Wie der Krieg unsere Nachbarschaft verändert
Der Krieg kam zunächst unbemerkt in unser Haus. Es ist ein Bau aus den 1950er-Jahren – schlicht und doch elegant –, der mit viel Liebe zum Detail und individuell renoviert wurde. Jede Wohnung hat ihren eigenen Stil. Die meisten Bewohner:innen sind christlich, wohlhabend und gebildet. Bezeichnen würden sich meine Nachbar:innen wohl als „zivilisiert“, ein Wort, das eine ganz bestimmte Vorstellung von Ordnung, Geschmack und Zugehörigkeit zeigt.
Unser Wohnhaus steht im Beiruter Viertel Badaro, während des libanesischen Bürgerkriegs lag es an der Grünen Linie. Heute herrscht hier ein gänzlich anderes Leben: Cafés, Restaurants, ein kultivierter urbaner Rhythmus. Nah genug an den südlichen Vororten, um die Explosionen zu spüren, und doch weit genug weg, um sich nicht betroffen zu fühlen.
Am 2. März brach diese Illusion zusammen.
In den frühen Morgenstunden trafen israelische Luftangriffe die dicht besiedelten südlichen Vororte Beiruts, eine Hochburg der Hisbollah. Bis Sonnenaufgang hatte sich das Stadtbild bereits grundlegend verändert: Straßen leerten sich, der Alltag kam zum Erliegen, ganze Viertel setzten sich in Bewegung. Hunderttausende wurden vertrieben.
Begonnen hatte die Vertreibung bereits Ende Februar, als die Angriffe in Grenznähe zu Israel zunahmen. Die Bevölkerung des Südlibanons war gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Angriffe am 2. März auf die südlichen Vororte markierten einen Wendepunkt – den Moment, als der Krieg ins Zentrum der Stadt vordrang.
„Wir müssen wachsam bleiben“
In unserem Gebäude erwachte die WhatsApp-Gruppe zum Leben.
Zunächst waren die Nachrichten pragmatisch: Gasverbrauch reduzieren, Heizung abstellen. Einige wandten ein: „Es ist zu kalt“; „Ein Gebäude wie unseres sollte einen gewissen Komfort bieten.“ Die Antworten kamen schnell, in kurzen Kaskaden. Wir diskutierten, wir stimmten ab. Die Mechanismen des zivilisierten Miteinanders blieben erhalten, wenn auch nicht ohne Reibungspunkte. Die Abstimmung kam zustande: Keine Heizung mehr. „Dieser Krieg ist anders“, schrieb jemand. „Wir müssen uns anpassen.“
Dann änderte sich der Ton und Fragen der Sicherheit standen im Mittelpunkt. „Wir müssen wachsam bleiben. Es gibt leerstehende Wohnungen im Haus und in den umliegenden Häusern. Wir können nicht zulassen, dass Fremde in unser oder die anderen Gebäude einziehen.“ Ein privates Sicherheitsunternehmen wurde vorgeschlagen. Erneut wurde diskutiert, dann abgestimmt: zwölf Stunden Wachdienst, der Portier übernimmt die restlichen Stunden.
Hinter diesen Diskussionen – Gas, Heizung, Sicherheit – ließ sich die eigentliche Sorge erkennen: Die Vertriebenen würden kommen. Sie würden aus dem Süden, aus den Vororten hierherkommen.
Eine Nachkriegszeit gab es nie
Fünfzig Jahre nach seinem Ausbruch prägt der Bürgerkrieg noch immer den Libanon. Seit 1990 beherrschen Gewalt, Besatzung, politische Lähmung und wirtschaftlicher Niedergang das Land. Es stellt sich die Frage: Ist der Krieg wirklich zu Ende?
Am 21. März kursierte eine Nachricht in Beirut und erreichte auch unsere Haus-Chatgruppe. Darin wurden die Bewohner:innen von Karantina und Aschrafieh zur Wachsamkeit aufgerufen. Karantina, ein traditionell von der Arbeiterklasse geprägtes Hafenviertel, und Aschrafieh, ein wohlhabendes, überwiegend christliches Viertel, wurden beide namentlich genannt.
Die Nachricht warnte – ohne jeglichen Beweis – davor, dass vertriebene Schiit:innen in diesen Vierteln angesiedelt werden sollten. Die Angst vor demografischer Veränderung wurde geschürt, das fragile soziale Gleichgewicht sei gefährdet. Es wurde gefragt: Wo sind unsere Abgeordneten? Warum gibt es keine Reaktion?
Der Krieg verschärft die Spaltung
Die Botschaft fand Anklang. Die Bewohner:innen des Hauses, geschützt und ordnungsliebend, begannen anders zu sprechen. Die Sprache bewegte sich von der gemeinschaftlichen Verwaltung der Situation in ein stilles Misstrauen, aus organisatorischen Abläufen wurde ein gemeinschaftlicher Reflex. Unter der Oberfläche wurde der Ton beunruhigender.
Im Chat tauchten immer öfter Wörter wie „Hausbesetzer“ auf. Ein Nachbar berichtete, dass in einer Wohnung im gegenüberliegenden Haus nun eine größere Gruppe wohnte – vielleicht eine Familie, vielleicht auch nicht. Junge Männer, vor dem Haus geparkte, ramponierte Motorräder, ständige Bewegung, lange Nächte, Lärm, Shisha.
„Wir sollten die Mukhabarat anrufen “, schlug jemand vor – den Geheimdienst. „Es ist beunruhigend. Was, wenn einer von ihnen Teil der Hisbollah ist?“ Zwei besonders aufmerksame Anwohner nahmen die Sache selbst in die Hand. Sie kontaktierten den Sicherheitsdienst, konsultierten einen Anwalt und erkundigten sich. Es stellte sich heraus, dass eine aus dem Süden vertriebene Großfamilie bei einem regulären Mieter Zuflucht gefunden hatte. Doch die Klarstellung brachte keine Erleichterung. Im Gegenteil, sie verschärfte die Anspannung.
Bis dahin war man sich über die Probleme weitgehend einig gewesen, doch nun gingen die Meinungen in der Gruppe auseinander. Was zuvor wie eine harmonische Gruppe gewirkt hatte, konnte nun keine gemeinsame Sprache mehr finden. Die Selbstdefinition als „zivilisiert“ schien sich aufzulösen. Es kam zu gegenseitigen Anschuldigungen. Ein Bewohner beschimpfte einen anderen als „Faschisten“: Man könne nicht von Vertriebenen sprechen, als wären sie eine Bedrohung. Die Auseinandersetzungen eskalierten.
Einige bestanden auf Solidarität – darauf, die Vertriebenen willkommen zu heißen und ihnen zu helfen. Andere waren nicht einmal bereit, das in Erwägung zu ziehen. Angst schafft keine neuen Kategorien; sie rückt die bereits vorhandenen – soziale, ideologische und andere – in den Vordergrund, die üblicherweise im Hintergrund bleiben. Unter Druck prägen sie die gegenseitige Wahrnehmung der Leute und bestimmen die Grenzen der Zugehörigkeit.
Der Krieg vertieft die gesellschaftlichen Gräben. Am schwersten tragen an dieser Last die Vertriebenen. Sie ziehen von einem Ort zum anderen, leben in Ungewissheit und müssen an Orten ausharren, in denen sie nicht immer willkommen sind.
Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Englischen von Clara Taxis.
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