Die verlorenen Bilder

Ein verblichenes Foto liegt auf einem Haufen Schutt. Das Foto zeigt eine Frau und ein Mädchen.
Ein Foto von Asmaa al-Ghouls Schwester und ihrer Mutter wurde in den Trümmern ihres Hauses gefunden. (Foto: Privat)

In den Kriegsjahren haben viele Menschen in Gaza ihre privaten Fotoalben verloren. Die palästinensische Journalistin Asmaa al-Ghoul erinnert sich an Bilder ihrer Familie und thematisiert persönliche sowie kollektive Erinnerungen in Zeiten des Verlusts.

Von Asmaa al-Ghoul

Es heißt, ein Foto hält einen Augenblick für die Ewigkeit fest. Aber was, wenn das Bild verloren geht und der kostbare Moment ein für alle Mal verloren geht? Unzählige Male ist genau das in Gaza während der wiederholten Kriege passiert. Im letzten Jahrzehnt  wurde das Gebiet verwüstet und Hunderttausende Häuser zerstört. 

Neben anderen Besitztümern sind viele Familienalben verloren gegangen. Alben, die Gesichter und Geschichten geliebter Menschen unsterblich gemacht hatten, bevor sie sich während der Bombardements in Rauch auflösten. Millionen von Momenten, Leben und Erinnerungen wurden ausgelöscht.

Private Schnappschüsse zwischen Trümmerteilen

Der Mann meiner Schwester kehrte nach Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 in sein Haus in Dschabalia zurück. Dort fand er nichts als ein paar Fotos in den Trümmern. Das Gebäude war dreimal bombardiert worden und so stand er vor den verkohlten Resten des Lebens, das er dort mit meiner Schwester und den gemeinsamen Töchtern vor ihrer Flucht nach Ägypten geführt hatte. Nahezu nichts war davon übrig.

Viele Menschen in Gaza glaubten, wenn sie nur auf ihrem Land blieben, könnten sie ihr Haus und ihren Besitz schützen. Doch schützen konnten sie am Ende nicht einmal ihre Kinder. Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht und ein Großteil der Landschaft des Gazastreifens ist nicht mehr wiederzuerkennen. Diejenigen, die zurückkehren, können oft nicht einmal mehr erkennen, wo ihr Zuhause stand. Während früherer Kriege orientierten sich die Leute beispielsweise an einem Baum oder an einem Strommast, doch auch diese sind verschwunden.

Wer in der weiten, kahlen Ödnis noch persönliche Gegenstände entdeckt, kann sich glücklich schätzen. Und so traute mein Schwager seinen Augen nicht, als er ein paar Fotos in den Trümmern entdeckte. Er fotografierte sie ab, damit sie auch digital gespeichert sind, selbst wenn sie in der Zukunft noch verbrennen sollten. 

Ein altes Foto von einer Gruppe von Kindern am Straßenrand, in Sommerkleidung.
Fünf Geschwister von Asma al-Ghoul bei einem Ausflug in Dubai. (Foto: Privat)

In meinem eigenen Leben habe ich immer wieder den Verlust meiner Fotos und Erinnerungsstücke erlebt. Während meiner Kindheit in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) besaßen wir vier Fotoalben unserer engeren und erweiterten Verwandtschaft aus Rafah, im Süden des Gazastreifens. Die ältesten dieser Bilder stammten aus den 1960er-Jahren, als das Haus meines Großvaters gebaut wurde. Mit diesem Haus endeten für meine Familie die Jahre, in denen sie infolge der Vertreibung von 1948 in Zelten gelebt hatten.

Eines dieser Alben ging verloren, als wir innerhalb der VAE umzogen und ich verbrachte viel Zeit damit, mir die Fotos in Erinnerung zu rufen. Als wir 1997 nach Gaza zurückkehrten, teilten wir die übrigen Fotos unter uns zehn Geschwistern auf. Sie waren unser gemeinsames Erbe. Wir ahnten damals nicht, dass sie das Einzige sein sollten, das uns blieb. Weitere Alben verbrannten, als der Krieg das Haus unserer Familie in Rafah erreichte.

Manchmal erinnere ich mich zufällig an Fotos aus diesen Alben, ich kann sie mir jedoch nicht mit derselben Klarheit in Erinnerung rufen, wie jene aus dem ersten Album, das verloren ging. Ich erinnere mich an Hochzeitsfeiern im Lager, Feste im Hof unseres Hauses, meinen Großvater, wie er in der Tür steht und seine Sonnenbrille trägt, und meine Großmutter in ihrer thaub, dem traditionellen palästinensischen Kleid, lachend inmitten von Enkelkindern, Tee und Kuchen. 

Was schmerzt, sind die Dinge, die verloren sind und an die wir uns nicht erinnern können. Dinge, die physisch verschwunden sind und die ich auch aus meinem Gedächtnis nicht mehr heraufbeschwören kann. 

Ein visuelles Archiv Gazas und seiner Menschen

In Kriegszeiten versuchen die Menschen in Gaza, ihre persönlichen Fotos zu bewahren, oft sind sie die letzten Erinnerungen an geliebte Menschen. Doch es sind auch kollektiv wertvolle Bilder betroffen. 

Ein Beispiel ist die Arbeit des armenischen Fotografen Kegham Dscheghlian, der 1944 mit „Photo Kegham“ das erste Fotostudio in Gaza eröffnete. Er dokumentierte das soziale und politische Leben des Gazastreifens, wobei er Porträtfotografie im Studio mit der Dokumentation von Familienfeiern und öffentlichen Ereignissen verband.

Ein schwarz-weiß Bild zeigt zwei Läden mit Schildern auf Arabisch und Englisch.
„Foto Kegham“ – das erste Fotostudio in Gaza-Stadt. (Foto: Filmstill aus "Gaza Graph", 2019)

Regisseur Yousef Natil verfilmte 2019 Keghams Leben und Vermächtnis in „Gaza Graph“. Der Dokumentarfilm erzählt von einer Existenz, die ganz der Fotografie im Gazastreifen und dem Schaffen eines visuellen Archivs der dort lebenden Menschen gewidmet war.

Keghams Schüler Moris Terzi übernahm später das Studio und das Archiv unter dem Namen „Studio Moris“. Ein Projekt, an dem er bis an sein Lebensende arbeitete. Nach ihm führte sein Bruder Marwan Terzi das Geschäft fort, bis er zu Beginn des aktuellen Krieges selbst getötet wurde. Gemeinsam mit seiner Schwester, Ehefrau, Enkelin und anderen kam er ums Leben, als die israelische Armee die St.-Porphyrius-Kirche in Gaza-Stadt bombardierte.

Sami Terzi, der Sohn Marwans, war fest entschlossen, das Archiv, das sein Vater über Jahrzehnte beschützt hatte, zu erhalten. Er schaffte es, einen Teil des Archivs aus dem zerstörten Haus zu retten. Er sicherte das Meiste, aber nicht alles: „Manches bleibt unter den Trümmern vergraben“, sagt er. „Ich konnte es nicht bergen, bevor ich den Gazastreifen verlassen musste.“

Ein schwarz-weiß Foto einer Straßenszene in Gaza.
Alltag in Gaza Mitte des 20. Jahrhunderts. (Foto: Filmstill aus „Gaza Graph“, 2019)

In der gesamten Region inspirierte Kegham damals viele junge Menschen dazu, mit dem Fotografieren zu beginnen. Einer von ihnen war der Fotograf Mohammed Hassouna, den ich 2013 während meiner Arbeit als Reporterin in seinem Haus in Gaza-Stadt traf. Er zeigte mir sein Bildarchiv des Gaza-Streifens in den 1970er- und 1980er-Jahren, darunter alte Filmaufnahmen von mit Cafés gesäumten Straßen und Familienfesten.

Hassouna wurde während des aktuellen Kriegs bei einer Bombardierung verwundet und starb später an seinen Verletzungen. Sein Archiv wurde zu Brennmaterial für Feuer, auf denen die Menschen der Umgebung Essen kochen mussten. 

Erinnerungen an Momente der Freiheit

Der 40-jährige Anwalt Karim Abu Dahi musste ebenfalls Familienfotoalben zurücklassen, als er aus Gaza-Stadt nach Rafah floh, um dann angesichts der Invasion in Rafah 2024 nach Ägypten weiterzufliehen. Wie er mir erzählte, packten seine Frau und er einige Taschen für sich und die Kinder, als die Evakuierung aus Gaza begann. 

Sie nahmen wichtige Dokumente mit und einige Kleidung. Erst später sei ihnen klar geworden, dass sie ihre Fotoalben zurückgelassen hatten, darunter ihr Hochzeitsalbum und Fotos seiner verstorbenen Großeltern. Von ihnen gibt es keine digitalen Kopien, Abu Dahi versucht nun, sie in seinem Gedächtnis zu bewahren.

„Ich rief mir jedes Foto einzeln ins Gedächtnis“, sagte er, „von den Tagen im Lager bis hin zu einem Bild von mir, wie ich ein Fußballspiel an der Oberschule gewinne, oder Aufnahmen, die wir im Fotostudio in Rafah haben machen lassen. Hinter jedem Foto stand eine Geschichte. Jetzt ist alles verschwunden, als ob diese Ereignisse nie stattgefunden hätten.“

Ein schwarz-weiß Bild eines Paares, das sich im Arm hält.
Ein Foto von Fidaas Eltern bei ihrer Verlobung, es hat mehrere Kriege überstanden. (Foto: Privat)

Die Dichterin Fidaa Ziyad lebt im Gazastreifen und betrachtet Fotos und Fotoalben als Archiv, das zugleich als Verstetigung und Beweis der palästinensischen Existenz dient. Nun plagt sie das Gefühl, darin versagt zu haben, ihre Familiengeschichte zu bewahren. Als sie vor Bombardierungen floh, musste sie die Fotoalben zurücklassen. Ein symbolträchtiges Bild der Verlobung ihrer Eltern war auch darunter, doch glücklicherweise besitzt Ziyads Schwester eine Kopie. 

Ziyad lacht, wenn sie sich daran erinnert, wie Fotoalben bei Familientreffen im Mittelpunkt standen. Alle seien zusammengekommen, um die Bilder zu kommentieren: Ihr Onkel als junger Mann, ihr Bruder im Ausland oder das erste Wollkleid, das ihre Mutter für die Kinder gestrickt hatte. Man las jedes Wort der handschriftlichen Notizen und die Daten auf der Rückseite der Fotos. 

Bilder, so die Dichterin, seien Zeugnisse einer anderen Zeit. Sie zeigen Freiheit und Freude. Familienausflüge nach Haifa und Jaffa, Feste — und auch wie die Familie Zerstörung um Zerstörung überlebte. Ein visuelles Zeugnis des Familienlebens. Vielleicht finden zukünftige Generationen eines Tages solche Fotos unter den Trümmern, hofft Ziyad. Ein fragiler Beweis für die Leben, die einst hier gelebt wurden.

 

Dieser Text ist eine bearbeitete Übersetzung des Arabischen Originals. Aus dem Englischen von Jana Treffler.

© Qantara.de