„Wir haben nicht erwartet, dass so wenige am Leben sind“

Unterschiedlichen Schätzungen zufolge sind zwischen 130.000 und 200.000 Menschen in Syrien verschwunden. Was ist mit ihnen passiert?
Die meisten verschwanden zu Beginn der Revolution. Unterschiedliche Akteure, vor allem das syrische Regime, nahmen systematisch Demonstrierende auf den Straßen fest, brachten sie in Haftanstalten und töteten später viele von ihnen, sie wurden in Massengräbern verscharrt.
Weitere verschwanden in den Händen des „Islamischen Staats“ (IS) und während Einsätzen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Manche wurden auch von der Freien Syrischen Armee (FSA), der Syrischen Nationalen Armee (SNA) und Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) festgenommen.

Alle militärischen Gruppen haben Menschen verschwinden lassen, aber das syrische Regime trägt für die überwältigende Mehrheit der Fälle die Verantwortung. Das belegen zahlreiche Berichte von Menschenrechtsorganisationen.
Dann gibt es noch Vermisste, die während des Erdbebens 2023 ums Leben kamen oder auf der Flucht nach Europa verschwunden sind, wo sie Asyl beantragen wollten. Weitere Fälle wurden mit kriminellen Netzwerken in Verbindung gebracht, die unter Assads Bruder Mahir operierten.
Als nach dem Sturz Assads die Gefängnisse geöffnet wurden, kamen nur ein paar Tausend Gefangene heraus. Haben Sie das erwartet?
Durch die Ceasar-Fotos [rund 28.000 Fotos, die die Folter und Tötung von Gefangenen unter dem Assad-Regime zeigen, Anm. d. Red.] und die Berichte von desertierten Offizieren wussten wir von den Massakern an Gefangenen. Aber wir haben nicht erwartet, dass nur so wenige noch am Leben sind.
In Daraa, wo ich herkomme, gab es 2018 einen Deal zwischen dem Regime und Russland einerseits und den Revolutionären auf der anderen Seite. Während der Verhandlungen boten die Revolutionäre dem Regime an, Panzer und Raketen abzugeben, wenn das Regime dafür alle Gefangenen aus Daraa freilässt. Darauf erwiderten die Repräsentanten des Regimes: Die Gefangenen, die vor Dezember 2014 festgenommen wurden, könnt ihr vergessen. Sie sind alle getötet worden.
Gehen Sie davon aus, dass das auch in anderen Städten der Fall ist?
Ich denke, ja. Als Sednaya geöffnet wurde und die Gefangenen befreit wurden, hörten wir kaum von Leuten, die vor 2014 festgenommen worden waren. Es waren sehr wenige. Das war die Methode des Regimes zu Beginn der Revolution. Meiner Meinung nach haben die systematischen Tötungen aufgrund des internationalen Drucks mit der Zeit etwas abgenommen. Das Regime tötete weiterhin Gefangene, aber nicht jeden einzelnen.

Folter im 24-Stunden-Takt
Mehr als 215.000 Syrer leiden in den Gefängnissen des syrischen Regimes. Aber trotz UN-Resolution interessiert sich offenbar kaum jemand für ihr Schicksal. Es sei denn, einer der Opfer erhält einen Preis. So zum Beispiel der Journalist und Rechtsanwalt Mazen Darwish, der kürzlich mit dem Preis für Pressefreiheit der UNESCO ausgezeichnet wurde. Von Kristin Helberg
Woran haben Sie und Ihre Kolleg:innen die letzten Jahre gearbeitet? Und inwiefern kann das jetzt für die Aufarbeitung genutzt werden?
Unser Mandat ist, die Verschwundenen zu lokalisieren und zu identifizieren. Wir haben Daten von den Familien der Verschwundenen gesammelt. Unser Team füllt zunächst mit der Familie ein vierzehnseitiges Formular aus. Darin halten sie zum Beispiel fest, wo die vermisste Person zuletzt gesehen wurde, was sie anhatte, welche Augenfarbe sie hat, wie viele Zähne ihr fehlten, was sie noch für Besonderheiten im Gesicht hat.
Diese Art von Informationen hilft, Menschen schon vor der DNA-Analyse zu identifizieren. Wir haben auch begonnen, DNA-Proben von den Familien der Verschwundenen in der Diaspora zu sammeln. Letztes Jahr zum Beispiel in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und Luxemburg.
Welche Rolle sollten die Opfer und ihre Familien in diesem Prozess spielen?
Die Familien sollten immer im Zentrum unserer Arbeit stehen. Wir müssen ihnen gut zuhören und zusammen Strategien entwickeln. Unsere Aufgabe ist es, ihre Stimme zu stärken und ihnen die Möglichkeit zu geben, für sich selbst zu sprechen. Über Wiedergutmachung sollte gesprochen werden.
Bei der ICMP haben wir seit Jahren eine politische Koordinationsgruppe, in der syrische Expert:innen wie Anwält:innen, Menschenrechtler:innen, Mediziner:innen gemeinsam mit Angehörigen der Verschwundenen an Strategiepapieren für die Zukunft Syriens arbeiten. Diese Gruppe hat sehr wichtige Papiere vorgelegt, darunter einen ethischen Rahmen für die Datenerfassung, ein Papier über den Schutz von Massengräbern und ein weiteres über ihre Erwartungen an ein Gesetz zu vermissten Personen.
Es ist ein opferzentrierter Ansatz, in dem die Familien an der Entwicklung von Strategien beteiligt werden. Wenn es keine Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Familien gibt, werden die Menschen sich nicht sicher fühlen und es wird keinen stabilen Frieden geben.
Welche Herausforderungen erwarten Sie bei der Suche nach den Verschwundenen?
Die hohe Zahl der Vermissten ist eine der größten Herausforderungen in Syrien. Die Gefangenen, die systematisch getötet und in Massengräbern begraben wurden, sind dabei vielleicht noch die eindeutigsten Fälle.
Es gibt darüber hinaus Leute, die willkürlich an Checkpoints von Sicherheitskräften des Regimes auf eigene Faust erschossen wurden. Obwohl diese Soldaten auf Anweisung und mit Genehmigung des Regimes arbeiteten, dokumentierten sie die von ihnen getöteten Personen nicht. Diese Opfer wurden an Ort und Stelle exekutiert und ihre Leichen verscharrt.
Ihre Aufgabe besteht also nicht nur darin, Opfer zu identifizieren, sondern auch mehr ausfindig zu machen?
Letztes Jahr haben die Weißhelme [eine zivile Rettungsorganisation, Anm. d. Red.] mir berichtet, dass sie mehrere Brunnen voller Leichen gefunden haben. Und dann gibt es noch Massaker wie das in Tadamon 2013. Wir wissen nicht, wie viele solcher Massengräber es gibt, vielleicht Tausende.
Über die letzten sieben Jahre gingen Berichte zu 72 Massengräbern bei uns ein. Auf unserer Website kann man sie sie auf einer Karte markieren. Allein letzten Monat habe ich persönlich vier Anrufe von Syrer:innen bekommen, die sich während der Regime-Ära nicht getraut haben, mit uns zu kommunizieren.

Ist die Übergangsregierung der Aufgabe gewachsen, diese Fälle aufzuklären?
Sie hat kaum Erfahrung im Umgang mit der Suche nach Vermissten. Um sie zu unterstützen, haben wir kürzlich einige Beamte der neuen Regierung nach Bosnien eingeladen, damit sie von der dortigen Erfahrung in forensischen Ermittlungen und der Exhumierung von Massengräbern profitieren können. Auch fehlt es Syrien an forensischer Infrastruktur wie Laboren und an finanziellen Mitteln.
Die internationale Gemeinschaft sollte die neue Regierung technisch und juristisch unterstützen und zugleich die nationale Souveränität respektieren. Jede Hilfe sollte auf Nachfrage der Regierung kommen und die von ihr gesetzten Prioritäten berücksichtigen.
Als Syrer, als Aktivist, was sind Ihre Hoffnungen und Erwartungen für die nächsten Monate und Jahre?
Der bekannte syrische Schriftsteller Saadallah Wannous bat vor seinem Tod vor ein paar Jahren darum, dass auf seinem Grabstein stehen sollte: „Wir sind von Hoffnung beherrscht“. Diese Aussage trifft auch auf mich zu. Die Hoffnung treibt uns bei unserem Streben nach Gerechtigkeit an.
Meine Hoffnung ist groß: dass es Gerechtigkeit geben wird und Entschädigungen für die Familien der Opfer. Ich weiß, dass die Vermissten dadurch nicht lebendig zu ihren Familien zurückkehren werden, es ist dennoch das Mindeste, was wir tun können, um sie zu unterstützen.
Dieser Text ist eine überarbeitete Übersetzung des Englischen Originals. Übersetzung durch die Autorin.
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