Freiräume nutzen

Mehrere Menschen stehen auf der Bühne und halten sich an den Händen. Davor Publikum.
Applaus nach einer Lesung & Performance, u.a. mit der syrischen Produzentin Yara Ktaish in Damaskus, März 2025. (Foto: Qantara | Jalal Aldin Jabri)

Nach dem Sturz des Assad-Regimes suchen syrische Intellektuelle und Künstler Anschluss an die neue Realität. Vier Kulturschaffende sprechen über zurückeroberte Freiräume und neue Grenzen.

Von Mohammed Magdy

Monzer Masri – Lyriker und Maler, 76 Jahre alt: »Kulturschaffende müssen der Autorität gegenübertreten«

Ich wurde in Latakia geboren, hier habe ich mein ganzes Leben verbracht und es scheint, als würde ich auch hier sterben. Ich habe drei Gedichtbände verfasst und zahlreiche Bücher geschrieben. 

Am 8. Dezember 2024 wurden die Verhältnisse, in denen Syrerinnen und Syrer seit einem halben Jahrhundert lebten, grundlegend erschüttert – vor allem für jene, die in Syrien geblieben sind. Alles, was Ausgangspunkt des Schreibens war, hat sich verändert, so wie das kulturelle Leben insgesamt.  

Buchcover mit dem Portrait des Autors
Cover der Gesamtausgabe des syrischen Dichters Monzer Masri. (Foto: Privat)

 Schreiben bedeutet jetzt etwas anderes, der Rahmen ist neu. Ich zum Beispiel wollte mit meinen Texten bislang anderen erklären, wie wir leben können, ohne an dem Regime zu verzweifeln. Das habe ich als meine Aufgabe gesehen, das ist meine Gabe. Jetzt sind die Themen andere, und sie verlangen nach neuen Wegen der Annäherung.

Wenn Syrien seiner historischen Rolle als kulturelles Zentrum wieder gerecht werden soll, muss es ein Ort werden, an dem Kunstfreiheit eine Selbstverständlichkeit ist. Das bedeutet, dass die Kultur- und Literaturschaffenden der Autorität entgegentreten müssen, so wie das in unserer Geschichte oft der Fall war. Und ich hoffe, dass dies jetzt nicht schwieriger wird, als es früher war.

Bislang scheint die Lage gut: Es gibt keine sichtbaren Einschränkungen der Meinungsfreiheit, und starke kritische Stimmen sind durchaus zu hören. Wichtig wäre allerdings, dass sich ein unabhängiger Journalismus entwickelt und nicht vom Staat finanzierte Literaturzeitschriften gegründet werden, damit abweichende und kritische Stimmen Raum finden. 

Hêvî Qiço – Lyrikerin und Romanautorin: »Die Übergangsregierung muss alle miteinbeziehen«

Ich komme aus Amuda, einer Stadt im Nordosten Syriens (Rojava). Seit ich mein Heimatland vor zehn Jahren verlassen habe, lebe ich in Berlin. Ich habe unter anderem den Erzählband »Eine andere Dimension« (2020) und die Gedichtsammlung »Ein Licht durchflutet mich bis zur Gewissheit« (2023) veröffentlicht. Das alte syrische Regime hat eindrucksvoll bewiesen, dass es in jeglicher Hinsicht tyrannisch war: Es gab keinen Funken Freiheit, die gesamte Bevölkerung musste sich seiner Macht beugen.  

Portrait der syrischen Dichterin Hêvî Qiço
Hêvî Qiço – Lyrikerin (52 Jahre alt). (Foto: Privat)

Doch mit der Revolution kam es zu Veränderungen, die bis heute wirken: Die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien hat ab 2012 ein unabhängiges System etabliert, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Auch der Kulturbereich ist dort demokratisch organisiert, die Freiheit und die Überzeugungen des Einzelnen werden geachtet. Doch die neue Regierung scheint diese Kultur der Vielfalt und Offenheit nun abzulehnen. Sie versucht, eine monolithische Kultur und Politik durchzusetzen.  

Die Kurdinnen und Kurden sind die zweitgrößte ethnische Gruppe in Syrien. Es geht ihnen nicht allein um die Anerkennung ihrer kulturellen Eigenständigkeit, vielmehr fordern sie ein dezentralisiertes Regierungssystem, das ihnen administrative und politische Rechte garantiert. Das wäre auch die Voraussetzung dafür, konstruktiv am Aufbau eines syrischen Staates mitzuwirken, in dem sie bislang an den Rand gedrängt wurden. Dazu darf es nicht wieder kommen. 

Wie die Kurden wurden auch viele syrische Intellektuelle marginalisiert: Du warst entweder ein Sprachrohr des Regimes oder wurdest isoliert, mit Ausnahme einiger oppositioneller Stimmen im Ausland. Deswegen müssen sie sich nun aus dieser Situation befreien. Die Übergangsregierung wiederum muss alle miteinbeziehen. Es gilt, das ganze Spektrum der syrischen Kultur abzudecken. Die Intellektuellen sind es, die die Zukunft des Landes sichern können. Wenn man jedoch nur auf eine einzige Kultur und eine einzige Farbe setzt, wird das Unheil über dieses wunderbare Volk bringen. Es hat schon so viele Opfer auf dem Weg in die Freiheit gegeben, es hat verdient, ohne Fesseln zu leben.  

Rita Halabi – bildende Künstlerin: »Wir müssen uns unseren Leiden stellen«

Ich habe 2018 mein Kunststudium an der Universität Aleppo abgeschlossen. Seitdem bin ich im Kulturbereich tätig. Ich habe Syrien nie verlassen, außer für eine kurze Reise in den Libanon.  

Eine Frau steht in geblümter Bluse vor einer Wand, auf die Gesichter gemalt sind
Rita Halabi, in ihrer Ausstellung in Damaskus, Juni 2025. (Foto: Zain Qalandari)

Meine erste Einzelausstellung hatte ich im Juni 2025 in der Galerie Mustafa Ali in Damaskus. Es handelte sich um eine interaktive Performance mit dem Titel »Akte einer psychischen Krankheit«. Seit Jahrzehnten sind seelische Erkrankungen für die syrische Bevölkerung ein Problem. Sie haben sich in uns angestaut und belasten uns. 

Viele meiner Landsleute wollen aber nicht darüber sprechen, aus Angst, stigmatisiert zu werden. Meine Performance ist in diesem Kontext wie ein Kiesel, der in stilles Wasser geworfen wird. 

Wir müssen uns unseren Leiden stellen, gemeinsam einen Umgang mit ihnen finden und auch an gemeinsamen Lösungen arbeiten. 

Mehrere Personen liegen auf dem Boden, an den Wänden ist Kunst zu sehen.
Ein Blick in Rita Halabis Ausstellung „Mental Illness File“ in Damaskus, Juni 2025. (Photo: Zain Qalandari)

Über Jahre hinweg musste die Kulturszene brutale Einschränkungen hinnehmen, aber es liegt Hoffnung in der Luft. Was wir nun brauchen, sind die Ideen, die ohnehin in den Köpfen von Künstlerinnen und Künstlern herumschwirren, und ihre Realisierung in absehbarer Zeit. Kunst ist ein Mittel für Veränderung. 

Yara Ktaish, Schauspielerin und Produzentin: »Als Künstler testen wir im Moment die Grenzen«

Nachdem ich Suwaida 2012 verlassen musste, habe ich, nach verschiedenen Stationen in anderen Ländern, eine neue Heimat in Brasilien gefunden. Im Januar 2025 kehrte ich nach Damaskus zurück und blieb dort bis Mai. Ich kam mit großer Hoffnung, musste aber feststellen, dass ich mich in meiner alten Heimat immer noch nicht frei fühle. 

Künstler haben zwar tatsächlich mehr Spielraum, gleichzeitig gibt es eine neue Form der Zensur. Während meiner Zeit in Damaskus war ich Teil einer Performance, bei der wir Texte von syrischen Autoren vorlasen, die zwischen 2011 und dem Sturz des Assad-Regimes entstanden sind. Der Auftritt fand nur zwei Tage nach den Kämpfen in Latakia statt.

Es war unsere Art des Widerstands. Wir haben dafür die Kosten der Produktion auf ein Minimum reduziert. Da wir aber zum Beispiel Diesel für einen Generator brauchten, der wegen der ständigen Stromausfälle unverzichtbar war, mussten wir beim Kulturministerium eine Genehmigung beantragen.  

Eine junge Frau im schwarz-weiß Portrait mit langen offenen Haaren.
Die syrische Schauspielerin und Produzentin Yara Ktaish lebt zwischen Syrien und Brasilien (Foto: Jad Sleiman)

Die haben wir bekommen, mussten dafür aber mit Zensur bezahlen: Einer unserer Texte wurde gestrichen. Es ging darin um Geschwister, die als Flüchtlinge in Europa leben, und endet damit, dass das Mädchen droht, sich wegen der Handlungen des Vaters umzubringen. Die Regierung begründete die Entscheidung damit, dass der Text »inakzeptabel« sei.  

Eine Erklärung erhielten wir nicht. Als Künstler aus verschiedenen syrischen Regionen testen wir im Moment unsere Grenzen aus, die neue Regierung macht das Gleiche. Mein Eindruck: Es wird häufig Nein und selten Ja gesagt. Auf der anderen Seite sind Künstler immerhin wieder aktiv. Trotz der bürokratischen Hürden und der neuen Zensur passiert viel: Konzerte, Bühnenshows, Ausstellungen. Hoffentlich herrscht bald wirkliche Kunstfreiheit.

 

Dieser Text erscheint am 6. September auch in einer gemeinsamen Printausgabe von Qantara und dem Magazin Kulturaustausch. Weitere Analysen, Interviews und Reportagen finden Sie in unserem Syrien-Schwerpunkt

Der Text ist eine überarbeitete Version des Arabischen Originals. Übersetzt von Leonie Nückell. 

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