„Die meisten fühlen sich verraten“
Qantara: Frau Hashemi, was beschäftigt die über 400.000 Afghan:innen in Deutschland rund um den Jahrestag der Taliban-Machtübernahme im August 2021?
Mitra Hashemi: Die afghanische Community ist sehr divers. Die Leute unterscheiden sich in ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion oder auch dem Zeitpunkt, zu dem sie nach Deutschland gekommen sind beziehungsweise Afghanistan verlassen haben. Bei vielen kommen nun die Gefühle wieder hoch. Die meisten sind einfach deprimiert, fühlen sich verraten und machtlos. Am Anfang dachten viele noch, es werde eine kurze Episode sein; dass sich die Taliban nicht lange an der Macht halten würden. Doch heute zeigt sich das Gegenteil: Die Taliban sind stärker denn je.
Zuletzt sind die politischen Verschiebungen in Deutschland sehr schnell gewesen: Die „technische Kooperation“ mit den Taliban, die Abschiebung von Straftätern und Ende Juli auch der Präzedenzfall einer Abschiebung einer Person, der nichts vorgeworfen wurde. Welche Signale sendet die deutsche Politik an die afghanische Community?
Kurz nach dem Fall von Kabul hatten wir das Gefühl, dass wir als Land wahrgenommen werden, dass unser Schicksal nicht egal ist. Sehr schnell trat dann der anti-afghanische Rassismus wieder offen zutage. Den gibt es schon lange: Ich erinnere mich, wie Herr Seehofer sich 2018 freute, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abgeschoben wurden.
Auf politischer Ebene erkaufen sich die Taliban durch die Kooperation mit ausländischen Regierungen Legitimität nach innen und feiern das als großen Erfolg. Doch vor allem bei Frauen, auch hier in Deutschland, ruft diese Kooperation ein Gefühl der Ohnmacht hervor. Sie ist ein deutliches Signal, dass selbst Länder, die zumindest rhetorisch Solidarität mit den afghanischen Frauen gezeigt hatten, kein Interesse mehr an uns haben.
Glauben Sie, dass auch Frauen in Zukunft von Abschiebung bedroht sein könnten?
Zumindest indirekt. Ein Beispiel: Frauen, die nach 2021 durch das Bundesaufnahmeprogramm nach Deutschland gekommen sind, durften in manchen Fällen mit ihren Familien einreisen. Einige beantragen jetzt Asyl, weil sie angesichts des politischen Klimas Angst haben, dass ihnen ihr Aufenthaltsstatus nach Paragraph 22, Satz 2 entzogen wird.
Ich kenne mehrere Fälle, in denen die Frauen einen Schutzstatus zuerkannt bekommen haben, ihre Männer aber nur einen Abschiebestopp erhielten. Aus Gesprächen mit den Betroffenen weiß ich, dass die Frauen im Falle einer Abschiebung ihrer Partner eher mitgehen würden als die Familie zu zerreißen. Was 2021 im Rahmen der „feministischen Außenpolitik“ versprochen wurde, war von Beginn an nur Show.
Fehlt Ihnen Respekt seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft und Politik?
Immer wenn ich das Stichwort Afghanistan in der Zeitung lese, geht es entweder um Abschiebungen oder die Verbrechen der Taliban – mit denen man aber dennoch kooperiert. Nie wird über unsere Erfolge, über unsere Leistung berichtet.
Gerade seit dem Fall Kabuls gibt es viele hochgebildete Afghan:innen in Deutschland. In unserem Verein haben wir ein Programm, mit dem wir Akademiker:innen unterstützen. Es haben sich über 300 von ihnen registriert.
Ein anderer Werdegang ist der von Menschen aus Afghanistan, die während der Republik und auch unter den Taliban von extremer Armut betroffen waren. Sie hatten sehr wenige Möglichkeiten, sich zu bilden. Viele haben es in Deutschland trotzdem geschafft, sich ein Leben aufzubauen und einen Beruf zu erlernen. Gleichzeitig arbeiten viele im Niedriglohnsektor, machen Jobs, die sonst niemand will.
Während uns für all das Respekt gebührt, ist es wichtig zu sagen: Das Argument für die Aufnahme von Afghan:innen ist nicht die Fachkräftezuwanderung. Es geht um die humanitäre Pflicht, Menschen aufzunehmen, die in Gefahr sind.
„Bekämpft die Fluchtursachen, nicht die Menschen“
Der afghanisch-griechische Aktivist Nasim Lomani setzt sich für Geflüchtete ein. Die Fluchtbewegungen aus seiner Heimat würden nicht abnehmen, solange die EU die Probleme vor Ort ignoriert, meint er.
2025 setzte die Bundesregierung den Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte aus. Wie geht es den Betroffenen?
Die Familien wurden oft durch die Flucht auseinandergerissen. Viele, meist Frauen und Kinder, warten seit Jahren darauf, nach Deutschland nachkommen zu können. Werden die Kinder in Afghanistan in der Zwischenzeit volljährig, erlischt der Anspruch auf Familienzusammenführung. Das Aussetzen des Familiennachzugs ist für viele deswegen dramatisch.
Selbst für jene, die nach Paragraph 22 noch das Recht haben, nachzukommen, funktioniert es in der Praxis nicht. Dafür notwendige Botschaftstermine sind beispielsweise in Islamabad über Jahre hinweg ausgebucht. Selbst wenn alle notwendigen Unterlagen beisammen sind, wird die Einreise von deutscher Seite somit unmöglich gemacht. Für die Familien bedeutet das eine enorme psychische Belastung und in manchen Fällen eine dauerhaft existenzielle Bedrohung in Afghanistan.
Welche Rolle spielen Rücküberweisungen an die Angehörigen?
Dass wir Afghan:innen mit unserem Geld Verwandte unterstützen, war schon immer so. Seit der Machtübernahme der Taliban hat sich der Bedarf verstärkt, weil die Wirtschaftslage sehr schlecht geworden ist. Früher haben die jungen Menschen vor Ort gearbeitet und konnten einen Teil des Lebensunterhalts der Familie stemmen. Das ist heute nicht mehr der Fall.
Die Leute wollen arbeiten, aber es gibt schlicht keine Jobs. Ich kenne Leute, die stellen sich seit Monaten jeden Morgen als Tagelöhner an die Straße, nur um am Ende ein Stück Brot zu kaufen. Die Familien würden verhungern, wenn es die Überweisungen aus dem Ausland nicht gäbe.
Durch die massenhaften Abschiebungen aus dem Iran und aus Pakistan in den letzten Jahren hat sich die Lage noch verschärft. Einerseits müssen die Ressourcen in Afghanistan für noch mehr Leute ausreichen, andererseits haben viele Afghan:innen durch die Abschiebungen ihren Besitz und ihr Lebenswerk in diesen Ländern verloren.
Erbarmungslose Vertreibung
Pakistans Grenze zu Afghanistan ist Schauplatz einer der größten Massenvertreibungen der Gegenwart. Seit 2023 mussten über eine Million Afghan:innen Pakistan verlassen. Viele lebten seit Jahrzehnten im Land. Unter den Taliban fehlt ihnen jede Perspektive.
Was bedeutet es für Afghan:innen in Deutschland, dass nun Taliban-Vertreter in der Botschaft in Berlin und im Konsulat in Bonn sitzen?
Die Anwesenheit der Taliban in der Botschaft, inzwischen wissen wir von sieben von ihnen, bedeutet, dass ihr Regime Zugang zu den Daten aller Afghan:innen hat, die konsularische Dienste in Anspruch nehmen müssen. Da man für viele Verfahren wie die Einbürgerung, für eine Eheschließung oder die Verlängerung eines Passes Dokumente und Stempel aus der Botschaft braucht, betrifft uns das fast alle.
Besonders drastisch ist das für diejenigen, die vor den Taliban geflüchtet sind. Wir setzen nicht nur uns selbst einer Gefahr aus, sondern auch unsere Verwandten in Afghanistan.
Inwiefern hängt die Sicherheit der Verwandten mit den Botschaftsbesuchen in Deutschland zusammen?
In Deutschland leben viele Leute, die früher gegen die Taliban vorgegangen sind. Politisch zum Beispiel, oder juristisch. In der Botschaft sagten die Taliban zu einer von mir betreuten Frau: „Wir wissen, wer du bist.“ Zwei Wochen nach dem Termin wurden Mitglieder ihrer Familie in Kabul bedroht. Wenn die Leute hier in die Botschaft gehen, haben die Taliban einen Anlass, zu schauen, wer aus der Familie noch in Afghanistan ist. Die Motivation dahinter ist meist Rache.
Solche Vorfälle zeigen, dass die Taliban primär in Deutschland sind, um ihre Macht und ihren Einfluss zu demonstrieren. Nach innen, aber auch gegenüber der Bundesregierung.
Sie sagen also, die Taliban haben durch ihre Präsenz auch Einfluss auf die deutsche Politik?
Natürlich. Zuletzt stoppten sie einen Abschiebeflug, um weitere Taliban-Vertreter nach Deutschland holen zu können. Das heißt, die deutsche Regierung macht sich hier erpressbar. Zu einem gewissen Grad entscheiden dann die Taliban mit, was in Bezug auf Afghanistan innen- und außenpolitisch geschieht.
Dabei wissen alle, dass die Taliban eine terroristische Organisation sind. Es ergibt keinen Sinn: Wie wollen wir Islamismus in Deutschland bekämpfen, wenn wir mit Islamisten zusammenarbeiten?
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