Wie über Zionismus sprechen?

May 14, 2026, Jerusalem, Israel: Israeli right wing youths wave their national flags and dance outside Jafa gate In Jerusalem. (Photo: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Eyal Warshavsky)
Junge Israelis beim nationalistischen Flaggenmarsch in Jerusalem, 14. Mai 2026. (Foto: picture alliance / zumapress / E. Warshavsky)

Kritik an der Ideologie, die zur Gründung Israels führte, gilt in Deutschland als heikel. In den USA hingegen, wo der zionistische Konsens in der jüdischen Community zerbricht, wird offen diskutiert. Das könnte Folgen haben – und verdient Aufmerksamkeit.

Essay von Charlotte Wiedemann

Kürzlich lernte ich einen älteren Israeli kennen; er hatte seine Heimat „wegen des Genozids“, wie er sagte, verlassen und bezeichnete sich als Antizionist. Als ich fragte, ob es nicht ausreiche, Post- oder Nicht-Zionist zu sein, erklärte er, all dies seien Stadien in seinem Leben gewesen. 

Erzogen in einer jüdisch-zionistischen Familie in Argentinien war er als junger Mann nach Israel eingewandert. Sich nun, nach einem Jahre währenden Prozess, als Antizionist zu verstehen, war verbunden mit großer Trauer über den Weg, den Israel genommen hatte.

Der Zionismus ist Israels Staatsideologie geworden. Das definiert ihn nicht hinreichend, doch lässt sich heute – 129 Jahre nach dem ersten zionistischen Weltkongress in Basel – nicht vernünftig über einen abstrakten Zionismus sprechen unter Auslassung der gegenwärtigen israelischen Staats- und Kriegspolitik.

Manche, etwa in der deutschen Linkspartei, verwenden deshalb den Begriff „real existierender Zionismus“, in sprachlicher Anlehnung an die einstige Kritik am degenerierten Staatssozialismus. Doch selbst in dieser vorsichtigen Form bleibt die Debatte über das Thema in Deutschland schwierig. Kritik am Zionismus löst reflexhaft den Verdacht aus, man verweigere Juden/Jüdinnen ihre Selbstbestimmung, hasse Israel, relativiere gar den Holocaust.  

Zur Versachlichung des Gesprächs plädiere ich für historische Differenziertheit, verbunden mit politisch-moralischer Klarheit in Bezug auf die Gegenwart.

Gewiss gab es in der Frühphase des Zionismus eine Pluralität von Zielen und Werten. Die binational Denkenden strebten ein friedliches Zusammenleben mit Arabern in Palästina an; sie wiesen bedeutende universalistische Intellektuelle auf, etwa Martin Buber, doch blieben faktisch eine kleine Minderheit ohne Einfluss auf den Lauf der Dinge.

Austrian philosopher Martin Buber at his desk in Jerusalem, around 1960 (Photo: picture-alliance / brandstaetter images/Viktor Frankl Institut | k. A.)
Was würde er heute sagen? Martin Buber, Religionsphilosoph und Zionist, um 1960 in Jerusalem. (Foto: PA/brandstaetter/Viktor Frankl Institut)

Daneben gab es unter deutschen Zionisten noch die amorphere, irgendwie auf Konfliktvermeidung bedachte Strömung eines Verständigungs-Zionismus, dem die Leiterin des Berliner Centrum Judaicum, Anja Siegesmund, gerade eine neue Studie gewidmet hat.

Nach Ansicht der Historikerin war die Forderung nach einem jüdischen Staat im formellen Sinne noch in den 1920er Jahren keine Mainstream-Position im Zionismus; manche träumten eher von einer religiös-kulturellen Renaissance, von persönlicher Selbstbefreiung und emotionaler Zugehörigkeit; es gab, so Siegesmund, „ein Dickicht von Motiven“.

Diese freundliche Sichtweise muss allerdings um andere historische Fakten ergänzt werden. Denn zwei gedankliche Elemente fanden sich mehr oder minder akzentuiert bereits in allen vorstaatlichen Strömungen: die Idee jüdischer Überlegenheit gegenüber den arabischen Einheimischen und die Vision von einem Groß-Israel im gesamten historischen Palästina oder sogar darüber hinaus.

Ein Beispiel aus den USA: Louis Brandeis, der 1941 verstorbene erste jüdische Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, wollte Teile Jordaniens für das künftige Israel beanspruchen. Auf Brandeis und seine persönliche Reputation geht die Nähe zwischen dem US-Zionismus und dem Weißen Haus zurück; nach ihm ist eine Universität benannt.

Es gibt also durchaus gepunktete Linien von Kontinuität zum radikalisierten und territorial expansiven Ethnonationalismus unserer Tage, der liberalere Elemente von Zionismus abgeworfen hat wie Sandsäcke. Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl verwendete dafür den Begriff „Neo-Zionismus“.

Kolonialismus als Geburtshelferin des Zionismus

In Deutschland ignoriert man gern diesen Elefanten im Raum. Obwohl im Namen des Zionismus gravierende Verbrechen begangen wurden, können sich nichtjüdische Deutsche problemlos zu Zionisten erklären, während selbst jüdischen Antizionisten Extremismus oder Antisemitismus unterstellt wird. Zionismuskritik oder -gegnerschaft ist heute sogar heikler als zu einer Zeit, als Israel selbst noch liberaler war.

Anders gesagt: Je mehr sich der real existierende Zionismus radikalisiert hat, desto schwieriger wird die Kritik. Dies lässt sich nur mit deutschen Psychodynamiken erklären: als würde es von historischer Schuld erlösen, Zionismus zu lieben.

Den Zionismus (auch) „aus Sicht seiner Opfer zu betrachten“, wie es der palästinensische Intellektuelle Edward Said schon vor vier Jahrzehnten forderte, bleibt im offiziellen deutschen Diskurs eine seltene gedankliche Übung – obwohl es doch in anderen Fällen zum Einmaleins der Schulung historischer Urteilskraft gehört, die Opferperspektive einzubeziehen. Palästinenser bleiben in dieser Hinsicht die Nicht-Gesehenen.

Obwohl die deutsche Debatte moralisch defizitär und politisch verzerrt ist, wäre die palästinasolidarische Gegenöffentlichkeit gut beraten, ihrerseits falsche Vereinfachungen zu meiden. Zweifellos war Europas Kolonialpolitik Geburtshelferin des Zionismus, aber dass es tatsächlich zur Gründung des Staates Israel kam, lässt sich nicht ausschließlich mit dem begrifflichen Instrument des Siedlerkolonialismus erklären. 

Denn es ist fraglich, ob das zionistische Unternehmen ohne den Holocaust überlebt hätte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die meisten Juden/Jüdinnen Theodor Herzls Projekt skeptisch oder ablehnend betrachtet; ohne den Aufstieg des europäischen Antisemitismus wäre der Zionismus möglicherweise in Bedeutungslosigkeit versunken, meint der Historiker Michael Brenner. 

Der palästinensische Philosoph Raef Zreik drückte die geschichtliche Komplexität einmal so aus: „Der Zionismus ist ein siedlungskoloniales Projekt, aber nicht allein das. Er verbindet das Bild des Flüchtlings mit dem Bild des Soldaten, des Ohnmächtigen mit dem Mächtigen, des Opfers mit dem Verfolger.“ Diese Dualität anzuerkennen, rechtfertigt weder die Nakba noch die Besatzung noch den jüngsten Genozid in Gaza.

Omer Bartovs Thesen

Der Historiker Omer Bartov spricht in seinem neuen Buch „Israel – What Went Wrong?“ von einer „tragischen Transformation“ des Zionismus in eine Ideologie von Militarismus und letztlich Genozid. Wer Zionismus heute noch unterstütze, sei Komplize seiner Verbrechen. „Der Zionismus ist nicht reformierbar.“ Wie andere Ideologien, die in der Geschichte zu Völkermorden geführt hätten, sei der Zionismus nicht mehr haltbar.

Das hört man in Deutschland ungern. Bartovs Buch erscheint derzeit in zahlreichen Übersetzungen, auf Polnisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, sogar Taiwan-Chinesisch, doch in Deutschland fand sich, ebenso wie in Israel, kein Verlag. 

Dabei möchte sich Bartov, der in einer prominenten liberal-zionistischen Familie Israels aufwuchs, nicht als Anti-Zionist bezeichnen, vertritt also keineswegs die radikalste Position in dieser Frage. Der Zionismus sei eine Antwort auf den in Ost- und Zentraleuropa entstandenen Ethno-Nationalismus gewesen, denn Juden sollten zu diesen Nationen nicht gehören dürfen.

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Omer Bartov im Gespräch über sein Buch mit Gideon Levy. Beinart Notebook/Youtube

„Der Zionismus tat dann, was alle Ethnonationalismen tun: für sich selbst einen Ort reklamieren und andere daraus entfernen.“ Es gelte jedoch, die Gründe für die Entstehung des Zionismus zu verstehen; ihn als von Beginn an genozidal zu betrachten, entspreche nicht der historischen Wahrheit.  

Aus Bartovs Sicht war der politische und moralische Absturz Israels keineswegs unvermeidlich. Den Umstand, dass nach der Staatsgründung und der Nakba langfristig keine demokratische Einhegung des Ethnonationalismus gelang, führt der Historiker unter anderem auf das Fehlen einer Verfassung zurück.  

In der Tat blieb das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung vom Mai 1948, der neue Staat gewähre „allen seinen Bürgern ungeachtet ihrer Rasse oder Religion volle gleiche gesellschaftliche und politische Rechte“, hohl und nicht einklagbar. Aber war dies, wie Bartov meint, ein Versäumnis – oder war es genau so gewollt?  

Nicht der Zionismus, wohl aber Israel sei reformierbar, argumentiert Bartov, sofern sich das Land vom Zionismus löse. Andernfalls werde Israel ein mittelfristig implodierender „Paria-Staat“, der seine wichtigsten Unterstützer verliere, darunter auch die weltweiten jüdischen Gemeinden, für die Israel in wachsendem Maße nicht Schutz, sondern Gefahr darstelle. 

Ein-Staaten-Lösung als Friedensvision

Im Kontext der USA, wo Bartov lehrt, wirken diese Thesen keineswegs so entlegen wie in Deutschland. In der amerikanischen Bevölkerung verbreitet sich ein negatives Israelbild, bei der Wählerschaft der Demokraten bereits bei 80 Prozent, ergab eine Umfrage des Pew Research Center. Und auch unter US-Juden und -Jüdinnen wächst Distanz zu Israel, zumal bei den Jüngeren.  

Das Magazin The New Yorker beschrieb jüngst im Detail die spannungsgeladene Atmosphäre in den jüdischen Communities: „Uneinigkeit über Gaza und Zionismus spaltet die Gemeinden.“ Die Chefredakteurin der Zeitschrift Jewish Currents, Arielle Angel, spricht von einem „epochalen Umbruch“: Er äußere sich in der Suche nach einem Judentum, das nicht mehr Israel und Zionismus zum Zentrum habe, sondern jüdische Traditionen von Gerechtigkeit. In diesem Geist entstünden vielerorts nichtzionistische Gebetsgruppen und Lesekreise.

Nach einer Analyse von Shaul Magid, Harvard-Professor für Jüdische Studien, ist der zionistische Konsens unter US-Juden, wie er seit 1967 bestanden habe, heute zerbrochen. Gaza habe „wie ein Skalpell ins Herz des Judentums geschnitten“. Es gelte nun, „eine Postkonsensus-Realität“ zu gestalten. Zionismus sei nicht am Ende, könne aber nur überleben, „wenn es Raum auch für sein Gegenteil gibt“.

Ein derartiger Umbruch in den USA könnte weitreichende Konsequenzen haben – und verdient deshalb unsere Aufmerksamkeit. Denn eine wachsende politische Kluft zwischen den beiden Hauptgruppen des weltweiten Judentums, in den USA und in Israel, würde den Rahmen für eine israelisch-palästinensische Zukunft neu abstecken.

Über ein Modell gleicher Bürgerrechte für alle in einer (wie auch immer gearteten) Ein-Staaten-Lösung nachzudenken, ist in den USA nicht so randständig wie in Israel und Deutschland. In diesem Modell würde der zionistische Grundsatz, Juden müssten eine eindeutige Bevölkerungsmehrheit im Staat stellen, aufgegeben. 

Obwohl dies eine inspirierende demokratische Friedensvision ist, findet dieser Ansatz im offiziellen Deutschland keinerlei Resonanz. Wer nicht an jüdischer Suprematie festhält, macht sich bei uns in Deutschland verdächtig. Eine missverstandene Lehre aus dem Holocaust. Was würde Martin Buber dazu sagen?

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