Alte Muster, neue Inhalte

Falschnachrichten im arabischen Raum im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wie „Von Covid-19 Geheilte treten zum Islam über“ oder „Muslime sind immun“ vermischen sich mit jahrzehntealten Verschwörungstheorien. Das Misstrauen gegenüber staatlichen Stellen spielt dabei eine große Rolle. Von Mona Naggar

Von Mona Naggar

Auf Facebook verbreitete sich die Geschichte einer japanischen Familie, die zum Islam übergetreten sein soll, nachdem sie von Corona geheilt wurde. Ein Bild zeigte einen asiatisch aussehenden Mann mit drei Kindern. Doch die Factchecking-Plattform Fatabyyano fand heraus, dass es sich um eine Falschinformation handelte: Der Mann ist zwar tatsächlich zum Islam übergetreten, allerdings vor mehr als 20 Jahren. Und das Bild ist fünf Jahre alt.

Noch populärer im arabischsprachigen Netz war ein Video mit einem ähnlichen Inhalt: Eine chinesische Frau soll wegen Corona zum Islam übergetreten sein. Im Video sagt sie vor einem islamischen Würdenträger das Glaubensbekenntnis auf. Die Factchecker stellten fest, dass auch diese Frau lange vor Ausbruch der Pandemie zum Islam übergetreten ist.

Die Beispiele zeigen, wie Ereignisse rund um Covid-19 im arabischen Raum mit altbekannten Mustern verbunden werden. Dazu gehört die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Religion und die Bestätigung dieser Überlegenheit beispielsweise durch Übertritte zum Islam.

In die gleiche Richtung gehen Falschnachrichten, die zu Beginn der Coronakrise verbreitet waren, etwa, dass das Virus nur Nichtmuslime treffe oder dass es ausgebrochen sei, um China für sein repressives Vorgehen gegen die muslimische uighurische Minderheit zu bestrafen.

Ein Video, das vor allem in WhatsApp-Gruppen kursierte, sollte belegen, dass viele Italiener zum Islam übergetreten seien, nachdem der italienische Ministerpräsident zugegeben habe, die Kontrolle über die Krankheit verloren zu haben.

Graffiti in der Nähe von Tahrir Platz, Kairo: In Ägypten ist es das Militär, das die Fäden in der Hand hält. Foto: Reuters
Wem kann man vertrauen? Araber suchen nach Erklärungen für die dauerhaft desolate Lage der arabischen Welt. Verschwörungstheorien, die von Privatpersonen fabriziert und verbreitet werden, bieten einfache Erklärungsmuster. Da viele Menschen weder internationalen Organisationen noch ihren Regierungen vertrauen, bilden sie sich ihre Meinung in digitalen Blasen

Aber auch in kleinen Gemeinschaften ist dieses Muster verbreitet, zum Beispiel in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Zu Beginn der Pandemie waren Nachrichten in Umlauf, die behaupteten, dass die Campbewohner von der Infektion geschützt seien, weil sie moralisch überlegen seien.

Einige Fake News haben ihren Ursprung in Europa und wandern dann ins arabischsprachige Netz – etwa über die Wirkung des Medikaments Chloroquin, die Rolle von Bill Gates oder die angeblichen negativen Auswirkungen des 5G-Mobilfunks beim Ausbruch von Corona.

Digitale Blasen

Laut dem Factchecker Moustafa Elsayed von der Plattform Fatabyyano sind es in erster Linie Privatpersonen, die diese Falschnachrichten fabrizieren und verbreiten. Viele wollten dadurch bekannt werden, hätten kein Vertrauen in internationale Organisationen und ihre Regierungen und bewegten sich in digitalen Blasen.

Sogar Menschen im Gesundheitswesen seien darunter: Sie verstünden wissenschaftliche Studien falsch, gingen unkritisch damit um oder würden von der Theorie geleitet, dass die reiche Welt einen Feldzug gegen die Armen führe und Corona ein Mittel dafür sei.

 

Viele Menschen suchen nach Erklärungen für die dauerhaft desolate Lage der arabischen Welt. Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmuster. So ist die Annahme sehr verbreitet, dass die ganze Welt den Islam und die arabische Welt bekämpfe. Je nach Standpunkt des Betrachters variiert der Feind.

Verschwörungstheorien werden auch auf einzelne Länder heruntergebrochen oder auf Religionsgruppen oder andere Gemeinschaften in einzelnen Ländern, zum Beispiel im Libanon. Als Corona-Infektionen zunächst in vorwiegend von Christen bewohnten Gebieten auftraten sowie in einer Stadt im marginalisierten Osten des Landes, kursierten schnell Falschnachrichten, dass Angehörige anderer religiöser Gruppen die Infektionen bewusst gestreut hätten, um den Christen beziehungsweise den Bewohnern der Stadt zu schaden.

Das Phänomen der Verschwörungstheorien und Falschnachrichten im arabischen Raum ist eng verbunden mit der sehr eingeschränkten Pressefreiheit und der Informationspolitik der Regierungen. Das Misstrauen vieler Menschen gegenüber ihren Regierungen beruht auf jahrzehntelangen bitteren Erfahrungen. Warum sollten sie ausgerechnet jetzt, in Corona-Zeiten, den offiziellen Stellen trauen?

Mona Naggar

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Mona Naggar ist Journalistin und Trainerin. Sie lebt in Beirut, Libanon.