Die Medina wird zur Fanmeile
Samstag, 13. Juni, Casablanca. Zwei Gehminuten vom lokalen Regierungssitz entfernt ist eine Fußball-Fanmeile eingerichtet worden. Die Leute jubeln und schwenken Fahnen, während die marokkanischen „Atlas-Löwen“ Brasilien die Stirn bieten. Hunderte haben sich zum WM-Eröffnungsspiel versammelt, um am Ende Marokkos 1:1 gegen den fünfmaligen Weltmeister zu feiern.
Weniger als einen Kilometer entfernt weichen die Fantrikots einem düsteren Grau-Schwarz. In der alten Medina von Casablanca sind Schuttberge und Bulldozer zu sehen. Das Stadtentwicklungsprojekt „Avenue Royale“ wird im Eilverfahren vorangetrieben, um die Besucher:innen der nächsten Fußball-WM beeindrucken zu können. 2030 soll sie gemeinsam von Marokko, Spanien und Portugal ausgerichtet werden.
Die vom „Avenue Royale“-Projekt betroffene Gegend ist das Märtyrer-Viertel in der alten Medina, einst Hochburg des Widerstands gegen die französische Herrschaft zu Zeiten des Protektorats (1912 bis 1956). Mit dem Bauprojekt werden förmlich ganze Seiten eines Geschichtsbuchs ausgelöscht.
„Avenue Royale“ verspricht die „größte Promenade Afrikas“. Vor mehr als vierzig Jahren wurde das Projekt erstmals angekündigt, seit September 2025 ist es durch eine Vereinbarung über zwei Milliarden Dirham (rund 187 Millionen Euro) zwischen der Stadt Casablanca, dem Bauträger Casablanca Iskane et Équipement, CDG Développement und Sonadac wieder in Arbeit.
Ziel sei es, den „touristischen und kulturellen Auftrag“ der Medina wiederherzustellen, so Bürgermeisterin Nabila Rmili vor dem Stadtrat. „Sie können auf diesen historischen Moment stolz sein.“ Doch das internationale Prestige, das das globale Fußballturnier bringen soll, hat seinen Preis: Für „Avenue Royale“ müssen laut Rmili fast 16.000 Familien und 2.500 Unternehmen umgesiedelt werden.
Lebensgrundlagen zerstört
Für viele ist die Zwangsumsiedlung der Anfang einer Odyssee. Nassim, Mitte dreißig, verkauft am Eingang zur Medina Fisch. Das Marrakesch-Tor liegt in der Nähe des Hafens. Eine Umsiedlung in das Viertel Hay Errahma, sagt er, würde seine Existenzgrundlage zerstören.
Schließlich koste die tägliche Hin- und Rückfahrt von dort zum Hafen 35 Dirham (etwa 3,30 Euro). „Sie nehmen uns unsere Häuser, unsere Geschäfte und unsere Würde“, sagt er. „Es stirbt nicht nur ein Stadtteil, sondern unsere ganze Lebensweise wird ausgelöscht.“
Auch Ahmed, 33, ein weiterer Fischhändler, der im Viertel um das Marrakesch-Tor geboren wurde, sieht einer düsteren Zukunft entgegen. Nach seiner Umsiedlung nach Hay Errahma muss er sein Geschäft in einem Stadtteil neu aufbauen, den er nicht kennt.
„Um zwei Uhr morgens von dort die zehn Kilometer zum Hafen zu fahren, kostet mich 60 Dirham (etwa 5,60 Euro) pro Tag, während ich nur 200 Dirham (etwa 18,60 Euro) am Tag verdiene. Wie soll ich so meinen Lebensunterhalt verdienen und eine Familie gründen?“
Auch der 45-jährige Abdelouahed ist nach Hay Errahma gezogen, zusätzlich hat er aber eine zweite Wohnung in der Medina gemietet, damit seine Kinder ihre alte Schule weiter besuchen können. In der Nähe ihres neuen Zuhauses hatten sie keinen Schulplatz bekommen. Die zusätzliche Miete verschlingt nun die Hälfte seines Gehalts. „Es ist ungerecht, die Avenue Royale zu bauen“, sagt er.
Behördenvertreter:innen argumentieren dagegen, die Entwicklungspläne seien im besten Interesse der Anwohnenden. So würden etwa Bewohner:innen von einsturzgefährdeten Gebäuden nach Annasim umgesiedelt, ein Stadtteil, in dem bereits ein Teil der Bevölkerung der Medina wohne. Der Plan solle „den sozialen Zusammenhalt bewahren“, erklärte Abdessadeq Morchid, Sekretär des Stadtrats von Casablanca.
Baufällige Gebäude
Während einige zögern, ihre Häuser zu verlassen, warten andere regelrecht darauf, aus ihren schon lange sanierungsbedürftigen Gebäuden auszuziehen. Am Tag nach dem 1:1 gegen Brasilien zeigt die 58-jährige Samira auf Risse in ihrem Haus, die vom Boden bis zur Decke verlaufen. „Hier leben wir in ständiger Angst, im Schlaf zu sterben“, sagt sie.
Acht Monate zuvor war ein vierstöckiges Gebäude in Derb Rmad in der Medina eingestürzt; zwei Menschen kamen ums Leben, darunter ein älteres Ehepaar im vierten Stock. „Die Risse werden seit Jahren immer größer, aber niemand kümmerte sich darum“, sagt Samira.
Die Stadtverwaltung zahlte den Geschädigten, die Hab und Gut verloren hatten, 8.000 Dirham (etwa 750 Euro). „Das ist alles“, sagt sie. „Eine winzige Summe, wenn man sein Zuhause und seine Papiere verloren hat – und manche hier haben sogar Angehörige verloren.“ So betrachtet, könnte der Abriss der baufälligsten Gebäude Leben retten, auch wenn die Art und Weise, wie dies geschieht, bei den Bewohner:innen Bitterkeit hinterlässt.
Samira ist in dem Viertel aufgewachsen, das sich zwischen dem Hafen und der Trasse der zukünftigen Promenade erstreckt. Hier zog sie sechs Kinder groß und verkaufte nur wenige Schritte entfernt Gemüse. Schon 2012 war ihr eine neue Wohnung versprochen worden; 2015 erhielt sie einen Gutschein, um diese in Besitz zu nehmen, doch der Bauträger teilte ihr später mit, die Wohnung sei bereits verkauft – ein „zwielichtiger Deal“, wie sie es ausdrückt.
Seitdem wartet sie und ist nicht in der Lage, die für die Umsiedlung erforderlichen Gebühren zu bezahlen: 100.000 Dirham (rund 9.300 €) an den Bauträger und 20.000 Dirham (rund 1.870 €) an den Notar.
Andere, die in der Medina bleiben, müssen unterdessen zusehen, wie die Welt um sie zusammenbricht. Am Marrakesch-Tor bieten Händler:innen trotz des Lärms der Presslufthämmer weiter Fisch, Obst und Gemüse an. Über die kommunale Entwicklungsgesellschaft Casablance Aménagement hat die Stadt einen 64-Millionen-Dirham-Umbau (rund 6 Millionen Euro) des Markts in Angriff genommen, der den lokalen Handel modernisieren soll.
Doch in Wirklichkeit „schrumpft der Platz für die Händler:innen von Tag zu Tag“, sagt ein zwanzigjähriger Straßenhändler. Auf der Suche nach neuen Verkaufsorten seien viele bereits weggezogen. Er hat wenig Vertrauen, dass das Projekt positive Auswirkungen auf die Anwohner:innen haben wird. „Wir wissen doch, wie das läuft: Eine Handvoll Verkäufer wird profitieren, aber die Mehrheit bleibt außen vor.“
WM lässt Mieten in Marokko in die Höhe schnellen
Auch in anderen Städten steigen die Miet- und Immobilienpreise aufgrund der bevorstehenden Fußball-WM an. Statistiken bestätigen, dass dies in Marrakesch, Tanger und Marokkos Hauptstadt Rabat der Fall ist, wobei Letztere am stärksten betroffen ist. Sobald bekannt wird, dass für ein Viertel Modernisierungen geplant sind, steigen die Mieten.
„Eine Wohnung, die 800.000 Dirham (rund 75.000 Euro) gekostet hat, wird nun auf über 1,5 Millionen (rund 140.000 Euro) neu bewertet, weil mehrere hundert Wohnungen abgerissen wurden, um den Grundstein für ein gehobenes Viertel zu legen“, sagt der 35-jährige Abdelfattah aus Rabat.
Den Preis zahlen die Mieter:innen. Hassan, der in dieser Gegend wohnt, berichtet, sein Vermieter verlange zusätzlich 2.000 Dirham (rund 185 €) pro Monat – oder den Auszug aus der Wohnung. „Das ist unmöglich. Ich arbeite 500 Meter von zu Hause entfernt, und meine Kinder gehen in der Nähe zur Schule.“
Auch in Rabat rücken die Bulldozer bereits vor. Im März begannen Abrissarbeiten, um Alleen zu verbreitern und Platz für die Uferpromenade zu schaffen. Die 65-jährige Fatima, die seit mehr als 50 Jahren im Stadtteil L’Océan lebt, berichtet, der Abrissbefehl sei mündlich und ohne schriftliche Unterlagen erteilt worden. Die Bewohner:innen wurden aufgefordert auszuziehen, für eine Entschädigung von 13.000 Dirham (etwa 1.200 Euro) pro Quadratmeter – weit unter Marktwert.
Ein Nachbar berichtet, die Eigentümer:innen seien angewiesen worden, innerhalb einer Woche und mitten im Ramadan auszuziehen. Wer diese Anweisung erteilt hat, konnte allerdings niemand sagen. „Jeder, den man fragt, sagt, es sei von oben gekommen.“
Wer das Angebot annimmt, muss an den Stadtrand von Rabat umziehen: in eine Wohnung in Tamesna oder auf ein Grundstück in Aïn Aouda. „Wir haben im Herzen der Stadt gelebt, jetzt haben sie uns weit weggeschickt“, sagt ein bereits umgesiedelter Bewohner.
Im benachbarten Stadtteil Akkari fasst ein anderer die weit verbreitete Verbitterung zusammen: „Warum wird uns das aufgezwungen? Wegen der Fußball-WM 2030? Wo bleiben wir bis dahin?“
„Wir wollen Gesundheit, keine WM“
Die Wut reicht weit über die abgerissenen Viertel hinaus. Im vergangenen September brachte eine als „Gen Z 212“ bekannte Jugendbewegung Demonstrant:innen auf die Straßen von Rabat, Casablanca, Tanger und anderen Städten, um die Milliarden-Summen anzuprangern, die für WM-Stadien vorgesehen sind, während öffentliche Krankenhäuser und Schulen leer ausgehen.
„Die Gen Z hat die politische Elite überrascht“
Seit Wochen gehen in Marokko junge Menschen als „Gen Z 212“ auf die Straßen. Sie fordern Gesundheits- und Bildungsreformen – und bringen eine tiefgreifende Legitimitätskrise des politischen Systems ans Licht, sagt Protestforscher Mohamed Sammouni.
„Stadien gibt es, aber wo sind die Krankenhäuser?“ wurde zum Schlachtruf, ebenso wie: „Wir wollen Gesundheit, keine Weltmeisterschaft.“ Die Proteste, die zu den schwersten seit Jahren zählten, lösten eine harte Reaktion aus: Human Rights Watch berichtete von drei Toten und fast tausend Festnahmen.
Unterdessen werden Fakten geschaffen: breitere Straßen, Hotels, eine riesige Promenade. Es entsteht eine Stadt, die für die Kameras und Menschenmassen bereit ist, die im Jahr 2030 zur WM kommen werden. Die Frage, die sich die Einwohner:innen stellen, ist: für wen?
„Die Avenue Royale ist für Tourist:innen, nicht für uns“, sagt Abdelouahed, der 45-Jährige, der sich in Casablanca eine zweite Wohnung mieten musste. Die Fußball-WM wird einen Monat dauern. Für viele Familien in Marokko werden die Folgen dauerhaft sein.
Dieser Artikel ist in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung (Projektbüro Tunis) entstanden und stammt aus der Artikel-Serie „Schlaglichter – Perspektiven aus Nordafrika und den Nahen Osten“.
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