Libanesischer Wein, eine Frage der Identität
„Das ist eine Botschaft aus dem Libanon!“ Verzweifelt spricht der Winzer Maher Harb von Sept Winery in die Kamera. Das Instagram-Video ging im April viral, als israelische Raketen überall im Libanon einschlugen. „Während viele Winzerkollegen in Frieden leben, Wein ausschenken und sich auf Messen treffen, arbeiten wir im Libanon unter gefährlichen Bedingungen, an einem Ort, an dem niemand weiß, was der nächste Tag bringt. Die Welt muss uns hören.“
Harb beschreibt einen von Krieg und Unsicherheit geprägten Alltag. Seine Geschichte handelt aber auch von der Rückkehr in die Heimat. 2010 gab der heute 46-Jährige eine vielversprechende Banker-Karriere in Frankreich auf, um auf das Land seines Großvaters in Batroun im Nord-Libanon zurückzukehren, das Familienland wiederzubeleben und ein Weingut aufzubauen.
„Nach Jahren im Finanzwesen wurde ich Landwirt“, erzählt er Qantara. „Ich habe viele Jahre in Frankreich gelebt und viel über Wein gelernt. Aber etwas fehlte. Ich musste wieder eine Verbindung zu meiner Identität und meinem Erbe herstellen und das Andenken an meinen Vater bewahren, der im Bürgerkrieg getötet wurde. Ich dachte, dass ich im einzigartigen Terroir des Libanon gute Weine herstellen könnte.“
Etwa zur gleichen Zeit schlug Eddie Chami von Mersal Wines einen ähnlichen Weg ein. Er verließ Australien, wo er in eine libanesische Familie geboren und aufgewachsen war, um zu den Weinbergen zurückzukehren, die sein Großvater einst im Bekaa-Tal angelegt hatte.
„Mein Großvater wurde alt, und niemand kümmerte sich um das Land. Ich sah es als meine Pflicht, das Land zu bewirtschaften. Mein Vater brachte mir bei, Arak herzustellen, als ich 18 war. Danach studierte ich Weinbau und dachte, dass ich mit dem besonderen libanesischen Terroir und den Trauben, die sonst zur Herstellung von Arak verwendet werden, großartige Weine produzieren und gleichzeitig die Identität und das Erbe meiner Familie bewahren könnte.“
Rückkehr in die libanesische Heimat
In mehreren Gesprächen mit Winzern, allesamt libanesische Christen, kam immer wieder das Thema der Rückkehr in die Heimat zur Sprache. „Das Land zu bewahren, ist auch eine Frage der Verantwortung“, sagt Marc Hochar, Mitglied einer etablierten Winzerfamilie in dritter Generation. Auch er gab eine Karriere im Bankwesen in London und Paris auf, um zurückzukehren und in das Familienunternehmen bei Château Musar einzusteigen, einem der international bekanntesten Weingüter des Libanon.
Château Musar wurde in den 1930er-Jahren von Hochars Großvater gegründet. Er begann, Wein an französische Soldaten zu verkaufen, die im Libanon stationiert waren. Das Weingut verkaufte zunächst vor allem auf dem heimischen Markt. Mitte der 1970er-Jahre zwang der Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs (1975–1990) die Familie jedoch, Märkte im Ausland zu erschließen.
„Die [lokalen] Verkäufe gingen zurück, wir mussten uns nach außen orientieren“, erinnert sich Hochar. Der Einstieg in die Exportmärkte, insbesondere in Großbritannien, trug dazu bei, den internationalen Ruf von Château Musar zu begründen. Der Strategie folgten später viele libanesische Weingüter.
Eine Nachkriegszeit gab es nie
Fünfzig Jahre nach seinem Ausbruch prägt der Bürgerkrieg noch immer den Libanon. Seit 1990 beherrschen Gewalt, Besatzung, politische Lähmung und wirtschaftlicher Niedergang das Land. Es stellt sich die Frage: Ist der Krieg wirklich zu Ende?
Die Exporte halfen Château Musar, den Bürgerkrieg und die chaotischen Jahrzehnte danach zu überstehen. Für eine jüngere Generation von Winzern im Libanon sind sie zu einem noch entscheidenderen Faktor geworden. Wer zurückkehrte, um die Weinberge der Familie wieder aufzubauen, sah sich mit enormen Herausforderungen konfrontiert: einer maroden Wirtschaft, einer abgewerteten Währung, wiederkehrenden Kriegen und einem schrumpfenden Binnenmarkt.
Nach der Finanzkrise von 2019 verlor das libanesische Pfund etwa 98 Prozent seines Wertes. Dadurch sank die Kaufkraft im Inland, während die Kosten für importierte Flaschen, Korken, Etiketten und Geräte zur Weinherstellung drastisch stiegen. Die Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 brachte weitere Störungen für die Branche mit sich. Sie zerstörte auch die Büros von Château Ksara, einem renommierten Weingut, das von französischen Jesuitenmönchen gegründet worden war.
Während die Verbundenheit mit dem Land also viele libanesische Winzer zurück in die Heimat gebracht hat, hängt ihr Überleben zunehmend davon ab, Kunden im Ausland zu finden. So hat die libanesische Weinindustrie ihre internationale Reichweite weiter ausgebaut: Die Exporte stiegen, während die Gesamtproduktion zurückging.
2020 wurden rund 50 Prozent der libanesischen Weinproduktion in mehr als 35 Länder exportiert. Zu den wichtigsten Märkten gehörten Großbritannien, Frankreich und die USA. Dem Wirtschaftsministerium zufolge stieg der Wert der Exporte von 6,6 Millionen US-Dollar im Jahr 2001 auf knapp 17 Millionen im Jahr 2020. Gleichzeitig sank die Gesamtproduktion von einem Höchststand von rund 33.000 Tonnen Ende der 1990er-Jahre nach einigen Schätzungen auf etwa 10.000 Tonnen im Jahr 2020.
„Die Menschen wollen ihre Unterstützung für den Libanon zeigen“
Als der Krieg im Libanon im März 2026 erneut eskalierte, beeilten sich einige Weingüter, ihre Bestände auf dem heimischen Markt zu verkaufen, nachdem sie jahrelang den Export bevorzugt hatten. Damit wollten sie sich gegen jene Risiken absichern, die von instabilen Schifffahrtswegen ausgingen.
Maher Harb wählte allerdings einen anderen Weg: „Ich würde meine Flaschen nicht zu einem abgewerteten Preis auf dem lokalen Markt verkaufen. Das ergibt finanziell keinen Sinn. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass ich mich viel stärker auf den Export konzentriere.“ Chami ergänzt: „Obwohl der Krieg die Schifffahrtswege gestört und die Logistik erschwert hat, erwiesen sich die Verkäufe ins Ausland für uns als eine weitaus zuverlässigere Einnahmequelle.“
„Export ist für uns keine Option, sondern eine Notwendigkeit“, sagt Elie Maamari, Exportleiter bei Château Ksara. Der Export sei seit dem jüngsten Krieg allerdings erheblich schwieriger geworden. Die angespannte Sicherheitslage hat die Kosten für die lokalen Weinproduzenten in die Höhe getrieben: höhere Versicherungsprämien, eingeschränkte Schifffahrtsrouten über die libanesischen Seehäfen und steigende Transportkosten. Auch der Tourismus, einst eine wichtige Einnahmequelle für libanesische Weingüter, ist zurückgegangen, da ausländische Besucher:innen davor zurückschrecken, in das Land zu reisen.
Trotz der Herausforderungen sind die Exporte von Château Ksara weiter gewachsen. Maamari zufolge stiegen die Lieferungen ins Ausland während des jüngsten Krieges um rund 70 Prozent. Internationale Importeure versuchten, sich mit Wein einzudecken, weil sie die Unterbrechung künftiger Lieferungen befürchteten.
Maamari beobachtet zudem ein wachsende Solidarität von internationalen Verbraucher:innen. „Die Menschen wollen unsere Weine kaufen, um ihre Unterstützung für den Libanon zu zeigen“, sagt er. „Vielleicht ist das das Einzige, was wir in diesem Krieg erreicht haben.“
Oliver Harb, ein in Berlin ansässiger Weinhändler libanesischer Herkunft, der sich auf den Import libanesischer Weine spezialisiert hat, bestätigt Maamaris Beobachtung, dass internationale Käufer ihre Bestände an libanesischem Wein aufstocken, obwohl große Seefrachtunternehmen ihre Frachtraten täglich aktualisieren und die Preise in die Höhe schießen. „Nicht nur ist die Branche auf den Export angewiesen, um zu überleben, auch bleibt libanesischer Wein ein integraler Bestandteil der libanesisch-christlichen Identität – und diese ist für all diese Winzer nach Jahren der Unruhen von großer Bedeutung.“
Oder, wie Maher Harb in seinem Video abschließend sagt: „Wir sind immer noch hier und stellen Wein aus einheimischen Trauben her, mit dem Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde. Nicht, weil es einfach ist, sondern weil es das ist, was wir sind.“
Dieser Text ist eine redaktionell bearbeitete Übersetzung des englischen Originals. Übertragung von Leon Holly mithilfe KI-gestützter Übersetzungstools.
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