Ein Autor, mehrere Versionen
„Postmuslim“ ist eines dieser Bücher, die sich nicht einfach in ein Regal einsortieren lassen. Autobiografisches steht neben Essay, literarischer Erinnerung, politischer Betrachtung und einer Art kultureller Selbstbefragung – nicht als sauber getrennte Teile, eher als ineinander geschobene Schichten. Genau daraus zieht der Text seine Kraft.
Man kann „Postmuslim“ auch als einen vorläufigen Kulminationspunkt eines Weges lesen, den der 1976 in Kairo geborene Autor Youssef Rakha („The Dissenters“) schon lange geht. In den 1990er begann er – zunächst auf Arabisch – zu publizieren, und was damals schon auftauchte, kehrt in „Postmuslim“ wieder: ägyptische Geschichte, das Reiben von Gegenwart an Vergangenheit, islamische Prägung und Revolution, das Thema Sexualität und immer wieder die Frage, wie ein modernes ägyptisches Selbst literarisch zur Sprache kommen kann.
Rakhas Biografie ist durchzogen vom Wechsel zwischen Arabisch und Englisch. Arabisch nutzt er seit seiner Jugend; später begann er, als englischsprachiger Journalist und Autor zu arbeiten. Auch „Postmuslim“ ist auf Englisch verfasst.
Sprache geht bei Rakha über Stilfragen hinaus. Sie wird zu einem Ort, an dem Identität entsteht. In den Passagen von „Postmuslim“, in denen Rakha über seine Jugend schreibt, wird das besonders deutlich. Musik, Literatur, englischsprachige Bücher haben ihm einen Raum geöffnet, der über sein damaliges unmittelbares Umfeld hinausreicht.
Der Westen – fremd und anziehend
Rakha beschreibt seine eigene intellektuelle Entwicklung nicht als plötzliche Erleuchtung, eher als langsames Kippen des Blicks. Die Welt, in der er groß geworden ist, habe irgendwann nicht mehr selbstverständlich gewirkt. Religion, Sexualität, Geschlechterrollen, soziale Normen, alles habe zu wackeln begonnen. Der englischsprachige Kulturraum wurde zum Versprechen einer anderen Lebensform.
Besonders prägnant ist Rakhas Idee, dass im Laufe seines Lebens eine englischsprachige Version seiner selbst entstanden sei, die neben der arabischsprachigen existiert. Englisch ersetzt Arabisch nicht. Beides bleibt da, konkurriert, überlappt sich. Rakha widerspricht damit der Vorstellung, man müsse sich irgendwann „entscheiden“.
In diesem Zusammenhang spielt der Begriff Khawaga eine zentrale Rolle, in Ägypten eine gängige Bezeichnung für westliche Ausländer:innen. Für Rakha war der Khawaga anfangs das Fremde, das gleichzeitig anzieht, weil es ihm merkwürdig vertraut vorkam. In dem Kapitel „The Khawaga Complex“ wird diese Spannung greifbar.
Rakha erinnert sich darin an seine Ankunft in England im Februar 1996, an die Erwartung, dort die eigene Sexualität freier leben zu können, inmitten der westlichen Fremden. Die Begegnung mit europäischer Kulturgeschichte in seiner Zeit in England verbindet sich im Laufe des Kapitels mit einer konkreten körperlichen Erfahrung von Fremdheit.
Ein innerer Kulturkampf
Rakhas Beziehungen zu unterschiedlichen Partnern und seiner Familie sind ein wichtiger Bestandteil in seinem Erinnern. Die Begegnung mit einer englischsprachigen Frau, die vor seiner Zeit in England nach Kairo gekommen war und seine erste wirkliche Partnerin wurde, verschob sein Verhältnis zu Sprache und Identität. Intimität passiert über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg, und daraus entstand das, was Rakha später als englischsprachige Version seiner selbst beschreibt.
Diese Idee ist zugleich faszinierend und beunruhigend: Rakha spricht davon, den Khawaga in sich langsam „zu ermorden“ und an seiner Stelle eine englischsprachige Version seiner selbst entstehen zu lassen. Das ist ein Bild für einen inneren Kulturkampf. Der Khawaga ist nicht bloß der westliche Andere, er ist eine Figur, die Rakha in sich trägt, mal übernommen, mal abgewehrt. Seine Identität formt sich in dieser Spannung.
Diese Perspektive ist zentral für Rakhas Kritik am Westen. Sie richtet sich gegen eine westliche Ordnung, die, so seine Sicht, immer wieder Demokratie und Freiheit beschworen habe, während arabische Gesellschaften Krieg, Intervention und Zerstörung erlebten.
„Postmuslim“ ist aber keine simple antiwestliche Polemik; dafür ist Rakhas eigene Biografie zu stark durch englische Literatur, westliche Musik, europäische Philosophie und England-Erfahrungen geprägt. Gerade weil der Westen Teil seiner Geschichte geworden ist, kann er ihn kritisch anschauen. Die Kritik kommt aus Nähe, und aus Enttäuschung.
"القاهرة التي عرفتها في خطر"
يُنقّب الروائي المصري يوسف رخا، في روايته الأولى باللغة الإنجليزية، في الجذور العميقة لثورة 25 يناير 2011. ويجادل في حوار مع قنطرة بأن موجة الربيع العربي أخفقت في إحداث تغيير حقيقي أو طرح رؤية مستقبلية مُقنعة.
Den Islam beschreibt Rakha unterdessen einerseits als eine Befreiungsgeschichte aus Unwissenheit, andererseits als eine Ordnung, deren Regeln im Laufe seines Lebens immer stärker mit seinem eigenen Leben kollidierten. Besonders die Sexualmoral wurde für ihn zum Konfliktfeld.
Rakhas Distanzierung von der Religion entstand folglich nicht nur aufgrund theoretischer Überlegungen. Sie entstand aus der Erfahrung, dass die Welt, die er las, hörte, kennenlernte größer war als die Welt religiöser Normen, in der er sozialisiert wurde.
Rakha schreibt nicht als neutraler Beobachter
Zentrale Bezugspunkte, von denen aus Rakha das Verhältnis zwischen dem Westen und der arabischen Welt neu bewertet, sind der 7. Oktober 2023 und der Genozid in Gaza. Dabei schreibt er nicht als unbeteiligter Beobachter. Das Kapitel „The West doesn’t give a shit about me“ markiert einen Bruch mit seinem Glauben an das liberal-demokratische Versprechen, das in der Jugend so attraktiv wirkte.
Hier steckt eine der stärksten Spannungen von „Postmuslim“: Rakha löst sich von religiösen Gewissheiten, findet aber keine ungebrochene Identifikation mit einem liberalen Westen.
Dabei romantisiert Rakha die Vergangenheit nicht. Seine Auseinandersetzung mit der pathological nostalgia von Araber:innen und Muslim:innen für vergangene zivilisatorische Leistungen ist selbstkritisch: Er sieht die Gefahr, verlorene Größe zu beschwören, statt die Gegenwart verbessern zu wollen. Geschichte kann stabilisieren, aber sie kann auch einsperren.
Wer in „Postmuslim“ Chronologie erwartet, kann sich verlieren. Rakha springt zwischen Jahrzehnten, Städten, Themen. Er stilisiert sich weder zum Helden der Säkularisierung noch zum Opfer westlicher Politik. Säkularisierung heißt für ihn nicht einfach, Religion gegen Rationalität einzutauschen, sondern kann bedeuten, die kulturellen Spuren der eigenen Religion auszuhalten, ohne ihnen weiter völlig zu folgen.
„Postmuslim“ ist eine wichtige Etappe in Youssef Rakhas literarischer und persönlicher Entwicklung. Das Buch wirkt weniger wie eine abgeschlossene Lebensgeschichte als eine fortgesetzte Selbstbefragung. Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Bedeutung des Titels: „Postmuslim“ beschreibt keinen Menschen, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat, sondern jemanden, der gelernt hat, sie anders zu lesen.
Youssef Rakha: „Postmuslim: A Testimony“
Graywolf Press
September 2026
240 Seiten
© Qantara.de