Eine Freiheit, die Maßstäbe setzt

Mehrere Personen schauen sich Bücher an, im Vordergrund ein Bücherregal.
Nicht mehr so finster wie einst: die Buchmesse in Damaskus, Februar 2026 (Foto: picture alliance / AP | Ghaith Alsayed)

Erstmals seit dem Sturz Assads hat Syrien zur Buchmesse geladen. Das Großevent wird als Moment des Aufbruchs in die Geschichte eingehen. Die neue Führung des Landes und ihre Kulturpolitik müssen sich künftig hieran messen lassen.

Von Stefan Weidner

Das Tempo, mit dem die syrische Übergangsregierung das geschundene Land in die Normalität führen will, ist atemberaubend. Noch im Januar lieferten sich kurdische Milizen und Syriens neue Armee Artilleriegefechte mitten in der Großstadt Aleppo. Kaum einen Monat später ist die Eingliederung der Milizen in die Armee beschlossene Sache. Schon zuvor war Syrien in die Anti-IS Koalition aufgenommen worden – unter der Präsidentschaft eines ehemaligen Dschihadisten, Ahmed al-Scharaa

In der Hauptstadt Damaskus fand derweil im Februar die erste kulturelle Großveranstaltung seit dem Sturz der Assad-Diktatur im Dezember 2024 statt: eine internationale Buchmesse. Unter den Assads waren diese Messen finstere, streng zensierte Events ohne Strahlkraft. 

Die Bücherschau des Jahres 2026, auf der man die meisten Titel vergünstigt kaufen konnte, wird dagegen als Moment des Aufbruchs, der Hoffnung und des Wiedersehens in die Geschichte eingehen. Sie hat einen Maßstab an Zugänglichkeit, Popularität und geistiger Freiheit gesetzt, an dem die Regierung und ihre Kulturpolitik in Zukunft gemessen werden. 

Fünf Millionen Dollar sind direkt aus dem Präsidialbudget in die Messe investiert worden. Gastländer waren Katar und Saudi-Arabien, die besten Freunde und Geldgeber der neuen Regierung. Auf dem Messegelände an der Autobahn zum Flughafen sorgte vor allem Qatar für gute Stimmung. Volkstümliche Combos führten traditionelle Gesänge vom Golf auf, begleitet von allerlei Showeinlagen. 

Angesichts der Folklore konnte man leicht übersehen, dass der Einfluss Katars in Syrien wie anderswo auch auf intellektuellem Gebiet stark ist – nicht wie früher in Gestalt des Islamismus, wie islamkritische Beobachter:innen pauschal unterstellen, sondern in der Medienlandschaft und bei der Wissensproduktion.  

Unter Mitwirkung westlicher Spitzenforscher wurde in Katar im Dezember das erste historische Wörterbuch der arabischen Sprache fertiggestellt, das Doha Dictionary. Das nächste geplante Großprojekt ist eine umfassende arabische Enzyklopädie nach dem Vorbild der großen europäischen Enzyklopädien der Aufklärung unter dem Namen „Arabica“. Während Europäer und Amerikaner die Kulturförderung zusammenstreichen, um die Verteidigungsbudgets erhöhen zu können, setzen die Katarer auf Softpower, auf eine Art „sanften (Pan)Arabismus“ (العروبة الناعمة).

Musiker spielen Instrumente vor einem Messegebäude.
Folklore und Einfluss: Musiker aus Katar auf der Buchmesse in Damaskus, 9. Februar (Foto: picture alliance / Sipa USA | StringersHub)

Angesichts der Folklore konnte man leicht übersehen, dass der Einfluss Katars in Syrien wie anderswo auch auf intellektuellem Gebiet stark ist – nicht wie früher in Gestalt des Islamismus, wie islamkritische Beobachter:innen pauschal unterstellen, sondern in der Medienlandschaft und bei der Wissensproduktion.  

Unter Mitwirkung westlicher Spitzenforscher wurde in Katar im Dezember das erste historische Wörterbuch der arabischen Sprache fertiggestellt, das Doha Dictionary. Das nächste geplante Großprojekt ist eine umfassende arabische Enzyklopädie nach dem Vorbild der großen europäischen Enzyklopädien der Aufklärung unter dem Namen „Arabica“. Während Europäer und Amerikaner die Kulturförderung zusammenstreichen, um die Verteidigungsbudgets erhöhen zu können, setzen die Katarer auf Softpower, auf eine Art „sanften (Pan)Arabismus“ (العروبة الناعمة).

Die Messe als Propagandawerkzeug?

Syrien und die Buchmesse sind das ideale Testgelände dafür. Syrien ist auf der Suche nach einer neuen Identität. Die Regierung besteht aus Islamisten und ehemaligen Dschihadisten, die syrische Bevölkerung zum größten Teil hingegen nicht, wenngleich konservative Sunniten die Mehrheit stellen.  

Dennoch: Eine Einheit des Landes ist unter dem Banner des Islamismus nicht herzustellen. Kurd:innen, Christ:innen, Drus:innen, Alawit:innen und viele Exilsyrer:innen bilden frei nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ eine informelle Front gegen zu befürchtende islamistische Übergriffe. Bislang erfolgreich: Eindeutige Warnsignale des autoritären Islamismus wie Kopftuchgebote oder ein Alkoholverbot gibt es in Syrien gegenwärtig nicht. 

Auf der Buchmesse herrschte Meinungsfreiheit; staatliche oder religiöse Zensur gab es nicht, wie selbst kritische Teilnehmer:innen bestätigten. Diese neue Freiheit hat ausgerechnet auf Seiten westlich und laizistisch geprägter Beobachter:innen zu Irritationen geführt.  

In den sozialen Medien wurde die erste freie Buchmesse in Syrien als islamistisches Propagandawerkzeug diskreditiert. Dreißig Tonnen Islam-Literatur habe Saudi-Arabien ins Land geschickt, konnte man etwa auf Facebook oder auf Instagram lesen. Gefährliche Bücher könne man dort kaufen, sogar Schriften von Sayyid Qutb, dem Vordenker der Muslimbrüder, der 1968 in Ägypten hingerichtet wurde; seinen vielbändigen Korankommentar etwa, den er im Gefängnis verfasste, oder sein anti-westliches Manifest „Wegmarken“.  

Die Vorstellung, die Präsenz dieser Werke auf der Messe verwandele die syrische Bevölkerung in Islamist:innen, ist aber so weltfremd wie die Hoffnung, ein Verbot könnte das Land vor ihnen sicher machen. Die Titel sind im Internet seit langem frei zugänglich. Islamische Klassiker wie der unter Islamkritiker:innen verschriene Ibn Taimiyya, ein schwieriger mittelalterlicher Denker vom Rang eines Thomas von Aquin, sind immer schon auf arabischen Buchmessen zu finden gewesen. 

Trennung von Staat und Religion

Vor dem Hintergrund des auf Social Media geschürten Misstrauens boykottierten nicht wenige Syrer:innen die Messe. Viele syrische Geflüchtete schließen selbst eine nur besuchsweise Rückkehr nach Syrien derzeit aus. Die Traumata der Vergangenheit wirken nach, verständlicherweise.  

Umso bewegender muteten die Gegenbeispiele an: Diejenigen, die eigens für die Messe aus dem Exil zurückgekehrt waren, um die Lage im Land in ihrem Sinn aufklärerisch und demokratisch mitzugestalten. Unter ihnen waren Verleger:innen, Dichter:innen, Aktivisten:innen und Akademiker:innen. Unter den aus Deutschland angereisten Autor:innen waren äußerst kritische Dichter wie Ghayath Almadhoun und Ramy al-Ashiq. Mit Al-Mutawassit aus Mailand war auch der wichtigste syrische Exilverlag, einer der innovativsten arabischen Verlage überhaupt, in Damakus vertreten.

Zu den bekanntesten Aktivist:innen auf der Messe zählte Burhan Ghalioun, der ehemalige Vorsitzende des oppositionellen Syrischen Nationalrats. Auf großer Bühne sprach er über Identitätspolitik in Syrien. Kein Thema dürfte umstrittener sein. Ghalioun plädierte für eine klare Trennung von Staat und Religion, Staat und Identitätspolitik. Damit ist Ghalioun weiter als viele Politiker:innen im Westen heute. Sein Diskutant an jenem Abend war der syrisch-deutsche Akademiker Housamedden Darwish, einer der Verantwortlichen des Arabica-Projekts, Vordenker der arabischen Softpower. 

Wo ist Europa? 

Eine lebendige Medienlandschaft solle wieder aufgebaut werden, sagte Syriens Informationsminister Hamza al-Mustafa, der im Anschluss an den Messebesuch eine Gruppe von Journalist:innen zum Abendessen einlud. Die Frage ist, wer dies finanziert. Aktuell sind es – wieder einmal – vor allem die Katarer, die medienpolitisch vom Think Tank des geschickt agierenden Azmi Bischara beraten werden, der 1986 in Ostberlin promovierte und als arabischer Abgeordneter in der israelischen Knesset saß.  

Der Minister, zuvor Chef des Exilsenders Syria TV, fragte uns, warum sich die Deutschen, die Europäer, nicht mehr einbringen. Wir wussten es nicht. Es sei billig, so der Minister, sich über den Einfluss der Golfstaaten zu beschweren, während man selbst Kosten und Engagement scheue.  

Zwar halten Organisationen wie die Akademie der Deutschen Welle inzwischen wieder Workshops und Fortbildungen in Syrien ab. Aber ob das reicht? Noch ist die Zukunft in Syrien offen; wer hingeht, kann sie mitgestalten. Wie lange das so bleibt, weiß niemand. Klar ist nur: Die nächste Buchmesse in Damaskus, wenn nicht das Land insgesamt, wird sich am Zauber dieses Anfangs im Jahr 2026 messen lassen müssen. 

 

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