Aus einem deutschen Dorf
In ihrem vielfach ausgezeichneten ersten Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ (2016) widmete sich Shida Bazyar, Jahrgang 1988, den Auswirkungen der Revolution im Iran von 1979 und dem sich über Generationen erstreckenden Trauma des Exils. 2021 folgte „Drei Kameradinnen“, worin Bazyar aus dem Leben dreier junger Frauen aus schwierigen Verhältnissen erzählte. Der Roman spielt in Berlin, handelt von Alltagsrassismus und dem bis heute nicht aufgearbeiteten NSU-Terror.
In „Die Lücken“ begibt sich die Autorin nun raus aus den Weltstädten, raus aus Teheran und Berlin, in ein beschauliches deutsches Dorf namens Heimesdorf. Dort versuchen die beiden iranischen Familien Sharifi und Karimpour in den Achtzigern und Neunzigern, eine neue Heimat zu finden, nachdem sie vor dem iranischen Regime nach Deutschland geflüchtet sind.
Heimat und Exil, das sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch Shida Bazyars Werk ziehen und die sie in all ihrer vielschichtigen Komplexität jenseits platter medialer Debatten ausleuchtet. Bazyars Eltern sind selbst, ein Jahr vor ihrer Geburt, aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet, während die Mullahs dort mitten im Krieg gegen den Irak Jagd auf Oppositionelle machten und zehntausende Menschen ermordeten.
Während die eine der beiden Familien im Roman die Hoffnung, eines Tages nach Iran zurückkehren zu können, nicht aufgeben will und sich nie ganz davon lösen kann, auf den sprichwörtlichen gepackten Koffern zu sitzen, versucht die andere, sich in Deutschland, unweit von Trier, ein neues Leben aufzubauen, nicht zuletzt für ihre Kinder.
Heimesdorf ist ein kleines Dorf mit Kirche, umgeben von Natur und Ländlichkeit, in dem jeder jeden kennt und sich ein betretenes Schweigen über alle Fragen zur Vergangenheit legt. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein Idyll, ist die Kulisse finsterer Schauergeschichten. Je weißer die Zäune, je harmonischer und geschlossener das Auftreten nach außen, desto mehr Leichen modern in den Kellern.
Einen Blick hinter diese Fassaden bekommt man im Roman in der örtlichen Kneipe. Bazyar formuliert treffend: „Was gesagt wurde, schwebt für immer im Raum, lässt sich aus der Luft pflücken und wieder in den Mund stecken.“ Und das ist nur einer dieser vielen zitierenswerten Sätze, die sich durch die mehr als 500 Seiten des Romans ziehen.
Die einen haben ihre Heimat verloren, die andere konstruieren sich aus Geschichten, Lügen und Schweigen eine zusammen, die es nie gegeben hat. Wer sind sie, diese freundlichen alten Menschen, die die Protagonistin des Romans, die Altenpflegerin Parvaneh, betreut und die sich so liebevoll um die Kinder der Zugezogenen kümmern? Wie haben sie ihr Leben verbracht? Vielleicht hätte Parvaneh einen Hinweis bekommen, hätte sie sich nicht ausgerechnet am Abend des 20. April freigenommen, jenem Tag, an dem im Pflegeheim eine Gruppe alter Männer den Führergeburtstag feiert.
Das sind die einen. Die anderen wollen möglichst vergessen, vor allem ihre eigene Schuld, ihr Wegschauen, ihr Mitmachen während der NS-Zeit. Dass sie ihr Leben normal weitergelebt haben, als Heimesbach zum „Gaumusterdorf“ wurde, in das schon ganz früh, in den Zwanzigern, die NSDAP einzog, und das später zum ersten Dorf wurde, das offiziell als „judenfrei“ galt.
Wer denkt noch daran, dass das örtliche Kaufhaus einst einer jüdischen Familie gehört hatte? Dass in jenem Saal, in dem heute Kinder spielen, einst die Nazis Hof hielten und ihre blutigen Klauen ausstreckten auf der Suche nach willigen Helfern? Dass in der verharmlosend „Kristallnacht“ genannten Nacht vom 9. November 1938 nicht nur Scheiben zerdeppert wurden, sondern auch auf Menschen eingeprügelt wurde, von deren Nachbarn:innen, Kund:innen, Bekannten?
Ein Panorama des 20. Jahrhunderts
Die Ankunft der zwei iranischen Familien in Heimesdorf ist in Bazyars Roman nur der Aufhänger für eine nonlineare, aus unzähligen Mosaiksteinchen sich fügende Erzählung, deren Horizont sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckt.
Bazyar erzählt auch vom Leben im Dorf während der Nachwehen des Ersten Weltkriegs, der Inflationsjahre in Deutschland, der Unzufriedenheit in der Weimarer Republik, der französischen Besatzung nach dem Krieg. Sie folgt ihren Figuren von der Gründung der Bundesrepublik 1949 bis in die Sechziger und Siebziger und kommt schließlich sogar in 2010er Jahren an, wo die Kinder der neuen wie der alten Dorfbewohner:innen beginnen, Fragen zu stellen.
Sie entwirft in diesem Mikrokosmos ein Panorama des 20. und des anbrechenden 21. Jahrhunderts, zeichnet Lebenswege nach, von Täter:innenn ebenso wie von Opfern und jenen dazwischen, und lässt ihr Publikum spüren, wie Schweigen nach dem Krieg zum konstituierenden Element einer Gesellschaft wurde, die in weiten Teilen nie bereit war, sich ihrer Schuld zu stellen.
Man kommt nicht umhin, Parallelen zu ziehen zwischen den gesellschaftlichen und psychologischen Dynamiken damals und heute, auch wenn sich viele der äußeren Umstände drastisch verändert haben. Immer wieder blitzt die bundesrepublikanische Realität auf, etwa wenn eine alte Frau im Jahr 1992 in den Fernsehnachrichten den Rassistenmob in Rostock-Lichtenhagen sieht und genau weiß, dass sie einst selbst Teil solch eines Mobs war, damals nicht gegen Ausländer, sondern gegen die jüdischen Nachbar:innen. Gegen jene Menschen, die fast alle in den Konzentrationslagern ermordet wurden, nachdem sie erst ausgegrenzt und stigmatisiert, dann offen angegriffen wurden, bevor man ihre Besitztümer schließlich im Dorf unter sich aufteilte.
In den hundert Jahren, die der Roman abdeckt, hat sich viel verändert, das kleine Dorf ist gewachsen, nennt sich bald „Stadt“. Aber die Kneipen gibt es noch immer, und noch immer reden und singen dort trinkende Männer. Und wer jüdisch ist oder persisch, der macht lieber einen Bogen um diese Kneipen, heute wie damals in den Achtzigern oder den Dreißigern.
Heimesdorf ist ein fiktives Dorf, aber sichtlich inspiriert von Hermeskeil, wo die Autorin aufgewachsen ist. Die Fiktionalisierung, erläutert Bazyar im Nachwort, habe ihr erzählerische Freiheiten gegeben. Doch das reale Vorbild wird kaum verschleiert. Intensiv hat sie zur Geschichte von Hermeskeil recherchiert, hat mit Zeitzeug:innen gesprochen und gibt einem von ihnen, der in einer TV-Dokumentation über seine Erfahrungen sprach, im letzten Kapitel des Buches auch eine Stimme. Da heißt Hermeskeil dann auch Hermeskeil; die Literatur blendet über in die Realität.
„Die Lücken“ ist in gewisser Weise die logische Folge von Bazyars ersten beiden Romanen, geht in seiner strukturellen und stilistischen Kunstfertigkeit aber neue Wege. Was ihr hier gelingt, ist Erzählkunst auf Weltniveau, eine Literatur, die auch nach weiteren hundert Jahren nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben wird.
„Die Lücken“
Shida Bazyar
Kiepenheuer&Witsch
September 2026
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