"Weiße säkulare Frauen haben kein Monopol auf Feminismus"
In der Türkei ist es diese Woche zu einer Verhaftungswelle und landesweiten Razzien gegen die LGBTQ+-Gemeinschaft gekommen. In 15 Provinzen durchsuchten die Behörden LGBTQ+-Vereinigungen, Unterhaltungslokale und Büros. Mehr als 100 Menschen wurden vorübergehend festgenommen. Im Rahmen der unter dem Namen „Meine Familie ist in Sicherheit“ (ailem güvende) laufenden Operation wurden zudem Websites und Social-Media-Konten gesperrt. Etliche Kritiker:innen reagierten im Netz mit Stellungnahmen unter dem Hashtag #ailemgüvendedegil (Meine Familie ist nicht in Sicherheit).
Qantara-Autorin Ceyda Nurtsch hat mit Kübra und Enis des betroffenen Vereins „Havle“ gesprochen. Aus Sicherheitsgründen werden nur die Vornamen genannt.
Qantara: Bei den jüngsten Razzien und Demonstrationen wurden auch Mitglieder von „Havle“ festgenommen. Ihr seid ein muslimisch-feministischer Frauenverein, der sich mit LGBTQ solidarisiert. Wie steht Ihr zur Regierungsinitiative „Meine Familie ist sicher“?
Kübra: Diese Operation gibt nur vor, die Familien zu schützen. In Wirklichkeit schützt sie niemanden. Vielmehr geht es der Regierung darum, die Familie und die Gesellschaft auf Kurs zu bringen. Wollte sie wirklich die Familie schützen, müsste sie erst einmal ein Mindestmaß an Bedingungen erfüllen und den Schutz von Kindern gewährleisten. Das Ziel, das die Regierung durch die „Meine Familie ist sicher“-Operation verfolgt, ist, die LGBTQ-Bewegung zu verteufeln und dadurch ihr repressives autoritäres Regime zu verschärfen. Uns bei „Havle“ geht es aber an erster Stelle um den Schutz von Frauen und Kindern.
„Havle“, der erste muslimisch-feministischen Verein der Türkei, wurde 2018 gegründet. Wie ist die Idee entstanden?
Kübra: Für viele Frauen, die sich als muslimische Feministinnen definieren, mich eingeschlossen, waren die Gezi-Proteste 2013 ein Wendepunkt. Die unproportionale Gewaltanwendung der Polizei, bei der Menschen bleibende Verletzungen davontrugen oder sogar ums Leben kamen, konnte ich nicht akzeptieren. Dann kam das Referendum zur Verfassungsänderung 2017, wonach die Türkei von einem parlamentarischen zum Präsidialsystem überging. Da zeichnete sich für mich ab, dass wir alles, was wir an Demokratie hatten, nach und nach verlieren würden.
Die Enttäuschung über die Politik der AKP, die mittlerweile seit über zwanzig Jahren regiert, hat Sie also politisiert?
Kübra: Ja, es führte zu einem Erwachen. Ich stamme aus einer Familie, die der Milli-Görüş-Bewegung und der Refah-Partei nahesteht. Wir Frauen waren jahrzehntelang wegen unseres Kopftuchs schikaniert worden. Mit Erdoğan kam dann einer an die Macht, der sagte, er stehe auf unserer Seite. Erst passierte jahrelang nichts. Und als sich dann doch etwas änderte, schlugen er und seine Leute einen Weg ein, den ich und viele andere nicht mehr unterstützen konnten. Also suchte ich nach Gleichgesinnten.
Was macht „Havle“ im Vergleich zu anderen Frauenorganisationen besonders?
Kübra: Ich war in anderen Frauenorganisationen aktiv, aber habe mich in den säkularen Organisationen, obwohl ich dort sehr viel gelernt habe, nie wirklich zugehörig gefühlt. Bei Zusammenkünften von religiösen Frauen andererseits kreisen die Gespräche allein um Gott und den Propheten und sind vollkommen losgelöst von den Realitäten und Problemen dieses Landes. Das ist auch nichts für mich.
Zwischen diesen beiden Polen steht „Havle“. Wir treffen uns hier zum Quatschen, Essen, Beten und an religiösen Feiertagen. Viele der Frauen haben schwierige Familienverhältnisse, häufig haben ihre Familien mit ihnen gebrochen, vielleicht, weil sie den Islam für sich progressiv interpretieren, einen Partner haben, ohne verheiratet zu sein, oder queer sind. Jemand, der in einem muslimischen Umfeld aufgewachsen ist, fühlt sich hier häufig wohler als in einer säkularen Organisation, selbst wenn sie nicht besonders gläubig ist.
Enis: Bei mir war das so: Meine Familie kommt aus der Nurcu-Bewegung. Die säkularen Frauenorganisationen, bei den ich mich engagierte, konnten nicht verstehen, wie man das Bedürfnis haben kann, von der eigenen Community akzeptiert werden zu wollen. Hier bei „Havle“ finde ich eine Zugehörigkeit, die sich sonst nirgends erfahren haben. Zu Beginn machte ich mir Sorgen, ob die Frauen ihr Kopftuch vor mir ablegen würden, immerhin bin ich eine Transfrau, aber das war überhaupt kein Problem für sie.
Viele argumentieren, „muslimisch“ und „feministisch“ schließe sich gegenseitig kategorisch aus. Was entgegnet ihr diesen Menschen?
Enis: Und ob das zusammengeht! Mein liebster Slogan von „Havle“ ist: „Handle mit Respekt vor deinen Erinnerungen und im Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts“. Das heißt, wir leben in dieser Welt, aber es gibt für uns auch das Spirituelle.
Kübra: Auf der einen Seite gibt es militante Atheisten und Islamophobe, die den Islam mit dem IS und Salafismus gleichsetzen. Sie zeichnen ein Bild von einer Religion, die Frauen nicht aus dem Haus lässt und Menschen die Köpfe abhackt. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die ihre Interpretation anderen aufoktroyieren und als Druckmittel einsetzen. Wir sind nicht gegen andere Interpretationen, aber gegen die Instrumentalisierung dieser Interpretationen, die zu Unterdrückung und Gewalt führt.
Enis: Es heißt ja immer wieder: Der progressive Islam, die muslimischen Linken und muslimische Feministinnen verfolgten alternative Interpretationen des Islam. Das stimmt nicht, wir interpretieren die Religion nicht neu, wir gehen zurück zu den Grundlagen des Islams.
Kübra: Es ist der Sufismus des 13. und 14. Jahrhunderts, der Mystiker Mevlana, der sagte: „Komm, egal, wer du bist, komm wieder.“ Bei „Havle“ öffnen wir genau so eine Tür.
Enis: In der Sure „Die Griechen“ heißt es: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenartigkeit eurer Zungen und eurer Farben.“ Das sind Zeilen, die im siebten Jahrhundert herabgesandt wurden.
100 عام من النسوية العربية
يُسلط كتاب "نحن لسنا كما تعتقدون" لكلوديا مينده الضوء على قصور النظرة الغربية للحركة النسوية العربية. كما تتتبع تاريخ نضال المرأة العربية من أجل الاستقلالية والحرية.
Worin besteht die Arbeit von „Havle“?
Kübra: Ein großes Problem in der Türkei sind die sogenannten Kinderehen. Immer wieder behaupten Politiker und die Führer religiöser Gruppen, unsere Religion entlohne die Verheiratung von Minderjährigen. Wir wollten wissen, ob die Menschen das tatsächlich glauben, und führten eine Umfrage durch. Wir fragten, ob, und wenn ja unter welchen Umständen Menschen ihre unter 18-jährigen Kinder verheiraten würden. Die Antwort war immer: wirtschaftliche Gründe sowie ein bestimmtes Ehrverständnis und die Angst vor außerehelichen Schwangerschaften. Die Religion spielte keine Rolle.
Außerdem ist Aufklärung ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir bilden unsere Mitglieder zu „feministischen Moderatorinnen“ aus, die Diskussionsprozesse leiten, und haben ein Mutter-Tochter-Aufklärungskitt erstellt, das religiöse Befindlichkeiten mitberücksichtigt.
Schon vor unserer Gründung hatten wir uns zur Initiative „Muslimische Frauen gegen Gewalt“ und „Frauen in den Moscheen“ zusammengeschlossen. Es ging uns darum, Moscheen als öffentlichen Raum zugänglicher und ansprechender für Frauen zu machen. Häufig werden diese Orte von Männern dominiert. Für Frauen sind vernachlässigte, teils schwer zugängliche Bereiche vorgesehen. Transfrauen haben dann noch einmal ganz andere Probleme.
Ihr legt Wert auf die „Lokalisierung des Feminismus“. Was bedeutet das?
Enis: Neben der Intersektionalität ist uns dieser Punkt sehr wichtig. Feminismus ist nicht das Monopol einer bestimmten weißen, säkularen Schicht von Frauen. Er kann genauso aus einem Dorf in Anatolien entspringen. Leute, die sagen, Islam und Feminismus gehe nicht zusammen, haben nicht nur ein bestimmtes Bild vom Islam, sondern auch vom Feminismus. Dabei kann er unterschiedliche Formen haben, abhängig von den gesellschaftlichen Realitäten. Die Dynamiken etwa im anatolischen Konya sind andere als die in Brüssel. Nackt auf der Straße zu demonstrieren kann eine Form des Widerstands sein, aber ein Solidaritätsnetzwerk von Frauen, die sich über ihren Kummer austauschen, genauso.
Was hat sich hinsichtlich der Frauenrechte in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Türkei verändert?
Enis: Wir sehen weltweit, wie der Faschismus, die Homo- und Transphobie zunehmen. Auch in der Türkei sind wir mit vielen Problemen konfrontiert: Viele der errungenen Rechte, etwa bei der Unterhaltsregelung, stehen auf der Kippe. Die Türkei ist aus der Istanbul-Konvention ausgetreten (2021, d. Red.), Hormone für Geschlechtsangleichung sind schwer zugänglich. Aber egal wie repressiv das System derzeit ist, die Zeit und die Gesellschaft lassen sich nicht mehr zurückdrehen. Die neuen Generationen, der Informationsfluss lassen sich nicht aufhalten.
Ihr blickt also optimistisch in die Zukunft?
Enis: Absolut! Erst vor ein paar Tagen haben mich zwei ältere Frauen aus Erzurum, einem der konservativsten Orte der Türkei, angesprochen und gesagt, wie schön ich sei. So etwas erfüllt mich mit Hoffnung.
Kübra: Kürzlich haben wir hier mit alevitischen Frauen gemeinsam Aşure, ein typisch alevitisches Gericht, gekocht. Vor einigen Jahren noch wären Sunniten und Aleviten nicht zusammengekommen. Meine Hoffnung ist, dass wir, vielleicht in zwanzig oder dreißig Jahren, in einem Land leben, in dem wir einander besser zuhören und den Hass gegen „die anderen“ abgelegt haben.
Enis: Man darf nicht nur darauf gucken, was der Staatspräsident oder irgendwelche AKP-Politiker von sich geben, sondern auf uns, die Gesellschaft. Wir sind der Staat. Und wir sind die Veränderung, die wir wollen.
© Qantara.de