Wo Marokkos Filmgeschichte neu auflebt

Die Fassade eines Gebäudes, auf der oben in roter Schrift „Cinema Rif“ steht. Darunter befindet sich eine Tafel mit den Titeln folgender Filme: „Der Teufel trägt Prada 2“, „Calle Malaga“, „Super Mario Galaxy“.
Die ikonische Art-Déco-Fassade des 1938 erbauten Cinema Rif in Tanger. (Foto: Elisa Pierandrei)

Vor 20 Jahren wurde das historische Cinema Rif in Tanger renoviert und als Kino wiedereröffnet. Die Cinémathèque de Tanger ist heute eines der wenigen Programmkinos in Nordafrika und ein wichtiger Treffpunkt für Marokkos unabhängige Filmszene.

Von Elisa Pierandrei

Den Place du Grand Socco zu betreten, ist wie in eine Postkarte einzutauchen. Europäische Einflüsse aus der Kolonialzeit bilden einen reizvollen Kontrast zum traditionellen marokkanischen Erbe des Bab al-Fahs, dem Tor zur Medina, und den nahegelegenen, ruhigen Mendoubia-Gärten.

Beim Betreten des Platzes fällt ein Art-Déco-Gebäude ins Auge, ein seit Baubeginn um 1938 weithin gefeiertes Wahrzeichen. Kräftige, in sattem Rot gehaltene Buchstaben heben sich von der weißen Betonfassade ab. Auf Arabisch und Französisch weisen sie das Gebäude als Cinema Rif aus, in dem heute die Cinémathèque de Tanger beherbergt wird.

Die Cinémathèque, eines der wenigen Programmkinos in Nordafrika, feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. 2006 gründete die renommierte französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada die Cinémathèque zusammen mit einer Reihe befreundeter Künstler:innen und rettete so das historische Cinema Rif vor der Schließung. 

„Die Cinémathèque de Tanger wurde als unabhängige gemeinnützige Organisation gegründet, die sich der Förderung des globalen Kinos in Marokko und des marokkanischen Kinos auf internationaler Ebene widmet. Außerdem bietet die Institution Kultur- und Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche an“, erklärte mir die Programmdirektorin Amaal Meftouh im Gespräch.

Von der „Interzone“ zum unabhängigen Marokko

Die reiche Filmgeschichte von Tanger lässt sich bis in die Jahre der sogenannten „Interzone“ zurückverfolgen. Von 1923 bis zur marokkanischen Unabhängigkeit 1956 war Tanger eine international verwaltete Zone, die an das spanische Protektorat angrenzte, aber gemeinsam von Frankreich, Spanien, Großbritannien, einem Vertreter des marokkanischen Sultans und verschiedenen Bevollmächtigten verwaltet wurde.  

In der Stadt herrschte eine gesellschaftlich liberale Atmosphäre, die eine exzentrische Gemeinschaft von Ausgewanderten anzog. Zu dieser Gemeinschaft gehörte ein einflussreicher Kreis amerikanischer, britischer und marokkanischer Schriftsteller:innen, allen voran Persönlichkeiten wie der marokkanische Autor Mohamed Choukri , der Schriftsteller und Komponist Paul Bowles sowie die US-Schriftsteller Truman Capote und William Burroughs.

Bei seiner Eröffnung im Januar 1940 trug das Kino den Namen Rex und wurde als architektonische Innovation inmitten heller, kalkfarbener Gebäude begrüßt. Der ursprüngliche Entwurf des Architekten Serret sah ein Doppeldach für natürliche Belüftung vor. An der Fassade wehte die marokkanische Flagge neben der französischen und der spanischen, wie ein zeitgenössischer Bericht des Korrespondenten der Cinématographie Française, einer französischen Filmzeitschrift, die 1966 eingestellt wurde, beschreibt.

Nach der marokkanischen Unabhängigkeit 1956 wählten viele Kinos im ganzen Land neue Namen mit historischem oder geografischem Bezug. Aus dem Cinema Rex wurde das Rif, benannt nach der nahen Bergregion. Das Cinema Rif erfreute sich in den späten 1950er und 1960er Jahren wachsender Beliebtheit. Anfangs wurden dort amerikanische Filme gezeigt, später auch ägyptische Filme, Bollywood-Filme und Kung-Fu aus Hongkong. 

In marokkanischer Hand erlebte das Kino seine Blütezeit. Zwischen 1950 und 1980 gab es in Tanger zahlreiche Kinos aller Größen, deren Namen die unterschiedlichsten Ambitionen widerspiegelten, wie zum Beispiel Paris, Ciné-Americano, Goya, Mauritanian, Cine Alcazar und natürlich das Rif.

In den 1970er Jahren entstanden in der ganzen Stadt Filmclubs, die von einem eher links orientierten Publikum aus Lehrkräften und Intellektuellen besucht wurden, die gerne über Godard und sowjetische Filme diskutierten. 1973 gründete ein prominenter Bürger Tangers, der ehemalige Direktor des Marokkanischen Filmzentrums Nour-Eddine Saïl, den Nationalen Verband der Marokkanischen Filmclubs.

Renovierung und Wiedereröffnung

Das Kino Rif wurde 2005 vom französischen Architekten Jean-Marc Lalo renoviert, wobei die ursprüngliche Architektur hervorgehoben und eine neue Terrasse geschaffen wurde. Die 2006 gegründete Cinémathèque de Tanger zog im selben Jahr in das Gebäude ein und öffnete 2007 ihre Pforten für das Publikum. 

Die Cinémathèque hat im Laufe der Jahre ein umfangreiches Programm mit Retrospektiven, nationalen und internationalen Premieren, Filmfestivals, Workshops und speziellen Vorführungen für Schulen entwickelt, oft in Zusammenarbeit mit lokalen Kulturinstitutionen. 

Sie diente dem Nachwuchs unter den Filmschaffenden als wichtige Plattform. 2009 gehörten der damals aufstrebende Regisseur Óliver Laxe, die in Algerien geborene Filmemacherin und Tondesignerin Sarah Taouss sowie der marokkanische Filmemacher, Drehbuchautor und Produzent Mohamed Cherif Tribak zur Jury eines ihrer Kurzfilmwettbewerbe.

Zu den jüngsten Höhepunkten zählt die Programmdirektorin Amaal Meftouh einen Workshop, den sie im letzten Jahr gemeinsam mit dem African Film and Media Arts Collective realisiert hat. Dem Kollektiv gehören preisgekrönte Filmemacher:innen wie Mati Diop und Wanuri Kahiu an. 

Die Cinémathèque bietet über den Filmbereich hinaus auch Kunst- und Designprojekte an, darunter einen Workshop mit Nask. Das Schweizer Studio ist für die neue visuelle Identität des Kinos verantwortlich.

Ein Ticketschalter, über dessen Theke Schwarz-Weiß-Fotos berühmter Persönlichkeiten hängen.
The ticket office at the Cinémathèque de Tanger. (Photo: Elisa Pierandrei)

Doch die letzten Jahre waren auch herausfordernd. 2021, nach einer chaotischen Phase und einer langen Schließung aufgrund der COVID-19-Pandemie, beklagte der damalige künstlerische Leiter Sido Lansari in einem Interview mit der französischen Zeitung Le Monde: Das Kino werde „unter der finanziellen Last erdrückt“, während gleichzeitig überzogene Erwartungen herrschten. 

Auch heute bedroht der Mangel an finanziellen Mitteln das Überleben der ohnehin schon unterbesetzten Institution. Das Kino verfügt über zwei Kinosäle, der größere bietet 300 Sitzplätze. Eine Cafeteria mit Zugang zum Place du Grand Socco macht das Kino zum beliebten Ausflugsziel in Tanger.

Als ich an einem Samstag im Mai die 17-Uhr-Vorstellung von „Calle Málaga“, einem romantischen Drama der marokkanischen Regisseurin Maryam Touzani, besuchte, standen bereits einige Leute vor dem traditionell per Hand ausgeschilderten Ticketschalter. Der Film spielt in Tanger und zog offensichtlich Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten an.

Ich konnte Studierende ausmachen und junge Stammgäste aus der Cafeteria des Kinos, eine Handvoll Ausländer:innen und einige Leute aus der nahegelegenen Medina in der traditionellen Dschellaba. Das Publikum des Kinos war nicht immer so divers.

Wie mir Alteingesessene erzählten, versank das Kino Rif in den 1990er Jahren in einer Phase der Verzweiflung. Das ganze Viertel befand sich im Niedergang, was mit immer restriktiveren sozialen Normen einherging. Die Filmvorführungen wurden damals typischerweise von Männern besucht, manche angezogen von gewalttätigen Filmen, andere kamen, um zu rauchen und ihre Fantasien über die Bollywood-Stars auszukosten.

Meftouh reflektiert: „Für die Marokkaner:innen ist der Kinobesuch seit langem eine Form der Unterhaltung. Heute versuchen wir, die Teilnahme zu steigern und auch Kindern und Jugendlichen die Bedeutung von Orten wie unserem zu vermitteln.“

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung aus dem Englischen von Clara Taxis. Übertragen mit Hilfe KI-gestützter Programme.

 

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