Kreatives Marokko
Es ist die Nacht der Galerien in Marrakesch. Auf dem Dach der Loft Art Gallery, mit Blick auf das modernistische Viertel Guéliz, findet die Gruppenausstellung „Painting in the Exercise of Art“ statt (dt. Malerei als Ausdruck der Kunst).
Das Viertel Guéliz wurde während des französischen Protektorats als Ville Nouvelle erbaut. Mit seinen breiten Boulevards und Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert steht es im Kontrast zur labyrinthischen Medina von Marrakesch, die nur eine halbe Stunde zu Fuß entfernt liegt.
Heute ist Guéliz voller Galerien und hipper Cafés. An Abenden wie diesem im Februar 2026 flanieren Kunstschaffende, Sammler:innen und Besucher:innen durch die Straßen. Ein wachsendes Netzwerk von Ausstellungsräumen – vom dreistöckigen Comptoir de Mines bis zur Fondation Yves Saint-Laurent – trägt zu einer künstlerischen Renaissance bei, die Marrakesch zu einem place to be für Freund:innen zeitgenössischer Kunst macht.
Marokkos zeitgenössische Kunstszene wächst und entfaltet sich in den großen urbanen Zentren wie Marrakesch, Casablanca, Tanger und Rabat. In jeder Stadt trägt die Kunstszene eigene Merkmale, die eng mit ihrer Geografie, ihren sozialen Dynamiken und ihrer Bedeutung für die marokkanische Wirtschaft verbunden sind.
Dieser Text konzentriert sich auf Marrakesch und Casablanca. Letztere ist das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum des Landes und bietet zahlreiche historische und politisch engagierte Kunstformen. Die von der Jugend angeführten Proteste im letzten Jahr, die die soziale Spaltung des Landes offenbarten, haben Casablanca zuletzt stark geprägt. Marrakesch hingegen ist von diesen Umbrüchen weitgehend unberührt geblieben, und auch seine Kunstszene konzentriert weiter eher auf Tourist:innen und ein internationales Publikum.
Marrakesch: regionales Zentrum für zeitgenössische Kunst
Die Loft Art Gallery ist ein zentraler Ort der zeitgenössischen Kunstszene in Marrakesch. Ihre Leiterin, Yasmine Berrada, stammt aus einer Sammlerfamilie und eröffnete die Galerie 2009 gemeinsam mit ihrer Schwester. Ursprünglich in Casablanca ansässig, expandierte die Galerie nach Marrakesch.
2009 sah der marokkanische Kunstmarkt noch anders aus: „Es gab viele Kunsthändler:innen, aber nur sehr wenige Galerien, die strukturiert arbeiteten“, erinnert sich Berrada. „Es war außerdem ein sehr lokaler Markt: Marokkaner:innen kauften nur marokkanische Kunst und keine ausländische. Ebenso wenig kauften ausländische Sammler:innen Werke marokkanischer Kunstschaffender.“
Die internationale Expansion des marokkanischen Kunstmarkts ist einerseits der Teilnahme marokkanischer Galerien und Künstler:innen an globalen Messen und Veranstaltungen zu verdanken. Vor allem aber stieg Marrakesch zu einem überregionalen Drehkreuz auf, das mit Städten in ganz Afrika, dem Golf, Lateinamerika und darüber hinaus verbunden ist.
Seit dem späten 20. Jahrhundert bauen marokkanische Behörden und die lokale Elite die Stadt gezielt als Kultur- und Luxusreiseziel auf und investieren in Infrastruktur, die Restaurierung des historischen Erbes und internationale Veranstaltungen.
In der Folge sind Sammler:innen und Kulturstiftungen in die Stadt gekommen; ein internationales Publikum hat sich in Marrakesch niedergelassen. Davon wiederum haben Museen und Kunstmessen wie die 1-54 profitiert, was die Stadt zum idealen Zentrum für zeitgenössische Kunst in Afrika gemacht hat.
In unabhängigen Galerien wie der LE 18 in der Medina zeigt sich auch eine politisch engagierte Seite der Kunstszene in Marrakech. Aktuelle Themen der Galerie sind etwa die Politik und Poetik des Wassers, die Reaktivierung des kollektiven Gedächtnisses durch mündliche Überlieferung sowie die Kultur der Kulinarik.
Einen umfassenden Blick auf politische Themen wie Dekolonisierung, kollektive Zukunftswünsche und das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Traditionen bietet indes das MACAAL (Museum für Afrikanische Gegenwartskunst Al Maaden): ein privates Museum, das sich als Brücke zwischen panafrikanischen Erzählungen und Europa versteht.
Seine Dauerausstellung verzichtet bewusst auf klassische chronologische oder geografische Kategorien. Auch auf die Beschriftung der Kunstwerke wird verzichtet, um klassisch-westliche Museumspraktiken zu hinterfragen.
Kunst in Casablanca: politisch und lokal verwurzelt
Unterdessen blickt die Hafenstadt Casablanca – Marokkos größte Stadt und wirtschaftliches Zentrum – auf eine besondere politische Geschichte zurück, die auch ihre künstlerische Entwicklung geprägt hat.
In den 1960er und 1970er Jahren wurde das lokale Kunstverständnis dominiert durch die Casablanca-Schule, angeführt von Künstler:innen und Architekt:innen wie Farid Belkahia, Mohamed Melehi und Mohammed Chabâa an der École des Beaux-Arts. Die Gruppe brachte einen kritischen, antikolonialen Geist in die modernistische Praxis, der in der marokkanischen Tradition verwurzelt war.
Indem sie direkt auf die Lebensrealität nach der Unabhängigkeit von Frankreich (1956) reagierten und ein rein westliches Modell ablehnten, trugen die Vertreter:innen der Schule dazu bei, eine stadtweite Kunstkultur zu etablieren. Kunst in Casablanca ist daher untrennbar mit dem sozialen und politischen Leben verbunden.
Zu spüren ist diese Haltung in der historischen Medina, zum Beispiel in dem Raum Rue de Tanger. Die jüngste Ausstellung „Common Matters“ untersucht das Stadtleben anhand improvisierter Strukturen, alltäglicher Gesten und des sich wandelnden Lebenszyklus urbaner Materialien. Anhand verschiedener Kunstformen erkunden die ausstellenden Künstler:innen die Poetik und das Potenzial weggeworfener Materialien für neue kreative Möglichkeiten.
„Durch unsere Projekte wollen wir mit den Bewohner:innen der Stadt in Kontakt treten, gemeinsame Archive schaffen und mit jungen Menschen zusammenarbeiten, um die Erinnerung an die Medina zu bewahren“, sagt der Künstler und Architekt Kaïs Aïouch, Mitglied des Kollektivs Kimia, das Rue de Tanger betreibt.
Aïouch ist nach einem Architekturstudium in Mailand zurück in Casablanca. „Bei meiner Rückkehr spürte ich, wie die Stadt kulturell lebendiger geworden war“, sagt er. „Das hat in mir den Wunsch geweckt, mich in die Szene einzubringen, die hier stark auf gegenseitiger Unterstützung basiert.“
Die meisten der kommerziellen Galerien in Casablanca befinden sich in den wohlhabenderen Vierteln der Stadt wie Gauthier und Racine, etwa L'Atelier 21 und das American Arts Centre. Daneben gibt es auch unabhängige Plattformen wie ThinkArt, das sich mit dem Erbe der Casablanca-Schule auseinandersetzt, und Orte wie Siniya, die sich gemeinschaftlichen Publikationen und Archiven widmen.
„Unabhängige Räume arbeiten hier in Casablanca oft zusammen“, erklärt die Künstlerin Ymane Fakhir, die mit der Résidence Daret auch eine weitere wichtige Plattform gegründet hat. „Das kreative Ökosystem von Casablanca lebt von diesen improvisatorischen Netzwerken.“
Résidence Daret bietet aufstrebenden marokkanischen Künstler:innen, die oft nicht frei reisen können und denen die strukturelle Unterstützung fehlt, ein einjähriges Residenzprogramm inklusive Wohn- und Arbeitsräumen. „Daret wurde gegründet, um die Lücke zwischen akademischer Ausbildung und beruflicher Karriere als Künstler:in zu schließen“, erklärt Fakhir. „Die Kunstschaffenden haben am Ende des Programms eine klare Projektidee und einen Text über ihre Arbeit in der Tasche – es ist ein Sprungbrett für sie.“
Vom fünften Stock des Daret-Gebäudes in der historischen Cité Maréchal Améziane zeigt sich die Dichte der Stadt. Von diesem Aussichtspunkt ist die ständige Bewegung, die das urbane Leben prägt, beinahe greifbar. Es ist eine privilegierte, künstlerische Perspektive, die nicht nur offenbart, was die Stadt ist, sondern auch, was sie werden könnte.
Dieser Text ist eine KI-gestützte, bearbeitete Übersetzung des englischen Originals von Clara Taxis.
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