Das Phantomkalifat der Muslimbrüder

Florence Bergeaud-Blackler, anthropologist, researcher at the CNRS, author of "Le Frerisme Et Ses Reseaux L'Enquete". The Liberte & Prospective think tank, which is close to the LR party, organised a debate on Islamism in sport in the Salle Victor Hugo at the French National Assembly. Paris, France on March 28, 2024.
Stößt auch in Deutschland auf mediales Interesse: Bergeaud-Blackler. (Foto: picture alliance / abaca | V. Pierrick/ABACA)

Florence Bergeaud-Blacklers Warnung vor der Muslimbruderschaft liest sich wie wissenschaftliche Forschung. Sie ist aber eine Verschwörungserzählung – und schadet dem Säkularismus, den die französische Islamismusforscherin zu verteidigen vorgibt.

Von Sebastian Elsässer

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Es waren schlechte Jahre für die Muslimbruderschaft. In Ägypten wurde sie 2013 durch das Militär von der Regierung entfernt und zerschlagen, in Tunesien brachten die Wähler:innen 2019 einen konservativen Diktator an die Macht, der ihre Mitglieder als „Verräter und Agenten“ betrachtet. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate setzten sie 2014 auf die Terrorliste; geblieben sind ihr in der Region nur wenige Unterstützer und Rückzugsräume, vor allem Katar und die Türkei.

Doch selbst im sicheren Exil ist die Bruderschaft geschwächt und gespalten – die türkische Regierung hat ihre Unterstützung inzwischen drastisch zurückgefahren, prominente bruderschaftsnahe Medienmacher:innen mussten 2022 das Land verlassen. Erfolgreiche Islamisten in der Region – wie die syrische Übergangsregierung – halten lieber Abstand zur Muslimbruderschaft, um ihre Beziehungen zu ausländischen Partnern nicht zu gefährden.

Florence Bergeaud-Blackler zeichnet ein anderes Bild der Organisation. In „Kalifat nach Plan“, dem Buch der französischen Anthropologin, das seit vergangenem Jahr auch auf Deutsch vorliegt, steht die Muslimbruderschaft nicht am Ende eines verlorenen Jahrzehnts, sondern kurz vor dem Ziel. Wenn nicht in der islamischen Welt, dann eben in Europa: In Frankreich sei der globale „Frerismus” – ihr Begriff für die Bruderschaft und ihre Netzwerke – auf gutem Weg, binnen weniger Jahrzehnte ein Kalifat zu errichten.

Das Ganze wäre ein französisches Problem, fiele das Buch nicht auch im deutschsprachigen Raum auf vorbereiteten Boden. In Debatten über Islamverbände, Moscheegemeinden und die Frage, wer als legitimer Gesprächspartner gilt, ist der Verdacht der „Unterwanderung“ längst ein gängiges Argument, und der Begriff des legalistischen Islamismus erweist sich als bereitwillig dehnbar. Bergeaud-Blacklers Buch verleiht diesem Verdacht den Anschein wissenschaftlicher Beglaubigung; es überrascht kaum, dass sie auch von deutschen Medien angefragt wird.

Cover des Buchs "Kalifat nach Plan" von Florence Bergeaud-Blackler
„Kalifat nach Plan“ ist 2025 auf Deutsch erschienen. Foto: Schiler und Mücke.

Man muss also fragen, welche Indizien für  Bergeaud-Blacklers Szenario sprechen. Und wie sich diese Diagnose zu dem verhält, was die politik- und sozialwissenschaftliche Forschung über die meistuntersuchte islamische Bewegung der Gegenwart zusammengetragen hat.

Zur Einordnung: Die Muslimbruderschaft vertritt den moderaten, oft „legalistisch“  genannten Flügel des Islamismus. Zeit ihres Bestehens hat sie versucht, mit ganz überwiegend friedlichen Mitteln Macht und Einfluss zu gewinnen – als religiöse Gemeinschaft, Graswurzelbewegung, und als politische Partei. Gestützt auf religiösen Zusammenhalt und eine ausgeklügelte Organisation in Gestalt geheimer „Zellen“ konnte sie den arabischen Diktaturen weit besser trotzen als linke und liberale Oppositionskräfte, die reihenweise kooptiert und aufgerieben wurden. 

2011 schien ein goldenes Zeitalter zu beginnen: Die ersten freien Wahlen nach dem Arabischen Frühling gewann die Muslimbruderschaft spielend, in Kairo und Tunis übernahm sie Regierungsverantwortung. Doch sie überschätzte ihre eigene Popularität. Binnen weniger Jahre zeigte sich, dass große Teile der Bevölkerungen bei aller Sympathie für religiös motiviertes Engagement lieber stabile Diktaturen als islamistische Experimente wollten.

Bergeaud-Blackler ignoriert Islamismusforschung

Seither steckt die Bewegung in einem unauflösbaren Dilemma. Religiös-konservative Pragmatiker:innen, die politisch und gesellschaftlich etwas bewegen möchten, sehen sich nach dynamischeren und weniger riskanten Alternativen um. Sie streben nach dem Vorbild der Golfstaaten good governance an, Wirtschaftswachstum und eine selbstbewusste Außenpolitik, eingebettet in stabile konservative Gesellschaftsnormen. Radikale wiederum finden im Salafismus und Dschihadismus jenen rebellischen Habitus und jene utopischen Maximalpositionen, die die Muslimbrüder immer nur halbherzig vertreten haben.

Wer im Spektrum des Islamismus und seiner Sympathisant:innen sollte sich ausgerechnet einer Organisation anschließen oder unterordnen, die ein derart ungünstiges Bild von Hilflosigkeit und Scheitern abgibt? Von den vielen Muslim:innen ganz zu schweigen, die den Brüdern nicht erst seit dem Arabischen Frühling misstrauisch bis ablehnend gegenüberstehen. Das Szenario eines ungebrochenen Aufstiegs des „Frerismus” wirkt vor diesem Hintergrund, als hätte seine Urheberin die vergangenen fünfzehn Jahre im Dornröschenschlaf verbracht.

Tatsächlich isoliert Bergeaud-Blackler ihre Betrachtungsweise nahezu vollständig vom Forschungsstand zum Islamismus in der arabischen Welt. Zentrale Beiträge frankophoner Politikwissenschaftler:innen und Soziolog:innen wie Stéphane Lacroix, Marie Vannetzel, Patrick Haenni oder Clément Steuer würdigt sie keines Blickes. Wer „Kalifat nach Plan” unvoreingenommen zur Hand nimmt, gewinnt den Eindruck, vor dieser Autorin habe noch nie jemand ernsthaft die politische Ideologie und die Strategien der Muslimbruderschaft analysiert. Welch ein Irrtum. 

Doch betrachten wir ihre Argumentation von Beginn an. 

Großes Gewicht legt Bergeaud-Blackler auf das strategische Handeln der Bruderschaft – und damit liegt sie zunächst durchaus richtig. Der Gründer Hasan al-Banna (1906–1949) hat das Denken in Phasen und Schritten fest in der ideologischen Welt der Organisation verankert. 

Zu seinen bekanntesten Ideen zählt die Lehre von den „sieben Stufen des Handelns“, die von der Reform des Selbst über die Islamisierung von Gesellschaft und Staat bis zur „Lehrmeisterschaft“ (ustadhiyya) über die Welt aufsteigt; ebenso die „drei Phasen der Mission“ – Bekanntmachung der Botschaft, Formung einer Kaderorganisation, Durchführung des Islamisierungsprogramms.

Spätere Funktionäre fügten einen vierten Punkt hinzu: die „Ermächtigung“ (tamkin) der Bewegung. Aktivist:innen in der Diaspora schrieben ab den 1980er-Jahren dieses Denken fort, fassten Überlegungen zur weltweiten Mission in To-Do-Listen zusammen und entwarfen kühne Visionen einer Islamisierung des Globus.

Nur – das zeigt das mittlerweile fast hundertjährige Bestehen der Muslimbruderschaft – erzeugte dieses optimistische Managementdenken vor allem eine Illusion der Planbarkeit. Auf Generationen junger Islamist:innen hat dies zweifellos attraktiv gewirkt und ihnen das Gefühl gegeben, einer dynamischen, erfolgreichen Bewegung anzugehören. 

Kaum je aber gelang es der Bruderschaft, ihre Modellüberlegungen in die Wirklichkeit zu übersetzen – besonders deren politischen Teil. Die Erwartung gläubiger Anhänger:innen, mit dem Arabischen Frühling endlich die Phase der „Ermächtigung“ erreicht zu haben, zerschellte fulminant an der politischen Realität Ägyptens und der Region.

Ist der Aufstieg der Muslimbruderschaft in Europa plausibel?

Diese Erfahrungen haben Spuren hinterlassen. Seit den 2000er-Jahren wachsen in der Bewegung Tendenzen der ideologischen Aufweichung, wenn nicht der Desillusionierung. Angesichts dessen wirkt Bergeaud-Blackler bisweilen wie eine der letzten Altgläubigen, wenn sie die Unverwüstlichkeit des Kalifatsprojekts proklamiert: „Die gesamte Energie (des Frerismus) wird über Generationen hinweg dieser Aufgabe gewidmet, daher rührt seine außergewöhnliche Stärke, Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit.“

Zu ihren Gunsten ließe sich einwenden: Vielleicht machen gerade die besonderen Umstände Europas möglich, was im Nahen Osten gescheitert ist. Vielleicht findet die Organisation in westeuropäischen Gesellschaften jenes Biotop, das ihr Aufblühen erlaubt – politische und bürgerliche Freiheiten für ein Programm der gewaltfreien Islamisierung, dazu eine wachsende muslimische Bevölkerung, die sich für eigene Zwecke instrumentalisieren lässt. Wo, wenn nicht hier, könnte sie überhaupt noch Fuß fassen?

Genau an diesem Punkt steht Bergeaud-Blacklers Studie am Scheideweg: Entwirft sie ein plausibles Szenario vom Aufstieg der Muslimbruderschaft in Europa, das auf politik- und sozialwissenschaftlicher Evidenz fußt und einer wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich ist? Extremismusforschung fragt nach den sozialen Ursachen undemokratischer Gesinnungen, nach den kulturellen Rahmungen, die sie begünstigen, und nach der Größe und Zusammensetzung des sympathisierenden Milieus.

Man würde von der Autorin also eine gründliche Durchleuchtung der muslimischen Bevölkerung Frankreichs erwarten, durchaus mit unbequemen Befunden: Wie verbreitet sind dort religiöse und politische Haltungen, die eine Affinität zum Islamismus erkennen lassen? Welche sozialen Umstände begünstigen sie, welche wirken ihnen entgegen? In welchen Räumen und Milieus können Islamist:innen sich festsetzen, wie viele Muslim:innen erreichen sie dadurch? Und kann die Bruderschaft dabei überhaupt mit anderen, überwiegend deutlich radikaleren Akteur:innen konkurrieren?

Was „Kalifat nach Plan“ liefert, ist jedoch alles andere als das. Die Kernkapitel des Buchs sind eine lange, bisweilen höchst konfuse Aufzählung von Einzelpersonen, Vereinen und Bewegungen, muslimischen wie nicht-muslimischen, die allesamt – da ist sich die Autorin sicher – Puzzlestücke des großen Islamisierungsplans der Muslimbruderschaft darstellen.

Im Kapitel „Linke und rechte Freristen“ begegnen uns die globalisierungskritische Linke (angeblich islamistisch unterwandert), der islamische Feminismus (will muslimischen Frauen weismachen, Kopftuch und persönliche Freiheit seien vereinbar), die Interessenvereinigung L.E.S. Musulmans („scheinbar gemäßigt“), der ultrakonservative Salafismus, muslimische Gangster-Rapper (manche von ihnen werden später fromm), das Halal-Unternehmertum, islamisches Coaching und Lebensberatung und so weiter.

Spätestens an dieser Auflistung zeigt sich: Der „Frerismus“ ist gar kein empirisches Forschungsobjekt, sondern eine rhetorische Figur. In diesem Begriff soll das Unbehagen an der Ausbreitung muslimischer Lebensweisen und Identitätsbekundungen in Frankreich gebündelt und einem einzigen kollektiven Akteur zugerechnet werden. Ob die Muslimbruderschaft tatsächlich dahintersteckt, ist vollkommen nebensächlich.

Denn jede sichtbare Form islamischer Frömmigkeit, darauf besteht die Autorin, spielt ihr in die Karten – auch dann, wenn die Handelnden es nicht im Entferntesten beabsichtigen. Jede muslimische Frau, die ein Kopftuch trägt, ist ein Puzzlestück im Kalifatsprojekt, ob sie dieses unterstützt oder nicht.

Der Säkularismus hat bessere Verteidigungsschriften verdient

Damit ist Bergeaud-Blacklers These gegen jede Überprüfung immunisiert. Was immer man beobachtet – politisierte oder völlig unpolitische Frömmigkeit, Radikalität oder demonstrative Mäßigung, klar der Muslimbruderschaft zurechenbare Strukturen oder minimale Gemeinsamkeiten –, es lässt sich als offener Beleg lesen oder als Tarnung. Kein denkbarer Befund könnte die Erzählung vom „Frerismus“ erschüttern.

Genau hier verläuft auch die Grenze zwischen wissenschaftlich fundiertem Szenario und Verschwörungserzählung. Die Beharrungskraft konservativer islamischer Religiosität in der Diaspora und die damit verbundenen Islamisierungseffekte, die auch andere Beobachter:innen keineswegs leugnen, erscheinen nicht als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, an denen eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Zielen und Interessen mitwirkt, sondern als Entfaltung eines vorgefassten Plans einer verschwörerischen Geheimgesellschaft. 

Unterwanderung, Infiltrierung, Zerstörung, Täuschung und Manipulation sind dabei die Mittel der Wahl. Wie die Anthropologin Margot Dazey aufgezeigt hat, führt das zu Erklärungsmustern, die in den Sozialwissenschaften schon seit Jahrzehnten als überholt gelten, da sie einer empirisch robusten, ergebnisoffenen Forschung entgegenstehen.

Misslich ist das auch deshalb, weil Bergeaud-Blackler letztlich ein politisches Projekt westlicher Gesellschaften zu verteidigen vorgibt, das nicht auf pseudowissenschaftlichen Verschwörungserzählungen beruht, sondern auf der Philosophie der Aufklärung: den Säkularismus. 

Der Säkularismus, zumal in seiner französischen Spielart des Laizismus, ist zweifellos schwer vereinbar mit dem Bestreben vieler konservativer Muslim:innen, ihre Religiosität öffentlich sichtbar zu machen und ihre Lebenswelt dort, wo sie einen großen Bevölkerungsanteil stellen, nach eigenen Normen zu gestalten. 

Wie europäische Gesellschaften damit umgehen sollen, ist keine triviale Frage, sofern man den Säkularismus als konstituierenden Wert wichtig findet. Und sie stellt sich in ähnlicher Form in Österreich und Deutschland, in den Niederlanden oder Frankreich.

Sie ruft nach sachlichem Streit und demokratischem Wettbewerb, in dem Mehrheitsmeinungen Gewicht haben und zugleich in gegenseitigem Respekt Kompromisse gesucht werden. Wer für einen konsequenten Säkularismus oder Laizismus werben will, möge das tun. Bei der Debatte um Grundwerte und der Suche nach praktischen Lösungen hilft ein klarer Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, unterfüttert durch sozialwissenschaftlich erhobene Daten.

Möglicherweise hat die Autorin sogar zum Teil recht mit dem Vorwurf, dass Sozialwissenschaftler:innen politisch eher nach links tendieren und lieber über Rassismus und Ausschlussmechanismen in der Mehrheitsgesellschaft forschen als über problematische Entwicklungen innerhalb migrantischer Communities. Ihr eigener Ansatz freilich ist vom Ideal einer ideologisch unvoreingenommenen, ergebnisoffenen Wissenschaft noch sehr viel weiter entfernt.

Der „Frerismus“ in der von Bergeaud-Blackler vorgestellten Form ist eine Halluzination, das weltweite Kalifat der Muslimbruderschaft ein Phantom. Beides ergibt sich nicht aus der sorgfältigen Sichtung von Erkenntnissen und ihrer überlegten Zusammenfügung zu einem Gesamtbild, sondern aus einem Narrativ, das von Anfang an feststand. Der europäische Säkularismus hat bessere Verteidigungsschriften verdient als die Warnung vor einem Phantomkalifat.

 

Kalifat nach Plan. Frérismus und seine Netzwerke in Europa
Florence Bergeaud-Blackler
Schiler und Mücke 
März 2025

@ Qantara