen. „Sie schossen, um uns Angst zu machen“, erzählt sie gegenüber Qantara. „Ich bleibe jetzt meistens im Zelt, weil ich Angst vor den Unruhen habe – und um meine Kinder.“

A camp born from the defeat of IS

Al-Roj, das in der Provinz Hasaka nahe der Grenze zum Irak liegt, beherbergt mehr als 2.300 Menschen aus rund 54 Ländern. Viele kamen nach dem Fall von Baghouz 2019 dorthin. Baghouz war die letzte Bastion des IS in Syrien. In der Schlussphase des von den USA unterstützten Kampfes gegen die Gruppe flohen Tausende Menschen oder wurden von SDF-Kräften festgenommen.

Wie die aus Bosnien stammende Dalal sind die meisten der Bewohner:innen von al-Roj ausländische Frauen oder Kinder. Bei vielen handelt es sich vermutlich um Ehefrauen und Kinder mutmaßlicher IS-Mitglieder sowie um Zivilist:innen, die in die Kämpfe geraten waren. Viele geben an, von ihren Ehemännern oder Verwandten dazu gebracht worden zu sein, nach Syrien zu reisen.

Einigen der Frauen wird weiterhin Unterstützung des IS vorgeworfen. Dalal weist einen solchen Vorwurf für sich jedoch zurück. Ihr Mann habe sich dem IS angeschlossen und sie später gezwungen, mit ihm nach Syrien zu gehen, sagt sie. Nachdem er 2017 getötet wurde, nahmen kurdische Kräfte Dalal in der Nähe von Baghouz fest – sie war damals im achten Monat schwanger.

Für die Kinder im Lager spielt die Vorgeschichte ihrer Eltern im Alltag kaum eine Rolle. Einige wurden in al-Roj geboren, andere als Säuglinge dorthin gebracht. Ihre Kindheit verbringen sie hinter Mauern und Stacheldraht. Viele wachsen mit nur minimalem oder keinem Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung auf. Ihr Alltag wird von bewaffneten Wachen und Kontrollpunkten bestimmt.

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Al-Roj ist heute das letzte große Lager im Nordosten Syriens für Häftlinge mit Verbindungen zum IS, nachdem das weitaus größere Lager al-Hol aufgelöst worden ist. Im vergangenen Januar hatten syrische Regierungstruppen eine Offensive gegen die SDF gestartet, die zu diesem Zeitpunkt beide Lager kontrollierten.

Die SDF zogen sich aus al-Hol zurück und syrische Streitkräfte rückten vor. Doch es entstand ein Sicherheitsvakuum, in dessen Folge Tausende Frauen und Kinder aus al-Hol fliehen konnten, was Befürchtungen vor Menschenhandel, Ausbeutung und erneuten Kontakten zu IS-Netzwerken schürte.

Seit dem 25. August, als die SDF von ihrem Oberbefehlshaber Mazlum Abdi offiziell aufgelöst wurden, wird auch al-Roj vom syrischen Staat kontrolliert – eine Entwicklung, die den Weg für eine Schließung des Lagers ebnen könnte. Die unmittelbaren Auswirkungen der Auflösung der SDF auf die Sicherheitslage in al-Roj bleiben unklar.

Alltag zwischen Angst und Gewalt

Laut dem RTC-Bericht haben Übergriffe wie Belästigungen und Misshandlungen schon seit Beginn 2026 sowohl an Häufigkeit als auch an Schwere zugenommen.

„Nach den politischen Veränderungen (in Syrien, d. Red.) und dem Abzug des US-Militärs aus Nordostsyrien hat sich die Situation für die Frauen und Kinder im Lager al-Roj von schrecklich zu entsetzlich entwickelt“, sagt Letta Tayler, Nahost-Beraterin für Terrorismusbekämpfung bei Human Rights Watch, gegenüber Qantara.

Viele Frauen hätten ihr erzählt, dass sie nachts kaum noch schliefen. Sie fürchteten, von Lagerwachen geschlagen, ausgeraubt oder bedroht zu werden – oder dass dies ihren Kindern passiert. Einige hätten sogar Angst, wegen Verstößen wie dem Besitz eines Mobiltelefons verschleppt und festgehalten zu werden.

Der RTC-Bericht beschreibt unter anderem Fälle, in denen Kinder während Sicherheitsoperationen von ihren Müttern getrennt wurden. Häftlinge berichten von nächtlichen Razzien, Schlägen, Diebstählen und Drohungen. Auch Schüsse seien gefallen. Gleichzeitig habe sich der Zugang zu medizinischer Versorgung und anderen grundlegenden Dienstleistungen verschlechtert.

„Die Soldaten fahren mit ihren Autos auf Frauen und Kinder zu, um ihnen Angst zu machen zum Beispiel, wenn sie sie zum Verhör abholen wollen“, sagt Dalal. „Ein Kind wurde ohnmächtig, als die Soldaten es abholten. Sie hielten es eine Stunde lang fest und brachten es dann zu seiner Mutter zurück.“

Eine andere Frau berichtet von ähnlichen Schikanen durch die Lagerwachen. Diese seien in ihr Zelt eingedrungen und hätten Geld und persönliche Gegenstände gestohlen, sagt sie gegenüber Qantara.

„Mein Sohn bekam eine AK-47 auf den Rücken gedrückt. Er war zum Laden gegangen, obwohl er nicht an der Reihe war, Eis zu kaufen“, erzählt sie. Außerdem seien SDF-Fahrzeuge auf dem kurzen Weg ihres Sohnes zur Schule absichtlich auf ihn zugefahren, offenbar um ihn einzuschüchtern. Aus Angst um seine Sicherheit nahm sie ihn schließlich aus der Schule. Seitdem unterrichtet sie ihn zu Hause.

„Hört auf, das Problem vor euch herzuschieben“

Seit Jahren hatten die kurdisch geführten Behörden in Nordostsyrien und Menschenrechtsorganisationen ausländische Regierungen dazu gedrängt, ihre Staatsangehörigen aus den Lagern und Gefängnissen zurückzuholen.

Doch die meisten Regierungen haben sich bislang dagegen gesträubt. Sie verweisen unter anderem auf innenpolitischen Widerstand, Sicherheitsbedenken und die Schwierigkeiten, mutmaßliche IS-Mitglieder in ihren Heimatländern strafrechtlich zu verfolgen.

In den vergangenen Monaten gab es allerdings Anzeichen für Bewegung. Im April wurden 13 Australier:innen – vier Frauen und neun Kinder – von al-Roj nach Damaskus gebracht und australischen Behörden übergeben. Zwei Monate später verließen auch mehrere indonesische Familien al-Roj im Rahmen eines koordinierten Rückführungsprogramms.

Solche Fälle bleiben jedoch die Ausnahme, ein verlässlicher Weg zurück in die Heimat ist daraus bislang nicht entstanden. Gleichzeitig ist die Unsicherheit gewachsen, nachdem die syrische Regierung die Kontrolle über das Lager übernommen hat.

„Wir haben viele E-Mails geschrieben und gefragt, ob wir gehen können“, sagt Dalal. „Aber die Lagerbehörden sagen uns immer wieder, dass es kompliziert sei und sie die Hilfe der internationalen Gemeinschaft bräuchten.“

Nach Einschätzung von Beobachter:innen sind IS-Netzwerke im und um den Nordosten Syriens weiter aktiv. Der Zusammenbruch von al-Hol hat zudem die Frage aufgeworfen, was passiert, wenn sich große Gruppen von Gefangenen ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen zerstreuen.

„Es gibt berechtigte Sorgen, dass Frauen, die aus al-Roj freigelassen werden, sich freiwillig oder unfreiwillig dem IS oder anderen bewaffneten Gruppen in Syrien anschließen könnten“, sagt HRW-Expertin Tayler. Dasselbe könne ihren Kindern widerfahren. „Das ist ein weiterer Grund dafür, dass die Länder ihre Staatsangehörigen jetzt zurückholen sollten, statt das Problem weiter vor sich herzuschieben.“

Sollten die syrischen Behörden mit al-Roj ähnlich verfahren wie mit al-Hol, könnte auch dieses Lager in den kommenden Monaten geschlossen werden. Doch eine Schließung würde die Ungewissheit der Bewohner:innen nicht beenden. Solange viele Staaten die Rückführung ihrer Staatsangehörigen ablehnen, bleibt offen, was nach einer Schließung mit ihnen geschieht. Einigen könnte in ihren Heimatländern ein Strafverfahren drohen, andere könnten Folter oder anderen schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sein.

Dalal ist dennoch bereit, dieses Risiko einzugehen, um mit ihren Kindern nach Bosnien zurückzukehren. „Ich möchte nach Hause zurückkehren, selbst wenn ich mich einem Strafverfahren stellen muss“, sagt sie.

Sie hat miterlebt, wie ihre Kinder hinter Zäunen aufgewachsen sind – ohne verlässlichen Zugang zu Bildung und ohne klares Zugehörigkeitsgefühl. „Ich möchte nach Hause, damit meine Kinder eine Identität und eine Bildung haben können“, sagt Dalal. „Das Wichtigste für mich ist, dass meine Kinder endlich frei sind.“

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragung von Leon Holly und Jannis Hagmann mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.

© Qantara.de