„Die Revolution ist vorstellbar geworden“
Qantara: Stimmen Sie der Einschätzung von Bundeskanzler Merz zu, dass wir „die letzten Tage und Wochen des Regimes“ im Iran sehen?
Nahid Siamdoust: Die Islamische Republik ist in einer sehr prekären Lage. Im Land wie auch außerhalb herrscht das Gefühl, dass dies die letzte Schlacht ist, was auch einer der Slogans auf den Straßen ist: In akharin nabarde (Das ist die letzte Schlacht), von Monarchisten manchmal ergänzt durch Pahlavi barmigarde (Pahlavi wird zurückkehren).
Seit Jahrzehnten steht Iran unter extremen Sanktionen und leidet zudem unter einer korrupten und inkompetenten Regierung, die die eigenen Taschen füllt und die der einfachen Bevölkerung leert. Die Iranerinnen und Iraner sind mehrfach in landesweiten Protestwellen auf die Straße gegangen, um ihre Rechte und Freiheit zu fordern.
Auf Dauer ist der derzeitige Zustand nicht mehr tragbar. Die Wirtschaft liegt am Boden, der Rial ist auf einem historischen Tiefstand und es herrscht extreme Inflation. Ob die Islamische Republik jetzt aber wirklich fällt, ist eine andere Frage.
2023 sagten Sie dem Onlinemagazin Life and Letters, dass für eine erfolgreiche Revolution genug Menschen daran glauben müssen, dass eine solche möglich ist. Unter Bezug auf den Soziologen Charles Kurzman argumentierten Sie, dass Revolutionen erst möglich werden, wenn sie vorstellbar sind. Trifft das heute zu?
Ja. Schon im „Frau, Leben, Freiheit“-Aufstand 2022/2023 ist die Revolution vorstellbar geworden. Allerdings wurde der Aufstand nicht als so inklusiv wahrgenommen, wie es jetzt der Fall ist. Heute ist die Revolution vorstellbarer, weil sie auf viele Schichten von Forderungen und Aufständen aufbaut – auf Studierendenaufstände, Gewerkschaftsproteste und Frauenrechtsbewegungen. Jetzt hat auch noch die wirtschaftliche Katastrophe das Land getroffen. All das kommt zusammen.
Menschenrechtsgruppen berichten von Tausenden Toten und Festnahmen inmitten einer weitreichenden Internet-Blockade, die inzwischen teilweise gelockert worden ist. Wie verhält sich das Ausmaß der Repression im Vergleich zu früheren Protestwellen?
Wegen des völligen Kommunikationsstopps nach dem 8. Januar wissen wir immer noch nicht, wie viele Demonstrierende getötet wurden. Einige Berichte sind durchgesickert, aber das Internet und die meisten Kommunikationswege ins Ausland sind weiter blockiert, sodass wir kein vollständiges Bild haben.
Wir wissen aber, dass die Repression deutlich brutaler war als während des „Frau, Leben, Freiheit“-Aufstands, als mehr als 500 Menschen getötet wurden. Einige weniger verlässliche Quellen, wie der TV-Sender Iran International, sprechen jetzt von 12.000 Toten – eine kaum vorstellbare Zahl. Andere belassen es bei geschätzt 2.000. Alle im Iran warten darauf, das volle Ausmaß zu erfahren.
Die Sicherheitskräfte sollen diesmal die Erlaubnis erhalten haben, mit scharfer Munition zu schießen. Sie haben weitaus mehr Menschen gezielt getötet als bei früheren Protesten. Ein Foto aus dem Kahrizak-Gefängnis südlich von Teheran zeigte Dutzende schwarze Leichensäcke. Das Bild wurde auch im Staatsfernsehen ausgestrahlt – vermutlich als Warnung.
Verlässliche Nachrichten waren aber schwierig zu erhalten. Die einzigen Informationen oder Aufnahmen stammen von Menschen, die auf den Straßen gefilmt und anschließend das Land verlassen haben, oder von Leuten, die eine Starlink-Verbindung hatten, bevor auch diese abgeschaltet wurde.
Irans Präsident Masoud Pezeshkian bezeichnete die Proteste zunächst als „legitim“. Der Oberste Führer Ali Khamenei dagegen nannte die Demonstrierenden später „Saboteure“. Was sagen diese konträren Botschaften aus?
Die versöhnliche Sprache des Präsidenten kam früh, als der Staat noch glaubte, die Proteste eindämmen zu können. Aber als sie sich über den Teheraner Basar hinaus ausbreiteten und bald alle 31 Provinzen Irans erfassten, meldete sich der Oberste Führer zu Wort. Er hat seine Haltung seitdem auch nicht geändert. Er bezeichnet die Proteste weiter – wie bei allen Aufständen zuvor – als aus dem Ausland initiiert.
Wie beeinflusst die offene Unterstützung der Proteste durch die USA und Israel die Bewegung?
Als letztes Jahr im Juni der Krieg ausbrach, mit Angriffen Israels und später der USA auf den Iran, hielten die Iranerinnen und Iraner zusammen, um sich gegen den Krieg zu stellen. Eine mögliche westliche Intervention ist genau das, was das Regime und andere nutzen, um diese Proteste zu diskreditieren.
Sie behaupten, die Proteste seien vom Mossad angestiftet worden und seien nicht authentisch. Es mag zwar sein, dass Mossad-Kräfte vor Ort sind, aber das bedeutet nicht, dass der Kern dieser Proteste nicht authentisch ist. Es geht hier um die legitimen Forderungen des iranischen Volks.
Gleichzeitig können wir nicht leugnen, dass einige Menschen im Iran, die wiederholt erfolglos protestiert haben, einen Punkt erreicht haben, an dem sie sagen: „Kann Trump nicht einfach kommen und Khamenei beseitigen? Kann er nicht tun, was er mit Maduro gemacht hat?“
Welche Rolle spielt die aktuelle Wirtschaftskrise im Vergleich mit den politischen Forderungen?
Sie ist zentral. Auch wenn die wirtschaftliche Lage vor einigen Jahren nicht ideal war, konnten die Iraner:innen damals zumindest noch leben und, wenn sie die Islamische Republik und ihre Einschränkungen wirklich nicht ertragen konnten, das Land verlassen – wie es viele auch getan haben. Jetzt ist das durch die Abwertung des Rial und die extreme Inflation für die meisten unmöglich geworden.
Im Mittelpunkt stehen die Basarhändler, die auch schon 1979 eine zentrale Rolle in der Islamischen Revolution spielten und seither enge Verbindungen zum Regime pflegten. Nun scheinen sie ihre Loyalität aber zu überdenken. Spüren Sie einen Wandel?
Die Iraner:innen wissen, dass in der Revolution von 1979 die Ölstreiks und die Streiks der Basarhändler entscheidend waren. Damit wurde damals das Unvermeidliche eingeläutet. Deshalb ist es so wichtig, dass diesmal wieder die Basarhändler und andere Gewerkschaften gestreikt haben.
Die Händler befinden sich an einem Scheideweg. Sie haben angekündigt, ihren Protest aufrechtzuerhalten, bis die Regierung drastische Maßnahmen ergreift. Der Währungseinbruch ist für sie existenziell, denn sie können keine Waren importieren und nicht rentabel wirtschaften.
Und wer führt die Proteste auf der Straße an?
Vor Ort gibt es keine prominenten politischen Führer, was diesen Aufstand umso bemerkenswerter macht. Es gibt jedoch Köpfe an der Basis wie Narges Mohammadi, die Nobelpreisträgerin, die sich in Einzelhaft befindet, oder andere prominente Aktivist*innen aus den Arbeiter-, Studierenden- und Frauenrechtsszenen. Auch einige politische Organisationen unter den Minderheiten wie den Balutschen und Kurden sind aktiv.
Aber es gibt keine einzelne einigend wirkende Organisation oder Person. In Abwesenheit einer politischen Führung vor Ort sehen die Menschen in den jungen Leuten ein politisches Vorbild, die auf den Straßen ihr Leben riskieren.
International gibt es noch die Volksmudschahedin unter Maryam Rajavi, eher ein Kult als eine politische Organisation, gut organisiert, aber bei den Iraner:innen völlig diskreditiert. Die aktuell prominenteste Oppositionsfigur ist Reza Pahlavi, der Sohn des früheren Schahs. Er veröffentlicht nahezu täglich Statements und ermutigt die Menschen im Iran, auf die Straße zu gehen.
Wut im politischen Vakuum
Vom Streik der Markthändler zur nationalen Revolte: Die aktuellen Proteste im Iran erfassen so viele Regionen und soziale Gruppen wie nie zuvor. Doch es fehlt ein einendes Programm. Schah-Sohn Pahlavi dient derweil als Projektionsfläche.
Wie stehen die Iranerinnen und Iraner zu Pahlavi, der im US-Exil lebt.
Seit vier Jahrzehnten unterdrückt die Islamische Republik jede Opposition im Inland: Zivil-, Arbeits‑ und Frauenrechtsaktivist:innen werden inhaftiert, ins Exil gezwungen oder mit Gewalt verfolgt, weshalb innerhalb des Irans keine strukturierte politische Alternative entstanden ist.
In diesem Vakuum wird Pahlavi trotz fehlender Regierungserfahrung und der Tatsache, dass er als Kind den Iran verlassen hat, zunehmend als letzte Hoffnung dargestellt. Viele von Israel, Saudi‑Arabien und den USA unterstützte Medien, wie etwa Iran International, der wohl meistgesehene Nachrichtensender im Iran, befördern die Erzählung, Pahlavi sei Irans letzter Retter.
Aber die Kommunikationsblockade macht verlässliche Umfragen unmöglich, sodass es schwierig bleibt, das Ausmaß der Unterstützung einzuschätzen. Fachleuten zufolge ist es angesichts der Tatsache, dass die Iraner:innen seinen Vater vor 47 Jahren aus dem Land gejagt haben, eher unwahrscheinlich, dass eine Mehrheit der Bevölkerung im Iran eine Zukunft mit Pahlavi will.
Wie sehen mögliche Zukunftsszenarien aus?
Im Worst‑Case‑Szenario greifen die USA an und auch Israel mischt mit, wodurch der Staat und seine Infrastruktur zerschlagen würden und der Iran als fragmentiertes, balkanisiertes Gebiet zurückbliebe. Der Iran ist ein äußerst vielfältiges nationales Mosaik; diejenigen, die sich einen geschwächten und zersplitterten Iran wünschen, könnten diese Diversität ausnutzen, um das Land in Balutschistan, Kurdistan und weitere autonome Regionen zu zerteilen.
Ein zweites Szenario ist, dass das Regime überlebt, aber Zugeständnisse macht. Es verhandelt mit den USA, gibt sein Atomprogramm auf und ändert seinen Kurs. Das ist es, was die USA in Wirklichkeit anstreben.
Im dritten Szenario könnte Trump – wie mit Venezuelas Vizepräsidentin – einen Deal mit Regime-Insidern ausgehandelt haben, um die derzeitige Führung zu entfernen und jemanden einzusetzen, der den US‑Forderungen zum Atomprogramm nachgibt. Im Gegenzug könnten die USA ihre Sanktionen lockern und der Iran würde überleben. Trump könnte in diesem Szenario auch Pahlavi ins Spiel bringen, der sich dann entweder an sein Wort hält und Wahlen ermöglicht, oder uns zur Monarchie zurückführt.
Im vierten Szenario bleibt das Regime an der Macht, wird nochmal deutlich repressiver und tötet noch mehr Menschen. Die USA könnten im Namen der Iraner:innen intervenieren, aber vermutlich nur symbolisch. Sie könnten einige militärische Einrichtungen oder ballistische Raketen zerstören, aber das wär’s dann auch.
Das beste Szenario schließlich ist, dass das Regime wegen anhaltender Proteste und der kaputten Wirtschaft ohne ausländische Intervention fällt. Die Iranerinnen und Iraner, unter denen es viele bemerkenswerte Führungspersönlichkeiten gibt, würden freie Wahlen organisieren und eine strahlende Zukunft auf demokratischen Grundlagen aufbauen.
Dieser Text ist eine leicht gekürzte Übertragung des englischen Originals. Übersetzung mithilfe von Übersetzungsprogrammen von Jannis Hagmann.
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