Ein Leben zwischen Abwasser und Trümmern
Die Palästinenserin Walaa al-Shafei eilt zurück zu ihrem Zelt, nachdem sie endlich ihre Brotration an einer der Ausgabestellen im Raum Khan Younis erhalten hat. Vor dem Zelt warten ihre beiden Kinder, die sechsjährige Hanan und der vierjährige Amdschad. Nur wenige Meter entfernt befindet sich ein großes Becken voll ungeklärter Abwässer.
Erleichtert schließt Walaa ihre Kinder in die Arme. Jedes Mal, wenn sie allein im Zelt zurückbleiben, fürchtet Walaa, die Kinder könnten in das mehr als zehn Meter tiefe Becken stürzen. Immerhin trennt das Zelt ein rund vier Meter hoher Erdwall von den Abwässern.
Walaa streicht Hanan und Amdschad über die Gesichter und untersucht ihre Körper. Insgeheim hofft sie, dass sich ihr blasenbildender Hautausschlag gebessert hat. Fliegen und Stechmücken lösen ihn aus, die Insekten umschwirren das Abwasserbecken, neben dem die Familie seit fast einem Jahr lebt. Doch die Haut der Kinder ist röter denn je, sie können nicht aufhören, sich zu kratzen.
„Das Leben hier ist die Hölle“, sagt die 22-Jährige gegenüber Qantara. „Die Haut- und Magenbeschwerden meiner Kinder gehen einfach nicht weg. Ich bringe sie ständig von einer medizinischen Anlaufstelle zur nächsten. Manchmal scheint es ihnen besser zu gehen, doch dann kommt die Krankheit jedes Mal zurück.“
Seit ihr Mann am 9. Januar 2024 bei einem israelischen Luftangriff ums Leben kam, kümmert sich die junge Mutter allein um ihre Kinder. Er hatte versucht, Verwundete in der Nähe einer UNRWA-Schule im Flüchtlingslager al-Maghazi im Zentrum des Gazastreifens zu retten. Später wurde die Familie weiter nach Süden, nach Khan Younis, vertrieben.
Wie Walaa leben heute Hunderte Vertriebene in zerlumpten Zelten und provisorischen Unterkünften rund um das Abwasserbecken im Stadtteil al-Amal nördlich von Khan Younis. Vor dem Krieg war das Gebiet unbewohnt. Doch heftige Bombardierungen und israelische Evakuierungsanordnungen im gesamten Gazastreifen zwangen die Menschen, ihre Zelte dort aufzuschlagen.
Während die Vertreibung andauert und die vom Krieg zerstörte Infrastruktur weiter verfällt, steuern die 2,1 Millionen Einwohner:innen des Gazastreifens auf eine sich verschärfende Gesundheits- und Umweltkrise zu. Gründe sind die zunehmend prekäre Wasserversorgung, der Mangel an Hygieneartikeln sowie die Ausbreitung von Abwasser und Schlamm rund um die Notunterkünfte.
Am 25. April 2026 berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass in den ersten vier Monaten des Jahres unter Vertriebenen im Gazastreifen mehr als 70.000 parasitäre Infektionen registriert worden seien. Zudem meldeten mehr als 80 Prozent der Unterkünfte Hauterkrankungen wie Krätze sowie Läuse- und Bettwanzenbefall.
Walaa deutet auf ihre schmächtigen Kinder. „Sie können sich kaum noch bewegen. Die Insekten leben mit uns, sie essen mit uns – und wir können nichts gegen sie tun. Ich kann nirgendwo anders hin.“ Außerdem fürchtet sie, dass Ratten ihre Kinder beißen könnten. Mehr als einmal wachte sie nachts auf und fand Mäuse zwischen ihren Decken.
Ein Stück oberhalb von Walaas Zelt räumt der 38-jährige Ayesch Hamdan gemeinsam mit seinen Kindern und einigen Nachbarn den Hang zum Abwasserbecken frei. Sie entfernen Müll und Gestrüpp, damit Ratten, Skorpione und Schlangen nicht bis zu den Zelten vordringen.
„Wir sind hier allen möglichen Insekten und Reptilien begegnet“, sagt er. „Wir müssen ständig wachsam sein, damit sie keines unserer Kinder beißen oder verletzen.“ Ayesch hat vier Kinder: den elfjährigen Scharif, den neunjährigen Mohamed, die sechsjährige Judy und den sechs Monate alten Nidal. Sie alle leiden unter Haut- und Magen-Darm-Erkrankungen.
„Wir sind vor keiner einzigen Krankheit sicher – haben sie alle gehabt, ganz gleich, in welcher Form“, sagt Ayesch. Der Bauarbeiter wurde mit seiner Familie aus Beit Hanoun im Norden des Gazastreifens vertrieben.
„Jede Woche pendeln wir zwischen Hautarzt und Internist. Sobald eines meiner Kinder gesund wird, erkrankt das nächste. Seit unserer Vertreibung vor neun Monaten leben wir hier, von einer Katastrophe in die nächste, vom Winter in den Sommer. Der Sommer ist mit Abstand am schlimmsten: die stickige Luft, der unerträgliche Gestank und die Krankheiten, die einfach nicht von uns ablassen.“
Vor dem Krieg befanden sich die Klärbecken in der Regel im Osten Gazas, nahe der israelischen Grenze und fern von Wohngebieten. Sie waren mit Hunderten Millionen Dollar internationaler Hilfe finanziert worden. Nachdem Israel diese Gebiete unter seine Kontrolle gebracht sowie Kläranlagen und große Teile der Kanalisation zerstört hatte, sahen sich die Kommunen in Gaza gezwungen, neue Abwassersammelstellen in unmittelbarer Nähe der Vertriebenenlager einzurichten. Dabei greifen sie auf die wenigen noch vorhandenen Abwasserbecken aus der Vorkriegszeit zurück. Die Situation ist in verschiedenen Teilen des Gazastreifens ähnlich.
Doch damit enden die Probleme nicht. Trümmerhalden und Gelände zur Sortierung von Feststoffabfällen liegen vielerorts unmittelbar neben den Lagern der Vertriebenen – so auch am Abwasserbecken von al-Amal. Der 20-jährige Diaa Qudeih, der gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester vor sechs Monaten vertrieben wurde, musste mitansehen, wie seine Umgebung zur Müllhalde und zu einem Trümmerverarbeitungsplatz wurde.
„Der Staub der Lastwagen, die direkt an uns vorbeifahren, erstickt uns“, erzählt er. „Und dann ersticken wir nochmal an den großen Staubwolken, wenn sie die Trümmer mit großen Sieben sortieren.“ Der junge Mann zeigt seine geschwollenen Füße, die infolge zahlloser Insektenstiche von Blasen und offenen Wunden übersät sind, während unablässig Fliegen darüber kreisen.
„Wir waren in einer völlig überfüllten Schule untergebracht und brauchten einfach etwas mehr Platz. Doch außer dieser Müllhalde haben wir keinen Ort gefunden, an den wir hätten gehen können. Also mussten wir hierherziehen. Wir hätten nie gedacht, dass das Leben so höllisch sein könnte.“
Sein größter Wunsch sei derzeit, die richtigen Medikamente zu bekommen, um seine Wunden zu heilen. Zurück nach Hause kann er nicht, es liegt jenseits der sogenannten „gelben Linie“ – in jenem Gebiet, das seit dem Waffenstillstand im Oktober 2025 vom israelischen Militär kontrolliert wird und in das die Bewohner:innen nicht zurückkehren dürfen. Rund 60 Prozent des Gazastreifens liegen innerhalb dieser Zone.
Abdul Raouf al-Mana'ma ist Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Islamischen Universität Gaza. Er erklärt, dass die meisten der heutigen Müll- und Abwasserdeponien erst entstanden seien, nachdem das israelische Militär die wichtigsten Klärbecken im Osten des Gazastreifens hinter der „gelben Linie“ unter seine Kontrolle gebracht habe. Die neuen Deponien befänden sich nun mitten in den Gebieten der Vertriebenen, direkt neben bewohnten Arealen und ohne jede Form der Abwasserbehandlung.
Gegenüber Qantara sagte al-Mana’ma, Professor der Mikrobiologie, die Abwasserbecken, Müllhalden und Trümmersortierplätze seien zur „tödlichen Gesundheitsgefahr“ geworden. Sie sind ideale Brutstätten für Insekten und Nagetiere sowie Krankheiten. Die üblen Gerüchte belasteten die Menschen stark psychisch, was wiederum ihr Immunsystem schwächte. Dadurch breiteten sich Krankheiten unter den Anwohner:innen noch leichter aus.
Zudem könnten parasitäre Erkrankungen wie Krätze schwere Darminfektionen nach sich ziehen, darunter auch Madenwurmbefall. Gleichzeitig sei ein starker Anstieg der Windpockenfälle zu beobachten, weshalb die WHO und das palästinensische Gesundheitsministerium Notfallmaßnahmen erwögen – insbesondere in Khan Younis und Gaza-Stadt.
Das Gesundheitssystem im Gazastreifen sei angesichts des Mangels an Labormaterialien und lebenswichtigen Medikamenten nicht in der Lage, einen derart beispiellosen Anstieg von Infektionskrankheiten zu bewältigen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza leiden die Labore unter einem gravierenden Mangel an grundlegenden Materialien. Es fehlen 87 Prozent der Labortestmaterialien und 74 Prozent der Verbrauchsmaterialien – etwa Probenröhrchen und Spritzen –, die für Untersuchungen benötigt werden. Blutgasanalysen wurden deshalb bereits vollständig eingestellt. Auch die Durchführung vollständiger Blutbilder (CBC) könnte innerhalb weniger Tage zum Erliegen kommen.
Die Lösung liege, so al-Mana'ma, im Rückzug des israelischen Militärs und darin, den Vertriebenen die Rückkehr in ihre Häuser zu ermöglichen. So könnten sie die gesundheitlich besonders belasteten Gebiete verlassen, was dazu beitragen würde, die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen.
Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des arabischen Originals. Übertragen aus dem Englischen von Leon Holly.
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